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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-07-18 · 23 (18.7.1924) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
23 (18.7.1924)
Date
1924-07-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Rabbi Esra Von Frank W e d e k i n d. via fein« Novelle, dl« die Beziehung«« »wische« Religion und Lros auizeigt, entnehmen wir dem «sehen bei Georg w.ü . J } 8 München erschienenen Novellenband: Frank Wedekind, Rabbi Ler» mit gütiger Erlaubnis de« Verlages. „Moses, Moses, du gefällst mir nicht. Warum willst du dich verloben mit zwanzig, wenn du erst willst heiraten mit fünfundzwanzig?" — Der alte Esra sah seinem Sohne zwischen den Wimpern durch, als wollte er im Innern des Kopfes eine kabbalistische Flammenschrift entziffern. „Ich liebe Rebekka.“ „Du liebst die Rebekka? Woher weißt du, daß du liebst die Rebekka? Will ich dir glauben, daß du liebst einen kleinen Fuß, eine weiße Haut, ein bartloses Antlitz, aber woher weißt du, daß es ist die Rebekka? Hast du studiert das Römische Recht und das Christliche Recht, aber hast du nicht studiert die Frauen. Habe ich dich erzogen zwanzig Jahre mit Sorgfalt, daß du mir anfängst dein Leben mit einer Narrheit? Wieviel Frauen hast du gekannt, Moses, daß du kannst kommen zu deinem alten Vater und sagen, du liebst? „Ich kenne nur eine, und die liebe ich von ganzem Herzen.“ „Von ganzem Herzen, wie heißt? — Hast du kennengelernt dein ganzes Herz?" „Ich bitte dich ernstlich, lieber Vater, über meine Gefühle nicht spotten zu wollen." „Moses, Moses, werd' mir nicht rappelköpfig. Ich sage dir, werd' mir nicht rappelköpfig. Laß dir erzählen eine Geschichte. Komm, setz dich zu mir, auf den samtenen Diwan. Will ich dir erzählen von meinem Vater, was er mir hat gesagt, als ich war zwanzig Jahre. Esra, hat er mir gesagt, wenn du heiratest, heirate eine reiche Frau. Laß dir sagen von deinem alten Vater, daß die Frau ist vergänglich. Aber so ein blanker Taler, Esra, der kann sich halten durch Generationen! — Habe ich mir gedacht, daß er ist ein alter Mann und habe ich ihm geschworen, daß meine Braut wird mitbekommen dreißigtausend Taler. Aber ich will dir erklären, Moses, warum ich sic habe geliebt, warum ich sie habe geheiratet, die kleine Lea, warum ich habe in Trübsal gelebt mit ihr, bis sie mir ist hingeschwunden wie der Schnee in der Hand. Weil ich nicht habe gekannt die Frauen, weil ich nicht habe gekannt den Esra, mich selbst. „Moses, ich bin ein alter Mann und will von der Welt nichts mehr, als daß es dir möge gut gehen. Aber mit zwanzig Jahren, da war es in mir wie in einem Hühnerstall in der Früh, wenn die Sonne aufsteigt. Wenn ich bin gegangen auf der Straßen und ist gekommen ein Christenmädchen oder eine von unserem Stamm, dann habe ich sc gefühlt in den Fingerspitzen und habe gewünscht, daß ich wäre gewesen der König Salomon mit fünftausend Weibern. Aber sie mußte geschaffen sein als hätte sie gemacht der Herr für sich selbst, Moses, versteh’ mich recht, mit allem angetan, was das Weib kann an Schätzen besitzen. Wenn sie war klein und blaß und dünn und flink wie eine Ratte, dann habe ich den Regenschirm gesenkt nach ihrer Seite, weil es mich hat in den Augen geschmerzt, sie zu sehen. Aber wenn sic war gewachsen wie Zedern auf Libanon, dann habe ich den Regenschirm gesenkt nach der anderen Seite, und habe ihr Bild mit nach Hause genommen und habe es geschaut über dem Talmud, und in den heiligen Worten