Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 23 (18.7.1924)
- Date
- 1924-07-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2613366-2613741-2613764--0909-2618219- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
schiebener Richtung zur Klärung und Vertiefung einzelnec Problem« beitragen. Aber eine solche Aussprache kann keine Menschen bilden, keine geschlossenen jüdischen Persönlichreiten schaffen. Zu einer solchen geschlossenen Persönlichkeit, fLc die jüdische Religiosität die alle seelischen Funktionen beherrschende Macht ist. kann sichiuir entweder, die starke Persönlichkeit, die überhaupt keiner Hilfe weder der eine« noch der anderen Art bedarf, selbst durchringen oder kann sich ein Kreis in gleicher Achtung Strebender gegenseitig erziehen. Sie. sehr geehrter Herr Holzer, glauben, daß der awutiok Verein deshalb notwendig ist, um den jungen Menschen überhaupt erst in die — darin stimme ich mit Ahnen überein — notwendige Krisis und in di« notwendigen 'Zweifel ..hineinzustürzcn". Ich glaube aber, daß die Jugend heute wirklich nicht so abgeschlossen aufwttchst. daß es dazu erst des neutralen Vereins bedarf. Das mag vor Jahrzehnten der Fall gewesen sein. -Heute aber kommen die Zweifel und die durch sie hervorgerufene Krise schon von allein und cs ist umgekehrt das Streben der sich in Jugendsünden zusammenschlietzenden Jugend, aus diesem Zweifel heraus sich einen neuen, positiven Lebensinhalt und eine neue Lcbensgestaltung zu schaffen. ES ist auch keineswegs so. daß man sich im liberalen Jugendverein „in Sicherheit lullen". „sich Antworten geben läßt, ohne sie sich selbst erkämpft zu haben". Davon kann gar keine Rede sein und das würde in der Tat gerade der liberalen Auffassung vom Judentum durchaus widersprechen. Man kann auch im gemeinsamen Streben Zweifel auswerfen und ehrlich gemeinsam um eine Lösung ringen, und wirkliche Führer der Jugend sind auch in liberalen Vereinen nicht die, die einzulullen verstehen, sondern die, die zum eigenen Erkämpfen ihres Judentums die Jugend anzuleiten wissen. Und dieses gemeinsame Streben zwingt mindestens ebenso sehr zum Denken, wie die „gemischte Gesellschaft". Sie, Herr Holzer, glauben, datz „der KreiS, in den er als sogenannte leiserer Jugend, als suchender Mensch hineingeräi". den Menschen „in der entscheidenden Weise beeinflußt". Ich will nicht mit Ihnen darüber streiten, ob das starre Milieu-Theorie ist, oder meine Auffassung, die neben den Einflüssen der ersten Kindheit der ursprünglichen Anlage eine entscheidende Bedeutung zuspricht. Ich weiß auch, daß das „Milieu" der reiferen Jugerrd für die tatsächliche Entwicklung des Menschen von großer Wichtigkeit ist. Ich glaube nur nicht, daß cs seine innerste seelische und geistige Anlage — von ganz seltenen Ausnahmefällen vielleicht abgesehen — noch gestalten kann, sondern daß es nur dafür von Bedeutung ist. ob der Einzelne seine in ihm wohnenden Kräfte voll entwickelt und eine geschlossene Persönlichkeit, oder ob er von seinem Wege abgedrängt und ein halber oder gar gebrochener Mensch wird. Die ganze Verschiedenheit unserer Ansichten aber zeigt sich in Sem, was Sie über den Gottesdienst und über gemeinsame religiöse Feiern sagen. Ihnen genügt, das Bei- «inandrriein beim Beten, bei dem im übrigen „ein jeder sich seine eigenen Gedanken und Auslegungen, sei es nationaler oder religiöser Art, machen kann". Ich glaube allerdings. daß der Wert des gemeinsamen Gottesdienstes in dem Bewußtsein der Berbunden-Heit in den gleichen Gedanken. in den gleichen Gefühlen und vor allem in den gleichen Idealen liegt. Nur so ist ein gemeinschaftlicher Gottesdienst und eine gemeinsame religiöse Feier möglich, die sich in ihrem Wert für den