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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-07-18 · 23 (18.7.1924) · page 9

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
23 (18.7.1924)
Date
1924-07-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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4. Jahrgang Nummer 23 FWchLberaleZeÜimg Aus den Gemeinden. Der Haushallelat der jüdischen Gemeinde zu Berlin für 1924. Besprochen von BenaS Levy. In der Repräsentanten-Sitzung am Donnerstag, den 10. Juli, wurde der Etat en bloc und ohne Debatte in erster und -weiter Lesung angenommen. Das ist sicher noch nie dagewesen. Aber es gibt eine Erklärung dafür. Der Etat %ft vom Vorstand der Gemeinde mit Sorgfalt und nach langen Beratungen zusammengcstellt worden. Der Etatausschutz der Repräsentanten hat eingehend darüber diskutiert, aber bei den Debatten zeigte es sich deutlich, daß dieser Etat nur auf Schä^ngeMund nicht auf fester Grundlage aufgebaut war. Ob diese Schätzungen zutreffen, das kann erst die wirtschaftliche Entivickelung des nächsten halben Jahres zeigen. Es war ausgeschlossen, die Ausgaben im Jahre 1923 dem Etat zu Grunde zu legen, denn diese gewaltigen Ziffern geben nur ein falsches Bild von dem wirklichen Verbrauch. Die Jstausgaben des Jahres 1914 sind für das laufende Jahr auch nicht mastgebend, da in der Zwischenzeit grotze Veränderungen eingetreten sind. Es mußten also die Ausgaben in den ersten drei Monaten des Jahres 1924 der Berechnung zu Grunde gelegt werden und diese führt zu einem recht unsicheren Resultat. Seit zehn Jahren kann die Gemeinde einen zuverlässigen Etat nicht mehr vorlegen. Die Kriegsereignisse haben umwälzende Veränderungen auf allen Gebieten hervorgerufen, die sich in der Verwaltung der jüdischen Gemeinde deutlich ausprägten. Vor allem aber haben die letzten Jahre mit dem Verfall der deutschen Währung auch in der Gemeinde eine verheerende und zerstörende Wirkung ausgeübt. Von den Stiftungen, die 20 Millionen betragen haben, und die zümeist in mündelsicheren Hypotheken und Effekten angelegt worden sind, ist nichts übrig geblieben. Die Verpflichtungen, die der Gemeinde bej der Annahme auferlegt waren, bestehen weiter, aber die den Wohltätigkeitsanstalten zugedachten Zinsen sind verloren gegangen. Es ist anzuerkennen. daß in dem Etat ein größerer Betrag von 000 000 — Mark eingestellt worden ist, um zu versuchen, hier Abhilfe zu schaffen. Aus den Zinsen dieses Betrages sollen die Verpflichtungen, die die Gemeinde übernommen hat, Gräbererhaltung und Unterstützung der Wohltätigkeitsanstalten. wieder erfüllt werden. Wenn es gelingt, alljährlich einen gleich hohen Betrag zur Auffüllung des Jnflationsverlustes zu reservieren, werden die Stiftungszinsen bald wieder flüssig gemacht und der erlittene Schaden wird nach und nach wieder ausgeglichen werden können. In ähnlicher Weise wie bei den Stiftungsgeldern hat die Inflation auch die Schulden der Berliner jüdischen Gemeinde hinweggefegt. Die aufgenommenen Anleihen und Hypothekenforderungen betrugen 13 Millionen Papiermark. Ein Teil dieser Schulden muß nach den gesetzlichen Vorschriften im Jahre 1932 mit 15 Prozent aufgewertet werden. Es soll auch hierbei versucht werden, durch eine gleichmäßige Aufwertung in Höhe von 15 Prozent mit allen Gläubigern der Gemeinde ein Abkommen zu treffen. Die Aufwertung soll, je nach der Laufzeit der Anleihen, in 10 bis 