Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 25 (1.8.1924)
- Date
- 1924-08-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Ein Chanukkalag 1680 in Kurbrandenburg. Erzählung in vier Bildern von Isidor Borehardt (Schluß) N&didruck verboten Der Rabbiner erklärte dem Kurfürsten, immer noch verlegen, daß dieses Vögelchen dem in den Nebenräumen hausenden Vorsänger gehöre, der sehr an dem Tiere hänge; so wie jetzt singe es stets von der Nebenstube her mit ihm mit. Man stellte das Bauer auf einen Sitz, nicht weit von dem Platze des Vorsängers entfernt. Da das Vögelchen aber seinen Herrn erblickte, ward es unruhig und flog unaufhörlich gegen die Drahtstäbe des Gitters an. So blieb nichts übrig, als den Käfig neben den Vorbeter auf den Altar zu stellen. Da ward das Tierchen ruhig, und als sein Herr beim Gemeindegebet mit der Hand streichelnd über das Bauer fuhr, da flog es auf die Hand zu und pickte mit seinem Schnabel durch das Gitter liebkosend darauf hin und her. Wieder erklang die Stimme des Vorsängers: „Gib, Ewiger, daß wir zu Bette gehn in Frieden, und laß uns wieder aufstehn zum Leben, und breite aus über uns das Zelt deines Friedens I — Schirme uns und wende ab von uns Feind und Krankheit, Schwert, Hunger und Sorge! — Laß uns nicht vom Bösen bewältigen, ob er uns offen oder im Rücken anfalle, und birg uns im Schatten Deiner Fittiche! — Wahre unsern Ausgang und unsern Eingang zum Leben und zum Frieden von nun an bis in Ewigkeit!“ Warm und innig klangen die Töne durch den Raum, und es war, als legte der Mann da vorn seine ganze Seele in die Bitte um Ruhe und Frieden. So konnte nur beten, wem dieses Gück nicht beschieden war, wer Heimat- und ruhelos von jeder liebgewordenen Stätte den Stab weitersetzen mußte, und dem sich Hunger und Not und Sorge mit einer Selbstverständlichkeit ohnegleichen wie ein düsteres Gespenst an die Sohlen heftete. Das Vögelchen hatte sich auf die Stiege geschwungen und sein Köpfchen nach allen Seiten gereckt und die Federn aufgeplustert, daß sie ihm sogar von seiner Goldkehle gleich einem Bärtchen herabhingen, und hatte mitgesungen, nicht mehr in einzelnen abgerissenen Takten, nein so hell, so klar, so innig, als verstünde es die Sorge und das Leid seines Herrn und müsse an seinem Teile mitwirken, das göttliche 'Erbarmen auf ihn herabzuflehen, damit ihm endlich auf Erden eine Stätte der Ruhe und des Glückes werde. War es noch nötig, daß der Rabbiner dem Fürsten das Verständnis des Gebetes erschloß? — Bedeutenden Menschen ist es gegeben, schon aus Einem Blick, einer Gebärde, einem Aufschrei tief in des arnjera Seele zu lesen. Und der Große. Kurfürst las in der des, Mannes alle Sorgen und Nöte Israels. Das klgiße Vögelchen aber, das da vorn so wacker mitsang, es hatte an dem Erbarmen, das milde in dem Herzen des Kurfürsten aufging, noch seinen besonderen Anteil. Wer sich so liebend zu einem kleinen hilflosen Wesen neigte, an wem eines der geringsten Geschöpfe des himmlischen Vaters mit solcher Neigung hing, der konnte gewiß kein böser Mensch sein. Und die Männer ringsherum, sahen sie aus wie Bösewichter? — Verlassen Bösewichter ihres Glaubens wegen Heimat und Vaterland, um in der Fremde einem fragwürdigen Schicksal entgegenzugehen? — Fest stand der Entschluß in seinem Herzen, er wollte der Gemeinde seinen starken Schutz leihen. „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, der Fülle der ganzen Erde ist seine Herrlichkeit!