Betenden irgendwie von dem häuslichen Gebet und der häuslichen Feier unterscheidet. Hier zeigt es sich eben ganz deutlich, daß dle Frage, um die wir streiten, im Grunde genommen heißt: äußerliches Ge- «einsamsein. oder innerliche Genreinschaft. Ueber das Resultat des Zeitalters der neutralen Jugend- -<.»ere1NL.laftzn Sie, Herr Holzer, mich solgenöes sagen: „Der ,MüWle,JügMdvcrcin beschert uuS Menschen, für die das .Judentum mit etwas ganz 2Ulgemeincs. sehr wenig Jnhaltreichcs ist, und die zwischen den Richtungen des Jirdentums haltlos hin- und hcrschwanken." So zitieren Sie in Anfichrungsstrichen, was ich wirklich geschrieben habe, unterscheidet sich davon zwar nicht so sehr wie das bei Ihrem ersten Zitat der Fall ist. ist doch aber keineswegs inhaltlich dasselbe. Es lautet: „D a s Ze i t a l t e r der neutralen Jngendvcreine hat uns eine Generation beschert, die sich zwar ihres Judentums bewußt ist und es zu betätigen sucht, für die oft das Judentum nur etwas ganz allgemeines, sehr wenig inhaltreiches ist, und die da, wo das nicht der Fall ist. haltlos zwischen den verschiedenen Gestaltungen des Judentums steht oder gar schwankt, ohne selbst eine eigene zu besitzen." Nun. wer auch außerhalb des Jugcndvcreins als junger Mensch im jüdischen Leben steht, wird, wenn man von den ausgesprochenen Orthodoxen und Zionisten absirht, an den Vertretern der Generation, um die cs sich hier handelt, immer wieder diese Erfahrung machen. Gegenüber dieser persönlichen Erfahrung bedarf eö wohl gar nicht erst des Hinweises au> Me Entwicklung gewisser neutraler Vereine und ihrer 'ivu.-i Wenn Sic schließlich «it öle Einigkeit des Judentums appellieren, so werden Sie mir wohl zugeben, daß diese äußere Einigkeit, von dem nich: als entscheiderrdeS Argument für die neutralen Vereine anerkannt werden kann, der überzeugt ist. datz in der Regel nur in Jugendvereinen bestimmter Richtung jüdische Menschen erzogen werden können. . Auch Sie wollen ja als Ziel wirkliche jüdische Menschen, „die ganz klar und bestimmt sich für und wider entscheiden". Ohne solche kann auch die äußere Einigkeit das Judentum nicht retten. Nur zwischen ihnen hat sic einen Sinn. Und gerade dann, wenn jeder roll und ganz von seinem Judentum erfüllt ist, wird er auch am ehesten die Ehrfurcht vor dem der anderen haben, auf der allein die Einigkeit beruhen kann. Wann ist das Judentum je eins gewesen in dem Sinne, daß es nicht Richtungen und Schulen gegeben hat? Der Streit der Parteien und Schulen durchzieht die ganze jüdische Geschichte, und vielleicht ist es nicht zum Wenigsten tex Eifer einer jeden, es der andern in der Erfüllung des Judentums zuvor zu tun, der das Judentum durch die Jahrtausende erhalten hat. Wenn wir unsere Jugend der jüdischen Gemeinschaft als wirklich überzeugte gute, liberale Juden zuführcn, so werden wir ihr das Beste geben, was wir ihr geben können. Darin vielleicht werden wir wenigstens einig sein. In brr,er Hoffnung grüßt Sie bestens Ihr sehr ergebener Arthur Lilienthal. Auch ein Wort über unsern ,Jiampf“ gegen den Zionismus. So wünschenswert cs ist, daß zu jeder Zeit einer geistigen Bewegung scharfe Kritiker erstehen, die den Blick aus das Icochnichtcrreichte und auf das Schadhafte in den AnschaN- «ngen und Betätigungen der eigenen Gesinnungsgenossen ,lenken, w gefährlich ist cS. wenn mancher Kritiker gerade daS bemängelt, was gar nicht mehr oder nicht in dem geübten Maße zu bemängeln ist. Eine derartige Kritik scheint mir auch in den Ausführungen von Dr. Erwin Seligmann, die wirklich nicht mit „freien Angen geschaut" sind, zu liegen Daher setze ich hier einige Worte tatsächlicher Berichtigung: Man ist im liberalen Lager schon seit geraumer Zeit zu der durchaus