20 Jahren getilgt werden. Ein Betrag von 150 000,— Mark soll hierfür in den Etat eingestellt werden. Hierzu kommt noch die übliche Auffüllung des Reservefonds mit 50 000,— Mark und der Zuschuß zum 3. Amortisationsfonds mit 60 000,— Mack. Die Kosten für die drei Verwaltungsgebäude Oranienburger Straße 28, Rosenstratze 2/4 und Auguststraße 17 betragen 60 000,— Mark, di« Zinsen auf unkündbare Schulden 1792,— Mark So8rit nimmt die Vermögensverwaltung lKapitel V) insgesamt 921 792,— Mark in Anspruch. Sämtliche sechs Kapitel des Etats ergeben, um das wichtigste vorwegzunehmen »eine Ausgabelast von 6146837,— M. der stehen gegenüber die Gesamteinnahmen von 2510771— „ so daß 3 636066,— „ im Jahre 1924 durch Steuern aufzubringen sind. Vergleicht man hiermit die Summe der im Jahre 1914 eingegangenen Steuern von 3 429 711,— Mark, so wird die ungefähre Uebereinstimmung zwischen den beiden Jahren in die Augen fallen. Die Summe ist an und für sich betrachtet sehr hoch, doch darf nach den Steuereingängen des ersten Halbjahres angenommen werden, daß es möglich sein wird, die Steuern in dieser Höhe einzubringen, damit ein Defizit vermieden wird. Von den Ausgaben, die von der Jüdischen Gemeinde zu leisten sind, interessieren die Allgemeinheit besonders die Kosten für die Synagogen und für die festgottesdienstlichen Veranstaltungen. Die Preise für die Eintrittskarten mußten in diesem Jahre wesentlich erhöht werden, um die gesteigerten Ausgaben zu decken. In vielenMeeisen, die bei der jetzigen kritischen wirtschaftlichen Lage Me Mehrausgaben schwer empfinden, ist große Unzufriedenheit hierüber entstanden. D-och ist dafür gesorgt worden, daß alle diejenigen, deren Einkommen und deren Steuerzahlungen nicht die Möglichkeit bieten, die Mehrkosten zu bestreiten, auf Antrag Ermäßigung erhalten. Es bedarf bei der Erneuerung der Synagogenplätze nur «der Ausfüllung eines Formulars und der Vorstand wird allen berechtigten Wünschen en rgenkommen. In diesem Jahre werden 32 Hauptgottesdienste und 15 Jugendgottesdrenste an den hohen Feiertagen abgehalten werden. Die in Berlin bestehenden zehn Synagogen decken die Unkosten, die der Gottesdienst verursacht, aus ihren Einnahmen. Einzelne Gotteshäuser, wie die in der Fasanenstratze und Lützowstraße bringen je 30000 Mark Ueberschuß. Allerdings sind die Gehälter der Rabbiner und Kantoren, die Ausgaben für die Erhaltung der Gebäude und für die allgemeinen Bürokosten hierbei nicht berücksichtigt, da diese der Gemeindeverwaltung zur Last fallen. Es wird erstrebt, daß in Zukunft die Synagogen sich selbst erhalten und selbständig werden, da dies bei der in Aussicht stehenden Parochialeinteilung erforderlich sein wird. Die Einnahmen und Ausgaben der einzelnen Synagogen stellen sich im Jahre 1924 nach der im Etat vorgenommenen Schätzung folgendermaßen: _Einnahme Ausgabe Plätze Alte Synagoge 16700 M. 16700 M. 1042 Synagoge Kaiserstraße 28 300 „ 19 450 „ 1355 Synagoge Rykestraße 30 400 „ 26 725 „ 1969 Synagoge Kottbuser Ufer 27 200 „ 19 000 „ 1823 Synagoge Pestalozzistratze 22 200 „ 17 650 „ 699 124 800 M. 99 525 M. 6888 Plätze in den orgelfreien Synagogen. Nene Synagoge 31600 M. 31600 M. 2697 Synagoge Lindenstraße 45 500 „ 25160 „ 1753 Synagoge Lützowstraße 57 400 „ 23 200 „ 1853 Synagoge Fasanenstraße 66 400 „ 34 100 „ 1981 Synagoge Levetzowstraße 45 300 „ 28 200 „ 2107 'M 200 M. 142 250 M. 19391 Plätze in den Orgel-Synagogen. Die feftgottesdienstUchen