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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-07-18 · 23 (18.7.1924) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
23 (18.7.1924)
Date
1924-07-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Grgan der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstellejährlich M. 1^0 Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung i. Inland 0,25 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Dezugsprel» :: u :: im MitgliedsbeUrage enthalten.:r rr s Chefredakteur: Dipl..Ing. Bruno Dovda. vis „Jüdisch - Uderals - Zsilung" erscheint jeden Freitag. SchrlttleliunA und Ssschüttssteilv: Verlin, Mauerstrotze 22. Sarnruf; ttmt Merkur Nr. 872» Poftfcfcecfcfconto: Berlin üW 7 nr.137069 (Vereinigung für Das liberale JuOentum) nachOruck (amtlicher Original-Beitrag« nur mit vorheriger Genehmigung Oer KeDaktlon geftattetl Anzeigenpreise: Die 12gespaltene NonpareillezeU» 0.4S Goldmark. die Reklamezetle 3,00 Goldmark»' :: :: u bei Wiederholungen Rabatt. :: rr r: Anzeigenannahme: Dr. Richter & Co- G.m.b. Berlin S 42, Alexandrinenftratze SS/96. (Fernsprecher: Nr. 23 Berlin 18. Juli 1924 4. Jahrgang SS Prophetisches Judentum Vor Jahren habe ich einer Neligionsstunöe beigewohnt. in der der Lehrer zusarmnenfassend.den Prophetismus behandelte. Der Unterricht war herzlich mäßig, aber er brachte eine kleine Sensation in Gestalt eines völlig deplacierten Ausfalls gegen den Liberalismus. Dieser Ausfall knüpfte sich an eine Definition des Wortes prophetisches Judentum". Das sei, so wurde ausgeführt, die Auffassung, die unter Nichtbeachtung der Thora und ihrer Gebote lediglich die religiösen Ideen der Propheten anerkennt und die Beseitigung aller religiösen Formen fordere. Es war ein Zerrbild des prophetischen Judentums und des jüdisch-reliaiösen Liberalismus. _ Ä" ^r* 18 ^er "Iüd. Ztg. für Ostdeutschland" vom 80. Juni d. I. findet sich ein Aufsatz „Zur Reform des Gottesdienstes" von Max Jach. Für seine weiteren Ausführungen sucht der Verfasser sich eine Grundlage zu schaffen, indem er das Verhältnis des Liberalismus zum Prophetismus beleuchtet. Es ist jenes Gemenge von Wahrem und Falschem, wie es stets dort zutage tritt, wo die geistige Einstellung von Anfang an verfehltest, wo zwei große geistesgeschichtliche Erscheinungen an sich und in ihrem Verhältnis zueinander nicht aus dem Zentrum ihres Wesens, sondern von irgendeinem Punkte der Peripherie her betrachtet werden. So konu^.uiert er den „folgerichtigen Liberalismus", der freilich nicht konsequent durchgeftthrt worden sei, statt sich die Frage vorznlegen. ob nicht bei anderer Betrag tungsweisl' die Abweichungen von dem „folgerichtigen Liberal Ismus" sich ganz anders erklären und dieser „folgerichtige" Liberalismus als eine künstliche Konstruktion erscheint. So dichtet er — nicht gerade übermäßig geschmackvoll — dem Liberalismus an, daß dge Religion in ihm ..etwa dieselbe Aufgabe erhält wie ö'erOrdnerbeim Festzug". Falsch ist, was er von der „Million", falsch oder doch schief, was er von der liberalen Auffassung des Prophetismus als Gesamterscheinung und wiederum der einzelnen Propheten sagt, falsch oder doch schief die Wertung der Prophetie für das liberale Judentum. Auch im liberalen Lager ist das Schlagwort vom prophetischen Judentum bisweilen gründlich verkannt und arg mißbraucht worden. Man sah nur den Kampf der Propheten gegen die Formenstarrheit, und man meinte, ohne jede