Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-08-01 · 25 (1.8.1924) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
25 (1.8.1924)
Date
1924-08-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613741-2613766--0927-2618239
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

__ SDet. tm GaStteft Eklpe gelegene Mische Friedtzvk ist ht ftc« Nacht vom Sonntag zum Montag Lurch bischer nicht ermittelte Tater verwüstet worden. Der Friedhof «ttetet ein furchtbares Bild der Zerstörung. Nur sechs Grab- Kellen stehen noch; viele zentnerschwere Grabsteine und Grckdmäler sind umgestürzt und Blume» auSgeriffen worden. IX« die Steine um werfen zu können, wurden Hie Gräber -teilweise abgograben. Auf dem Friedhof hat man ei» Dake»kreuz gefunden. Hamburg: In einer Versammlung der unter dem Protektorat der Gemeinde stehenden Volksküche wurde witgetettt, daß die Mittel nicht mehr ausreichend seien, um Len Ansprüchen der in Not befindlichen GlaubensLrüder auf Verabfolgung eines warmen MittagSessenS zu genüge». GS wurde deshalb beschlossen, nach Erteilung der behördliche» Erlaubnis eine Haussammlung zu veranstalte«. Das Repräsentanten-Kollegium der deutsch-israelitischen «Gemeinde stimmte dem Anträge des Vorstandes auf UeLerinahm« des Ferienheimes .ZZtlhelminenhöhe" Lurch die Gemeinde zu. In dem Heim können 40 Kinder and 30 Erlwachsene Erholung finden. Professor Dr. Alsberg ist nach langjährigem Wirken alS chirurgischer Oberarzt des Krankenhauses der Deutsch-Jsrae- Mischen Gemeinde in den Ruhestand getreten. Seit 1882 am Krankenhaus tätig, hat er sich in diesen Fahren kraft -feiner hervorragenden ärztlichen Kenntnisse und seiner aufopfernden Hilfsbereitschaft die größten Verdienste erworben. Er wurde insbesondere in St. Pauli, wo er auch eine Zeitlang wohnte, eine äußerst populäre und in weiten Kreisen -der Bevölkerung beliebte Persönlichkeit. Zu seinem Nachfolger ist Prof. Richard Levv ernannt, der lauge Zett »eben Prof. Dr. Küttner an der Breslauer Chirurgischen Universitätsklinik wirkte und von dort reiche Erfahrungen für seinen neuen Wirkungskreis mitbringt. , Karlsruhe: Der Ovecrat der badischen Israeliten hat -»«geordnet, daß bei der anläßlich der Wiederkehr des TagefdeS Kriegsbeginns auf Anregung der Reichsregierung am «8. August d. I. stattfindendcn Gedächtnisfeier in allen Gyniagogen ein Gottesdienst abgehalten und dabei der gefallenen /.Kriegsteilnehmer und der vom ganzen Volke gebrachten -Opfer gedacht werde. Kvlberg: In dem Ostseebad Kolberg kam eS vor einigen Tagen zu Zusammenstößen zwischen Hakenkreuzlern und jüdischen Badegästen, tu deren Verlauf ein Jude einem Gegner das Hakenkreuz abgerissen.haben soll. Die Polizei erläßt nunmehr eine Kundgebung folgenden Wortlaut-: »Das Abreißen von Abzeichen ist unter allen Umstände» strafbar. In letzter Zeit mehren sich die Fälle, wo besonders jungen Leuten Vereins- oder sonstige Abzeichen entrissen werden. Wir empfehlen, derartige Vorkommnisse sofort bei der Polizei anzuzeigen. damit die Täter wegen Diebstahls bzw. Raubes zur Verantwortung gezogen werden können." Sogar der deutschnationale Lokal-Anzeiger kritisiert diese polizeiliche Bestimmung, indem er schreibt: »Ob nun just diese Tatbestandsmerkmale in solchen Fällen vorliegen, dürfte einigermaßen zweifelhaft sein, da den Tätern die Beretcherungsabsicht regelmäßig fehlen dürfte." München: Wie verlautet, wird der Verband bayerischer israelitischer Gemeinden seine diesjährige