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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-08-01 · 25 (1.8.1924) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
25 (1.8.1924)
Date
1924-08-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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sehe«, die ins feindliche Laser führe». Ich sehe aber «och weiter! CS ist unwahr und bedauerlich genug. daß e» ausgesprochen ist. daß wir -er Mehrzahl -er deutsche« Volk-, geuosien fremd oder gar feindlich gegenüber stehe«. DaS Gegenteil ist richtig. Wir müssen unerst Lara« gewöhne». Einzelne, seien eS auch viele Einzelne, als unsere Gegner zu betrachten. Die Mehrheit und die Gesamtheit unserer Volksgenosse» bleibt deswegen -och die große brüderliche Gemeinschaft, -er wir selbst angehören und von der wir unS nicht trennen wollen. Di« Liebe zu Vaterland und Volk-, genoffen ist jedenfalls nicht aSwügbar und abstimmbar nach dem mehr oder weniger hohen Grade der Judengegnerschaft. Ist der Standpunkt des Herrn Weisstock, dem ich i« vorstehenden entgegentreten muß, immerhin gefühlsmäßig doch verständlich, so ist mir schlechthin rätselhaft, wie es ^glich ist, Latz sich die Spalten der liberalen Zeitung einer Auslastung öffnen wie der des Herrn Beer über zionistische Staatsbeamte. Diese Ausführungen verdienen die schärfste und entschiedenste Zurückweisung. Ich würde nicht einen Augenblick einer jüdischen Gemeinschaft angeWren. die sich diese Forderungen zu eigen macht. Allein auSschlaggÄend für den Staat bei der Anstellung seiner Beamten ist ihre Fähigkeit und ihr Charakter: politische und religiöse Einstellung gehen ihn nichts an. Siebt Herr Beer nicht, daß der nächste Schritt auf diesem Wege der ist, den die Antisemiten seit Jahr und Tag predigen, daß ein Jude nicht Lehrer. Richter, Anwalt usw. sein kann, weil er der kulturellen oder völikschen Eigenart der Deutschen nicht entspricht? Wir verbitten uns den christlichen Antisemitismus und verbitten undoppelt den jüdischen. Ich bin gewiß ein abgesagter Gegner des Nationaljudentums aus Gründen meiner jüdischen Einstellung; mit dem lächerlichen Gerede aber, daß ein Zionist schon als solcher ein „vaterlandsloser Geselle" sei. dürfte nun endlich einmal aufgeräumt werden, nachdem die gleiche Erde zionistische und nichtzionistische Kriegsfreiwillige bedeckt. Rechtsanwalt Heinrich Stern, Berlin. Neue „Richtlinien“. " (Ein Vorschlag. Zu .Leben und Lehre".) 1. Der jüdische Liberalismus steht im Judentum eine religiöse Bei '.nng. Er gründet sich auf die Religionsauffassung der Propheten — unter Preisgabe der nationalen Hoffnungen. Diese Auffaffung geht hervor aus stetem GottetfeSen. Ihr Wesen tft: ver«eistigu»g, Verinnerlichung ««* universalistische Erweiterung beS GotteSßedaukeuS. Ihr Ziel ist: Ausbreitung des GottesreicheS auf Erde», d. h. oeS Reiches der Gerechtigkeit. Liebe und Demut. 2. Der Mische Liberalismus umfaßt de» ganze» religiöse» Mensche», sei» Lotterleben ebenso wie die Ausprägung Liefe- Erlebenin -er Praxis. 8. Der jüdische Liberalismus erkennt ausdrücklich den als Juden an. -er -e» Kultus und die häuslichen jüdischen Bräuche, wo immer sie in Erscheinung treten, mit seinen «ingeken Anschauungen von Helligkeit und Weihe in Ei», klang zu bringen sucht. Dasselbe gilt von den religiösen Führern und ihrer Stellung zu religiöse» Akten. 