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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-07-18 · 23 (18.7.1924) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
23 (18.7.1924)
Date
1924-07-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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tzeisterung, was öie führenden Geister -eS Li-eraliSnrus bewegt hat, so daß auch sie den immer wiederholten Borwurf der Ketzerei und Abtrünnigkeit ruhig über sich ergehen ließen. ES ist nicht Bruch urit -er Entwicklung, nicht der Wille, in karLischer Weise Jahrhunderte oder Jahrtausende zu überspringen — «da» wäre Widerspruch zum innersten Wesen alles Liberalismus, der eben geschichtlich denkt —, sondern btt Wille zu gesunder organischer Entwicklung zu jenem Ziel, das die Propheten zeigen. GS ist nicht die romantische Schwärmerei, eine langst entschwundene Zeit wieder auflebeu zu lassen, jonöcrn das Bestreben, die Zukunft nach den höchsten Idealen zu gestalten, die das religiöse Leben des Judentums aufweist. Und es ist schUehUch nicht fanatische Feindseligkeit gegen die religiöse Form; diese Feindseligkeit ist ebenso ein Beweis der Unfreiheit wie die sklavische Unterwerfung unter jede Form — sondern die Freiheit gegenüber dem Formprvblem, die die Berechtigung und Notwendigkeit der Form anerkennt und «it vollem Berantwortlichkeitsbewuhtsein jede einzelne Form und jede Ucbung prüft, daß sie nicht zu »eingerernter Menschensatznng" werde, die religiös Nicht schassend, sondern ertötend wirkt, sondern daß sie religiös verinnerlichend, zu den Gegenwartsmenschen sprechend sei, die Verbindung mit der Vergangenheit und mit der Gesamtgemeiuschast des Judentum-, aber auch mit der Zukunft herstellte. Gemeinderabbincr Dr. Vogel ft ein - BreSlau. Der israelitische Propheiismus. Bon Rechtsanwalt M. Lcwiuski -- Berlin. Der Prophetismus ist ein — besonders vom liberalen Standpunkt aus — für die SUitfaifuna des Judentums io wichtiges Thema. daß mau nicht begreift, weshalb «S nicht viel häufiger und gründlicher in der Presse behandelt wird. Ist dre orthodoxe Aufsassuna richtig, daß die Propheten nur dasselbe gelehrt baden, was in Israel immer gegolten hat. und bau sie nur Falschheit und Unaufrichtigkeit gegeißelt haben, so dürste es eine selbständige prophetische Religion nicht geben und die Ergänzung durch daö Zeremonialgcsetz unerläßlich sein. Nun haben aber die Liberalen erkannt, daß die überkommenen Formen für sie wertlose „Formen" geworden sind. Deshalb kommt von diesem Standpunkt aus für die Erhaltung des Judentums alles auf die Frage au. ob im Judentum — aus Grund des ProphetiZmus — ewige Werte selbständiger Art zu sinden sind, die ohne das Zeremonialgesetz eine Weltanschauung tragen, oder ob nur ein zercmoniales Judentum denkbar und wirklich ist. Die Erkenntnis des ProvhetiSmns ist durchaus nicht so einfach, daß eine unzweifelhafte Antwort möglich wäre, schon «egen der Unsicherheit des QucllentcxteS. Daß die Propheten — bei aller Berufung auf die „Thora Moses" — nicht etwas Altgewohntes, sondern etwas zum Herkömmlichen Gegensätzliches auszusprcchcn glaubten, ergibt tick aber aus dem durchgängigen hestigen Kampfton lPathoss ihrer Reden, wie auch aus den starken Anfeindungen, denen sie beständig ausgesetzt waren. Was sie gemeint haben, kann bei dieser Situation nur unter Berücksichtigung des Gegensatzes. zu dem sie Stellung nahmen, verstanden werden. Aber diese historische Entstehung des Prophetismus ist naj türlich schwer. oufzuklärLn. Es muß hier versucht werden! ä Die Propheten scheinen sich zner st gegen N e b e r-? griffe des Königtums gewandt zu baden. Insofern wirkten sie als demokratische Politiker. Das noch neue Königtum, dessen Träger Harem und Hofstaat hielten, war ihnen zuwider. Sie verwünschten den „cguptischen" KönigS- InruS und die damit verbundenen Uebergrisse. Sie hielten