habe ich gehört den Takt ihrer Füße. Und in der Nacht ist cs zu mir gekommen und hat mich aufgesucht in meinen Träumen, das Bild — Gott der Gerechte, habe ich es vor mir gehabt, wie Moses, dem du dankst deinen Namen, auf Nebo, das Gelobte Land; hätte ich es können greifen mit Händen, habe ich gesehen Milch und Honig fließen und konnte nicht gelangen über den Jordan durch den Willen des Herrn. „Aber da habe ich mir gesagt — Moses, kannst du du dir denken, v/as ich mir habe gesagt? — Nu, habe ich mir gesagt, du bist ein Kind des Teufels, du bist cs gewesen von Mutterleib. Wenn du wirst nachgeben deinen Gelüsten, wenn du wirst über den Jordan gehen, so wird dich treffen der Zorn, und du wirst sein ein Kind des Todes. Du sollst nicht gehen zu Weibern, die den Sinnen gefallen, sondern zu Weibern, die dem Herzen gefallen, wenn dein Fleisch nicht soll werden wie das Fleisch Hiobs, wenn das Werk deiner Tage und Nächte nicht soll werden verflucht, und wenn du nicht willst Gras fressen wie Nebukadnczar. „Und da bin ich gegangen zum alten Hesekicl und habe ihm gesagt, er soll mir geben seine Tochter Lea, und hab' ihm geschworen, ich wolle ihr legen die Hand’ unter die Fuß'. Sic war ein Mädchen, die Lea, wie ein Schatten auf einer Fensterscheibe, man hätte sie können nehmen als Lampenschirm, aber ich hab' sie geliebt, weil ich mir habe gedacht, sic wird mich erretten vor mir selbst, vor dem Teufel und vor dem Tod, den ich gefühlt habe Tag und Nacht über meinem Haupte. Anfangs hat sie mich nicht gewollt, denn ich war groß und breit, und sic war klein und dünn, daß sie sich hat geniert, mit mir zu gehen über die Straße. Aber weil kein anderer ist gekommen, hat sie mich genommen. „Jetzt. Moses, höre von deinem alten Vater, wie unser menschlicher Verstand ist beschränkt und wie all unsere Einsicht ist eitel. Ich hatte die Süßigkeit der Liebe noch nicht gekostet, Moses, gerade wie du; ich war noch keusch wie der Tau auf Hebron, gerade wie du, wiewohl du hast studiert das Römische Recht und das Christliche Recht und hast vernachlässigt Moses und die Propheten. Aber als ich gekostet die Süßigkeit der Liebe mit Lea, da habe ich erkannt, daß sie ist eine Sünde vor dem Herrn, und habe dem Herrn gedankt, daß er mir hat gegeben ein Weib, das mich nicht läßt windeln die Wege der Gottlosen. Hatte ich mir doch geträumt in meinen einsamen Nächten, daß die Liebe werde erfreuen den Leib als ein Labsal, und siehe, sie schmeckt nicht süßer, der Lea und mir, als wie die Medizin schmeckt dem Kranken. Und so nahmen wir sie, wie man nimmt Medizin, mit geschlossenen Augen und Würgen im Hals und nicht mehr, all der Arzt hat verschrieben. Und wenn es war durchgekostet, dann fühlte man sich gerichtet vor Gott und verdammt und wich sich aus wie Diebe bei der Nacht, di« einander betroffen bei teuflischem Werke. Da bah« ich mir gesagt) Du hast recht erkannt, ESra, daß die fleischliche Liebe ist Satansdi«nst und nicht würdig, daß der Mensch ihrer obliege. — Aber, Moses, glaub' deinem alten Vater, ich war nicht glücklich. ..... ich war nicht glücklich, Moses, mein Sohn, der Herr ist mein Zeuge; denn ich konnte so wenig reden mit der Lea, wie ich kann reden mit meinem Kleiderstock oder wie ich kann reden mit meinen Fingernägeln. Ihre Gedanken waren nicht meine Gedanken, weil meine Gedanken sind meine Gedanken, und weil sie hat keine gehabt. Da habe ich mich gewendet in die Einsamkeit, und die Einsamkeit war gesprächiger als meine Lea, und