berechtigten Anschauung gekommen, daß im Zionismus, zumal im KulturzionismuS. geistige Impulse 'von einer solchen Kraft stecken, daß wir sie für unsere eigene Arbeit nur freudig ausnehmen können. Mit dem Stärkerwerden des religiösen Gefühls hat gerade im liberalen Lager eine SrMtbeNnnung auf die etgsne Unzulänglichkeit in religiöser und sittlicher Beziehung eingesetzt. Was zum mindesten hie Jlis anbetrifft — und hie Verhältnisse im Berliner Jlt dürfte ich wohl mit am besten übersehen — sb liegt den jungen Menschen, die heute zu uns kommen, einzig und allein daran, ihr eigenes Wissen von Judentum und jüdischer Geschichte zu erweitern und *it vertiefen, die jüdische Religionsgemeinschaft in gemeinsamen Feiern neu zu erleben. So kommt sie über dem Kampf um ihre eigene Anschauung kaum zu einer kampfähnlichen Stellungnahme gegenüber einer Richtung im Judentum, die zunächst in gar keinem (religiösen^ Gegensatz zur liberalen steht. Immerhin ist das Bewußtsein, deutsch zu fühlen und den Zionisten abzulehnen (also ein Azionismus) nnter den Mitgliedern der Jlis im allgemeinen zu finden. Ich gestehe auch offen, daß ich jede Bestrebung fördere, die den jungen Menschen einen Halt gibt, damit sie — genau wie jeder überzeugte Zionist — wissen, wohin sie gehören. Die Pflege des Religiösen ist dann, von dieser Seite betrachtet, mehr ein Unterbauen der eigenen Anschauung über das Verhältnis von Deutschtum und Judentum. Denn das glaube ich allerdings — im Gegensatz zu Dr. E. Seligmann: unsere Einstellung zur Religion der Väter trennt sich in gewisier Beziehung von der eines religiösen Zionisten. Ich meine das nicht in dem üblichen Sinne, daß nur die liberal-religiöse Bewegung geeignet ist. das messianische Reich herbeizuführen: das will der Zionismus — jedenfalls in einigen Vertretern — auf einem anderen Wege auch. Aber es besteht ein Unterschied der Betrachtungsweise: während bei uns der Schwerpunkt unserer Jüdischkeit in dem religiösen Leben liegt und daher notwendiger Weise die Religion in unserem Weltanschauungsgebäude eine ganz andere Stellung gegenüber der allgemeinen Kultur, gegenüber staatlichem Sein und wirtschaftlichem Wirken etnnimmt, ist beim religiösen Zionisten das religiöse Moment von vornherein national gefärbt: deutlicher noch: dem religiösen Zionisten offenbart sich das Judentum in seiner nationalen Eigenart und Gebundenheit. Wie dem auch sei. die heutige Entwicklung, gerade unter der liberal-religiösen Jugend, ist eher darauf gerichtet, die Kraft des Zionismus anzuerkennen, als ihn grundsätzlich zu bekämpfen. Da wir aber in einem solchen Entwicklungsstadium uns befinden und die Praxis der einzelnen Jlis bald zionisten.,freundlicher" oder „feindlicher" ist, scheint eS mir unnütz, ja sogar gefährlich, wenn man uns jetzt auf eine theoretische Formel, wie wir zu den Zionisten zu stehen haben, festlegen will. Tut man das mit Dr. Erwin Seligmann. so betreibt man m. E. dieselbe — im Grunde genommen ganz unsugendliche Politik, durch die manche deutsch? Jugendbewegung (infolge allzu enger oder allzu verwaschener Formulierung ihres Wesens) schweren Schaden erlitten hat. wo nicht gescheitert ist. Lebendiges mutz sich entwickeln, nur das Erstarrte beugt sich einer Formel'. Ern st Heinrich Seligsohn. 