Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 23 (18.7.1924)
- Date
- 1924-07-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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BUCHERSCHAU Wort« der Liebe und Verehrung, gesprochen an der Bahre des verewigten Oberkirchenrats Dr. .Th. K r o n e r - Stuttgart. (Verlag D. Weinbaum, Zürich.) Predigten werden heute selten gedruckt, noch seltner gelegen: Philosophische Gedanken lassen sich in der Predigt nur andeuten, nicht gut ausführen; das unmittelbar Packende des gesprochenen Wortes fehlt meist dem gedruckten; liebevolles Sichversenken und Mitleben mit religiösen Bildern und Ideen bringen heute nur wenige Leser auf. und das Vorurteil gegen alles „Pfaffentum“ tut ein übriges. Desto dankenswerter, wenn eine Gelegenheit den Druck einer Predigt veranlaßt! Denn in Wahrheit ersetzt der Druck, was ihm an Stärke der Wirkung mangeln muß, durch Breite, durchWirkung auf größere Massen. Daher ja schon manche Propheten ihre Reden schriftlich verbreiten ließen! — Das vorliegende Heft enthält auf 32 Seiten außer dem Bild Kroners hauptsächlich die Reden, die St.-Rabbiner Dr, Riegcr zum Gedächtnis seines Amtsvorgängers bei der Trauerfeier in der Synagoge und auf dem Friedhöfe am 10. Oktober 1923 gehalten hat. dazu die ergreifenden Worte, die der Sohn dem Vater nachgerufen, und acht Ansprachen von Körperschaftsvertretern. Gegenüber „Worten der Liebe und Verehrung“ schweigt Kritik; sonst müßte sic vom Ideen- und Bilderreichtum, von der Plastik der Charakter- und Lehensschilderung und den religiösen Anregungen sprechen, welche namentlich Ricgcrs Reden auszeichnen. So aber sei mjr gesagt, daß alle, die in Kroncr eine ..Führerpersönlichkeit" verehrt haben, ein seelenvolles Bild seiner Persönlichkeit npit den wichtigsten Daten seines Lebens vereint hier wiederfinden werden. Wie er vom 25. Lebensjahre an als Leiter der jüdischen Lehrerseminare in Münster und Hannover und als Rabbiner in Stadt-Langsfeld (Thür.), Erfurt und Stuttgart gewirkt, überall wichtiges Neues schaffend, besonders im Vereins- und Wohlfahrtswesen, und sich Liebe und Verehrung erwerbend, als charaktervoller Mensch, geistvoller Prediger und religiöser Erzieher, — das tritt lebendig auch dem vor die Seele, der ihn nicht näher gekannt. Am stärksten wirkt anekdotisch Persönliches, so wenn Rieger erzählt, wie der 78jährige Meister wenige Tage vor seinem Scheiden noch als Chathan- Torah selbst „gclaient“ hat. oder wenn Obi. Rothschild betont, wie er die „anfängliche Zurückhaltung" der Lehrerschaft durch seine „Weisheit und Herzenswärme'' überwunden bat — Einen Punkt vermisse ich, ein Wort über Kroners Stellung zu den Parteien im Judentum; nur die Anerkennung des orthodoxen Kollegen verrät, daß er das alte Wort zu erfüllen verstanden hat: „Der wahrhaft Fromme wird allen gerecht." Auch von seinem mannhaften Eintreten für den messianistisclien Pazifismus hätte ich gern ein Wort gelesen. Doch wer kann eine so reiche Persönlichkeit erschöpfen! Dem Fernstehenden wird das Heftchen ungewollt noch etwas Besonderes bringen, nämlich ein Bild von der außergewöhnlichen Mannigfaltigkeit und Regsamkeit des jüdischen Lebens in Württemberg und speziell in Stuttgart, an der sich manche Gemeinde ein Beispiel nehmen kann: Landgerichtsdirektor Stern zählt über ein Dutzend Vereine auf, in denen Kroner gearbeitet hat, z. T. als Mitbegründer, — So wird diese Veröffentlichung nicht bloß den Verehrern