die Rechte der Israeliten hoch und widersetzten sich despotischen Angriffen auf Leben und Besitz. Im Zusammenhang hiermit wurden sie die F ü r s p r c ch e r des Proletariats. Die Aristokratie, die sich im politischen und wirtschaftlichen Aufschwung gebildet hatte, erscheint ihnen als eine Klasse von Wucherern und Blutsaugern, die das Recht der Waisen nicht achten und den Kchpei der Witwen nicht hören. Hochmut kommt vor dem Kall, Demut und Einfachheit ist der Anfang der Frömmitzkeit. Alles btefes predigen sie nicht im sramen de» Lottes oder -er Unterdrückten, sondern im Kamen de - alttsrae. lytischen Gottes. Dieser Gott ist für fl« also et« Gott der Einfachheit und Bescheidenheit, ein Gott, dem Prunk und Hochmut der neuen Kultur ein Greuel sind lEliaS. Nathan. Jesajas. I» die weitere Entwickln»« de- VrovhetiSmu» drängt sich nun da - autzenpolitifche Problem. Königtum und Aristokratie find die Träger, de» nattonalen Selbstbewuhtseins. Dieses ist durch die auhenpolitttche Lage, näm» lich durch die Etn-wängung des Staate» zwischen den konkurrierenden Weltmächten Assyrien-Babel und Egypten, aufs höchste gefährdet. Die politischen Führer suchen de« Staat durch Bündnisse bald mit der einen, bald mit der anderen der Weltmächte, dann auch durch Bündnisse der va» Uistinenflschon Kleinstaaten \\t erhalten: ein Unte'*angeri. das den Propheten von vornherein au-sicht» loerscheint. Wie kamen die Propheten nun dazu, trotz ihre« glühenden Liebe zu Volk und Staat Israeldiese verzweifelte Auffassung der außenpolitischen Lage nicht nur auSzusprechen, sondern mit Pathos glallein zulässig und gottgefällig zu verbreiten-? Ihr Gott wird geradezu der Zerstörer des Staate- 'eines Volkes — kein Wunder, daß die Gegner der Propheten dieses Auftreten als greuelhaft und lästcrhaft empfanden! Bcrstündlich ist. daß die Propheten ein« gewisse Genugtuung übep die Verlegenheiten der von ihnen befehdeten Könige und Aristokraten empfanden. Da fle aber schließlich selbst keinen Ausweg aus der politischen Not wußten, hätten sie zu Verzweiflung und Schweigen gelange» müssen. Im Gegenteil wuchs ihnen jetzt ihr Gotte-gedanke. Wie dieser ihnen die Stellung zu Königen und Reichen negativ ablehnend diktiert hatte, so wird er jetzt die positive Macht, die sich an die Stelle der politischen Wirklichkeit setzt. Hier hört, wie tn jeder Geschichte irgendwo, die Möglichkeit rationeller Erklärung aus und tritt der irrdividuell-psychifche Tatbestand als Faktor ein. Das Verhalten der Propheten zu der von ihnen nichtgemeisterten außenpolitischen Lage ist nur als spezifisches Genie der israelitischen Propheten zu erkläre»« oder — besser — zu bezeichnen/ Die Propheten übersteigern die Grundlagen ihrer Lebensauffassung in folgender Denkart: Zeigt sich der Gott der Armen, der Einfachheit und der Bescheidenheit nirgends in den Verhältnissen dieser Welt, triumphiert vielmehr der Roheste und Mächtigste lI e s a j a über Assvrien) und kann sich der Schwache nur durch den zivecklosen Versuch, dem Mächtigen ähnlich zu handeln, zu retten iuchen. so ist der Zusammenbruch der Schwachen — also auch Israels — nur selbstverständlich. TieS kann aber nicht das Ziel der Geschichte sein. Vielmehr kann die Entwickelung der Geschichte erst dadurch ein Ziel erreichen, daß im Verlauf der Völkerwirren und der Vvlkernot der Geist um gewandelt wird und der Geist des Gottvertrauens. der Ausgabe der Selbstsucht und der Geist der Sicherung der Völker das Fiasko der politischen Methoden der Völker ablöst. Anfangs Krieg und Not, Zusammenbruch aller Völker und jüngstes Gericht, danach Verzicht auf Hochmut und Selbstsucht und friedvolle Gotrergebenheit: das ist das historische Schema der Propheten, das ist das geschichtliche Werk ihres Gottes. Ihr Genie führte sie dazu, sich nicht durch die Erkenntnis der politischen Wirklichkeit ihren Gottesalauben rushöhlen zu