habe mir gesagt: Esra, habe ich mir gesagt, du hast gekauft eine Katze im Sack; auf dein Haupt die Verantwortung. Du hättest sie können prüfen, habe ich mir gesagt, ob ihr Geist ist geschaffen für deinen Geist, ob ihr Herz ist der Bruder zu deinem Herzen. Laß sie nicht merken, Esra, daß du hast gekauft eine Katze im Sack, denn sie ist unschuldig wie das Lamm, das zur Tränke geht. Warum hast du nicht ebenso sorgfältig ausgesucht, als du dir genommen eine Frau, wie du aussuchst, wenn du gehst in den Laden und kaufst dir für eine Mark zwanzig eine Krawatte?! „So habe ich gelebt mit ihr und gelitten und geschwieen zwei Jahre und habe sie immer noch geliebt, meine leine Lea, weil sie mich hat gefeit gegen die Verlockungen des Fleisches, bis sie mir hätte sollen schenken ein Knäblein und hatte nicht Raum dafür, und es dem Herrn hat gefallen, daß er sie hat von mir genommen, samt meinem Kind. ,Moses, da war mir, als hätte man mir ausgebrannt mit glühenden Eisen die Eingeweide aus meinem Leib, als wäre ich allein geblieben, zu tragen den Fluch. Da habe ich mich empört wider Jehova, da habe ich geselirien: Verflucht sei dein Name! Nfcaruin hast du mir genommen ein Weib, das ich mir habe gewählt, um dir zu dienen! Bist du geschlagen mit Dummheit, daß du zerschmetterst dein Kind und verschonst deine Feinde! Kannst du nicht nehmen das Lamm dem Reichen; mußt du es nehmen dem Armen, dem es gewesen sein alles! Verflucht sei dein Name! Mußt du mich preisgeben der Anfechtung, mußt du mich stoßen in Versuchung und Sünde, mußt du mich wieder lassen kommen in die Hände der Gottlosen, nachdem ich mit Mühe und Not meine Seele geborgen vor deinem Zorn! Verflucht sei dein Name! Auf dein Haupt meine Verdammnis! — Und da bin ich gegangen meinen Jammer zu erwürgen, zu den Töchtern der Wüste. Ja, Moses, daß du cs weißt, ich bin gegangen zu den Töchtern der Wüste. Nicht daß ich dir sage, Moses, mein Sohn, daß du sollst gehn zu den Töchtern der Wüste. Mach’s, wie du willst. Aber ich, dein Vater Esra, ich bin gegangen zu den Töchtern der Wüste. Und wie ich bin gegangen, da habe ich Jehova geflucht: Du, Herr, bist schuld, daß ich gehe, meinen Jammer zu erwürgen, zu den Töchtern der Wüste. Warum hast du mir genommen meine Lea! „Und nun, Moses! sperr deine Ohren auf, auf daß du mich recht verstehst. — Habe ich gekostet von Christenmädchen, habe ich gekostet von Judenmädchen, habe ich gekostet von den Töchtern Harns. Habe ich nicht ausgesucht, was meinem Herzen war gefällig;’ habe ich ausgesucht, was meinen Sinnen war gefällig; weil ich war gekommen, zu erwürgen meinen Jammer, weil ich war gekommen, zu vergessen meine Lea. Habe ich mir ausgesucht, was da war gewachsen wie Zedern auf Libanon, was da war angetan mit allem, v/as ein Weib kann an Schätzen besitzen. Und habe ich gefunden, daß, je mehr sie hat bchagt meinen Sinnen, desto verständiger konnte ich reden zu ihr, desto verständiger hat sie geredet zu mir, desto freundlicher ist sie gekommen, desto mehr hat sie behagt meinem Herzen. Und ich habe gefunden, Moses, mein Sohn, daß, je mehr sie hat behagt meinen Sinnen, desto weniger hab ich gespürt von Sünde, desto gerechter ist mir geworden zumut, desto näher habe ich mich gefühlt dem Allmächtigen. Moses, und wenn du mir bötest eine halbe Million, ich möchte sic nicht nehmen um diese Erkenntnis. Nein, ich möchte sie nicht nehmen, denn die Erkenntnis trägt Zinsen zu zwanzig Prozent; und die Zinsen sind Kinder und Kindeskinder. Kann