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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-08-22 · 28 (22.8.1924) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
28 (22.8.1924)
Date
1924-08-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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statt als Antwort auf Liese Fragen auch heute -arstellt. -atz sie durchaus nicht zu Leu Dinge» gehört, die überlebt und wm Gegenstand historischer Forschung sind, sonder« -atz ste lebendigstes Leben ist, die wenigsten haben eine Kenntnis vom Iudentm» in dieser Gestalt und wissen vom Ehristentum auch nur baS, was in -er nun einmal durch die Natur -er gegebenen Verhältnisse christlich beeinflußen Geisteswelt -i« Wortführer -er christlichen Idee von stch und für stch auSsagen, und sind nur zu lMt geneigt, sich dem anzubeguemen und eS kritiklos hin-unehmen. Darum fei gesagt. was ist, auf -atz man wisse, was in seinen Ideen. Gedanken und Forderungen -aS Judentum ist. Di-efer Gedanken willen hat -aS Judentum sich -urch Jahrhunderte gegenüber einer Welt Andersdenkender festgehalten, um ihretwillen hat die Iudenheit Martyrium erlitten, für sie hat ste sich zu erhalten gewünscht, in ihnen ruht nach ihrer Ueberzeugung ein Unentbehrliches für di« Menschheit und die Linie -er Ankunft. Mohamed und das Judentum. Bon LouiS-Germain L-vy. Man spricht seit einiger Zeit von Bewegungen aller Art. bi« den JSlam errege«. AuS diese« Anlatz scheint es unS interessant, einige Hinweise darüber zu aeven. was der Bejg« der muselrruanischeri Religion dem Judentum Man werke, -atz eS, um ein Muselmann zu sein, genügt, gläubig auszusprechen: La illahou ltll Allah! Allah ist Allah! Die Gebete können sich darauf beschränken, -ah -er Bekenner morgens und abends ie dreimal verkündet: La-Allah! Man mutz sich der Beschneidung unterwerfen, muh Wohltun und Gastfreundschaft üben, die Fasten des RhamasanS und die Pilgerfahrten nach Mekka einhalten. Als Ort der Gebetsübnngeu bedarf es nur eines, mit einigen Matten belegten Zimmers und einer Nische, die nach Mekka zeigt. Di« jüdischen Kolonien waren in großer Anzahl in HedschaS vorhanden. In Medina zeigt uns die «Lira (arabisches Wort für das Leben Mvhameds) den Propheten in interessanten Auseinandersetzungen mit den Juden oder beim Besuch ihrer Synagogen. Die Stellung, die die Juden sich in Arabien erobert hatten, war zu bedeutsam, als bah man nicht gewünscht hätte, sie auch geistig zu gewinnen. Sie waren der anderen Bevölkerung überlegen: Durch ihre Widersprüche machten sie dem neuen Apostel viel zu schassen. Im Koran widmete er ihnen zahlreiche Reden. So II, 88 ff.: O. Kinder Israels, erinnert euch der Wohltaten, mit denen ich Euch überhäuft habe. Bleibet meinem Bündnis treu, wie ich es dem euren bleiben werde: ehret mich und glaubet dem Buche, das ich euch gesandt habe, um eure Schriften zu bekräftigen: seid nicht die ersten, die ihm den Glauben verweigern. (Siehe auch XVI. 119; XXXII. 