1. Bors, des Jli-B.erlrn. Ein Wort eines „Laien“, z« dem Aufruf: „A« bi, deutsch«« Rabbiner" vo« Herr« R. A. H. Ster». > Gestatten Sie auch mir, einem „Laien", einem liberalreligiösen Juden, das Wort zu ergreifen, um ebenfalls zu dem zündenden Aufruf des Herrn Heinrich Stern meine liberale Meinung zu äußern. „Ich rufe die deutschen Rabbiner auf. sich Ihres Führertums bewußt zu werden!" , . , Diese Worte wurden gehört von liberalen Rabbinern und liberalen Gemeindemitgliedern, aber sie blieben auch von den orthodoxen Gemeindemitgliedern und ihren Rabbinern nicht ungehört! Nnr Letztere indessen können mit Recht behaupten, daß es eines Aufrufes zum Bcwnßtwerden der Führerschaft der Rabbiner wirklich nicht bedarf, denn sic, die Rabbiner der orthodoxen Glaubensbrüder, sind ja deren tatsächliche Führer — um sie scharen sie sich — auf sie und ihre „Parole" hören sie! Ganz anders bei uns. d. h. in den liberalen Gemeinden! Gewiß, sie sind „liberal", — haben auch einen „liberalen" Rabbiner. — sind auch zum allergrößten Teil Mitglieder der „Bereinigung für das liberale Judentum". — aber, wie Herr Rabbiner Dr. Goldmann ganz zutreffend sagt, „besuchen die Synagoge spärlich, am Vereinslebcn beteiligen sie sich nnr i,r sehr schwachem Maße." Hält nun der liberale Rabbiner in seiner liberalen Gemeinde eine recht liberale Predigt, dann — abgesehen von der nachträglichen allgemein-einzigen Unterhaltung in dieser liberalen Gemeinde, wo dann kein anderes Gesprächsthema gefunden werden kann und dieses debattiert wird, — dann erscheint der Vorstand, diese „oberste" Behörde und läßt ob der „liberalen" Predigt seinen ganzen Despotismus den Rabbiner fühlen! Wurde mir doch noch kürzlich während einer Eisenbahnfahrt von Berlin nach Frankfurt gelegentlich einer Unterhaltung mit einem Mitreisenden geäußert, daß es ein großer Krebsschaden im und am liberalen gud-entum feie, daß den liberalen Rabbinern nicht mehr ewo-ungsfreiheit etngcräumt würde. Ein bislang Unbeteiligter an dieser Unterhaltung erzählte uns. datz in seiner Heimatgemcindc. — durch und durch liberal — der dortige Rabbiner eine hervorragende, liberale Predigt gehalten, die aber dem Vorsitzenden der Gemeinde zu liberal gedeucht hätte: infolgedessen habe er hernach dem Rabbiner gesagt: „wenn auch alle Teilnehmer einer Wagensahrt betrunken waren, so muß der Kutscher stets nüchtern bleiben!" Dieser Hinweies ist bezeichnend! — Also, eine liberale Gemeinde darf keine liberale Predigt hören! — Hier, am Vorstandstisch der liberalen Synagogen-Gemeinden ist die Axt anzulegen! Jener Despotismus des Vorstandes muß schwinden! Den Rabbinern muß tatsächlich vollkommene Ellbogcufreiheit gegeben werden! Sic dürfen unter keinen Umständen das Bewußtsein haben oder es darf ihnen nicht die Erkenntnis aufoktrvyiert werden, aus Rücksicht auf die herzlichst wenigen, nicht-liberalen Mitglieder der Gemeinde, ihrem liberalen Herzen und Empfinden nicht vollen und klaren Ausdruck verleihen zu dürfen, denn dadurch stempeln sich diese liberalen Rabbiner zu Heuchlern, zu welcher Kategorie sie aber von den erwählten Leitern der Gemeinde gezwungen morden sind. D'rum also, fort mit diesen despotischen Formen oder Gewohnheiten der Vorsteher der liberalen Gemeinden, die keineswegs zu den Befugnissen des Vorstandes gehören u^d nur ein unerträglicher Hemmschuh für die Rabbiner und überhaupt alle Kultusbcamten einer Gemeinde sind! Aber auch an die Herren Rabbiner möchte ich mich wenden und ihnen znrufen: Mut! Mut in Eurem Streben und Tun für die liberale Sache im Judentum! Bekennt, gesteht und wiederholt eS in Euren Predigten, daß Ihr die Führer auch wirklich sein wollt. — Daß Ihr aufbauen wollt in Juda, — daß Ihr den Gottesdienst verschönern und ansprechender zu machen, bereit seid, denn das Alte befriedigt nicht: Ihr verwerft -ieseS, aber Ihr setzt nichts Neues an seine Stelle! Der lebensfähige und lebenskräftige Kern im Alten muß von Euch in eine andere Hülle gekleidet werden, um seinen hohen Wert deutlicher erkennbar werden zu lassen! Wo es sich um die inneren Angelegenheiten Eurer liberalen Gemeinde handelt, da soll und darf die Geltendmachung ihrer Prinzipien nicht