man unglücklich sein mit einer halben Million, aber kann man nicht unglücklich sein mit der Erkenntnis, daß die fleischliche Liebe nicht ist Satansdienst, wenn der Mensch die Pfade wandelt, die ihm der Herr gewiesen, weil er zwei Menschen hat füreinander geschaffen außen und innen, an Leib und Seele. „Bin ich hingegangen, bin ich zusammengebrochen, hab’ ich mich geschlagen vor die Brust, habe ich geschrien: Herr, Herr, ich habe deinen heimlichen Rat gehört. Fängst du die Weisen in ihrer Listigkeit, daß sie des Tages in Finsternis laufen und tappen im Mittag wie in der Nacht! — Und dann bin ich gegangen, Moses, und hab* mir ein Weib gesucht mit all meinen Sinnen. Iiab' ich gefunden Sarah, die Tochter Mardochais, herrlich anzuschauen, wie die neugeschaffenc Erde, und sie ist geworden deine Mutter. Habe ich geprüft Herz und Nieren, und habe ich gefunden, daß ihr Herz ist der Bruder zu meinem Herzen. Und in der Hochzeitsnacht, Moses, mein Sohn, in der Nacht, der du dankst dein Leben, da habe ich erkannt, daß ihr Leib war der Zwilling zu meinem Leib; und habe An unsere Mitglieder in Groß-Berlin. Die Einziehung der Beiträge und des Bezugsgelöes für. die »Jüdisch-liberale Zeitung" erfolgt von jetzt a b nur noch durch die Bezirksgrnppen des »Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin e. B." Bereinigung für das liberale Judentum E. B. D i ck m a n n. Generalsekretär. gelobt den Herrn, des»« Geist nicht lügt, dessen Wahrheit: offenbart ist in seinen Werken." — Rabbi Etra wischte sieb den Schweiß von der Stirne und atmet« schwer. Motes schlich gesenkten Hauptes von hinnen* Ein Chanukkatag 1680 in Kurbrandenburg. Erzählung in vier Bildern von Isidor Borchardt. 1. Am Tore. Nachdruck verboten , An einem kalten, klaren Dezembermorgen des Jahres 1680 ging es an dem nach Prenzlau führenden Tore Berlins lebhafter als sonst zu. Der Torwächter verweigerte einem Wagen die Durchfahrt unter Hinweis auf einen Befehl des Stadtkommandanten Oberst von Wränge!, der klipp und klar lautete, keinen Juden aus der Stadt zu lassen. Alle Redekunst des ältlichen Ehepaares, das dem Torwächter klar machte, sie müßten zu der Hochzeit ihres Sohnes nach der Stadt Prenzlau, sintemalen die für den nächsten Tag angesetzte Eheschließung nicht ohne den mit ihnen auf dem Wagen befindlichen Bräutigam stattfinden könne, blieb ohne Erfolg. Achselzuckend blieb der Torwächter dabei: „Befehl des Kommandanten!" und zeigte den Juden schließlich seinen breiten Rücken. Um den Wagen hatte sich inzwischen eine Schar der das Tor passierenden Bauers- und Bürgersleute angesammelt, die neugierig den Verhandlungen zwischen den Juden und dem Beamten folgten, und aus deren halblauten Bemerkungen unschwer zu erkennen war, daß sie mit ihrer Sympathie keineswegs auf seiten der Juden standen. Als die Insassen des Wagens schließlich die Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen einsahen und den Wagen wenden ließen, um in die Stadt zurückzukehren, wurde Hohn und Spott im Kreise laut, und mancher junge Bursche zeigte nicht übel Lust, den Abziehenden mit Steinwürfen das Geleit zu geben. Eine Bauersfrau, die aus der Torstubc getreten war und für ihre zwei schweren Körbe mit Eiern und Butter soeben die Accise*) bezahlt hatte, rief mit zornrotem Gesicht: „Das haben wir von den verfluchten Juden! — Sieben Groschen Accise! — Wer gibt mir die wieder?" Eine Schuhmachersfrau mit einem Paar Stiefel über dem Arm hatte einer Bekannten in der Gruppe soeben erzählt, daß sie selbst die Stiefel über Land tragen müsse, weil ihr Mann erst in der Frühe total besoffen aus der Schenke nach Hause gekommen sei und den Lehrjungen krank geschlagen habe. „Das kommt alles von den niederträchtigen Juden her," schloß sie ihre Klagö mit Hnern Blick auf das abziehende Fuhrwerk. „Die Juden sollen ja gar keinen Schnaps trinken!