Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 21 (4.7.1921)
- Date
- 1921-07-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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so Loch erklärlich. Die hieraus für die öffentliche Wohlfahrtspflege sich ergebende Notweudigkeit der Beschränkung auf die dringendsten Aufgaben bat es mit sich gebracht, daß allmthalberr auf eine rege Anteilnahme der konfessionellen «ch privaten Fürsorge gerechnet wird und^ß daS Reichsgesetz für Äugend Wohlfahrt vom 0. Aull ISA wie die Verordnung über die Kürsorgepflicht vom IS. Februar 1024 die Förderung der freien Wohlfahrtspflege und ihre Herangtehuna »ur Zusammenarbeit mit der amtliche«i m einer «efentlichm Pflicht de, WohlfahrtSstelle» der Gemeinde« mb Länder gemacht hat. Für unsere jüdische Wohlfahrtspflege ergab stch hieraus die Rotmendigkett — wenn sie dieser Entwicklung gerecht «erden und als gleichberechtigter Faktor t« die allgemein« Fürsorge eingestellt bleiben will —, st» ebenfalls umzuge. stalten. veraltete Formen abzustotzen und neuen Methoden Eingang »« gewähre». Wie dies in der Berliner jüdischen Gemeinde geschehen ist. soll in Kürze dargelvgl »erden. Während am Ende einer fall hundertjährige» Entwicklung jeder auftretende Notstand von einer stch gerade mit ihm befassenden Kommission behandelt wurde und wir in der Gemeinde eine Armen-. Waisen-. Fürsorge- und Durchreisekommission wirken sahen, 8U denen noch die StistungS. und «rivgShtlfSkommission hinzutrate«, galt es. eine einhettlche Fürsorgeform -« schaffen, um die die bestmögliche Ausnutzung -er materiellen Mittel 8« gewährleisten und Bittsteller» und Pflegern durch Gründung eines räumlichen Mittelpunkttm örtlichen Bezirk -aS gegenseitige Sich, finden zu erleichtern. Diese Form bot stch in der »Familienfürsorge", die alle Notstände, die stch in einer Familie zeigen, nur noch einheitlich versorgt. Zugleich war «S »otwendig. die Arbeit den neu geschaffenen Verwaltungsbezirken der Stadt Berlin anzupaffen und die in der Gemeinde nach Mitarbeit strebenden Kräfte, wie sie insbesondere in de» Synagogenvereinen ihre Zusammenfassung gesunden hatten, für die Wohlfahrtspflege dienstbar zu mache». Die «nter Beachtung dieser Gesichtspunkte zustandegekommenr Schaffung des.LSohlfahrts- und Jugendamts" durch die Gemeindebehörden als einer Verwaltungskommiffion steht als deren Aufgabe die offene Fürsorge vor, die de« bisherigen WohlfahrtSkommissonen übertrage« war; di« geschlossene bleibt den Kuratorien der Gemeindeanstalte« lKrankenhaus, AltersverstcherungS-Anstalt, Hospital, Waisenhäuser) vorbehalten. Der »HauptauSschutz des Wohlfahrtsamts" ist die Stelle, in der stch auch Vertreter der Anstalten und der Bereinsarbeit mit den Leitern der BezirkSwohlfahrtSkom- Missionen zu gemeinsamer Arbeit und gegenseitiger Verständigung zusammenfinden. Insofern bat ber Hauvtausschütz die Aufgaben deS »Verbandes für jüdische Wohlfahrtspflege" übernommen. Doch ist ber Verband bestehen aebltrben, weil er nicht nur die in der Gemeinde sich betätigende« Vereine und Anstalten, sondern auch die der Sldatz Israel umfaßt und weil es zweckmäßig erscheint, «eben ber amtlichen Stelle, dem Wohlfahrtsamt, die freie jüdische Beretnsarveit in einem selbständigen Verband zusammengeschlossen *U Träger der Fürsorgearbeit im Etnzelfall. der Hilfe