von der Billigung ober Mißbilligung der Orthodoxie abhängig gemacht werden, denn der Kerngehalt des Judentums, seine Grnndlehren. wers den und sollen nicht angetaftet werden! Scheuet daher nicht den Kampf. — fürchtet auch nicht, -atz Ihr die erforderliche Anzahl von Gesinnnungsgenossen um Euch nicht findet, die Euch den Sieg verbürgen, denn diese sind bet salchcr.Kampfesweise stets um Euch. — fürchtet aber vor allem nicht die KampfeSweise Eurer Gegner! Nur durch Eure Untätigkeit aber gefährdet Ihr di« Zukunft des Judentums und fördert lediglich die Abtrünnigkeit und de» Jndifferentismus! „Der Worte sind genug gewechselt — Jetzt möcht' ich Taten sehen." Gustav Blumenav. Ein Synhedrton Obwohl ich außerhalb der Bereinigung für daS liberale Judentum stehe, fühle ich mich veranlaßt, gerade in der „Jüdisch-liberalen Zeitung" zu dem von hier aus „an die dentchen Rabbister" gerichteten Aufruf des Herrn R. A. Heinrich Stern das Wort zu nehmen. Der Aufruf selbst wie die bereits von einigen liberalen Kollegen eröffnete Diskussion macht den Eindruck, datz in den Kreisen des liberalen Judentums die Vorgänge keine genügend« Beachtung gefunden haben, die man bei ernsthafter Behandlung des auch mir höchst wichtig erscheinenden Gegenstandes notwendig genauer kennen mutz. Darüber möchte ich kurz referieren und mir gestatten, ein Weniges anzufügen. Sterns Vorschlag, ein Weltsynhedrion zu schaffen mit der Aufgabe und Befugnis, zeitgemäße Aenderungen am jüdischen Religionsgcsetz vorzunehmen, ist keineswegs neu. Schon vor Ausbruch des Krieges sollte ein solches Synhedrion einberufen werden. Irre ich nicht, so war das Rabbinat von Kairo oder Alexandrien die treibende Kraft der Bewegung. Mein damaliger Lehrer, de« unlängst verstorben« Obeckirchenrat K r o n e r s. A.. erzählte mir von einem die Sache betreffenden Rundschreiben, das auch an angesehene deutsche Rabbiner ergangen war. Der Krieg vereitelte zunächst die Verwirklichung des Gedankens, aber dieser erwachte zu neuem Leben, als nach dem Krieg ein oberster rabbinischer Rat für das ausblühende Erez Israel geschaffen und von der Regierung mit bestimmten richterlichen Befugnissen ausgestattet wurde. Am 22. Februar 1921 : tagte in Jerusalem die konstituierende Versammlung, bei der N o r m a n B e n t w i ch . der englische Oberrichter Palästinas (ein Jude) in seiner Ansprache erklärte. wir müßten wieder wie zur Zeit Nehemias unser Synhcdrion errichten. Der zum Präsidenten des obersten rabbinischen Gerichtshofs und zum Oberrabbiner von Erez Israel gewählte Rabbi Kn k hielt ein großes Referat, worin er ausführte: was die notwendigen Reformen in unserer Gesetzgebung betrifft, so sind Gesetze und praktische Anordnungen (Aakanoth) zu unterscheiden. An den Gesetzen läßt sich nichts ändern, die „Anordnungen" dagegen unterliegen ständig dem Wechsel und der. Verbesserung. In Erez Israel werden voraussichtlich solche Verbesserungen und Aenderungen häufig erforderlich sein, die nach ihrer Bestätigung durch jüdische Gelehrte und Sachverständige Gesetzeskraft erlangen. (Vergl. „Jüd. Presse" 1921 Nr. 11—13.) Im März 1923 brachte die Zeitschrift „Der Jude" einen Aufsatz von S. H a n d s. der sich mit der „Rechtsstellung der jüdischen Frau" beschäftigte. Hands bespricht mehrere der Hauptschwierigkeiten, die sich heute aus dem jüdischen Gesetz ergeben (z. B. Echalizah. Heiratsverbot eines Kohen mit einer Geschiedenen usw.), verweist auf die vorhin erwähnte Rede dcsObcrrabbtnerS K u k und erklärt: JeneJerusalemer Rabbinervecsammlung war nicht in der Lage, auch für di« außerhalb deS Landes Wohnhaften wirksame Beschlüsse zu fassen, iveil dazu eine „W e l t k o n f e r e n z d e r o r t Hobo xeüRäb bin er" notwendig