religiöse Form lediglich in Sittlichkeit und weltbürgerlicher Humanität das prophetische Ideal des Judentums zu sehen. Das ist selbstverständlich falsch. Wohl kann der Kampf gegen gewisse Formen im religiösen Interesse geboten sein, aber niemals kann das religiöse Interesse sich in diesem Kampf erschöpfen,- wohl fordert die Religion Sittlichkeit aber niemals kann sich die Religion in Sittlichkeit und Weltbürgertum völlig verflüchtigen und auflösen. Am wenigsten wäre das prophetisch. _ Auch das Mißverständnis sei aus dem Wege geturnt, als ob der Sinn des Liberalismus sei, unter Berieitesehung alles dessen, was die dazwischenliegenden Jahrtausende gebracht haben, zu der Form des ^Judentums" zurückzukchren, wie sie zur Zeit der Propheten war. Diese Auffassung läßt außer acht, daß die religiösen Zustände des alten Israel nichts weniger als erfreulich waren, daß Aberglaube, Götzendienst und Unsittlichkeit vielfach herrschten, daß der Opferdienst auch des israelitischen Monotheismus keineswegs unser Ziel sein kann. Sie vergißt, daß die Reden der Propheten uns unverwirklichte Forderungen geben und daß ihre Schilderungen tatsächlicher Zustände uns fast nur die bitter getadelten Schattenseiten zeigen, daß ferner die religiösen Ideale der Propheten nur von wenigen geteilt und verwirklicht wurden.^ Und schließlich läßt diese Auffassung außer acht, daß nur ungesunde romantische Schwärmerei irgendeine Zeit der geschichtlichen Vergangenheit, welche immer es sein mag, unter Verleugnung der dazwischen liegenden Zeiten unter den von Grund aus veränderten Verhältnissen, bei gänzlich anderer seelischer und geistiger Verfassung wieder aufleben lassen will. Und dennoch prophetisches Judentum als das Ideal des religiösen Liberalismus. Der Liberalismus ist nämlich nicht rein rationalistisch eingestellt, nicht die „Vernünftigkeit" ist sein oberstes Prinzip. Wenn der Liberalismus das provhetische Judentum als sein ideales Vorbild und sein ideales Ziel anerkennt, so bedeutet es das Bekenntnis zu der religiösen Verinnerlichung in bewußter Abkehr und in schroffem Gegensatz zu jener religiösen Einstellung, die etwa Jesaja tadelt, wenn er von „ein- Aus dem Inhalt: Dr. Bogelstein-Breslau: Prophetisches Judentum. — M. Lervinöki-Berlin: Der Israelitische Prophctismus. — H. A. Maraolius-Berlin: Vom religiösen Erlebnis der Zeit. * S. Singer: Goldmark und Brüll. — A. vom Berg: Vom Hakenkreuz. — Franz Cingia: Sonett. — Dr. Gottschalk: An Gott. — Arthur Silbergleit: Hohelied. — Frank Wedekind: Rabbi Esra. — I. Borchard: Ein Ehanukkatag 1680 in Kurbrandcnburg. Die jüdische Gegenwart. — Ans den Gemeinden, -r- Der jüdische Sprechsaal. — Büchcrfchan. — Verfammlnngskalender. — Kalendarium. Rabbiner und Universitäten. Die Zentral-Vereinigung der amerikanischen Reform- Rabbiner hielt hier soeben ihre 35. Tagung ab. Rabbiner aus allen Teilen der Vereinigten Staaten, sowie aus Kanada. waren anwesend. Prof. David Neumark hielt aus Anlaß des Kant-Jubiläums eine Vorlesung über Kants Philosophie. Ebenso Vorlesungen über die jüdischen Philosophen Steinthal und Lazarus. Die Konferenz erörterte dann die Frage der Gründung einer nationalen Organisation, die u. a. die Anstellung eines Rabbiners an jeder Universität zur Jnstruierung der jüdischen Studenten erstreben soll. Die Konferenz beschloß, diese Angelegenheit bis zum nächsten Januar zu verschieben, da die Union der Amerikanischen Jüdischen Kongregationen diese Frage bei ihrer