“ klang es voll tiefer Weihe vom Altäre her. Der Gottesdienst näherte sich seinem Ende. Da machte der Maußer den Kurfürsten leise darauf aufmerksam, daß jetzt das Gebet Alenu Leschabbeach komme, das die Juden zur Lästerung des christlichen Glaubens benutzten. Der Kurfürst wehrte äb; er glaubte nicht mehr, daß die Juden die christliche Religion schmähten und den Heiland lästerten. Dem Maußer winkte er, er solle sich aus dem Gotteshause entfernen. Versunken saß der Fürst jetzt da. Erst als der Gottesdienst geendet hatte und tiefe Stille eingetreten war, ermannte er sich, und als er sich erhob, sah man eine Träne in seinem Auge glänzen. Der Rabbiner und die Vorsteher geleiteten den hohen Gast zur Tür. Am Eingang drehte sich der Große Kurfürst noch einmal um, und, indem er sich zu dem Hausvogt und zu den ihn geleitenden Männern wandte, sprach er bedeutsam die folgenden Worte, die man auch in seinen Edikten niedergelegt findet: „Ich will, daß über keines Untertanen Gewissen und Religion jemals einige Gewalt geübt, noch auch wegen ungleichen Glaubensbekenntnisses jemanden angefeindet, sondern allen und jeden gleiche Gnade und Beförderung widerfahren lassen. Ich bin überzeugt, daß gleich wie der Satan kein schädliches Gift in die Lande ausgießen kann, aU wenn er bei ungleicher Religion Anlaß nimmt, zwischen Obrigkeit und Untertanen, zwischen Bürgern und Mitbürgern Mißtrauen, Bitterkeit und Haß einzupflanzen. Es soll endlich die göttliche Wahrheit, sie möge sein, bei welchem Teile sie wolle, überall Platz finde und erkannt werde.“*) Damit lüftete der Kurfürst seinen Hut und verließ mit Lonicerus das Gotteshaus. Inderjudengasse. Der Nachtwächter rief auf dem kleinen Jüdenhofe die elfte Stunde aus. Die Laternen, die laut kurfürstlicher Verordnung in diesem Winter in Berlin eingeführt wurden, erleuchteten mit mattem Schein den Platz. Jetzt ging der Hüter der nächtlichen Ordnung an der Judenschul vorüber. Der Mann mit dem umgehängten Wächterhorn und dem langen Spieß an der Seite war unzufrieden. Es wurde immer ärger in Berlin! — Wozu brauchten nachts Lampen zu brennen! — Würde der liebe Gott das gewollt Siehe Martin Philippsohn, Der Große Kurfürst, Bd. 3! haben, so hätte er nicht die Nacht dunkel gemacht! Und wie schön hatte es sich früher da drüben .in der finstern Judenecke geschlafen! -- Ja, ja, es ging gegen ihn und den lieben Herrgott! — Der Satan da aus der Judenschul hatte nun ja sogar die Kurfürstliche Durchlaucht in seine Fangarme genommen — der Gevatter Kupferschmied hatte ihn vor wenigen Stunden da herauskommen sehen. — — Horch, trieb da nicht schon wieder der Judenvorbeter seine böse Zauberei? — Scheu glitt der Wächter an der Laterne und der Judenschule vorüber. * Ja, es hallte noch spät die Stimme des Vprbeters in die stille Judengasse, und das kleine gelbe Vögelchen tirilierte mit: „Dich will ich preisen, Herr, erhört hast Du mein Flehen und hast mir in meiner Not Hilfe gesandt. Der Stein, den die Bauleute verworfen« ist zum Eckstein geworden. Von Gott ist dieses geschehen, Das so wunderbar ist in unsern Augen. Diesen Tag hat der Ewige gemacht; Darob juble und frohlocke ich!