wäre. Aber eine solche lvird vermutlich „noch zu Lebzeiten der jetzigen Generation" versucht'werden. „Biele Gelehrte arbeiten daran." Kurz darauf erschien wieder im „Juden" (Mai 1933) ein Aufsatz d«s bedeutenden Talmudforschers Dr. Ehaim Tschernowitz: „Die Stellung der Frau in der jüdischen Tradition". Der Verfasser anerkennt ebenfalls die Notwendigkeit von Reformen auf dem bezüglichen Gebiet, die hauptsächlich auf dem Wege neuer Aakanoth möglich seien. „Es ist höchste Zeit", sagt er. „daß wir unser Innen- und Familienleben der neuen Zeit und den gegebenen Verhältnissen entsprechend neuordnen". Dazu gehört aber „eine aus allen Ländern nach Erez Israel cinzuberufende große Versammlung von jüdischen Gelehrten, deren Aufgabe eS wäre. Maßnahmen zu treffen, die im Geiste unserer Tradition und nach den Quellen des Gesetzes den momentanen Zeitersordernisscn Rechnung tragen". Eine derartige Versammlung habe er. Tschcrrwwitz, sch-«» früher in einem Vvrtrage propagiert, wo er die Neuschaffung eines Synhcdrion verlangte und die Zustimmung „vieler unserer Größten" fand, darunter die des inzwischen verstorbenen Rabbiners Dr. Nobel, der „sogar bereits die ersten praktischen Schritte hierfür unternommen hatte". Soeben geht eine kurze Notiz durch die jüdischen Blätter, daß anläßlich der Anwesenheit des Oberrabbiners Kuk in Amerika auf dessen Vorschlag hin die Vereinigung der orthodoxen Rabbiner Amerikas mtö Kanadas beschlossen habe: das von der englischen Regierung anerkannte Oberrabbinat Erez Israels solle „die größten lebenden jüdischen Gelehrten in der ganzen Welt" um sich sammeln und so zu einem Weltrabbinat als geistiger Autorität der Gesamtjudcnheit ansgcbaut werden. Soweit sind heute die Dinge gediehen. Für die deutschen Rabbiner kommt also gar nicht mehr in Frage, ob s i e die anderen zu einem Snnhedrivn einbcrufcn sollen, sondern nur noch, wie sie sich ihrerseits zu dem schon von anderen vorbereiteten und ziemlich weit geförderten Werke stellen. Ich persönlich habe folgende Meinung: Die große Mehrheit der überhaupt stärker religiös intern essicrten WeUjudenhelt ist bis in die Reihen des Rechtslibcralismus hinein irgendwie am überlieferten, historischen Judentum orientiert, d. h. prinzipiell gcsetzest reu gerichtet. Aus dieier gegebenen Tatsache folgt, daß ein Sunhedrion, das wirklich ans den Großteil der religiösen Weltjndenheit Einfluß haben soll, nnr solche religionsgesetzlichcn Formen vornehmen kann und darf. die. so weitgehend sie im einzelnen sein mögen, doch immer nur, wie Ehaim Tschernowitz sagt, „im Geiste nnscrer Tradition und nach den Quellen des Gesetzes den momentanen Zciterfvrüerniffen Rechnung tragen". Einer Aufhebung der Speisegesetze z. B., oder des Verbotes, am Sabbat Geschäfte zu treiben, würden nach den Andeutungen des Kollegen Felix Gold mann sogar viele liberale Rabbiner schwerlich zustimmen. Die Einberufung einer li n k s li b e r a l e n Rabbinerkonfercnz dagegen ist, wie Kollege Goldmann sehr deutlich ausgesprochen hat. von vvrnherein zur Belanglosigkeit verurteilt und mithin völlig zwecklos. Etn Synhcdrion kann nicht antitraditionell, eine antitradrtionelle Rabbinerkonferenz kann kein Synhcdrion sein. So gelange ich zu dem Ergebnis: abgesehen vielleicht vo« den linksradikalen Rabbinern, die sich vermutlich selbst abseits halten werden, sollten alle deutschen Rabbiner, soferv sie für eine aktive Teilnahme überhaupt in Betracht kommen, an der Schaffung des seit Jahren von vielen „Großen der Thora" geplanten Synhedrions oder Weltrabbinats Mitarbeiten, das früher oder später in Erez Israel erstehen und auf die Massen der religiösen Weltjndcnheit seinen Einfluß geltend machen wird. Rabbiner Dr. Schlesinger, Buchau a. F.