von Mensch zu Mensch, sind die Bezirkswohlfahrtskommtfftonen. -urzeit 20, di« zu drei Bezirkssekretariaten unter Leitung der Sozialbeamten vereinigt, sich möglichst den städtischen Bezirken anpassen und die so gestaltet sind, daß eine in ihnen belesene Synagoge das sichtbare Wahrzeichen de» örtlichen Bezirks bildet. Im einzelnen darf ans die Ueberstcht im Gemeindeblatt vom 6. Juni verwiese» werde». In diese» Kommissionen sind sämtliche Richtungen in der Gemeinde, alle Berufsstände. Männer und Frauen vertrete«, um dadurch auch dem Gedanken Ausdruck zu «eben, daß sie alle sich in der Wohlfahrtsarbeit als gleich gestimmte Brüder und Schwestern vereinigen. Und als solche solle» stch Pfleger und Pflegerinnen nicht nur untereinander, sondern gerade den Hilfsbedürftigen gegenüber fühlen, ihnen vertraute Freunde und Berater in alle» Nöten deS Lebens werden. DaS ist gerade der Sinn der Familien Hilfe, die sich nicht in der einmaligen materiellen Gabe an Geld, Kleiduna oder Lebensmitteln erschöpfen darf, sonder» darüber hinaus die Familie als Ganzes zu erfassen suchen muß. um ibr auch in seelischer und geistiger Not zu helfen und Zuspruch zu gewähren. Es darf mir Genugtuung seftgestellt «erden, baß die Bezirke sich dieser neuen Ausgabe mit Hingabe widmen und daß die Vorsitzenden sie den Mitglieder» immer wieder vor Augen halten. Den» es ist natürlich, daß neu in die Arbeit etntretende die materielle Hilfe als den wesentliche» Kern sozialer Fürsorge an-usehen, geneigt find. Der htecin ständig liegenden Gefahr eine- HinabglettenS der Wohlfahrtspflege in ei» kümmerliches Almofengeven, da- Bettler grobziebt. muß mit allem Nachdruck erttgegengetrete» werde«. Deshalb ist von Anfang a« darauf gesehen worden, die Bezirkssitzungen nicht m bloßen BewilligungSabende» werden zu lassen, ivndern sie durch Vorträge zur Einkührung in die Arbeit «ud Besprechung allgemein wichtiger Fragen Lebendig and anregend zu gestatten. Sitzungen de- HauvtauSschuffes und Rundschreiben an die Bezirke dienen der Einheitlichkeit des Ganzen. Art und Matz der Hilfe tft dem pfttchtgemäberr Ermesse» der BezrkSkommtsston anheimgestellt, um sie so anpassnngS* fäHtg wie möglich zu gestalten. Solange der Strom freiwilliger Spenden die Geld- und sonstige» Mittel z« UnterstÜtzuugSzwecken heranführte, durfte, vielleicht auch tm Sinne der Geber, eine aewisse Weitherzigkeit in de« Bewilligungen sich geltend mache». Das hat indessen aufgehört. Das Wohlfahrtsamt ist in der Hauptsache auf den von de» Gemeindebehörden bewilligten Zuschutz angewiesen nnd muß mit ihm Haushalten. Der Charakter unserer iüdischen Wohlfahrtspflege als elner ergänzende« »eben ber öffentlichen mutz wieder mehr betont und eine Inanspruchnahme kommunaler und interkonfessioneller Einrichtungen durchgängig verlangt werden. Das führt auch zu einer strengeren Sichtung der Gesuche. So können z. B. Gesuche um »Bäderturen und Erholungsaufenthalte" für erwachsene Personen nur noch dann auf Gewährung rechnen, wenn dadurch die Arbeitskraft de- Gesuchsstellers erhalten wird. Aehnltches gilt von der gewaltig gestiegene« Zahl der »DarlehnSgesuche". Hinter ihnen verbirgt stch teilweise nur ei» verschämtes Unterstützungsgesuch. Aber auch dort, wo es stch »m wirkliche Aushilfe in Geschäft und Gewerbe handelt, ist eine Hilfe nur möglich, wenn Lebensfähigegestützt