25; XLV, 15 u. d. folg.) Im Anfang hatte er die Kibla. d. h. den Ort, dem man sich im Gebet zuwendet, von Mekka, der heiligen Stadt der Araber, nach Jerusalem verlegt. Und erst später, als er die Vergeblichkeit seiner Anstrengungen, die Juden an sich zu fesseln, einsah. verlegte er die Kibla wieder an ihren ursprünglichen Platz. Seinen Jüngern rät er Milde gegen die Juden an: „Streitet mit den Schriftgelehrten nur in ehrbarer Weise, auf daß sie nicht sündige Menschen werden. Sprechet: Wir glauben den Büchern, die uns verliehen morden sind, wie ihr denen, die euch verliehen wurden. Unser Gott ist der eure, cs ist alles eins. Wir überlassen uns gänzlich seinem Willen." (XXIX. 45.) Mohamed hat bas Judentum nicht in seinen Texten studiert. Er Hai es nur so kennen gelernt, wie es im Bolksm-uwd lebte. Dies erklärt, warum so viele jüdische Legenden ihren Platz im Koran gefunden haben. Man begegnet in diesem Buch einer ziemlich großen Anzahl von Ausdrücken, die augenscheinlich dem hebräischen Wortschatz entnommen sind. So taboutoun. T^ba — Bogen: Tauratoun-Tora. die Lehre; djannatou adnin, öan-Edcn, Paradies: dsahanamou, ghehsnom — Hölle; rabbanyoun. rabban — Rabbiner usw. Nach der Bibel stellt er fest, -ah Gott die Welt in sechs Tugen erschaffen habe. Nach dem Talmud iHagigo 12.2) gibt er zu. -atz es sieben Himmel gibt (II, 27). daß die Hölle sieben Tore hat (XV. 44: cf. Sota 10). Zwischen den Gerechten, die im Paradies sitzen, und den Sündern, die in der Hölle versammelt sind, gibt es einen Ort für -ie Durchschnittsmenschen; im Midrasch über Eeelosiastieus VII, 14, kiest man: Welche Entfernung ist zwischen dem Paradies und der Hölle? Rabbi Jochanaan sagt: Eine Mauer: Rabbi Aba sagt: Sine Spanne. Di« anderen Gelehrten behaupten, dass ste sich berühren, so -atz man von dem einen in daandere schauen könnte. Vergleiche den Kvran VII, 44: „Tin Vorhang trennt die Glückseligen von den Verdammte»". Unsere Weisen sagen: ,DXe Gerechten werden, wenn sie selbst gestorben sind. Lebende genannt." Ebenso der «Koran: „Saget nicht, -atz jene, die auf den Wegen -Gottes aestorven, Tote sind. nein, ste sind Lebende." (H, 149.) Und wenn wir dem rabbtnischen Begriff folgen, warum speziell Sünder auf der Erde glücklich find, so ist es, weil sie schon auf dieser Welt für das Gute -belohnt werden, waS sie hätten tun können .und damit st« später der Verdammnis verfallen (Kiddufchim, 40. 1). Der Koran sagt aber: „Die Ungläubigen sehen ein langes Leben durchaus nicht als Glück an: wenn wir ihre Tage verlängern, geschieht eS. damit sie das Matz ihrer Frevel füllen. Schändliche Pein erwartet ste" (III, 172). Uebereinstimmend mit den Psalmen XL, 4 schreibt Mohamed: „Ein Tag bei Gott gleicht 1000 Jahre« eurer Rechnung". (XXII, 4«.) Der Talmud sagt: „Me Propheten sahen durch einen trüben Spiegel. Moses durch einen glänzenden Spiegel" (Nebam., 49): der Koran XLIII, 50: „Gott spricht niemals zum Menschen, es sei denn d»rch Eingebung oder hinter einem Vorhang" und diese Beifügung: ,^vb«r eS sei denn, er schicke einen Apostel, dem er enthüllt, was er wünscht". Im Koran spielte ein Engel eine ebenso große Rolle wie bei den Juden von dem Augenblick an. wo ste mit dem Parsismus in Verbindung getreten waren. Nachdem ich einige der Glaubenssätze, die Mohamed aus dem Judentum geschöpft hat. zitiert habe, lenken wir die Aufmerksamkeit auf einige moralische und gesetzliche Verfügungen. die er daraus entnommen hat. Man liest im Talmud: „Wenn der Vater seinem Sohne, der Priester ist, befiehlt, sich unsittlich zu führen oder einen gefundenen Gegenstand zu behalten. Muh der Sohn gehorchen? Deshalb steht geschrieben: Ehre Bater und Mutter, aber halte auch meinen Sabbat" (Lev. XIX, 3): alle seid ihr verpflichtet, mich zu ehren" (Aebam. 