“ Meister Maulwurf. Eine Erinnerung aus dem Kriege. Von Doris Wittner. _ (Nachdruck verholen.) Er war im bürgerlichen Leben Totengräber. Einer kleinen jüdischen Gemeinde. Ein schlichter, besinnlicher Mann, der sicher nicht den Geist seines großen Kollegen aus dem fünften Akte Hamlets besaß, der aber doch im steten Verkehr mit der Vergänglichkeit und — Vergangenen sich eine stille, über den Dingen stehende Betracht - samkeit angeeignet hatte. Er hatte keine Illusionen. Wer Tag für Tag die braune Erdkrume lockerte, um die kunterbunten Menschenschicksale mit all ihren Hoffnungen und Enttäuschungen, ihren Sehnsüchten und Bitternissen darein zu'betten, der wußte — auch ohne jemals die Sprüche Salomonis gelesen zu haben —, daß alles eitel ist und nach dem Wind hascht. Nach dem Wind, der über rostrote Aecker fährt oder schmeichelnd durch das linde Frühlingsgrün des Weidenbehanges streicht. Wenn der letzte Schollenwurf fiel, dessen dumpff kollernden Ton der Totengräber als den Begleitrhythmus seines Daseins im Ohre trug, dann loschen die Lichter jedes Wahns und jedes Wähnens. Das wußte der wackere Pionier des großen Nichts aus seiner langen pflichteifrigen Laufbahn, und darum war er im Leben den großen Worten und großen Gebärden aus tiefster Seele abhold. Er schaufelte. Maß den Wohnraum für seine stillen Gäste ab. Und schaufelte wieder. Tat treue, ordentliche Arbeit. Als einer, der nicht von dem Posten weicht, auf den ihn das Schicksal gestellt hat. Verheiratet hatte sich der brave Mittler zwischen hüben und drüben nicht. Vielleicht hatte die viele echte Witwentrauer, deren Zeuge er oft genug gewesen, vielleicht auch mehr noch die unechte Trübnis, die er häufig am Rand der schwarzen Grube sich hatte spreizen sehen, den Entschluß zur Zweisamkeit des Lebens aus seinem Kopfe gescheucht. Vielleicht hatten die vielen Wäisentränen, die über seinen Weg geflossen, ihm den Wunsch aus der Seele gewaschen. Er war allein. Und blieb allein. Und fühlte sich wohl nur draußen, auf dem umfriedeten Boden, in den alle Menschenqual und Menschenfreude mündete. Wenn er an freien Tagen oder gar des Abends zuweilen durch die lärm- und lusterfüllten Gassen der Stadt streifte oder womöglich eine der billigen Gaststuben aufsuchte, wo harmlose Bürger sich harmlos vergnügten, überkam ihn bald eine drückende Schwermut, und er sehnte sich wieder hinaus auf das schweigende Feld, zu den schweigenden Menschen, denen er ihr letztes Heim bereitet. Er vermißte mitten im Leben seinen großen Gönner und Brotherrn — den Tod. / So mochte er schon nahezu ein Jahrzehnt den Dienst als Schrittmacher der Ewigkeit mit der Gewissenhaftigkeit einer ehrlichen Beamtenseele geübt haben. Der Verkehr mit den Stummgewordenen des Lebens hatte auch ihn vorzeitig zu einem wortkargen Mann — einem Silbensparer, wie Bekanntenspott ihn hänselte — gemacht. Er liebte die große Lautlosigkeit, und er wußte, daß Reden letzten Endes keinen Sinn hatte. Irgendwo, irgendwann einmal hatte er ein schönes Wort gelesen „von dem Königssohn Uffe, der nie ein Wort gesprochen hatte, weil nichts der Rede wert war.“ Dieser Königssohn Uffe war des Totengräbers Mann. Und dann plötzlich kam alles ganz, ganz anders, war es vorbei mit Beschaulichkeit und der Einsamkeit der Gottesflur. Der Kriegsruf scholl über die Lande. Trommelwirbel gellte und eiserne Trutzlieder durchschnitten die Luft. Da half es nichts. Auch Freund Heins ergebener Diener, der das Geheimnis des großen Schweigens kannte und als den Talisman seines Lebens hütete, wurde dem Beruf, den er liebte, mit rauher Hand entrissen. Es gab jetzt wichtigeres, als die paar bürgerlichen Toten zu besorgen, die da täglich den Weg vom Etwas ins Nichts zurücklegten. Das würde ein Anderer, nicht mehr Militärpflichtiger, ebenso gut können. Und keiner ahnte, wie schwer hier — gerade hier — einem Manne die Trennung von der ihm ins Herz gewachsenen Tätigkeit fiel; wie jemand hier — gerade hier — von einem allerpersönlichsten Arbeitsfelde schied. Denn schließlich: der Behörde mochten es eben irgendwelche gleichgültigen bürgerlichen Toten sein, die