lassen, sondern umgekehrt das reale Weltbild durch ihren Gottesgedanken in ungeheurer religiöser Energie zu ersetzen. Es ist mm nicht schlver zu erklären, weshalb ein großer Teil der prophetischen Reden dem Kampf für den Gott Israels gegen die Götter der Völker gewidmet ist. Die Götter der Völker drangen in Israel im Gefolge der von den Propheten bekämpften politischen Entwickelung ein. Um Bündnisse zu erwerben oder ihren Anschluß an andere Völker zum Ausdruck zu bringen, führten Könige und Politiker die fremden Götter und Kulte ein fl Buch der Könige). Zugleich paßten sie sich in Lebenshaltung und Luxus den anderen Völkern an. Sie dachten, lebten, opferten und dienten wie diese. Diese ganze fremde Art b e kä m p f t e n die P r o p h e t e n. Sie verwarfen den fremdartigen Hofstaat samt den mitgebrachten Göttern. Die späteren klassischen Propheten verwarfen, wie oben ausaeführt, überhaupt SaS Buhlen um die Hilfe der Nachbar^ Völker und verlangten Beschränkung auf die ursprüngliche BolkSart und den alten Gott Israels. . 9U Diesem alte» Gott Israels, wie ihn A „Thora Mo,es 1 lehrt«, Mente man durch Demut und Selbstlosigkeit, Anhängen an seine übermenschliche Weltleitung. Vertrauen auf die Entwickelung des Gotte-reich» der Sicherheit urch Beständigkeit im Gange der Menschheitsgeschichte, die schließlich alle Völker der Erde in ihren Kr etzieht; nicht aber durch Wollust, Prassen und De« spoti-WNS. , Ist es nicht natürlich, daß Israeliten solcher Art, auf Tempel. Opfer und Dienstformcn keinen besonderen Wert legen konnten? Da sie mit allem Buhlen um fremde politische GeisteSart und fremde Völker die fremden Götter und deren Opferdionst beständig bekämpften, «o konnte den Propheten der Unterschied dieser Kulte zum israelitischen Kult nicht sehr groß erscheinen. Der fremde Opserkult brachte den Dienenden nickt dem rvaüren Gotte, sondern sogar dem Geiste der Unzucht. Schlemmerei und Selbstsucht naher ~ -aß dieser nach prophetischer Auffassung gottlose Geist auch neben dem israelitischen Opserkult unberührt bestehen bleiben konnte und tn Wirklichkeit bestand, blieb den energischen Propheten nicht verborgen. Indem sie die von ihnen ausgcarbeiteten Eigenschaften u n d F o r d e r u n g e n Gottes unerbittlich betonten und im Gegensatz zu aller Welt — auch der opfernden Welt Israels — mit Leidenschaft vertraten, verblaßte der Wert des Oprerkults und wurde dieser sogar sündhaft, soweit er die Nichtachtung der Forderungen Gottes nur bemäntelte lI c r e m : a s). Da» ist dte Religion der Propheten, die ewige Religion Israelfür den. der sie voll zu erfassen vermag. Sie war audem altisraelitischen Gotte Moses entstanden. Aber sie hatte seinen geistigen Gehalt — die Eigenschaften und Forderungen Gottes — so stark und fanatisch-konsequent herausgearbeitet, daß etwas Neue s entstand, ein Gegensatz der Auffassung und Betätigung nicht nur zur nicht-isvaelitischeu Welt, sondern auch zur bisherigen Weltauffassung und Religio ns übnng der Israeliten. , , . Der prophetische Gott, dessen Wesen Umgestaltung der Menschen und der Geschichte erzwingt, kann sich nur in Tatgedanken und Zielsetzungen auswirken, nicht ab«'* auch nur Vom religiösen Erlebnis der Zeit. Von Hans Adolf Margolius. Es gibt zwei Möglichkeiten religiöser Stellungnahme, zwei Arten, Gott aufzufassen und zu erleben: Gott als Schöpfer über der Welt. Gott als Schöpfnngsidee in den Dingen des Lebens. Tort ist die Gottheit persönliche Rea-- lität, aber fern und transzendent, hier nur Idee, aber nahe und allem Leben immoment. Die Formen der Religionen, die unsere Zeit überkommen hat, die ihr lieb und heilig geworden sind schon durch die Weihe der Tradition, alle unsere Zeremonien und Gebete stammen ihrem Ursprung nach aus Epochen transzendenten Erlebens. Das religiöse Fühlen unserer Zeit ist dem entgegen: ein Fühlen göttlicher Imwannenim Leben. Von hier aus