Veranstaltungen erfordern einen Zuschuß von 165 225 M. da die Ausgaben 315 225 Mark betragen und die Einnahmen auf 160 000 Mark geschätzt werden. Die an die Religionsvereine zu zahlenden Subventionen sind auf 150 000 Mark festgesetzt, wozu noch 40 000 Mark für die Schulen dieser i Vereine hinzuzurechnen sind. 2. Beilage 18. Juli 1924 Zur Ergänzung fei noch Hinzugefügt, daß die Gehälter für die im Amt befindlichen Rabbiner und Prediger 101 000 SR« für die Kantoren 86000 m betragen, und daß in Aussicht genommen ist, drei Rabbiner und drei Kantoren neu zu engagieren. Das Beerdigungswefen verursacht 346 600 M. Ausgaben, da die Einnahmen 291600 „ betragen, wäre ein Betrag von 55 000 M. zuzuzahlen« Die Friedhofsgärtnerei bringt bei 470 000 M. Ausgaben und voraussichtlich 526 000 „ Einnahmen» einen Ueberschuß von 65 000 M. so daß die Gemeinde nicht nötig hat, «inen Zuschuß zu leisten, Die Gesamtausgaben für sämtliche Kultus- und Ritualangelegenheiten einschließlich Beerdigungswesen sind für 1924 auf 1879 750 Mark geschätzt. Ein neues Kapitel ist im Etat geschaffen unter dem Titel „Allgemein jüdische Angelegenheiten", und hierfür sind 140 000 Mark Ausgaben vorgesehen. Hieraus sollen für die Gesamtorganisation, für den jetzigen Landesverband 60000 Mark Beitrag gezahlt werden, und die Subventionen für die Hochschule, für die Wissenschaft des Judentums, für die Rabbiner-Seminare und für die Jüdische Akademie usw. bestritten werden. Neu ist ferner die Organisation des Wohlfahrtswesens in unserer Jüdischen Gemeinde. Die frühere Armenkommission, die Fürsorgekonimission, die Waisenkommission sowie die Kommission zur Unterstützung hilfsbedürftiger durchreisender Juden haben aufgehört zu existieren. Dagegen ist als Konzentration aller Wohltätigkeitseinrichtungen das Wohlfahrtsamt ins Leben gerufen worden, das unter der bewährte» Leitung des Herrn Eugen Caspary eine umfaffende und segensreiche Wirksamkeit entfaltet. Das Wohlfahrtsamt hat sich bisher selbst erhalten können und hat die ihm zugefloffenen Spenden besonders von dem Joint Distribution Commitee in Amerika auch den Wohltätigkeits-Anstalten zukommen lassen können. Die Anstalten sind jetzt wieder ganz der Obhut der Gemeinde unterstellt und das Wohlfahrtsamt ist bestrebt, der allgemeinen jüdischen Not zu steuern. Es bedarf hierbei der Unterstützung und Hilfx aller Gemeindemitglieber, um diese schweren Aufgaben, bei der heutigen kritischen wirtschaftlichen Lage erfüllen zu können. Im Etat ist für das Wohlfahrtsamt ein Zuschuß von 325 424 M. vorgesehen, für die 3 Altersversorgungsanstalten 100 000 „ für das Hospital 50 500 „ für das Krankenhaus bei einer Ausgabe von 621 600 M. und Einnahme von 461 600 „ 160100 „ für das Reichenheimsche Waisenhaus 30 185 h und für das II. Waisenhaus der Jüdischen Gemeinde in Pankow 47 000 „ insgesamt erfordern die Z u s ch ü s f e für das Wohlfahrtswesen 713 209 M. Ein umfangreiches Kapitel des Etats bildet das Untere richts- und Bibliothekswesen der Gemeinde. Die beihe» Gemeindeschulen sind in öffentliche Mittelschulen umgewandelt worden. Der Beitrag zur Landesmittelschulklasse wird ausgeglichen durch den Betriebszuschuß, Ser von der gleiche» Stelle gezahlt wird. Die Lehrerbildungsanstalt wird nur noch bis 1. April 1923 bestehen untz für die Ausbildung jüdischer Lehrer und. Kantoren wird in Zukunft in anderer Form gesorgt werden müssen. Zu den Ausgaben für die