da draußen bestattet waren oder bestattet werden wollten; ihm aber, der ihnen ihre Wohnungen gerichtet — und mit Liebe gerichtet — ihm waren sie mehr; ihm hießen sie Verwandte, Freunde, Schützlinge. Und schweren Herzens ging er von ihnen, von „seihen" Toten. An jenem strahlenden Augustmorgen, als noch die Rosen blühten. Der Totengräber wurde in einen der überfüllten Militärzüge gepackt. Mitten zwischen lachende, lärmende Burschen, die den Erregungen iher Seele mit singenden Kehlen Luft machten. Der Totengräber fühlte sich sehr unglücklich in ihrer Mitte. Er war fröhlicher Menschengemeinschaft entwöhnt. Seine Genossen, die Toten, sangen nicht. Er begriff darum die Blumen, die Fahnen und die Lieder der Kameraden nicht. Auch nicht ihre Lust an glitzerndem Tand. Er war eben zu sehr gewöhnt, die Dinge vom letzten Punkte der Rückschau aus zu betrachten und —. zu werten. Und da ward ihre bunte Wichtigkeit zu leicht zu blasser Nichtigkeit. Auch der erste Teil des Feldzuges, den der Toten* gräber mitmachen durfte, brachte ihm wenig Befriedigung. Kilometerfresserische Eilmärsche tagaus, tagein. Woher hätten seine Füße, die sich ständig im engen Geviert des Gottesackers bewegt hatten, diese Schulung nehmen sollen? Und dann durfte man doch auch nicht vergessen: er gehörte ja einem Stamme an, der zwar immer viel gewandert (vierzig Jahre allein durch die Wüste, zweitausend Jahre durch die Weltgeschichte), aber sicher nie viel marschiert war. Es war also nicht allzuviel mit Hurra und Bravour. Man mußte schon froh sein, wenn man den beherzt vorwärtsstürmenden Waffenbrüdern kümmerlich nachlahmte und ohne allzu derbe Rüffel der Vorgesetzten davonkam. So ging es — schlecht und recht —, bis des Feldzugs zweiter Teil einsetzte, das heißt, bis der kühne Aufmarsch und forsche Angriff zum Stehen kam und in befestigten Stellungen mündete. Es hieß jetzt, den Erdboden als natürlichen Verbündeten heranzuziehen und auszunützen. Und da geschah es plötzlich, daß der Totengräber aus seinem bisherigen unrühmlichen Dunkel hervortrat in das Licht der Auszeichnung und Besonderheit. Von dein Augenblick an, wo er einen Spaten in die Hand bekommen hatte, war der Mann wie verwandelt. Mit Augen, die naß vor Rührung waren, hatte er zuvörderst diesen Spaten betrachtet. Das war ja das Werkzeug, womit e r dichtete. Jetzt war er wieder er selbst. Jetzt fühlte er sich wieder zu Hause. Der Spaten schenkte ihm Heimat. Und er schaufelte ... Und er grub ... In der Kompagnie war es bald bekannt, daß keiner gleich ihm es verstünde, einen Schützengraben auszuheben, eine Batteriedeckung aufzuwerfen, eine wohnliche Erdhöhle zu graben. Ein paar Stiche mit dem geliebten Spaten, — und das komfortabelste unterirdische Gelaß war fertig. Es störte den Emsigen auch nicht, daß der rasche Witz — oder Fürwitz — der Gefährten von seiner Eigenart bald einen Spitznamen ableiiete, der ihn „M e i s t e r Maulwurf" benamste. E: fühlte sich mit einem Schlage wieder ebenso nützlich und wohl, wie er sich vordem überflüssig und elend gefühlt hatte. Seine Selbstachtung wuchs mit seiner Leistungsfähigkeit. Wenn „Meister Maulwurf" den Spaten in der Hand hatte, kannte er nicht Müdigkeit, noch Gefahr. In seiner Lieblingsbeschäftigung störten ihn weder das Zischen der Schrapnells, noch die Infanteriegeschosse mit ihrem aufreizenden Piu-Piu. Er arbeitete. Was ging der Höllenlärm ringum ihn an? Mochten die da drüben ruhig funken! Er schuf unbeirrt: saubere, ordentliche Arbeit. Als er eines Tages — ungeachtet starken feindlichen Feuers —- einen Erdwall aufgeworfen