klärt sich vielleicht seinen tiefsten Gründen nach der klaffende Widerspruch zwischen den überlieferten Formen der Religion und der innersten Religiosität unserer Zeit. Aber indem wir diesen Widerspruch in feinem Wesen erkennen und begreifen, ist uns zugleich die Möglichkeit gegeben, ihn auch zu überwinden und seine Gegensätze in Einklang zu bringen. Das alte Gebet und die alten Bräuche unseres Gottesdienstes. sic alle sind irgendwie in die Weite gerichtet, ein Emporsehen zu Gott ein Dienst vor dem unbekannten Geiste jenseits unseres Lebens. Unser Fühlen zu Gott ist andersgestimmt: nicht ein Empor über die Dinge hinaus, sondern Hi nein in das Wesen des SeinS, in die schaffenden Kräfte des Lebens, in den göttlichen Urgrund der Welt! Aber wir haben darum nicht not, das alte Gebet und die alten Bräuche sortzuwerfeu, wenn wir s i e selbst als Symbole der Göttlichkeit nehmen, wenn wir in ihnen selbst schon die Gottheit erleben, au die sie dem Wort nach gerichtet sind, wenn wir sic gerade vor allen anderen Dingen des Sonett. Von Franz C i n g i a. Wir wandern manchmal wie durch Dämmerungen Und stehen still in einem dangen Schweigen. Wir wissen nicht mehr, was uuö ganz zu eigen Des Schöpfers Urkraft in das Herz gesungen. ES quält daö Leben immer mit Entsagen. Und auf den Straßen, die wir forschend schreiten. Will uns der Schmerz ein dunkles Grab bereiten, Wenn wir den Kampf nicht mit dem Schicksal wagen. Wir dürfen nicht im Schweigen stille halten Und nur der Gräber dumpfe Stimmen hören, Die uns der Sonne mildes Leuchten rauben- Nur die Gedanken immer froh entfalten, Dann wird uns nie ein falscher Sinn betören, Wenn wir verschieden auch znv Gottheit glauben. Goldmark und Brüll. Don Oberkautor u. Musikdirektor Singer-Halle a. d. S. Mit einer gewissen Resignation hat sich die Welt zu allen Zeiten darein gefügt, große Meister verschiedener Kunstgebiete eine Zeitlang verkannt und angcfeindet zu sehen: die Zeit der Bekämpfung irgendeines aufstrebenden Talentes dauert oft ebenso lange, wie die Schutzfrist für den Verleger und manch aufleuchtenbeö Meteor am Kunst- Himmel ist durch solch äußere Umstände oft verdunkelt worden: in unserer raschlebigen, von launenhaften, oft wechselnden Geschmacksrichtungen erfüllten Zeit, muß besonders ein Komponist bahnbrechende Gestaltungskraft, starke versön, liche Note zeigen, sott er überhaupt genannt werden und später unvergessen bleiben: dringen die Werke eines bestimmten Musikers rasch in die breite Masse, so liegt dies ja. außer an dem inneren ästhetischen Wert, meist an der jeweiltgen Geschmacksrichtung der Zeit: solche Begleitumstände haben es oft zuwege gebracht, daß Werke ohne Kraft und künstlerische Bedeutung zum Erfolg kommen, während manch tüchtiger Musiker, bei Lebzeiten völlig ignoriert, sich der Hoffnung hingcben konnte, daß musikalische ..Ausgrabungen" zu allen Zeiten an der TageSorünurrg waren. G o l d m a r l und Brüll! Unauslöschlich haften diese Namen heute im Gedächtnis jedes gebildeten Musikers, sie ergänzen sich in mancher Beziehung und sind doch so grundverschieden: der erstere hat seiner Musik vielfach jüdisches Idiom verliehen und gilt zugleich als Epigone Wagners: dom zweiten gebührt das Verdienst, die stark vernachlässigte deutsche Svielvper zu neuem Leben erweckt zu haben: in Brüll's Werken finden wir sprühende Lust, lauten Jubel, bei Goldmark ist dte Lust etwas gedämpfter, der Jubel oft laut, doch nie vorlaut: Brüll fang aus frischer Kehle. Goldmark aus dem Herzen, Brüll war feurig, Goldmark innig: beide Komponisten konnten nur nach schweren Kämpfen sich voll durchsetzen und ihr Kirnstgebäuüe immer größer aufrichten: ein gütiges Schicksal hatte beide in sene Stadt gebracht, in der nicht nur die blaue Donau-Lustigkeit des Walzers dominiert, sondern auch dre Oper von jeher große Förderung und liebevollste Pflege erfuhr. Wenn man über die