werden kann. Die neu gegründete »Jüdische Darlehnskasse G> m. b. H." will diesen Bedürfnissen entgegenkommen. AlS eine nach kauf, mänischen Grundsätzen geleitete Einrichtung wird sie Kredit nur «nter Stellung von Bürgschaften gewähre« und ans regelmäßiger Tilgung der zu gewährenden Darlehen bestehen. Die Bezirke haben esich im vergangenen Winter besonders angelegen iein lassen, ihre Bedürftigen mit .Lebensmitteln und Brot" zu versorgen und neue „Sveisungseinrichtungen" zu begründen. Zu Beginn -e- Winters bestanden solche des jüdischen Frauenbundes, des Israelitischen Heimathauses Gormannstraße. die Stuöentenspeisung und die Volksküche in der Auguststvaße. Zu ihnen traten außer den Neugründungen der Bezirke noch die Mittelstandsküchen ber Israelitischen Union und der Chewra Kadischah hinzu. Im ganzen konnten täglich et>va 1000 Portionen verabreicht werden. Zu den Küchen gesellten stch noch Abend- Heime und Lesestnben. die in geheizten Räumen Unterhaltung. Lesestoff und ein wärmendes Getränk boten. Der Versorgung mit Kleidung dient die bereits ln den KriegSjahreu eingerichtete »Meiderkammer" in der Nofenstraße 2-4. Tritt im Winter die Versorgung alter und gebrechlicher Personen mehr in den Vordergrund, so gehören Frühling und Sommer tm weitesten Umsang der Jugend: Ferienkolonien und TageSausflüge sollen dazu dienen, der ermatteten Grotzstadtjugend frisch« Kräfte znzuführen. ste in Feld und Wald stch tummeln zu lassen und wenigstens in einem noch so kurz Semefsanen Zeitraum den Zusammenhana mit der Natur herzustellen, der im steinernen HSnsermeer und auf dem Straßenasphalt nicht aufkommen kann. Hngievifch« und erzieherische Maßnahmen treffe« hier zusammen, ste geben der Iugendwohlsahrtöpfleg« auch sonst tür Gepräge. Eine planmäßige ärztliche Beobachtung bestand seit 10 Iahreu für die Mündel der Sammebvormundschaft. späterhin auch für die Pfleglinge der Waisenkommission und endlich für di« von der jüdischen Kinöerhilfe versorgte» Kinder. Die überaus günstige« Erfahrungen, die mit dieser regel. mäßig durchgeführten ärztlichen Aussicht gemacht worbe» stno. haben dazu geführt, dieses System neuerdings auch auf die BezirkSarveit zu Übertrage». Ergänzt wirb diese Fürsorge durch die Eturichtun« der »Erholungszentrale". der da» Wohlfahrtsamt, der Verein für Ferienkolonien jüdischer Kinder und die Kinderhilse angeschlossen sind. Durch diese Zusammenfassung wird einmal erreicht, öatz eine mehrfache Behandlung der BerschickungSgesnche von verschiedenen Stelle« vermieden wird, sodann aber — und daist das wichtigere — wird eine »achgebende Fürsorge tm Bezirk etngeleitet. Man degrrvgt sich heute nicht mehr damit, ein Ktnd aus vier oder sechs Wochen aufs Land oder an die See zu schicken, sonder» man ist darauf bedacht, die gewonnene Stärkung «nd Erholung durch entsprechende Maßnahmen in der Familie nach beendeter Kur möglichst lange Zeit zu erhalten. Die Anstellung einer »Schnlpflegeri«" für die beiden Schule» der jüdische« Gemeinde ist ei« weiterer Schritt »ur Ausgestaltnna der Familienhilf«. Gelingt es Lurch diese Art Fürsorge, unter Benutzung der vorhandene« und eventuelle Neuerrichtung von Kindergärten und Horten, eine günstige Beeinflussung von Eltern und Pflogestelle» in bezug auf die gesundheitliche Haltung der Jugend zu erreichen, so steht z» hoffe», daß