Tagung im Herbst in Würzburg abholten. Roseuheim: In der vorigen Nummer unsere- Blattes hatten wir eine Nachricht der Jüdischen Telegraphen-Agentur wiedergegeben. nach welcher die 50. Jahresversammlung des Deuttch-Oesterreichischen Alpenvereins den völkischen Ann auf Ausschließung judengemischter Sektionen ablehnte. atsächlich ist mit 166g gegen 17 Stimmen ein Antrag folgenden Wortlauts angenommen worden: „Der Verein ist uttpölittsch: Erörterungen und Verfolgungen politischer Ziele liegen außerhalb des Vereins." Daß dieser Grundsatz nur auf dem Papier steht, zeigt der folgende Antrag, der mit 1547 gegen 110 Stimmen bei 370 Stimmenthaltungen angenommen wurde: „Die Hauptversammlung fordert die Sektion Donauland auf. behufs Wiederherstellung des Friedens und der ruhigen Entwicklung im Gesamtvercin bis 31. Oktober auszutreten: wenn bis zu der angegebenen Zeit der Austritt nicht erfolgt, ist eine außerordentliche Hauptversammlung im Dezember einzuberufen." Schönebeck. Am Sonntag, den 27. Juli, fand die Fahnenweihe der hiesigen Ortsgruppe des Reichsbanners Schwarz- Rot-Gold statt. Das Fest begann mit der Niederlegung von Kränzen auf die Soldatengräber der Ehrenfriedhöfe. Auf zwei christliche und einen kleinen jüdischen Friedhof zogen am Vormittag Abteilungen des Schönebecker Reichsbanner-, gedachten der Toten und ehrten ihr Andenken. Im Anschluß hieran schreibt die in Magdeburg erscheinende „Volksstimme": „Als die Abteilung den iübischen Friedhof verließ, trat ein Mann, der von der Straß« kam und nicht zum Reichsbanner gehörte, an ein Soldateugrab und sagte schlicht: „Es war mein Kamerad, er ist in Rußland gefallen!" Mein Kamerad ... Wie hoch steht dieses schlichte Wort gegen all die jämmerliche Hetze, die von Deutschvölkische» getrieben. Hier offenbarte sich die große Gemeinsamkeit des Leides, das über alle Menschen gekommen war. Die Russenkugel kam geflogen ... Ihn hat sie weggeriffen. ... Sie hat nicht danach gefragt, ob er ein Christ oder ein Jude sei." Versammlungskalender. Berlin (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde): Die Bezirksgruppe 9 Moabit Hansaotertel bittet wiederholt darum, die fälligen Beiträge für das zweite und dritte Quartal zu zahlen (2,50 Mk. pro Quartal), und zwar, da der Kassierer Herr Ries z. Zt. verreist ist, an de« Vorsitzenden der Ortsgruppe Martin Berju. Altonaer Straße 25, Postscheckkonto Nr. 81364, umgehende Erledigung im eigenen Interesse dringend erwünscht, damit auch die Zusendung der Zeitung keine Unterbrechung erleidet. Breslau: (Jüdisch-liberaler Jugendverein „Abraham Geiger") Sonntag, den 3. August 1924: Tagesausflug Wartha-Königshainer Spitzberg-Glatz. Treffpunkt 5 Uhr Nordhotel. Abfahrt 5.30 Uhr. Fahrkarte 4. Kl. bis Wartha- Stadt selbst lösen. Der Ausflug findet bei jeder Witterung statt. Die Leitung des Ausfluges hat auf vielfachen Wunsch Herr Georg ^onas. Ohlau, übernommen. Näheres bei Hans Hamburger. Steinstraße 11 (Ohle 2850. 8-5 Nachm.). Jeden Montag, abends 8 Ubr. geselliges Beisammensein i« Kurgarten, Kürassierstratze. bei jeder Witterung. Gebt uns Adressen von Vekannlen! Die Geschäftsstelle, Berlin W. 8, Mauerstr. 