4. Der jüdische Liberalismus erwartet, -aß seine Anhänger an die überlieferten Formen anknüpfen, läßt ihnen aber bezüglich der Auswahl und Ausgestaltung dieser Formen durchaus freie Hand. 8. Der jüdische Liberalismus erwartet und begrüßt die völlige Neuschöpfung religiöser Formen und wird entschloffen für deren Gleichberechtigung neben den alten kämpfen. 6. Der jüdische Liberalismus stützt durchaus die Sonderexistenz des Judentum-, ist aber stets auf harmonische Verbindung des jüdisch-religiösen und weltlich-religiösen Lebens bedacht. 7. Der jüdische Liberalismus fördert alle Bestrebungen, in denen er — neben dem Gottesdienst — Ausprägungen jüdisch-religiösen Lebens erblickt. Der Grad der Mitarbeit an derartigen Werken ethisch-sozialer Art ist ihm ein wesentlicher Prüfstein für die religiöse Gesinnung seiner Anhänger. 8. Der jüdische Liberalismus erschöpft sich jedoch keineswegs in der Ethik. Er betrachtet diese vielmehr — im Sinne der Propheten — als Frucht seiner steten Ehrfurcht vor dem GotteSgeist und der Gotteskraft in Natur und Menschenseele unh der steten Liebe zu ihnen. 9. Der jüdische Liberalismus lehnt die Bindung seiner Bekenner au eine bestimmte Form des Gotteslebens ab, immer aber ist er energisch bestrebt, das Juöengeftthl in seinen Bekenner« wachzuhalten und zu stärken. Er tritt tritt deshalb nachdrücklich ein für Pflege des jüdischen Gemeinschaftslebens. 10. Der jüdische Liberalismus toleriert alle anderen jüdischen Richtungen. Er lehnt es aber ab. sich durch Rücksichtnahme auf sie in seinen Bestrebungen behindern zu lassen. Rabb. Dr. Gottschalk-Berlin. BÜCHERSCHAU felligenx in Rußland^ die das evolutiaoistische Wenden 'dotf jüdischen Religion und die ununterbrochene Kette de» Geistes* die de» teinrodiecbe Judentum dentetti, gleichsam au» den Quellen und Urschriften kennen lernen wollte. Viel trug zur. Verbreitung de« Buches auch die hebräische Sprache bei, in der es verfaßt wurde. Weiß beherrschte das Hebräische mit einer gewissen Gewandtheit und ermöglichte dadurch einem jeden, der mit dem alten Hebräisch vertraut war, die Lektüre seines interessanten Buches, Weiß* Buch war im gewissen Sinne ein Buch für alle Kreise des Volkes. Maskilim und. Fromme, Laien und Wissenschaftler, Chaesfdim und Misnagdfm fanden in ihm die noch lange nicht zur Genüge erforschte1 weite talmudische Periode in neuem Lichte behandelt. Darum begrüßen wir mit Freude das Erscheinen dieses wichtigen Buches in neuer Auflage, das der Verlag Platt 6 Minkus jetzt, versehen mit einer Vorrede des Sohnes des Verfassers, herausgegeben hat und das vor allem nachweisea will, daß der Talmud nicht bloß ein Riesenwerk ist von Vorschriften, Debatten, Diskussionen, ethischen Lehren und agadischen Elementen, sondern auch ein historischen Buch, das uns über jenes tausendjährige Zeitalter Aufschluß geben kann und das Werden und Wachsen unserer Religion, wie sie «ich in ihren bedeutendsten und hervorragendsten Trägern und Schöpfern kristallisiert hatte, in die Erscheinung treten läßt. Möge die Neuauflage Verbreitung finden und zur Kenntnis und Vertiefung des religiösen und geistigen Lebens unseres Volkes beitragen, damit wir unsere jüdische Eigenart zu schätzen und zu lieben wissen. Dr. Jakob Renxer- Charlottenburg. In Palästina Altes und Neues. Von Rasnsay Macdonald. Harausgegeben vom Keren Hajcesod (Jüdisches Palästinawerk) E. V. Berlin. Das sehr hübsch ausgestattete Sehnlichen, das mit dem Bilde des britischen Arbeiterführers und jetzigen Ministerpräsidenten geziert ist, zeugt von der Rührigkeit des Keren Hajessod. Was Macdonald darin über Palästina sagt, ist tatsächlich mehr Altes als Neues, aber es ist immerhin interessant, einen