damit auch in erzieherischer nnd sittlicher Hinsicht Erfolge nicht auSbleiben werden. Hier gilt es, noch manche schwere Schäden der Kriegs- und vielleicht noch mehr der Nachkriegsjahre auSznglelche«. von denen auch unsere tübische Jugend nicht unberührt geblieben ist und an deren Heilung mitzuwirken, die Jugend selbst hocherfreulicherweile sich anschickt. Der übereinstimmenden Auffassung alle* politischen Parteien von der Notwendigkeit dieses geistigen Wiederaufbaus verdanken das RerchSjugenüwohlfahrtsgesetz und daS Iugendgerichtsgesetz ihre Entstehung. Sie bieten der freien Wohlfahrtspflege ein reiche- BetätiguugSfelb und eS kann darauf gerechnet werden, daß das OrtSgefetz für Berlin, bas demnächst ergebe» muß, dem Zustand Rechnung tragen wird, wie er sich aus der bisherige» Zusammenarbeit der Berliner Wohlfahrts-vereinigung mit den städtischen Stellen und der Arbeitsgemeinschaft der öffentlichen und privaten Wohlfahrtspflege, — in denen unser Wohlfahrtsamt vertreten ist, — ergibt. Die Wahrnehmung unserer Ansprüche an di« öffentliche Ingendwohlfahrtspflege wird überdies dadurch eine wichtige Stütze erhalten, daß nach dem preußischen Ausführungs-Gesetz z« den Mitgliedern des Jugendamtes von Amtwegen ein im Bezirk ansässiger Rabbiner gehört. Welche bedeutungsvolle Ausgabe den Rabbinern hieraus erwächst, bedarf keiner wetteren Darlegung. Um so mehr steht zu erwarten, daß ste stch ihr mtt der ganzen Kraft ihrer Persönlichkeit widmen werden. Für die Berliner Beztrksjugendämter besteht überdies die Aussicht, daß auch in der Jugendwohl^ahrt erfahrene Männer und Frauen, die unseren Beztrkskommiffiouen angehören, Mitglieder der Aemter werden. Zu bemerke» ist, daß die Vorschriften des Reichsmgeudwohlfahrtsgesetzes sich nur auf deutsche Kinder beziehen. Die ursprüngliche Absicht, alle in Deutschland lebenden Kinder zu erfassen, ist an der Finanzlage gescheitert. Insbesondere wird die Fürsorgeerziehung, bei der die Kostenerstattungsfrage besonders geregelt ist. auf ausländische Kinder kaum mehr Anwendung finden. Hieraus erwächst unserer jüdischen Fürsorge nicht nur unter Umstünden eine materielle Verpflichtung zur Kostenübernahme, sondern noch weit wehr die Pflicht. Lrziehungsaussicht zu üben, damit es nicht erst zur Verwahrlosung der Jugendlichen kommt. Aber auch die intensivste Einwirkuua auf die vom Ausland zugezvgenen Familien ist notivendig. In einer aroße» Anzahl von ihnen sind die Eltern nur rituell getraut, wett es nicht möglich gewesen ist, die erforderlichen Urkunden zur standesamtlichen Eheschließung zu beschaffen. Dann darf eS nicht Vorkommen, daß von Großeltern oder Anverwandten nach dem Tode eines Elternteils durch die Behauptung, die Ehe sei nicht standesamtlich geschlossen, daS Recht der Witwe oder der Kinder geschmälert wird. Daß bei der Unterstützung Bedürftiger kein Unterschied »ach der Staatsangehörigkeit gemacht wirb, sei ausdrücklich betont. Den politischen nnd Unrecht. Bon Georg Kubatzki. Wir haben im Schützengraben gelegen, UnS mutig gesetzt dem Feinde zur Wehr; Wir haben gefochten mit Kolben und Degen Und haben geblutet für Deutschlands Ehr'. Wir haben gehungert und haben gegeben, Es strömten Väter und Söhne ins Feld; Man fragte nicht nach Gesundheit und Leben: In fremder Erde manch jüdischer Held. Zu Haus ward gebetet, gehofft und