Zusammenkunft in St. Louis behandeln will. Vom jüdischen Frauenbund. Vor einigen Tagen konnte der jüdische Frauenbund auf eine zwanzigjährige Tätigkeit zurückblicken. In dieser langen und in den letzten zehn Jahren so besonders schweren Zeit ist er durch die ihm angeschlossencn Vereine aus eine Mitgliederzahl von 50000 Frauen angewachscn. Allerdings hat er das Glück gehabt von einer Frau wie Bertha Pappenheim, seiner Gründerin, geführt zu werden. Nach 20 Jahren selbstloser schwerer Arbeit legte diese in der letzten Borstandssitzung, die am 6. d. M. im Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg stattfand, ihr Amt als I. Vorsitzende nieder. Noch in der Fülle geistiger Kraft will die Führerin der deutschen jüdischen Frauen der gesamten Judenheit ferner dienen, ungehemmt durch die Verantwortung, die eine so große Organisation ihrer Vorsitzenden auserlcgt. aber in unverändertem inneren Zusammenhang mit ihrer bisherigen Arbeit und ihren bisherigen Mitarbeiterinnen. Meinungsfreiheit. i. Das New-Vorker Appellationsgericht bestätigte das Urteil der ersten Instanz, laut welchem die öffentliche Aufführung von Schalom Aschs Drama „Gott der Rache" verboten ist. Wie bekannt, wurden Harry Weinberg und Rudolf Schildkraut zu einer Geldstrafe von je 200 Dollar verurteilt, weil sie in dem Stück mitgwirkt hatten. II. Wie aus Jerusalem gemeldet wird, hat die dortige katholiche Geistlichkeit gegen die Aufführung von Halevys ,F)üdin" durch die hebräische Oper Protest erhoben weil es aufreizend sei, daß ein katholischer Kirchenfürst in hebräischer Sprache einen Juden um Barmherzigkeit anslehe und vor ihm niederfalle. Da der spanische Konsul sich diesem Protest anschloh. hat die Negierung von Palästina die weitere Aufführung verboten. Friedensgotlesdiensi. Zur Propagierung der Idee des Völkerbundes ist von der Londoner Völkerbund-Liga eine große „Bölkerbunü-Wochc" festgesetzt worden. Sie wird am Sonntag, den 9. November, beginnen und am folgenden Sonntag enden und wird auf diese Weise den Tag des Waffenstillstandes einschlicßen. Aus diesem Anlaß wird der Oberrabbiner einen besonderen Gottesdienst in der Zentral-Synagoge abhalten lassen, während die Metropolitan Free Churches einen gemeinsamen Gottesdienst in einer der führenden Kirchen veranstalten werden. Die Paläsiina-Einwanderung im Juni. Die Palästinensische Telegrafen-Agentur teilt mit, daß während des MonatsJuni 1795 jüdische Immigranten (gegen 906 im Mai) in Palästina eingctcofsen sind. gelernter Menschensatzung" spricht, von der das Herz nichts weiß. Wer die Propheten verstehen will, der darf ihren Kampf gegen die äußere Formen eben nur als den Kampf gegen die Veräußerlichung. Erstarrung und Verflachung der Religion verstehen. Und dieser Kampf ist geboren aus lodernder religiöser Begeisterung, nicht aus Gottesglauben — das Wort sagt viel zu wenig —, sondern aus dem lebendigsten Gottesbewußtsein, aus der lebendigen stetigen Bezogenheit des eigenen Lebens auf Gott und Gottes auf das eigene Leben, aus dem unlöslichen Berbundensein der Seele mit dem Unendlichen und Unbedingten, aus dem Bewußtsein seiner Uebcrweltlichkeit und gleichzeitig seiner Offenbarung in der Menschenwelt und ihrer Geschichte. In bewußtem schroffen Gegensatz zn allen anderen Religionen haben die Propheten den. Gott Israels als den Gott der ganzen Welt, der ganzen Menschheit begriffen über alle nationalen Schranken hinweg. Und das ist ihnen der Sinn der Erwählung, das