Entwicklung der deutschen Spieloper schreibt. wird man den Namen Ignaz Brüll nicht vergessen dürfen: mit zwei seiner vielen Opern hat er sich einen Ehrenplatz erobert und überall unbestrittenen Erfolg erzielt: cs waren die Opern „Dagoldene Kreuz" und „Grtngoire": erstere erschien 1874 und zählt noch heute nach Erfolgen in aller Welt zum eisernen Bestand vieler Büh, neu: „Gringoire" kam 1892 an der Wiener Oper zur Aufführung: Brüll zeigt sich hier keineswegs als Himmel-, stürmer oder Bahnbrecher einer neuen Richtung, aber als ein durchaus feiner Eklektiker, der sich von dem alten Formen gar nicht emanzipieren wollte: die volkstümlich gehaltenen Stellen erinnern in ihrer Einfachheit an jene vergangene Zeit, da die Kapellen kunstsinniger Fürsten nicht müde wurden, festliche Stimmungen durch Sang und Klang zu feiern: Brüll- Eigenart zeigt sich da am wirkungsvollsten. wo er seine feingeschwungenen Melodien bringt und im Orchester altegeistreich untermalt: den weiteren Opern diese- Meisters „Landfrieden". „Bianka". „Schack dem König", „Daö steinerne Herz" usw. war kein besonderer Erfolg beschieden. Sehr wirksam glänzte Brüll- Talent tn der Liedform, wir erwähnen sein Op. 82 und Op. 102. —- Bon seinen Orchester-Werken sei besonderdie fein ciselierte Partitur der Serenade Ov. 67 und die prächtige Jagd- Ouverture „Im Walde" Op. 23. hervorgehvbcn: als Kurios sum bringt dieses Werk neben einer Unzahl von Blas-Instrumenten, drei Klarinetten und drei Pauken: diese Besetzung hat wohl, dem Vorwurf gemäß, eine innere Berechtigung, da der Komponist nicht allein ein Traumbild im Walde schaffen wollte, sondern mitten im Waldesrauschen, uns eine Jagd von ferne hören läßt: dieses Opus ist ungemein originell, ein von Natur und Waldluft durchwehtes Stimmungsbild, für welches die Bezeichnung „Ouvertüre" nur formelle Umrisse biete!. Bon seinen Klavierwcrkeu sei die weltbekannte „Tarantella" Op. 0. ferner die „Orchester-Klavier-Rhapsodte" Op. 65 und die A-Mokl-Sonate Op. uo besonders genannt. Ans allen Werken Brüll's resümieren wir, daß er wohl kein ursprüngliches Genie, aber eine sehr beachtenswerte Individualität war. die durch Beherrschung des gesamten Rüstzeuges eines Komponisten imponieren mußte: er starb am 17. September 1097 in Wien und erhielt ein Ehrcngrab am Zentral-Frtedhof. Einer der interessantesten Komponisten der Nach-Wagnerschen Epoche ist Karl Gold mark. gcb. 1832 zu Kesthclq sUngarn» als Sohn des Jüdischen Kantors Rüben Goldmark. Heber Inhalt und Art seiner Werke ist viel pro und contra debattiert worden, der Hergang einer Meinungsent-- wicklung hat auch bei diesem Meister merkwürdige Phasen durchgemacht, sogar eine kleine Sensation erreicht, als vor Jahren in einer Wiener Zeitung sein musikalisches „Credo" erschien. Wer Gvldmarks Eigenart verstehen will, muß iene Sphäre kennen, tu der er seine Jugendzeit verbrachte, dort lauschte er jenen jüdisch-archaistischen Tonfolgen, die er in seinen Werken oft anklingen lieft; wie Weber melodische Kunst. Mendelssohn verblüffende Harmonie. Schumann neuartig wechselnden Nhnthmns. Chopin subtile technische Figurationen, so bevorzugt Goldmark in seinen Opern wie Liedern einen gewissen Stil altindischer Sangeskunst, der ihn sozusagen schon von ferne erkennen läßt und nicht allein durch die iüdische Skala, sondern auch durch die typische Verminderung oder Steigerung des Rhythmus ausfällt: wie einst Anton Rnblnstei» zugestanden hat. daß er de» Zwiegesang „Adonai" lphrngtsche Tonart mit Plaga!-Cadenzf in seinen „Makkabäern" einer smragogalen Tonart entnahm, so dürfte auck Goldmark in seiner „Königin von Saba" vieles der SangeSart indischer Kantoren abgelauscht haben: Tatsache bleibt es. daß der Komponist durch diese AUSSTELLUNG: UNTER DEN LINDEN nam WERK REINICKENDORF AUTOMOBIL- UND KAROSSERIEFABRIK A, G.

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