Kroners eine liebe Erinnerung sein, sie wird den Amtsgenossen, die ihn in den Vorstand des Rabbinerverbandes gewählt hatten, manche wertvolle Anregung geben, und sie ist schließlich ein kleines Kulturdokument für einen Ygjl des heutigen deutschen Judentums. Fuchs-Chemnitz. Wß Inschriften vom Sinai und ihre historische Bedeutung. Von Dr. Daniel Volte r, Professor der Theologie in Amsterdam. (Verlag I. C. Hinrichs’sche Buchhandlung. Leipzig, 1924. Broschiert, 56 Seiten. Preis 1.80 M.) Es gibt wohl kaum eine wichtigere Quelle für die schlackenlose Erforschung der Geschichte des Altertums als die Inschriften. Während wir uns der Zeitung bedienen, um die breite Masse mit dem Inhalt irgendeiner Angelegenheit bekanntzumachen, nahmen die Alten ihre Zuflucht zu Inschriften auf Holz, Marmor oder Bronze. Hellas und Rom haben den Historikern eine nach vielen Tausenden zählende Menge von Inschriften als nicht genug hoch einzuschätzendps Quellenmaterial überliefert. Gehen wir zur genaueren Erläuterung obengenannter These über und bringen wir folgendes sprechendes Beispiel aus dem Gebiet der Erforschung altassyrischer Zeit: Der Engländer Layard fand auf Grund von Ausgrabungen in Nimruds Ruinenhügeln Paläste, die mit mannigfachsten Inschriften und Skulpturen bedeckt waren. Diese Ausgrabungen wiederholte in den Jahren 1873 und 1874 George Smith, ein Beamter des britischen Museums, und lieferte durch diese Kulturtat das wichtigste Material für die Rekonstruktion der assyrischen Geschichte. Betreten wir nun in demutsvoller Scheu die heiligen Stätten sinaitischen Erlebens, um unser Wissen von der Geschichte unserer Altvordern ein wenig zu bereichern! Eingangs erwähnte Arbeit des Amsterdamer Theologieprofessors Dr. Völter hilft unseren Wissensdurst stillen. Sie stellt ein Referat dar und gibt eine klare Uebersicht über den gegenwärtigen Stand der Erforschung mosaischer Zeit, bleibt aber nicht nur Referat, sondern eröffnet auch Perspektiven kritischer Art, um uns das Lesen der Inschriften und ihre historische Wertung zu ermöglichen. Völters Hypothese, der zu Sopd, einer Stadt der Landschaft Gosen, und im Minengebiet des Sinai verehrte ägyptische Gott Sopd sei gleichzusetzen mit Jahwe, wird von Professor Grimme-Münster bestätigt. Völter stellt die Gleichung auf: In Gosen und am Sinai hielten sich die hebräischen Stämme auf. Zu Sopd in Gosen verehrte man Sopd und im Minengebiet des Sinai. Sopd, der Gott des Luft- und Wolkenraums, wohnt im Dornbaum, und Jahwe, der Gott der Wolken- und Feuersäulc, des Windes, Sturmes und Gewitters, im Dornbusch. Beides sind kriegerische Götter Folglich ist Sopd-Jahwe. Die Verwirklichung der Völterschen Hypothese bezieht sich auf die in jüngster Zeit entdeckten Sinaiinschriften. Völter will eine Bestätigung fü.* seine Ansicht aber kühn in der Bibel selbst finden. Er identifiziert Jahwe mit Schaddai. Die Stelle in modus 6,1 ff führt er an, wonach' sich Gott den Patriarchen als Schaddai und erst Mose als Jahwe offenbart habe. Er stimmt mit Grimme darin überein, daß auch sprachlich aus Sopd, wofür auch Sopdu oder Sapdu zu setzen ist, das hebr Schaddai entstanden sei. Aber die Sinaiinschriften sollen volle Beweiskraft der Behauptung Völters gegeben haben. Mehrere Denkmäler „ägyptisicrenden Stils, aber doch von roherer, offenbar einheimischer Arbeit“ fand Petrie in den Ruinen des im sinaitischen Minengebiet gelegenen Tempels Seribat cl Khadem; außerdem 7 oder 8 Felstatelinschriften