Sozialisten von deiscr Bedeutung zu hören. Es ist nur zu wünschen, daß seine Worte in den Herzen seiner reichen Landsleute den Widerhall finden, den der Keren Hajessod davon erwartet. Wir nicht national-jüdisch gesinnten Juden ia Deutschland stehen den Bestrebungen des Keren Hajessod so kühl gegenüber, wie zur Zeit seiner Begründung. Wir wünschen jedem, den es in das Land Palästina zieht, um dort sein Leben neu aufzuhauen, recht viel Glück, aber wir haben mit dem Wiederaufbau unserer Heimat Deutschland und besonders mit dem Wiederaufbau der jüdischen Gemeinden bei uns so viel zu tun, daß wir jeden Pfennig und jede Minute, die auf das Palästinawerk verwendet werden, als verloren ansehen müssen. Robert Hirschfeld. Hermann Cohen Begeisterung für unsere angestammte Religion schöpfen "wir aus der Bibel und Talmud. Es ist aber nient jedermanns Sache, in diese Literaturquellen sich zu vertiefen, man begnügt «ich mit sekundären Quellen — natürlich lauteren Ursprungs. Hierzu gehören jetzt die dreibändigen Iüdischen Schriften Hermann Cohens (Berlin 1924). Es ist ein bleibendes Verdienst der Akademie für die Wissenschaft des Judentums. Diese Schriften veröffentlicht zu haben. Bei diesem großen Philosophen kommt es uns zum klaren Bewußtsein, daß der Tod nicht nur ein Zerstörer ist, sondern auch ein Schöpfer, ein großer Umwerter. Nun können wir Hermann Cohen in seiner Ganzheit erfassen, seine ganze Persönlichkeit tritt uns plastisch vor Augen, was wir schon wußten, wird noch lebhafter beleuchtet, daß sein ganzes Sein tief im Judentum verankert war. Mit allen Fasern seines Herzens hing er am Judentum, keine Teielung, keine Schwankung, eins war er im Denken und Handeln. Begeisterungsvolle Juden hat es zu allen Zeiten gegeben, seltener aber ist die Spezies, bei der reiches Wissen mit tiefgründigem Scharfsinn und starkem jüdisch-religiösem Empfinden vereint ist, wie das bei Cohen der Fall war. Er liebte sein Judentum, weil er es kannte — und weil er es liebte, wollte er es von allen Schlacken befreit wissen und wt er uns ein Heros des liberalen Judentums. Wenn die Könige bauen, haben die Karren zu tun. Beschäftigen wir uns unausgesetzt mit seinen Schriften, dann muß der Indifferentismus aus unseren Reihen schwinden. Nur einiges aus der Fülle seiner Darbietungen. Unermüdlich betont Hermann Cohen, daß das Judentum als soziale Religiosität mit zu erfassen sei und daß diese wiederum in Messianismus gipfeln. „Der Gott der Propheten ist nicht nur der Gott Armen, der Waise und. der Witwe, sondern ebenso auch der Gott des Fremdlings und aller Völker, Der Gott der Propheten ist der Gott der Einen Menschheit". (Bd. II, S. 436.) Wie herzerhebend ist es, wenn Cohen für sein Judentum in die Bresche tritt, wie weiß er dies als ordentlicher Professor der Philosophie zu begründen: (Siehe Bd. II, S. 74] „Schreiber dieses fühlt dieser Pflicht am wenigsten sich entziehen zu dürfen. Denn er hat die amtliche Obliegenheit, nicht über religiös indifferente Probleme die akademische Jugend zu unterweisene; und er ist nicht nur in der fachlichen Lage, als Lehrer der Philosophie, religiöse Fragen zu berühren, er befindet sich in peinlichster Verlegenheit jener Formulierung de» nationalen Problems gegenüber: weil er deutsche Philosophie, deutsche Erfahrungslehre und deutsche Ethik zu verteidigen und wiederherzustellen als seine Lebensaufgabe nicht ohne ermutigenden Zuspruch bisher verfolgt hat. Bi solcher Bestrebung ob des israelitischen Monotheismus von der Hoffnung auf jene „reinere