22, versendet kostenlos Probemrmmern. Der /ädtxfie Zur trage der Organisation. Bor rruaeftchr zehn Tage« ging «de, wie wohl allen Mitgliedern, ein Rmi-fchrewen unserer Organisation zu. das zur Zahlung einer einmaligen Umlage aufforderte. Ich kann mir nicht versagen, dazu öffentlich Stellung zu nehme«, zumal meiner Ansicht «ach — wie fast immer in solche» Fällen — die Erwartungen, die der Vorstand in diese Aktion setzte, sicher stark enttäuscht worden find. Immer wieder macht man, wenn man die Tättgkeit unserer Bereinigung aufmerksam verfolgt, die bittere Erfahrung. daß die Mehrzahl der Mitglieder sich der Bedeutung dieser Organisation keineswegs bewußt ist. Man zahlt seinen Beitrag, wenn mau dazu aufgefordert wird, geht ab und zu in eine Versammlung und liest mit mehr oder weniger innerer Anteilnahme die Nummern der ,H.-L.Z", die einem so bequem auf de« Tisch gelegt werden. Man ist froh, in kritischen Fragen einen Wegweiser zu haben, und genießt zufrieden die Erfolge, die die führenden Persönlichkeiten in harter und aufopfernder Arbeit für die Gesamtheit errungen haben. Aber nur wenige erkennen die Bedeutung dieser Arbeit, die Wichtigkeit der Organisation, nur wenige vermögen die Tragweite der Bewegung für sich wie für jeden einzelnen und die Gesamtheit richtig einzuschätzen. Wer von de» ungeheuren Massen der liberalen Juden möchte heute die deutsche Predigt, wer den Orgelklang im Gottesdienste missen? Welches jüdische Mädchen hat nicht von der Feier ihrer Konfirmation unvergeßliche Eindrücke für das ganze Leben empfangen? Welche liberale Einrichtung gibt eS denn überhaupt, die nicht unendlichen Segen «eite» Kreisen gebracht hat? Und nun. da wir seit IX Jahrzehnten eine Organisation besitzen, die all diese Bestrebungen aufrecht erhält, die bemüht ist. dem religiösen und geistigen Leiben der deutschen Juden neue Befruchtung zu geben, nun opfert nicht jeder willig, um diese wirksame Vertretung seiner religiöse» Interessen zu sichern? Gilt uns liberalen Ju«den denn die Religion unserer Väter nichts? Müssen wir nicht jeden Tag dankbar sein für die Tätigkeit einer Bewegung, die unseren Kindern echt jüdische Religiosität gibt, ohne sie in ein modernes Ghetto einzuschließen? Sollen wir unsere Führer, die ihr Bestes der Gesamtheit opfern, die für uns wachen und schaffen, nicht unterstützen, soweit irgend jeder einzelne es vermag? Können wir sie ruhigen Herzens allein kämpfen lassen auf vorgeschobenem Posten, ohne ihnen auch nur die Mittel des Kampfes zu geben? Der Aufbau unserer Bewegung, soll er vollendet werden, muß er nicht innerste Herzenssache tedes einzelnen sein? Unsere Organisation will uns Belehrung und Anregung bieten durch Broschüren und. wie ich hoffe, durch gute jüdische Bücher: dürfen wir ihr die Mittel dazu versagen? Wer diesen Aufruf gelesen hat. m u tz er ihm nicht ,h'chol lwowcho^, mit ganzem Herzen. Folge leisten? Kann auch nur einer abseits.stehen, da eS gilt, seine ureigensten Ideale „b'chol m'audecho", «ach bestem Können, zu verwirklichen? . In schwersten Zeiten hat unsere Bewegung durchgehalten «t treuer Liebe zum Judentum, in rastloser Arbeit für die Ideale unserer großen Propheten, das letzte Jahr hat ihr die Möglichkeit gegeben, die Organisation zu festigen und zu erweitern. Danken wir unseren Führern dafür durch Sie Tat. zeigen wir ihnen, daß ihre Gefolgschaft treu und opferwillig hinter ihnen steht, geben wir ihnen die Mittel, eine Bewegung zu schaffen, die in jedem erzelnen ihrer Anhänger lebendiges Zeugnis für die Kraft ihrer Idee ablegt. Wer dem Aufrufe unserer Führer zur Zahlung einer ernmaltgen Umlage schon gefolgt ist. prüfe, ob sein Opfer groß genug war. um wirklich ein jüdisches Opfer zu sein: 'wer eS noch nicht getan hat. versäume keine