“ meinte der Bäckermeister aus der Torbäckerei, der den! Bericht der Schuhmachersfrau mit angehört hatte. „Was?" rief in steigender Erregung die Schuhmachersfrau, „kostete nicht vor den Juden das Quart Schnaps fünf Groschen und jetzt anderthalbe? — Redet Ihr, was Ihr wollt, mit den Juden ist das schlimm!" Und indem sie sich zu dem Ohr ihrer Bekannten neigte, flüsterte sie mit geheimnisvoller Miene: „Jetzt sollen sic ja gar aus Kartoffeln Schnaps machen! — Nee, nee, Frau Nachbarin, mit den Juden is das nich richtig, da is Zauberei bei mang!" Aehnlichc und noch haarsträubendere Dinge erzählte man sich ringsum in der immer größer werdenden Menge: Daß dem Ackerbürger Degner die Kuh gefallen sei, daß im Schlosse die Weiße Dame umgehe, daß in Frankfurt ein Komet beobachtet worden, daß die Einwohnerzahl Berlins in verhältnismäßig kurzer Zeit von 7000 auf 20 000 gestiegen, wodurch die ohnehin drückende Lage der Einwohner noch schlimmer und alles teurer geworden sei —, an allem Unglück hatten die vor neun Jahren eingewander^ ten Juden schuld. Die Stimmung wurde immer drohender, und schließlich machten einige junge Burschen der Er-, regung der Menge Luft und warfen der abzichenden Judenfamilie Steine nach. Da die Sinne der Leute ganz mit den Juden beschäftigt waren, hatte keiner den Trupp vornehmer Reiter bemerkt, die durch das Tor geritten kamen. Sic beachteten die Reiter erst, als diese mitten unter ihnen waren. Da aber ging ein Raunen und Flüstern durch die Menge, Aller Augen wendeten sich dem Manne zu, der in der Mitte des Trupps ritt und die Gesichter, die eben noch zornig und schadenfroh den Juden nachgeblickt hatten, zeigten einen Zug von Ehrerbietung und Demut. Dis Männer und Burschen hatten die Mützen heruntergeholt,, und lautlos stand die Menge da. Der Reiter, der diese Wandlung bewirkt hatte, richtete sich aus der lässigen, ein wenig gebückten Haltung auf; er hob das Gesicht, aus dem die Adlernase kühn vorsprang» und mißbilligend glitt sein Blick über die Menge und blieb schließlich auf der Person des Torwächters haften. Dieser hatte zuerst mit der Menge sympathisiert; aber als er in der Schar der hohen Offiziere seinen Herrn, den Großen Kurfürsten, erkannte, packte er dienstbeflissen einen der steinewerfenden Burschen beim Genick. Mit durchdringendem Auge blickte der Kurfürst den Beamten an. Da ließ der Torwächter den halbwüchsigen Sünder fahren, trat auf einen Wink des Monarchen dicht an das Pferd heran und berichtete über den Vorfall, der den Menschenauflauf veranlaßt hatte. Unmutig runzelte der Kurfürst die Stirne, als er vort der Anordnung des Stadtkommandanten hörte, und als der Beamte seinen Bericht beendet hatte, befahl er, die Juden zurückzurufen und sie ungehindert aus der Stadt zu lassen; er schloß mit gehobener Stimme zu der atemlos lauschenden Menge: „Ich werde nicht dulden, daß in meinen Landen jemand seines Glaubens wegen behelligt Verde.“ Damit gab er seinem Braunen die Sporen und ritt ant der Spitze seines Gefolges dem Schlosse zu. *) Verbrauchssteuer* (Fortsetzung folgt.J

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