und die bedrohte Position nicht eher verlassen hatte, als bis er seine Pflicht unter Einsatz des eigenen Lebens erfüllt, erhielt er das Kreuz von Eisen als sichtbaren Lohn seiner Tapferkeit. Schweigend wie immer nahm er die Auszeichnung hin, betrachtete das stählerne Sinnbild mannesmutiger Tat eine Weile nachdenklich. Was wohl die Toten daheim, unter der ihm anvertrauten Gotteserde dazu sagen würden, daß er, ihr Hüter, zu solch hoher Ehrung gelangt war? Aber dann plötzlich besann er sich dessen: auch sie, seine Toten, nahmen oft gar manchen krausen Schnickschnack an Würden und Ehrenabzeichen mit in die kalten feuchten Wohnungen, deren Mietskontrakt auf die Ewigkeit lautete. Und schließlich ... „alles ist eitel und hascht nach dem Wind." Ohne Hochmut drum, aber auch ohne Demut, heftete Meister Maulwurf das Kreuz auf seine Brust und — werkte weiter. Blutig ward der Krieg. Kostete viel blühendes Leben. Schwer und schwerer ward es, die Toten, die man verlor, zu bestatten. Das feindliche Feuer verwehrte es oft, den Boden, auf dem die Opfer gefallen, nochmals zu betreten und die Ernte des großen Schnitters einzubringen. Hart ist die Not, härter die Notwendigkeit. Man mußte draußen liegen lassen, was lag, wollte man nicht immer neue Menschenlose fällen. Da war es wieder Meister Maulwurf, der wortlos wagte, was Wahnwitz schien. Er schritt hinaus auf die öden« feuerüberschütteten Felder, wo die toten Kameraden ruhten. Nicht Grauen noch Furcht wandelte ihn an auf der makabren Flur. Der rote Tod, der den schwarzen Schrecken über die Schollen trug, hieß ihm kein Feind, und der Verkehr mit Gewesenen war ihm vertraut, — aus langer Uebung lieb. Sie zu bergen, konnte Lebensaufgabe bedeuten. Und er schaufelte ... Und er grub ... Und rastete nicht, ehe denn jeder Kamerad in Feindeserde eine ordentliche, honette, wöhlausgemessene Wohnstätte erhalten hatte. Er wußte nichts davon, daß sein Hauptmann ihn für eine Tätigkeit von beispielloser Selbstaufopferung und Heldenmütigkeit zur ersten Klasse des Eisernen Kreuzes eingegeben hatte. Er wußte ja selbst nicht, daß er ein Held war. . . Aber eines Tages kehrte auch der Hauptmann nicht wieder. Und Meister Maulwurf schritt hinaus. Und fand seinen Hauptmann weit, weit draußen ... Seine Lippe schien noch zu beben, seine Brust noch zu hauchen. Da hob Meister Maulwurf ihn auf Arme, die stark wurden vom Zwang der Stunde, und trug ihn durch eine traurige Nacht. Und erst, als die Last schwer und schwerer ward, merkte er, daß er wieder das Grabscheit würde brauchen müssen. Und wieder schaufelte ... und wieder grub er ... und vollendete sein Werk. Aber die fahle Dämmerung, die schon über die Fluren kroch, ließ seine Silhouette sich scharf gegen einen erblassenden Horizont abheben. Der Feind sichtete den seltsamen Schattenriß ... und schon kam es gezischt, geknattert, gefaucht. Pss .. Pss .. Piou.. Piou .. Ausschwärmende Kameraden fanden „Meister Maulwurf“ zusammengeschossen am Rand des offenen Grabes, den toten Hauptmann in seinen Armen. Er konnte nur noch wenige Worte stammeln: „Kameraden ... bitte ... man soll mir ein ordentliches, sauber geschüttetes Grab graben ..." Sie gruben ihm — mit seinem eigenen Spaten, diesem treuen Werkzeug eines treuen Mannes — sein Grab. So fein und ordentlich und sorgfältig, wie er selbst es nicht hätte besser machen können. Und auf die Brust hefteten sie ihm die erste Klasse des Eisernen Kreuzes, die am Abend zuvor eingetroffen war. Und dann salutierten sie sämtlich und erwiesen dem „Meister Maulwurf" alle Ehren eines toten Helden.