6). Der Koran ist von dieser Vorschrift beeinflußt in XXIX, 7: „Wir haben dem Menschen befohlen, sich gegen Vater und Mutter eines guten Betragens zu befleißigen, je-doch: wenn sie dich bereden, dich anderen Gottheiten zuzuwenden, von denen du nichts weist, so gehorche ihnen nicht!" Die Gebete betreffend, bemerken unsere Rabbiner: „Aus der Haltung .HannaS, von der die Schrift berichtet, daß man nur ihre Lippen sich bewegen sah, aber ihre Stimme nicht hörte, (I Sam. I, 13). ersehen wir. dah der. der betet, die Worte aussprcchen muh. ohne seine Stimme zu erheben" (Berachoth 31. 1). Mohamed hat sich dessen erinnert, als er folgendes empfahl: „Sprich dein Hiebet weder mit zu lauter noch zu leiser Stimme. Haltet die Mitte zwischen beiden" (XVII, iio). Die Mschnah (Jebam IV, 10) befiehlt, daß die verstotzeue Frau drei Monate wartet, eye sie sich wieder verheiratet: ebenso der Koran (II, 228). Die jüdischen Aerzte wünschen, dah die Mutter ihr Kind zwei Jahre lang nähre (Kethub. 60. 1): dasselbe tut der Koran (11, 223). Im Kapitel XVIII, 23. des dem Islam geheiligten Buches lesen wir: „Sage niemals, ich werde irgendeine Sacke morgen tun, ohne hinzu-nsiigen: wenn es Gott will." Dieses ist die jüdische Formel: Im jirtze ha-chem. Aber der größte Teil der Anleihen, die Mohamed bei den Juden gemacht hat. besteht in Erzählungen und Legenden. Im Koran II. 28 bis 3l, wird erzählt: „Als Gott zu den Engeln sagte: „Ich werde mir einen Stellvertreter auf Erden bestellen," antworteten die Engel: „Willst Du ein Wesen bestellen, das Unruhe stiftet und Blut vergießt, während wir Dich lobpreisen und Dick ohne Unterlah heiligen?" „Ich weih." antwortete der Herr, „was Ihr nicht wißt." Gott lehrte Adam die Namen aller Wesen, dann führte er sie vor die Engel und sagte zu ihnen: „Benennet sie mir, wenn ihr aufrichtig seid". — „Gelobt sei Dein Name", antworteten die Engel: „mir besitzen kein anderes Wissen als das. das Du »ns verliehen hast. Dn bist der Wissend«, der Weise." Gott sagte zu Adam: „Lehre ihnen die Namen aller Wesen," und als er es getan hatte, sagte der Herr: „Habe ich Euch nicht gesagt, daß ich die Geheimnisse der Himmel und der Erde kenne, das was ihr hervorbringet am hellen Tage und was ihr verberget?" Diese Legende ist gleich der. welche die Midrasch rabbah in Nr. XIX unter dieser darbietct: „Als Gott den Menschen erschaffen wollte, überlegte er cs reiflich mit den Engeln und sagte zu ihnen: „Wir wollen einen Menschen nach unserem Ebenbild« machen" (Gen., I. 26). Sie wendeten ein: „Was ist der Mensch, dah Tu Dich um ihn kümmerst? fc die (Psalm. VIII, 5.) Welches «trd feine «senbett fetef* ft ' lgte: .-Sein Wissen überrast das Eure." Er führte ttM» Jiete und Vögel zu und Sefraat« sie »ach ihr« “* aber sie wutzten sie nicht. Als er deu Mensch hatte. Netz er d-ie Geschöpfe an ihm vorKbeiM—- fnagte ihn nach deren Namen. Der Mensch «ckwvrtede: „Dieses ist ein Stier, jener ei« Esel Ä-VrjSf ttR£ fragte der Ewtse. ^vie nennst Du Dich? «0teto Maate W Adam, Erdgeborener, sein, den» ich umrde auL Setze i macht. ,Fdamah". — ülntz ich?" — Mvuai. Herr. d««a 5 regierst über alle Geschöpfe." — «stet GeleaerchM W «Jei des ersten menschlichen Wesens, des Abel, aattfe« Me Pirke des Rabbi Eliefer: „Adam und fei« StzWrte Be. weinten ihn, ohne zu Visses waS ste tu« sollten. Este wußten nichts von Bestattung. Da erschien ei« Ratze, btt einen seiner Gefährten verloren hatte. Er sch Erde auf und verbarg ihn dort vor den Auge» C EvaS. Da sagte Adam: „Ich werbe de« “ ahmen." Er grub öie Erde auf und legte de» ft hinein. Vergleiche den Koran V, 84: «ftott _ , Raben, der die Erde aufscharrte, «m ibm W -ehe», «de er den Leichniam seines Bruderverbevae» sollte. Der EPluÜtz, der folgt, ist auch entlehnt: .Deshalb.