Stunde, diese Schuld zu begleichen. In Gesinnung und Tat sei sich jeder seiner Verantwortung für unsere Gemeinschaft bewußt! Eduard Dauziger. "Die neue Verfassung der Israeliten Württembergs und die erste Landesversammlung. Vom Berichterstatter und Hauvtreferenten bei der Beratung der „Verfassung der israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergist diese in der „Jüdisch-liberalen Zeitung besprochen worden. ES dürfte sich also erübrigen, nochmals dazu Stellung zu nehmen: und doch halte ich es tm Interesse de- „liberalen Judentums" für geboten, auf die Berfaffung, die nun jetzt für die Juden in Württemberg Gesetzeskraft erhalten hat. hurückzukommen. Der erste Schönheitsfehler, den diese Verfassung an sich hat, ist die Verschiedenheit in der Frage deS Frauenwahlrechtes. Währenzur Landesversammlung Frauen aktives und passives Wahlrecht erhielten, dürfen sie zum Borsteher- FMt nur wählen, aber nicht gewählt werden, weil es auch tm Judentum heißt: „mutier taeeat in ecclesia“. Das heißt, sie schweigen nicht tn der Synagoge, sondren stören mitunter sehr die Andacht in der Synagoge, aber in -er Beratung dessen, was unseren Gemeinden not tut. sollen sie schweigen. GS ist leider allmählich das „Frauenwahlrechi" ein Gchtboleth geworden, wie vor 80 Jahren die Orgelfrage. Und warum? Weil einige jüdische Gelehrte darin etwas gefunden haben, waS mit Tradition und dem Geiste des Judentumnicht in Einklang zu bringen wäre. Man kann persönlich nur Anhänger deS Frauenwahlrechtes sein oder nicht, aber daraus eine religiöse Frage zu machen, halte ich für unpolitisch. Wir dürfen keinem menschlichen Wesen, das im Judentum geboren und erzogen, das Recht nehmen, an der Arbeit für da- Judentum mitzuhelfen: in -er Negierung des „Frauenwahlrechtes" sehe ich eine erneute Zurücksetzung der Frau im religiösen Leben, wie sie leider unsre Weisen in ihrer morgenlanöischen Auffassung deklariert haben, wie sie aber in einer Volksreligion nicht zum Gesetz werden darf. Eine zweit« Frage war die Errichtung eines Tauchbades (Ritualbad), als einer Pflichtinstitution einer jeden israelitischen Gemeinde. Auch darüber kann man verschieden denken» und gerade weil man darüber verschiedener Ansicht sein kann, do dürfte eine solche Institution nicht zu einer Mußeinrichtung bestimmt werden. ES war gegen die Anschauung des orthodoxen Abgeordneten zuletzt noch möglich, diese Bestimmung dahin zu wenden, daß nur bestehende Ritualbäder erhalten bleiben sollen, -aß aber keine Gemeinde gezwungen werden tarnt* auf Antrag eines einzelne» ein neues Ritual- Sazu errichten. Auch sonst hat die neue Berfaffung gewisse Paragraphen erhalte» (8 84), hie der religiösen Entwicklung der württembergischen israelitischen Gemeinschaft kaum förderlich fein werden, und die der ganzen Verfassung eher den Anstrich eine- Statuteeiner Aktiengesellschaft gegeben haben, als einer Religionsgemeinschaft. Irgendwelche Handhabe, daö I religiöse Lebe« zu fördern, ist nicht gegeben, Sen Rabbinern SprechsaaL und Lehrern ist auch der letzte EiEüß genommen, der iSnert durch die Leituug der ReligLouSgemeinde gegeben war. Doch die Gemeinde» feffift habe» besser die Gttvmruna de» Landes zum Ausdruck gebracht als die Abgeordnete», die glaubten, einen großen Fortschritt damit erreicht zu haben, daß sie den obligaten Vorsitz deS Rabbiner- und Lehrerim Borsteheramt abgeschafft haben. Denn nur drei Rabbine» und ein Lehrer find nach unserem Wisse« nicht