mit sinaitischen Schriftzeichen, nach ägyptischer Art oben flach gerundet, unten meist geradlinig abschließend. Petrie zog den Schluß, daß hier tatsächlich eine alphabetische Schrift zu suchen sei, bestehend aus einem Gemisch von kretensischer Schrift und ägyptischen Hieroglyphenbuchstaben. Diese Schrift sei von syrischen Werkleuten um 1500 v. Chr, am Sinai eingeführt worden. Petrie will in der Tatsache einer oft wiederkehrenden Schriftzeichengruppe einen religiösen Ausdruck erkannt haben. Später versuchte Gardiner ein Alphabet festzustellen. Er fand unter 150 Typen 31—32 Buchstaben als „gutes Analogon zur ursemitischen Schrift". Kurt Sethe setzte Gardiners Arbeit fort. Die neue Sinaischrift ist nach Sethe eine Anzahl beliebig ausgewäblter Hieroglyphen. Der Semit habe sie entlehnt und völlig neu nach der Bedeutung des Bildes benannt. Völter rät zur Vorsicht bei der Annahme, das Alphabet sei am Sinai entstanden. Einiges zur'Bilderklärung sinaitischer Schriftzeichen: Aleph- Rindskopf, manchmal noch solchen mit Hörnern versehen darstellend. Beth Haus, meist als geschlossenes Viereck sichtbar. Waw — ovaler Nagelkopf, Mem Wellen- oder Zackenlinie, im Aegyptischen das Zeichen für Wasser. Ajin Augen, Resch — flüchtig angedeuteter Menschenkopf usf. Völter sträubt sich gegen die Annahme einer geschichtlich biblischen Sinaioffenbarung, weil die Sinaifunde keinen Stützpunkt hierfür ergäben. Ein Beweis für die Behauptung, Mose habe am Sinai von Gott zwei steinerne Tafeln empfangen, sei noch nichf darin zu erblicken, daß sich in und bei dem Tempel auf Serabit Denkmäler und Felstafeln mit hebräischer Buchstabenschrift befanden.-Ich bot einen Auszug aus dem Inhalt des äußerst interessanten Werkes. Zwar sind die Hypothesen wie auch ihre Beweise noch recht waghalsiger Natur. Aber wir sind Völter zu unendlichem Dank verpflichtet, daß er dem Leser die Fackel kritischer Beleuchtung in die Hand gibt, um die Nacht so wundersamer Rätsel ein Stück weiter zu durchstrahlen. Und da nach dem Midrasch der Sinai nicht so hoch ist, daß er nicht zu ersteigen wäre, so haben, bildlich gesprochen, alle Richtungen sämtlicher Religionen die hohe Pflicht. Hand in Hand miteinander zu gehen in der restlosen Lösung der Frage: Was ist der Sinai, jener Gottesberg, der allen Menschen das Licht brachte?. Rabbiner Dr. Arthur Rosenthal, Zeuthen (OberSchlesien). Walter Sulzbacb: Vorurteile und Instinkte, Eine Untersuchung über die Rassen-Abstoßung und den Antisemitismus. Verlag: Oesterheld u. Co., Berlin W 15. Die kleine Schrift führt in vortrefflicher Weise in rein wissenschaftlicher Form die Behauptung ad absurdum, als ob der Antisemitismus in Rasseninstinkten begründet sei, und zeigt mit unwiderleglicher Klarheit, wie die Vorurteile, d. h. falschen Urteile, über die Juden entstanden sind und entstehen. Es wäre zu wünschen, daß das Heft recht weite Verbreitung findet, nicht zum wenigsten auch bei unseren Glaubensgenossen, die mancherlei aus ihm lernen könnten bei der Bekämpfung des Antisemitismus. Robert Hirschfeld. Alleinvertrieb: Carl E. Halbarth Inh.: Ernst Fuhrmann Berlin W 8, Friedrlchstratje 78 Ztr 15243 - 50 #4$ 18Sö\ _ _ 3 "uqferanf der Jüdischen Gemeinde Vom. Blumenbinderei _ PflanzendeKoraflonen Zentrale: Schönhauser Allee 20 UnJergrdb. SenefeJdenPL ITTTmTTTTnTTrTniMiituiiHtTnTrTTTTrTTTTTTTTTTnnmTTTTTmTTTTg SCHILDER} Schablonen . Stempel! in allen Ausführungen ä A. 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