-ätzen wir de» M»> Lern Israels Liese Lehre gegebe«: -ertzvt^e. her eine» Menschen töten wird, ohne daß dieser «tue» Mord tzeaanae» oder Räuberet im Lande anSgesübrt bat. «t« als fwuet des menschlichen Geschlechtes augesehe» «erde»? mb btt, der einem Menschen daS Lebe« wiedergegetze» angesehen werden. alS hätte er dem ganze» Geschlecht daS Leben wiederaeaehen." M schöne Stelle von Sauhebrin Iv, 5: „Für 1 seinen Bruder getötet hatte, ist gesagt: Blutes deines Bruders schreit" (Gene-, . . _ das Blut in -er Einzahl, sondern „die Blute" tu.-er Wett» zahl, das bedeutet, -a- Blut AbelS auseitzer Rachkomatm. Dies soll Dich belehren, -ah. wer auch inaner eine» Me», schen tötet, von der heiligen Schrift als Mörder ei»er aa»ae» Welt betrachtet wird. Und wer jauch immer etnes' Menf-e« rettet, soll als Retter einer ganzen Wett betrachtet wert*«. leven." wttt» encaat v», , 5: „FLr Kai», tz« syetze» gesagt: «Die «Manie de- (GeneS. IVTlO). SSist Nicht Die Persönlichkeit -er Geschichte Israels, in der Mastamed sein Vorbild sieht, ist Abraham. Jbrahtmou. Go pradistt er seinen Glauben im Kvra« XVI. 136. Abraham war weder Christ noch Jude, er war fromm und gottergebenlMo-Iemi (II, 60). Er war es, der die Kaaba gründete Ü. 119 K.). Der Koran hat eine Ueberfülle von Er-äbttwse» Über Abraham, die der jüdischen Ueberlieferung entnommen sind. Unter den Nachkommen des Patriarchen nimmt Joseph den ersten Platz ein: das 12. Kapitel ist ihm säst völlig gewidmet. Dann kommt Moses, dem der Koran einen ganz hervorragenden Platz einräumt, aber anstatt, -atz es. wie in der Bibel, die Tochter Pharaos ist. di« Moseaufnimmt, ist eS im Koran die Frau des ägyptischen Königs (XXVIII, 8). Wenn wir Mohamed in der Geschichte des aoldene» Kalbefolgen, so gab Aaron nach, weil er ntedergvmetzett werde« sollte (VII, 148). Der Prophet des Islam hat sich -um Echo einer talmudischen Erzählung gemacht: „Aaron sab, -atz Hur (der sich ihrem Befehl widersetzt hatte) erwürgt worden war. Da sagte er: „Wenn ich ihnen Widerstand leiste, werden sie mich behandeln wie Hur" (Sanhedrin. 9). Die ganze Periode, die von Mose- -izur Monarchie reicht, scheint von Mohamed ignoriert worden zu fein. Er spricht von der Versammlung der Israeliten, die einen König verlangen, als von einer Tatsache, -ie sich kurze Zeit »ach Moses Tod ereignet hat. (II, 247.) Bo» David ist a» mehre, ren Stellen die Rede. Der Koran spricht zteatttch lange von Salomo, von seiner Weisheit, seiner Kenntnis der Sprache der Vögel, seiner Macht über -ie Geister. Die.Geschichte vom Wiedehopf wird erzählt (XXVII. 20 46) nach dem 12. Targum über Esther. Bon andere» Helden der Bibel kennt Mohamed nur einige, und was er davon weiß, ist recht wenig. Er zählt Elias. Jonas, Jerobeam» Eliefer, Ezechiel und Esra auf. Wir wollen nur eine Idee von de« Anleihe« geben, hi« Mohamed beim Judentum gemacht hat. WaS wir davon angegeben haben, genügt, um festzustellen, -ah der Gründer des Islam Israel viel schuldet, -atz er seine Lehre u»d feine Geschichte nur durch mündliche Mitteilunge» gekannt hat und dah er hier und da den>jenigen, -ie ihm folgte«, tendenziöse Veränderungen gebracht hat. So sirt» man. war ma» von der Behauptunq MohamedS -Koran. XU. 8. 