Form des Christentums schlechtweg ausgestoßen zu werden, fordert Rechtfertigung vor den protestantischen Männern, die nicht nur das staatsbürgerliche Recht, sondern auch dag herzlich religiöse Zutraun eingeschenekt haben, als der Ihrigen einer unter ihnen zu lehren." Und dann weiter: „Ich beabsichtige -nicht als Sprecher einer jüdischen Partei, sondern als Vertreter der Philosophie an einer deutschen Hochschule und Bekenner des israelitischen Monotheismus" die Judenfrage zu behandeln. Nicht jeder Professor jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung führt eine solche Sprache. Wahrlich, Hermann Cohen war nicht „Sprecher einer jüdischen Partei"; alle seine Glaubensgenossen umfaßt er mit gleicher Liebe. Nicht ohne tiefe Rührung liest man (Bd. II, S. 162) seine Betrachtung „Der polnische Jude", die mit Jugenderinuerungen verbrämt ist. Er weist darauf hin, daß die polnischen Juden an Leib und Seele Juden waren, zugleich aber auch Pojen und Russen. „Und da sie in jene Länder erst durch Auswanderung aus Deutschland hinübergekommen waren und in ihrem Volksidiom mit der jüdischen Heimattreue das deutsche Sprachgut bewahrten, so stellten sie, zumal bei ihrer ständigen Wiederkehr, die jüdische Völkerwanderung wie in einer lebendigen Wanderbühne dar.-„An jedem Freitag Morgen fügte meine fromme Mutter dem Morgensegen das Gebet an, daß zum Sabbathtische ein solcher polnischer Wanderer als Gast erscheinen möge. Und wenn der Mann in seinen Lumpen sich uns plötzlich als ein rabbinerischer Gelehrter enthüllte, so würzten talmudische Gespräche, die mein frommer Vater mit ihm führte, unser Sabbatbmahl. Solche Erlebnisse haben sicherlich viele deutsche Juden in ihrer Kindheit empfangen, und wie tief hat dadurch die echte eoziale Gesinnung sich in uns eingewurzelt. Denn Armut war sonach für uns mit geistiger Würdigkeit verknüpft. Die Wohltätigkeit galt nicht als Opfer an das Elend, sondern als Schmerzensgeld an geistige und sittliche Würde".-An einer anderen Stelle (II, 378) präzisiert Hermann Cohen seinen Standpunkt in der Ostjudenfrage. Er sagt: „Ich bin mir bewußt und mache kein Hehl daraus, daß es mein religiöser Standpunkt ist, der mich zur Ablehnung des Grenzschuttes gegen die Juden des Ostens nötigt. Und dieser mein religiöser Standpunkt ist zuvorderst mein ethischer. Denn die Menschheit ist mir das Ideal jede« Rechtsstaates". Und weiterhin: „Keine Form des Vorurteil« gegen die Juden kränkt mich so tief, weil keines so sehr das reinste Menschentum beleidigt als die zur Schau getragene Verachtung dieser Menschen, welche die Kreuzträger des unseligen Judenhasses sind."-„Diese Symbole der Ungerechtigkeit auf Erden noch zu schmähen, das vermag ich nicht zu begreifen. Das muß ich bekämpfen, als Deutscher und als Jude." — Für alles, was Jüdisches betraf, hatte Cohen, einen feinfühligen Sinn, fand er scharf geschliffene Worte. Als ich seiner Zeit im Aufträge der Großloge des U. 0. B. B. den „Wegereisen für die Jugendliteratur" redigierte, bat ich Geheimrat Cohen um einen Beitrag für dieses Blatt; bereitwilligst sandte er mir die Abhandlung „Gedanken über Jugendliteratüre" (abgedruckt B d.U, S. 126 uff.). Wie er selbst bemerkt, sind es nur „einige Gesichtspunkte", die er für die Auswahl und den Entwurf unserer Jugendschriften hervorheben möchte. So tut er in der Ghettopoesie Vorsicht empfehlen. „In Zeiten der schwrsten Angriffe auf unsere Existenz und der ungerechtesten Verleumdung unserer Wahrheit gibt «5 keine Opportunität für die Satire, geschweige für den Humor." — — — „Wenn der Schwache auf der Schlachtbank liegt, dann schweigt der Humor; dann spricht die Tragödie. Erst sollen unsere Gegner die Poesie schätzen lernen, _ welche unsere Vorfahren mit tiefer geschichtlicher Weisheit in unserem gottesdienstlichen Wesen aufgerichtet und eingepflanzt haben, bevor sie im Stile des Heidenapostels über unsere Gesetzlichkeit spotten dürfen."