die Sendung Israels, daß es der Prophet und Priester dieses Gottes für die Menschheit sei, daß dieser Gott in seinem Bewußtsein lebendig, in feinem Leben, und zwar im Leben des einzelnen wie der Gemeinschaft, durch lauterste Sittlichkeit offenbar werde» daß Israel als der „Knecht Gottes" und der „Zeuge" Gottes durch sein Leben, durch sein Beispiel, feine Ueberzeugungstrene und Hingebung die Menschheit Zur Erkenntnis des einen heiligen Gottes und durch diese Erkenntnis zu dem Gottesreich, zur Verwirklichung von Wahrheit, Äecht und Frieden führe. S» weist diese Sendung Israels über oie engen Grenzen der eigenen Gemeinschaft auf allgemein menschlich^ Ziele, soziale Gerechtigkeit, und weltbürgerliche Humanität sind nicht der Inhalt, wohl aber die Folgewirkungen dieser Gottesherrschaft. Man hat für diese Sendung Israels in neuerer Zeit — gleichviel ans welchem Grunde — den Ausdruck Mission gebraucht, und die Zweideutigkeit dieses Ausdrucks, der tut religiösen Leben zur Bezeichnung der auf Ausbreitung der eigenen Religion gerichteten Bestrebungen dient, im Verein mit der Tatsache, daß das Ziel ein allgemein menschheitliches ist, hat zu dem Mißverständnis geführt, als verbinde das liberale Judentum mit dem Begriff des prophetischen Judentums den missionierenden Trieb, der unter den gegebenen Verhältnissen auf die Eigenart der jüdischen Religion zersetzend zurück-- wirken müsse. Wir tun viel besser, wenn wir statt dieser zweideutigen Bezeichnung lieber von der „Sendung. Israels sprechen in demselben Sinne, in dem die Propheten „gesendet" sind. Dieses prophetische Judentum ist int Gegensatz zu den anderen Religionen nicht Nationalreligion, sondern Weltreligion, aber nicht .in dem Sinne, daß es das Aufgehen aller Menschen in seiner religiösen Form forderte, sondern in dem Sinne, daß seine höchsten und letzten religiösen Forderungen und Ziele sich allgemein menschheitlich l darstellen. Aber dieses prophetische Judentum ist keineswegs Verflüchtigung und Auflösung der Eigen art des Judentums, sondern hat zur Voraussetzung I innere religiöse Kräftigung. Aus dieser Einstellung heraus haben die Propheten den Kampf geführt, nicht etwa gegen die religiöse Form, sondern gegen deren Erstarrung, gegen die Ueberwucherung der religiösen Idee und der lebendigen Religiosität durch die äußere Form, in der mißverstandene Religiosität den Inhalt der Frömmigkeit erblickt. Sie haben sich nicht gescheut, als Ketzer und Gotteslästerer verschrieen, aus dem Heiligtum gewiesen, vor Gericht gestellt, mißhandelt und verfolgt zu werden. Sie haben gewußt, daß sie fast allein stehen, daß die Menge nicht reif ist für die Hoheit und Reinheit ihres religiösen Denkens und Empfindens, weil die Menge immer am Aeußercn haftet und das Aeußerliche oft als das Wesen ansieht. Wenn der Liberalismus frühzeitig das prophetische Judentum als sein ideales Ziel bezeichnet hat und mit allem Nachdruck danach strebt, so bedeutet das nicht ein Ausschalten der gesamten späteren Entwicklung, sondern gerade das ist Kennzeichen und Sinn des Liberalismus, daß er nichts ans der gesamten Entwicklung des Judentums gestrichen sehen, vielmehr aus dieser Entwicklung den Gesamtgcist des Judentums erkennen will, der allen scheinbaren Widersprüchen zum Trotz am klarsten in dem Wirken der religiösen Genies, der Propheten znm Ausdruck kommt. Es ist nicht.Vernünftelei, sondern glutvolle religiöse Be,

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