mehr «As Vorsitzende inS Borsteheramt eingezogen. Mit „Prinzipien ist damit nicht viel getan mvd ich glaube, diojerrtgen Borsteherämter. die, nicht der alten Jnstitutton gefolgt sind, haben sich damit selbst gerichtet. eS müßte denn setu, daß persönliche Gründe sie geleitet haben. Nun war am 29. und SO. Juni die neugewählte Landes Versammlung zum erstenmal zusammengetreten, um zuerst den Oberrat und seine Mitglieder zu bestimmen. Trotzdem man sich wohl bewußt sein sollte, welche Bedeutung gerade diese Behörde für die Gestaltung des württembersische» Judentums hat und trotzdem man gar wohl wußte, welche Fehler hier seit Jahren gemacht worden sind, hat man doch die Mitglieder der früheren Oberkirchenbehörde wieder gewählt (Louis Hirsch. Leopold Levi. Dr. Günserhäuser-Gtuttgart, Herr Flegerrheimer-Heilbronn) und alS Präsidenten das bisherige richterliche Mitglied der Oberkirchenbehörde, Hern Regierungsrat Dr. Nördltnger. Es wäre am Platze gewesen, als theologisches Mitglied des OVerratS und zugleich als Präsident der Landesversammlung eine rabbintsche Persönlichkeit zu berufen, die unabhängig dasteht und die das Vertrauen aller Juden deS Landes genießt. Als theologisches Mitglied wurde Herr Stadtrabdiner Dr. Rieger in den Oberrat berufen. Biel Zeit verlangten die Beratungen über den neu aufgestellten Etat für das Jahr 1924. Zu dem Abmangel von 155 000 Mark, der durch Landessteuer aufzuürtugen ist (10 Pfg. pro 1000 Mark Einkommensteuersoll von 1622) ist zu berichten, daß darin mehr als 20 000 Mark für Wttweu und Pensionsversorgungen enthalten sind, eine Ehrenpflicht, der sich die jüdische Gemeinschaft bis heute nie entzogen hat und die um so wohltuender wirkt, als gerade manche jüdischen Beamten, deren Frauen im Reiche in dieser Hinsicht so schlecht dastehen, und die Kaffe der Witwen- und Waiseuversvrgung der ^Rabbiner in Deutschland vor einem beschämenden „wir können nicht mehr leisten" steht. In den Kreisen der Witwen und der jüdischen Beamten ist große Not. und bei der heutigen Geldknappheit ist es so schwer, aus privaten Mitteln die Kasse wieder in die Höhe zu bringen. Go wäre zur Befriedigung der allernotwendigsten Verpflichtungen mindestens ein Kapital von 150 000 Mark notwendig, wie es z. B. die Mitgliederversammlung der Pensionskasse der Rabbiner, die dieser Tage in Nürnberg stattfand, zeigte, fürwahr, ein trauriges, betrübendes Bild. Anläßlich der Beratung des Etats kam auch die Gehaltsregelung der Beamten der jüdischen Religionsgemeinschaft in Württemberg zur Sprache. Sie sind heute die schlechtesten im ganzen deutschen Reiche. Während allenthalben die Rabbiner in Stufe X bis XIII eingestellt sind, und daneben «och die Kasualien direkt erheben, für Religionsunterricht besondere Entlohnung erhalten und noch -bei den derzeitigen Verhältnissen Wirtschafts-sRitualj-beilagen -iS zu 60 Proz. ihres Gehaltes erhalten, ist für die Rabbiner und Lehrer in Württemberg die Stufe X und VII allein Regel, jedes weitere Einkommen ist untersagt, die Kasualgebühren fließen in die Gemeindepflege ohne weiteren Ersatz. Dabei hatten die meisten Beamten früher freie Wohnung, wofür beute große Abzüge gemacht werden. Nur mit aller Mühe konnte Lurchgesetzt werden, daß die Lehrer, die seit 25 Jahren m württembergischem Dienste stehen, in die Stufe ^III und die Rabbinate Ulm und Heilbronn, die früher schon gehobene waren und Ortszulage» hatten, in die Stufe H etngereiht wurden. Sehr zu begrüßen