-Auch der Person Jesu gegenüber sei größte Zurückhaltung nötig. Er erzählt: „Es ist mir in meinem Zimmer von einem jungen sogenannten Philosophen ins Gesicht gesagt worden, er habe sich taufen lassen, weil er die Person Jesu verehre. Ich durfte ihm darauf nur erwidern, daß ich seine Einseitigkeit in der Kenntnis jüdischer Persönlichkeiten nicht zu bewundern vermag."- „Für uns bleibt der Mensch immer nur strebend und irrend; zum Höchsten strebend, aber ins Menschenlose irrend." (Herrliches Dictum!) Der Artikel schließt mit den Worten: „Sittigung unseres Wesens in allen Einzelschritten unseres Lebens den Andersgläubigen wie unseren Glaubensgenossen gegenüber. So läutern wir unser Selbstbewußtsein." Schließlich können wir nicht eindringlich genug Vertiefung in die Jüdischen Schriften Hermann Cohens empfehlen, es dient dem Heile de« Judentums. D r. M. Spanier (Magdeburg). Dor Dor ws Dor’schow, Zur Geschichte der jüdischen Tradition von J. H. Weiß. T. 1 5. New York, Berlin 1924. Verlag Platt u. Minkus. Zu den Standard Works der jüdischen Literatur, die das 19. Jahrhundert uns schenkte und die für die Kenntnis und Wertung der Geisteswelt und Vergangenheit des jüdischen Volkes von bahnbrechender Tragweite waren, gehört unstreitig Eisik Hisch Weis. Dor Dor wc Dor’schow, Weiß schilderte uns in seiner Ständigen Geschichte der jüdischen Tradition in klarer, lebendiger, methodisch-wissenschaftlicher und gründlicher Darstellung die 1 ^tausendjährige Entwicklung der mündlichen Lehre, wie sie uns in den Werken der Mischna, der beiden Talmud*, der Midraschim u. a. in ihrer mannigfachen Vielseitigkeit und bunten Vielgestaltigkeit entgegentritt. Einen großen Teil seines langen Lebens widmete Weiß dieser Riesenarbeit. Ausgerüstet mit tiefgründigen Forschungen und begabt mit plastischem Darstellungsvermögen führte er uns die markantesten Persönlichkeiten jener Zeiten und Perioden der jüdischen Geschichte vor und entwarf uns mit virtuoser Meisterschaft in großen Zügen das Leben und Streben, Wirken und Schaffen all jener tonangebenden Lehrer und Denker, der Schöpfer und Baumeister des t&lmudischen Judentums. Wer den Talmud und seine, eigenartige Lehrweise kennt, wer weiß, wie in ihm alles Historische und Kulturelle in die entlegensten und verstecktesten Winkel verstreut, oft unter Bergen von Debatten und Diskussionen begraben ist und erst nach unendlicher Mühe zutage gefördert werden muß, der wird die unermeßlichen Schwierigkeiten, die sich Weiß entgegentürmten und die er zu überwinden verstand, begreifen. Der Taludkenner wird Weiß’ Leistungen voll und ganz zu schätzen wissen und seinem monumentalen Werk immer mehr Bewunderung zollen. Kein Wunder, daß Weiß’ Geschichte der jüdischen Tradition sich großer Beliebtheit erfreute und daß die mannigfachen Auflagen, die sie erlebte, völlig vergriffen wurden und seit vielen Jahren nur als Desideratum auf dem Büchermarkt bekannt waren. Dor Dor we Doreschow war eines der gelesenstcn Bücher. Es wurde das Gemeingut der hebräischlesenden In- Moses Gaster, Th« Exempla of tbe Rabbis, being a collectioa of exempla, apologues and tates culled from