Religionsschülen treten jetzt auch die Kosten für den Religionsunterricht an den Schulen der subventionierten Vereine. Seitens der Gemeinde sollen Kurse zur Fortbildung der reiferen Jugend in Religion und in hebräischer Sprache neu eingerichtet werden. Damit soll einem längst gefühlten Bedürfnis entsprochen werden, denn die reifere Jugend im Alter von An Gott! Von Rabbiner Dr. Gottschalk. I. Gepeitscht von tausend Lebensnöten, Durchrast von wildem Schmerzensfieber — So qualvoll kann das Leben töten! — Schrie ich: Ach geh, ach, geh vorüber! . Verweinte Nächte — leere Tage! Ach, grausam bittres Schicksal du! Ach, höre, höre weine Klage! Erlösung sende! Grabes-Ruh! Da — wie der Blitz aus Wolken bricht , Und Flammen lodern jauchzend auf, Und tausend Feuer strahlen Licht, Und Donner folgen seinem Lauf: So strahltest ü u in meinem Dunkel, Gott, auf — wie tausend Sonnen! Sie glühen rings! Und rings ein Funkeln! Hell leuchten meines Gottes Wonnen! Vergessen sind die wilden Klagen, Und lodernd grüßen Lebensflammen!" Und neue Freudenfeuer schlagen Hell jubelnd über mir zusammen! II. Entrückt der Erde Dunst und Enge, Entrückt dem quälenden Geschick — Gewalt'ger Bergesriesen Gipfel Türmt machtvoll sich vor meinem Blick — Steh ich erschauernd. rvonnehebenö Vor dir, du Rätsel Leben, da! Hoch über allen Dünsten schwebend, Jauchze ich freudig dir mein ja! Ich will dich, herrlich schweres Leben! Will dein Erschüttern, will dein Spiel! Will mit dir jubeln, mit dir beben! > n Ich will dich — führe mich ans Ziel! Und ob ich ewig einsam bleibe — Mein Freund nur meines Herzens Schrein — Ich will dich herrlich schweres Leben, Weil meine Sehnsucht Gott allein! III. Ich schau dich nicht, Ick ßör dich nickt. Flammst doch um mich Wie strahlend Licht! Ich schau dich nicht, Ich hör dich nicht, Und küsse doch Dein Angesicht! Ja, himmelsfern — Und dennoch nah! Ich fühle, fühle: Du bist da! Zwei Dichtergeburlslage. In dieser Woche feierte das deutsche Volk die Geburtstage zweier seiner besten und verehrüngswürdigen Dichter. Am 18. Juli wurde Rikarda Huch sechzig und am 15. Juli Wilhelm von Scholz fünfzig Jahre alt. In dieser Zeit härtester seelischer und materieller Not, die wohl noch schlimmer ist. als die Zeit nach dem Dreißigjährigen Kriege, ist unser geistiges G u r d as höchste und letzte, das wir besitzen, und es war eine Genugtuung, zu beobachten. wie begeistert und allgemein der beiden Festtage in ganz Deutschland gedacht wurde.« An der ungeheuren Kultucerscheinung. die das Judent u m in sich schließt, sind die beiden Dichter nicht achtlos vorübergegangen. In ihrer phantastisch-grotesken Novelle „Das Iudengrab" zeichnet Rikarda Huch einen liebenswerten und edlen Juden, dem seine christlichen Mitbürger aus religiösem Fanatismus noch im Grabe keine Ruhe lassen möchten, und in ihrem wundervollen Werk „Der Sinn der heiligen Schrift" spricht die Künstlerin tiefe und einprägsame Worte über das größte Buch, das die Menschheit je hervorgebracht hat. Leider hat die Dichterin sich in den letzten Jahren — verwirrt durch die Bitternisse unserer Zeit — auch zu ungerechten Aeutzerungen über das Judentum hinreißen lassen. Wilhelm von Scholz* bestes Drama ist eine sünfaktige Judentragödie „Der Jude von Konstanz", ein bedeutendes. sprachlichhohes Trauerspiel, eine der seltenen, wahrhaft heroischen Tragödien, die unserer Generation gelungen sind. — Scholz gehört einer alten deutschen