8) zu halte» hat. er habe diese Einzelheiten durch Offenbarung kenne« gelernt. von seinem Kinde zu sprechen, sich nach ihm zu erkundigen, von ihm zu hören. Er fährt aufs Land und besucht das Grab seines Sprötzlings, den er im Leben nie gesehen hat. Ein seltsames, wie gesagt, völlig unsentimales Weh überkommt den leichtsinnigen Lebemann. — Er kehrt in einem Gasthofe.. ein. Wundervoll ist hier die Spätsommersttmmima auf dem Lande geschildert. An dieser Stelle wächst die Erzählung von ihrer sonstigen Belanglosigkeit zum beachtenswerten Kunstwerk empor. Diese Szene auf dem Lande konnte nur ei« echter Dichter gestalten; Auch das eigentümliche Reuegöfühl und die .LZerkaterung" des „Lebenskünstlers" sind psychologisch sehr sein gestaltet. Im Wagen fährt er nun abends durch den leuchtenden Sommerabend beim und in seinem Glanz legt sich seine Melancholie. Er beobachtet eine in der sinkenden Sonne schimmernde Eintagsfliegensänle und er beruhigt sich mit einer sehr bequemen, a-ber anfechtbaren Naturphilosophie: „Gegen die Natur halte er gesündigt, gegen göttliche» Gebot, als «r ein Kind in die Welt gesetzt, und dann, als er eS hilflos, elend umkommen lieb? Und Strafe war es gewesen, datz er darum litt? — Wenn eS Sünde war, um die man leiden mutzte, was litt dann sie, die Natur, die große Sünderin, die Nllc in die Welt setzte und Alle elend, hilflos umkommsn lieb, die uns zuerst schuldlos zum Leben verdammte, und dann zum Tode begnadigte? Und wenn sie unS. wie wir den Eintagsfliegen, einen Namen gab, nach der kurzen Dauer unseres Leben». — wie nannte sie uns. — sie, die ewig war. — ohne Anfang und Ende?! Er neigte den Kopf und sah zurück nach der CSule von Eintagsfliegen, die wieder in die Höhe quoll, als hätte keine Störung sie getroffen. Größenwahn war es. daß wir meinten, wir könnten uns gegen ste, die Natur, versündigen. Um nicht den Eintagsfliegen zu gleichen, um ein Schicksal zu baden, erfanden wir »nS Tugenden und Laster: und Schuld und Sühne dichteten wir in die winzige Spanne Zeit hinein, die unser Leben währte: unsere Moral, unsere Sentimentalität ließen wir ihr, der Natur, daß sie uns gleiche. — eine Gottheit nach unserem Ebenbild!! Und dann folgten wir ihrer Stimme, und lehnten uns gegen st« auf, und wir sündigten gegen sie, und schlossen mit ihr Frieden, als wäre sie unseresgleichen, und wir mehr, als Keime, von einer Welle an den Strand des Daseins geschleudert, — und hinwcggespült von der Nächsten. —* Sieben Jahre hat dann Her Dichter nichts veröffentlicht. 1000 überraschte er mit seinem Buche „Der Tod Georgs". Welch ein Weg. welch eine Wandlung, von den unbedeutenden Jugend-Novellen zu dieser schwerwiegenden, auherordentlichen Dichtung! Sie ist. um es vorweg zu nehmen, eins der interessantesten Literaturdenkmals der Jahrhundertwende, ein — wenn auch wenig bekanntes — Juwel, eine Art Markstein unserer neuen Literatur in dem Sinne, wie etwa der „Taugenichts" oder „Undine" unzerstövbare typische Glanzstücke der romantischen Literatur. StormS Meister-Novellen Kostbarkeiten