hebrew nannscripts and rare hebrew books. London-Leipzig (The Asfa Publishing Co.) 1924. Die Lust am Fabulieren ist allen Völkern gemein, sie hat allüberall jene farbenfrohe Welt der Sagen und Legenden geschaffen, in der allezeit das Sinnen der Menschen lustwandelt« Eine Welt von unverfälschter Ursprünglichkeit: Sagen und Legenden können nicht „gemacht" werden, sie wachsen aus den Tiefen de« Volksempfindens heraus und tragen darum auch immer die wesentlichen Züge der inneren Artung des Volkes, in dem sie entstanden, und da sie meist Jahrhunderte hindurch Heimatsrecht im Denken der Menschen besaßen, ehe sie zum Objekt der Literatur wurden, so zeigen sie oft genug auch da« Gepräge der Zeit oder de» Ortes, an dem die Uebenlieferupg des Stoffes feste Form erlangte. . , Die Folkloge der Juden entspringt vorwiegend dem Her dürfnis nach religiös-ethischer Erhebung. Die. GestaJ^u altisraelitischen Vergangenheit mit ihren vorbildlichen Tugenden oder Lebensvorgängen, die als Beispiele jüdischer Sittlichkeit anregend wirken können, stießen auf besondere Liebe im Denken jüdischer Menschen und wurden mit dem anmutigen Schmucke sagenhafter Gewandung angetan, um jung und alt in lebendigem Bilde vor dem Bewußtsein zu schweben. _ Sie üben auch heute noch, trotz ihrer altertümlichen Form, starke Wirkungen auf das empfängliche Gemüt au«. t , Moses Gaster, der gelehrte Chacham der sephardischen Juden in London, hat nach Handschriften aus seinem Besitze einem größeren Kreise von Interessenten die stattliche Zahl von 450 solcher Sagen und Erzählungen zugänglich gemacht, die hier, »ei es überhaupt oder in dieser Form, zum ersten Male veröffentlicht werden. Ein mustergültig gedruckter hebräischer Text mit Gegenüberstellung einer Uebersetzuag bzw. Inhaltswiedergabe bietet eine Fülle von Stoffen, die immer wieder Einblicke in das sittliche Fühlen und Wollen gewähren, wie es in den Bekennern des Judentums lebte, und die deshalb auch für homiletische Verwertung mannigfache Anregung geben. Fast noch mehr verdient die Ausgabe die Beachtung aller derer, denen das Eindringen in die literarische Entwicklung der jüdischen Sagen- und Erzählungswelt und ihre Vergleichung mit der anderer Völker am Herzen liegt. Aus mehr als 40jähriger Forschung hat Gaster eine fast beispiellose Kenntnis der einzelnen Stoffe im jüdischen Schrifttum und in der allgemeinen Literatur der vergleichenden Sagenkunde gewonnen und diese nun in dem wissenschaftlichen Apparat der Ausgabe in den Dienst der Forschung gestellt. In bewundernswerter Reichhaltigkeit sind die Parallelen zu den einzelnen Stoffen zusammengetragen, so daß für vergleichende Untersuchungen die Wege geebnet sind. — Dem verdienstvollen Asia-Verlage (Dr. phil. Bruno Schindler) gebührt ungeteilter Dank für die sorgfältig durchgeführte Herausgabe des- Werkes und im besonderen für seine vortreffliche äußere Ausstattung. Der Erkenntnis jüdisch-sittlicher. Werte und vergleichenden Forschungen dürfte das Werk wertvollste Förderung schatten. Gustav Coha-Leipzig. Werbt neue Leser für die «Jüdisch-liberale Zeitung- Kalendarium für die Zeit vom 1.8. Wi 9.8. «agnst m4 > Ab »884 Freitag 1. 1. Rasch EHoöesch Sonnabend s. 2. Wochen-Abschnitt Mattauß umasiej (4. B. M. Kap. 80,2-86) HaftaraH: Jeremia Kap. 2, 8, 4 Sonntag 8. 8. Montag 4. 4. Dienstag «. 8. Mittwoch 6. e. Donnerstag 7. 7. Freitag 8. s. Sonnabend 9. v. Wochen-Abschnitt Dvbarim Sabbat Lhason (5. y. M. Kap. 1—3,221 HaftaraH: Jesaja Kap. 1

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