G. daß die Landesversammlung für die Fortbildung der Lebrer und Rabbiner eine Position cmgesetzt hat wie für die Jugendpflege und die Erhaltung der drei jüdischen theologischen Lehranstalten in Deutschland. Es liegt darin doch einigermaßen eine Anerkennung der Arbeit der Lehrer und Rabbiner, vor denen man sonst eine fast teutonische Furcht hat: denn man war wohl darauf bedacht. keinen Lehrer und Rabbiner mehr in eine Kommission oder — horribilo dictu — in den Oberrat bineinzuwäblen als Lurch die Berfaffuna aeboten. Sie wevden als Juden zweiter Klasse betrachtet. Trotzdem ein Rabbiner orthodoxer Richtung und ein Leherer liberaler Richtung für den Sitz im Oberrat vorgeschlagen war, einigte man sich doch aus Herrn Moses Herz aus Schwab. Hall, um den nicht unberechttgten Wunsch der Rechten nach einm Ditz im Oberrat gerecht zu werden. . - Die Landesversammlung, die von Stadtradmner Dr, Rieger durch ein formvollendetes und tiefinrrerlrches Gebet eingeleitet und von Rabbiner Dr.Straßburger mit dem Dank an den Präsidenten der Landesvereinigung und dem Glückwunsch an den neugewähltcn Präsidenten des Oberrats beschlossen wurde, nahm sonst einen versöhnlich befriedigenden Verlauf und dürfte in der Geschichte der Juden Württembergs on einschneidender Wirkung sein. Stratzbvraer-M«. Unser Deutschtum. Die „Jüdisch-liberale Zeitung" hat in der letzten Zeit wiederholt sich mit der Stellung der liberalen Juden tm Deutschtum und zum Deutschtum beschäftigt, m. E. sogar dieser gewiß wichtigen Frage zuviel Spielraum gegeben. Wir glauben, daß unser Standpunkt eindeutig damit bezerchnet ist, daß wir bezüglich unserer Stellung als deutsche Juden auf dem Standpunkt stehen, den der Central-Verem und sein unvergeßlicher Vorkämpfer Eugen Fuchs in Wort und Schrift in klassischer Form niedergelegt und festgehalten hat. Es ist also eigentlich recht überflüssig, daß wir dtese Frage immer wieder «och einmal in unseren Spalten erörtern auf Kosten der religiösen Gpezialfragen. die eigentlich unsere Aufgabe sind Nachdem nun aber Herr Weiöstock in seinem ausführlichen Aufsatz wieder einmal die Frage unserer Stellung zu den Deutschen und zu Deutschland dargelegt hat, möchte ich, und ich glaube im Namen sehr vieler Leser, umumwunden erklären, daß ich zwar den Tatbestand seines Aufsatzes, soweit er sich mit dem Stand der Judenfrage in Deutschland zur Zeit beschäftigt, leider als richtig zugeben muß: seinen Folgerungen aber kann ich mich ganz und gar nicht anschließen. Es wäre traurig, wenn wir unsere Gefühle für unser Vaterland und unsere Volksgenossen darauf abstimmen würden, wie hoch oder wie tief die Wellenkurve des Antisemitismus geht. Es ist richtig, daß die völkische Kampfesweise verächtlich und das Gebäude der völkischen Judengegnerschaft logisch und historisch aus lockerem Boden steht (wenn auch keineswegs übersehen werden darf, daß bei einer Reihe namentlich jüngerer Völkischer auch edle, vaterländische unideale Triebe mitspielen, die cutsgeartet und irregeleitet sind). Deswegen bleibt es doch wahr, daß wir nicht nur Deutschland alS Land, nicht nur seine Scholle lieben unlieben müssen, sondern daß wir zu diesem Lande, seiner Geschichte. seiner Kultur, seiner Sprache, kurz zu allem, waS Gut der Volksgemeinschaft ist, die innige und ungebrochene Liebe im Herzen tragen, die das Kind zur Mutter auch dann unterhält, wenn andere Kinder derselbe» Mutter Wege

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.