Adelssamilie an und steht allen jüdischen Dingen als Outsider gegenüber. Desto bewundernswerter ist es. daß es ihm m so vollendetem Maße gelungen ist. jüdisches Leid zu gestalten. Im historischen Rahmen einer Judenverfolgung aus dem 14. Jahrhundert wird das Schicksal des jüdischen Arztes Nasson geschildert, das Schicksal einer edlen, genialen Spinozanatur. die sich von dem Schmutze und der erbärmlichen Gesinnung ' dieser Welt angewidert, freiwillig dem Tode.ausltefert. Eine große Reihe feinsinniger und tiefer Gedichte. Dramen, wissenschaftlicher Werke, herrlicher Reiseschilderungen bilden das Lebenswerk dieses ausgezeichneten Autors, dessen letztes Drama: „Der Wettlauf mit dem .Schatten" übersetzt in vielen europäischen Hauptstädten aufgeführt wurde. Die würdigste Feier dieser beiden Dichter ist — das Lesen ihrer Bücher: sie sind fast alle große Erlebnisse! Sie bieten einem wahrlich mehr, als die schalen Vergnügungen der Städte, deren Kino- und Operettenaufftthrungen den tiefer veranlagten Menschen unserer Tage nicht zu bereichern vermögen. Hohelied Bon Arthur Silbergleit, Berlin. Badet, o Jünglinge und Jungfrauen, eure Gewänder im Wein und salbt eure Füße mit Mandelöl und Rosensaft! Denn Jehovas Szepterträger und Liederfürst. Messias, naht im Mantel der Morgenröte von seiner Zinne und Veste der Aether und Aeonen. Die Saiten seiner Lautenspiele sind ihm hymnische Treppen, die ihm auf seinem Grmge herrlich lobpreisen: Zerbrecht Pfeil und Bogen und die Schleudern eurer Hände, denn der Wurf und die Spannkraft seiner Worte reichen weiter als alles, was die Lüfte durchschwirrt, als Turmfalk und Schwalbe, Geier und Taube, und seine Sprache kann oft schärfer aufklirren als das Erz eines Kriegerschildes. Alles Gold und Silber der Tempelgeräte schimmert oft eingeschmolzen in dem Glanze seiner Stimme, und mit der Lauterkeit seines Gesanges wetteifern die klingenden Kristalle der Ströme. Was ist ein Weinberg? Er grünt im Lenz, er breitet sich gleich einem goldenen Fächer im Sommer, er brennt im Herbst zur Winzerwonne im Feuer seiner Reben, er überwintert unter Schneegewölk und Maiengrün und Schalmaienlaut wecken ihn zu neuem Leben. Was ist ein Wipfel? Ein in erstarrter Wanderleidenschaft angewurzelter Ahasver. Du aber, ewiger Frühling, Sommer, Herbst und Winter unserer Gefühle» wandelst von Ring zu Ring der Monde mit ungeminderter Kraft, du prangst durch alle Jahreszeiten in gleicher Pracht und Fülle. Die Gesänge der Vögel versammeln sich in deinen Psalmen, und deine Weisen wiegen sich bald weich wie Sänften, bald rollen sie wie die Räder deines SiegeSwagens dahin. Deine Dichter sind nur Wilderer im Hochwald deiner Gedanken und Gefühle. Ohne Zuversicht *z» dir schleppt kein Schiffer seine Frachten durch die Salzslut der Meere: du, o. Durchforscher der Höhen, bist ihm zugleich Lot und Senkblei der Tiefen, sein unerschütterlicher Grund und fetter Anker. Wie im dunklen Schacht dem Bergmann funkelst du uns in der Nacht der Finsternisse als Lampe der Erleuchtung, als Licht des ewigen Lebens. Du schreitest den Verirrten als Feuerfäule in fürstlicher Führerschaft voran. Alle Karawanen suchen dich, und der steile auch ans ihrem Zeltlager strebt beglückt zu dir. Jede Hütte wandelt sich dir zum Tempel, jedes Haus zu einer Friebenswelt, jede Jeiichorose duftet deinen Atem, und jedes Herz wird der« jubelndes Jerusalem.

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