geduldet, Gemeinsame Arbeit: das einzige Ziel; Man fühlte, was mau dem Vaterland schuldet, Ob Christ oder Jud — man fragte nicht viel. Zum Dank für alles, was wir gelitten, Was wir geopfert auf dem Altar, Vom inneren Feinde wird es bestritten. WaS wir vollbracht — ist alles nicht wahr... O, zählet die Krüppel und zählet die Hügel, Zahlt, wieviel Juden gefallen im Krieg, Haltet die lügenden Zungen im Zügel, Helft, o helft doch der Wahrheit zum Sieg. Jüdische Schriftsteller der Gegenwart. I. Jakob Wasser««»». Bo» Dr. Ludwig Davidsoh«. Eine der stärksten geistigen Kräfte «nter de» heute dichterisch schassenden Juden, Lessen bisherige- Lebenswerk Bewunderung abnötigt! — Auch wen» man an künstlerische Leistungen den höchste» Maßstab, den kulturellen legt, — eine der markantesten Erscheinungen deutschen Schrifttums l — Sin Erzähler, dessen Fabulierknnst schier keine Grenze« kennt, dessen nie abbrechender Erfindungs- und GestaltungSreichtum von keinem lebenden deutschen Schriftsteller übertroffcn, vielleicht einmal von dem jungen Albrecht Schaffer erreicht werden wird. Um nach Dichtern zu suchen, die wie er den ganzen Kosmos in ihrem Werk widerspiegeln, mutz man schon rvetterblicken, nach Osten, zu Dostojewski, nach Westen, zu Balzac, z» zwei Riesen, an die er freilich nicht heraureicht. Denn das Wesen dieser Ganzgroßen läßt sich — wie die Welt und ihr Geschehen — auf keine Formel bringen. daS Wesentliche im Schaffen Wassermanns aber ist, — man muß an ein von Goethe geprägtes, jetzt längst abgegriffenes Schlagwort denke», — ein« Art Weltschmerz. Goethe nannte Byron einen »Weltschmerzdichter". und die europäische Literatur bat dann diesen »Titel" noch an zwei andere große Dichter verliehen, die nichts weniger waren als ausgesprochene Melancholiker, an Heine und Leopardi. In der Art wie diese Drei ist Wassermann kein Dichter der Schwermut, aber er ist es in dem tieferen und ergreifenderen Sinne, daß in allen seinen Werken eine unendliche Sehnsucht nach einer besseren Welt aufklingt, nach einem höheren, edleren Sein, nach der Erlösung von allem Erdenjchmutz, daß in ihm ein ewiges Suchen ist und eine nie ruhende Klage über die Bösartigkeit, Herzenskälte und den Egoismus der Menschen, über das Nie-Finden-Kvnnen. eine Klage, die oft zur dumpfen, Niederdrücken-e» Lebensverneinung führt, zu der .^ontologischen Frage mit umgekehrtem Vorzeichen", wie am Schlüsse der unvergleichlichen Novelle »Sturreganz" im »Wendekreis". Gerade in diesem Kunstwerk, ebenso hervor, tretend wie im »Kaspar Hauser" und manchen anderen, zeigt sich aber — über allem bloß Artistischen hinweg — de- Dichters sympathischste nnd liebenswerteste Eigenschaft, seine warme, noble Menschlichkeit, sein Mtgefiihl mit allen Leidenden, seine schöne Fähigkeit, in jedem Beladene« verstehend den Bruder und Freund zu erkenne». Nur jemand, der selbst viel Schweres durchlitten hat. kann fremde- Leid so ergreifend schildern! — Dichter, die am Leben litten, deren Melancholie die Musik ihres ganzen Wesens bildet, bat es manche gegeben: Hölderlin. der ewige Jüngling, und -er arme Lenau, die berde in Geistesnacht versanken, Kleist, -er den Freitod starb, und Storm, dessen meiste Novellen in singender Resignation enden, -er müde Hermann Bang, und der wundervolle Dichter Gras Keyserling!, der erblindete RückeumarkSkranke, — sie