des neunzehnten Jahrhunderts waren, deren Nachahmung unmöglich ist und zur Manier werden mühte. Dieses ungewöhnliche Buch, das wie alle Beer-Hoffmannschen Werke bei einem der ersten und rührigsten Verleger Deutschlands, bei S. Fischer in Berlin, erschien, hat es nicht einmal zur zweiten Auflage gebracht, ist längst vergriffen! — Merkwürdig, und publikumspsychologisch rätselhaft, dah dieses wundervolle, hcrbdunkle Gedicht in Prosa, dieses von tiefster Poesie überauellende Lied mit seiner unvergeßlichen Melodie von der Schönheit und Vergänglichkeit alles Irdischen so geringen Erfolg gehabt hat, nur so wenig gelesen wurde! Ich glaube nicht, daß des Dichters wohl absichtliche souveräne Verachtung aller novellistischen Technik daran schuld ist. Eine so tiefe Dichtung, ein so hymnischer Gesang in Worten konnte in der äußerlich geräuschvollen, geistigleeren Betriebsamkeit der letzten Jahrzehnte kein Echo finden: sie kann überhallpt immer nur zu wenia Auserwählten sprechen; aber die „Stillen im Lande" und die zur Innerlichkeit und Versunkenheit noch Fähigen, die sie einmal kennen lernten, werden die paar Stunden, die sie mit ihr zubringen, zu den seltenen Feierstunden ihres Lebens rechnen. Seit Hölderlins Tagen ist wohl — von Nietzsche abgesehen — kaum so feierlich prunkendes, bilderreiches und dichterisch-schönes Deutsch geschrieben worden, wie hier, ist kaum Prosa von so außerordentlicher Künstlerschaft und Gedankenfülle geschaffen worden wie in diesem Buche. Als sein Titelbild könnte man die Klingersche Radierung „An die Schönheit" wählen: der Mensch sieht und übersinnt die Vergänglichkeit alles Seins, das Meer reißt immer mehr Land von der Küste, die alten, mächtigen Bäume am Strande werden in kurzem nur noch modernde Stümpfe sein, er fühlt sich selbst als etwas traumhaft Vorübergleitendes, aus dem Nichts kommend, in das Nichts wieder eingehend: allein sein erkennender Blick fällt aufs Meer, das blauleuchtend, sonnenüberglänzt in ewiger Schönheit vor ihm liegt, breite Wogemkämme weihschäumend zum Strande wälzend, und vor diesem Zwiespalt der Welt, ihrer ewigen Schönheit und ihrer All-Vergänglichkeit bis ins innerste erschüttert, bricht er weinend zusammen. Es ist nicht viel äußere Handlung im „Tod Georgs", eigentlich gar keine . . . Georg, ein bedeutender Arzt, ist an einem Hochsommertage bei seinem Freunde Paul zu Gast. Rätseltiefe, lobendeutende Träume füllen Pauls Schlaf aus. Als er am Morgen erwacht, ist Georg gestorben un- Paul muß die Leiche ftzines Freundes in dessen Heimat überführen. „So war Georg gestorben, von Krankheit und Alter nicht qualvoll und schmählich entstellt. Wie eine Mutter vorsichtig von den Armen der Wärterin ihr schlafendes Kind empfängt, so hatce ihn. der schlummernd aus den Armen des Lebens glitt, leise, nnmerkllch. der Tod empfangen." Doch öie saltsame Gabe Pauls, allen Träumen und ti.