alle wissen um der »tiefsten Schwermut wuudersüßes Lied", Me eS bet den Romantikern heißt. — WaS jedoch alle diese nichtjüdischen Dichter von dem jüdischen unterscheidet, ist, baß jene, selbst unter trübsten Lebensumstänöen, immer wieder das Idyllische suchen und gelegentlich finden, dieser aber, ein geborener, tiefernster Moralist, dessen ethisches Feingefühl durch alleirdische Geschehen unablässig verletzt wird, der in seinem Blute bewußt und unbewußt dajahrtansendalte Selb einer ganze» BevölkerungSgruvve mit sich trägt, niemals die Idylle, die Harmonie mit dem Bestehenden, de» seelische» Frieden erreicht. Wassermann ist — nnd -aS ist die Hanptursache seiner mangelnden Popularität — immer ,,ungemütlich" lim spezifischen Sinne dieses Wortes): er kann nicht lachen! Da, wo er humoristisch sein will, wie in der Lügenkomödie »HockenjoL" (1838) wird er bitter und gallig, dort, wo er den idyllischen Zauber einer trüben Erinnerung unheimlichen. unerwiderten Liebe vor uns erstehen lassen will, wie in der wundervollen Szene aus dem ..Gänsemännchen". in der Eberhard dem Daniel in der Dachkammer die gesammelten, vertrockneten Blumen der verstorbenen Leonore zeigt, hat sein? Klage über das Bvrübergleitea und die Sinnlosigkeit alles Geschehens etwas io Aufwühlendes, daß fast eine grausige Wirkung erzeugt wird, aber keine idyllische. Merkwürdig, daß so gar keine Satire. Lust zur Kritik, Spottsncht, — die der Oberflächliche doch für jüdisch« Charakteristika hält —, bei Wassermann zu finden sind! Dieser so bewußte Vertreter eines tradiüonsstolzen, jüdischen Volkstums ist ansschlleßlich »bildender, nicht redender Künstler" im Goetheschen Sinne, dessen ununterbrochene bisherige Lebensänßerung positives und aufbauenbeS Schaffen war. I» jedem Buche zeigt er sich als echter Gestalter, der mit vornehmer Ruhe hinter seinem Werk »«- rücktritt, und dem die eitle und esfekthaschende Herausstellung der eigenen Person völlig fernliegt. Wassermann ist 1873 in Fürth geboren. Seltsam traurige, unendlich einfache Gedichte und zwei visionäre, an einen Alpdruck während eines bösen Traumes erinnernde Geschichte« »Schläfst d» Mutter?" und »Melusine" (1890) waren seine ersten Werke. Damals war der Naturalismus noch Trumpf und man staunte über die ungewohnte, nur scheinbar naturalistische Darstellung von Schicksalen und von Mensche«, die wie Nachtwandler mit geschloffenen Augen durchs Lebe» und in ihr Unglück gehen. Schon diese ersten Geschichten hatten etwas ungemein Quälendes, etwa-, was sich dem Leser ansS Gemüt legt. ES gibt nur noch einen große» lebenden deutschen Dichter, der so guälen kann: Hermann Gtehr; aber dieser im Riesengebirge ausgewachsene unlebende schlesische Lehrer. Lessen Wese» immer Reste LeS deutschen Volksliedes und -Märchens bewahrt bat. ist t« Laufe der Jahrzehnte ganz ander« dichterische Wege gegangen. 1887 erschien Wassermannerster großer Roma«: »Die Juden von Zirndorf": es war gleich ein Meisterwerk, ei» Höhepunkt t« seinem Schaffen, wenigstenda- »Vorspiel", die erste Hälfte des Buches, -lese von glühendem Fackelfchei» durchleuchtete, im Ehrontkensttl des siebzehnten Iahrhnubcrt» geschriebene Tragödie von der genarrten Er» lvfnng-sehnsucht der Jude». Hier zeigt sich das Indent«« AUSSTELLUNG: UNTER DEN LINDEN 3 WERK REINICKENDORF AUTOMOBIL- UND KAROSSERIEFABRIK A. Q.