-.nmhafteu Erlebnissen der Wirklichkeit nachzusinnen und sic in seiner 'ensitioen Phantasie nachzuschafsen. erwacht. „Iln: drei sind eins: Ein Mensch, ein Ding, ein Traum." (Hofmannsthal). Bis in die fernsten Weiten menschlichen und historischen Geschehens spinnt sich das Grübeln Pauls. Alle Erinnerungen und alle Menschen werden ihm zum Spiegel seiner selbst, werden ihm zu Halluzinationen und Wachlräumen. Und Hann gestalten sich die Phantasien zu einer wunderbaren, tiefsinnigen Dichtung über Bergänglichtett, Schicks»!, Tod und „Menschenglück". — „einem Glück so All und voll Friede», datz es sich nur wenig von Wehmut uyd Entsagen schied " Das Buch vom „Tod GeorgS" beginnt im Hochsommpr und endet im Spätherbst. Das Wunderbare an ihm ist. «ne mit reifer Kunst alles Geschehen in einen seltsamen, märchenhaften und umvirklichen DSmmerschein getaucht ist, und wie mit einer außerordentlichen Meisterschaft Traum und Wirklichkeit, Leben und Menschen, Landschasten und Stimmungen mit einander verknüpft find. Man weih oft'nicht aenau, wo die Wirklichkeit anfängt und die Phantastik aufbört. Gestalten und Dinge ziehen wie Schattenbilder vorWer. — DaS alles wie gesagt in herrlicher, dichterischer Sprache. Nur dem genialen E.T.A. Hoffman» ist eS bisher gelungen. Reales und Irreales io wunderbar ineinander »« verweben. Und am Schluffe der Dichtung bricht wie Sonnenschein durch trübes Gewölk durch die Nebel der lastenden Melancholie etwas Licht- und Sieghaftes. Die Idee von dem Sinn alles Seins! —> Paul ist Jude. Er fühlt «Us solcher, der über die Jahrtausende hinweg in mystischem Zusammenhang mit seinen Vorfahren steht, datz eine immanente göttliche Zweckmätziigkeit und Gerechtigkeit hinter allen Dingen stehen muß. Dah das jüdische VthoS, wie eS sich einst in grauer Vorzeit inmitten einer sittlich noch völlig indifferenten Welt manifesterte, dem Leben Ziel. Ginn und Heiligung geben kann. „Denn über dem Leben derer, deren Blut in ihm floß, ltand Gerechtigkeit wie eine Sonne, deren S'trahlen ste nicht wärmten, fcmtt Licht ihnen nie geleuchtet, und vor deren blendendem Glanz ste dennoch mit zttternden Händen, ehrfürchtig ihre leidenerfüllte Stirne beschatteten. Borfahren, die irrend, den Staub aller Heerstraßen Ui Haar und Bart, zerfetzt, bespieen mit aller Schmach, wanderten: all« gegen sie. von den Niedrigsten noch verworfen, — aber nie stch selbst verwerfend: nicht, in bettelhaftem Sinn, ihren Gott ehrend nach dem Matz seiner Gaben: in Leiden nicht zum barmherzigen Gott — zu Gott dem G«-^ rechten rufend. Und vor ihnen viele, deren Sterben ein großes Keft. Anderen dereitet, war: ... ste standen an Pfähle geschnürt, daS Feuer 'erwartend, schuldlos Sünden stch erdichtend und ihr« Qualen „Strafe* nennend, nur daß ihr Gott ein Unbezweifelter. Gerechter bleibe. Und hinter ihnen alten ein Volk, um Gnade nicht bettelnd, im Kampf den Segen feines Gotte» stch erringend: durch Meere wandernd, von Wüsten nicht aufgehalten, und immer vom Kühlen de» gerechten Gottes so durchströmt, wie vom Blut in ihr^n Adern: ihr Ziegen — Gottes Sieg. il,r Unterliegen — Gotte» Geücht. st« selbst sich bestimmend von feiner Mackst zu zeugen, ein Bolk von Erlösern, *it Dornen gesalbt uni avSerwShlt zu Leiden. Und langsam ihren Gott von Opfern und Räucherungen lösend, hoben ste ihn hoch üver ibre Häupter, bis er, sein KampfeSgott von Hirten mebr — ein Wahrer allen Rechtes — über vergänglichen Sonnen und Welten, unsichtbar. allem leuchtend, stand. Und von ihrem Blute war auch er." Mit diesem klaren, religiösen Ton schließt das an künstlerischen Werten überreiche Buch vom „Tod Georgs". daS schon zweieinhalb Jahrzehnte alt ist, allein qanze Stöße von Literatur aufwiegt, die während dieser Zeit entstanden sind. (Fortsetzung folgt.)

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