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Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-07-04 · 21 (4.7.1921) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
21 (4.7.1921)
Date
1921-07-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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konsularischen Schutz der ausländischen Juden hat daS ^lrbeiterfürlorgeamt" übernommen. Dem Schutz der „unehelichen Kinder"' fovie der Uebernähme gerichtlicher Vormundschaften. Pflegschaften und Bei. standschaften dient dü fett LV18 -estehen-e ^ammeloormundschaft", die in zehn Jahren über 1700 Mündel betreut hat. Kür gefährdete Frauen und Mädchen bietet das im Mütterheim, Brunnenstraße, untergebrachte „Zufluchtsheim" ein schützendes Dach. Die Sorg« für die Familien von Gefangenen und für diese selbst, die bisher von der Fürsorgekommission ausgeübt wurde, ist auf die Bezirke übergegangen. Die Seelsorge in den Gefängnissen ist einem von der Justizverwaltung angestellten Rabbiner übertragen. Vom Wohlfahrtsamt sind regelmäßig Besuche der allgemeinen Kranken- und Entbindungsanstalten sowie der Irrenhäuser eingerichtet, um deren Insassen Gelegenheit zur Aussprache und zur Anbringung von Wünschen zu geben. Der Gesundheitsfürsorge der Erwachsenen und der Kin- Ler, vor allem der Säuglinge, dient die Arbeit der drei vom Verein für füdische Krankenpflegerinnen gestellten Gemeindeschwestern. Der Umfang ihrer Tätigkeit — die sich nicht aus Dauerpslvgen, wohl aber auf ambulante Kranken- Versorgung erstreckt, erhellt aus der Zahl der von ihnen im Jahr« 1923 gemachten 2883 Besuche. — Ein gemeinsames Band, das die gesamte Wohlfahrtspflege umschließt, bildet endlich die seit fast SO Jahren bestehende »ZentralauSkunftSstelle". Sie dient der Sammlung von Nachrichten über Bittsteller und ihre Benutzung, die eine Grundbedingung verständiger Wohlfahrtsarbeit ist, kann von Verein«« und Privatpersonen, die Bedürftigen Zuwendungen machen wollen oder qemacht haben, nicht dringend genug gefordert werden. Gewährt sie auf der einen Seite Schutz vor der Inanspruchnahme durch unlautere Elemente, so ermöglicht sie aus der anderen ein verständnisvolles Zusammenwirken verschiedener Hilfsstellen zu nachhaltigerer Hilfe im Einzelfall. So ist es insbesondere gelungen, M Channukah und Pessach eine großzügige Hilfe einzuleiten. an der unter Führung des Wohlfahrtsamtes alle in Betracht kommenden Vereine und Anstalten tcilgenommen haben und durch die es ermöglicht worden ist, im Weg« gegenseitigen Ltstenaustausches die Bittsteller in weitgehendstem Umfange zu versorgen. Die Zentralstelle bedeutet in der gesamten Fürsorgcarbeit Groß-Berlins eine Einrichtung, der sich nur ganz wenige gleicher Art an die Seite stellen können. — „Ausgestaltung der Hilfstätigkeit der Gemeinden im Sinne moderner sozialer Fürsorge — für Witwen und Waisen, Arme, Kranke, wirtschaftlich Gefährdete und sittlich Verwahrloste — gleich, ob Einheimische oder Fremde", das ist die Forderung des 7. Leitsatzes liberaler Gemeinde- Politik. Daß die jüdisch»« Wohlfahrtspflege ihr gerecht zu werden, auf gutem Wege ist, darf sie für sich in Anspruch nehmen. Erneuerung der religiösen formen. Von HanSAdolfMargoliuS. " Di» folgenden Ausführungen angeregt durch den Aufsatz deS Herrn Rechtsanwalt Heinrich Clcrn «Leben uns Lehre" in Nr. 17 und die Darlegungen dc4 Herrn GcmeinderabdinerS 2r. Vogelfiein über „Reform und Reformen" in Nr. 19, stellen eine weitere Anregung zur TistUision über die religiös, tLrneueruna deS Judentums dar. ES braucht wuhi nickt betont zu werden, dab der Aussatz nur die persönliche Ansicht deS Dersassers widerspiegelt. Die Red. Allenthalben und drängender von Tag zu Tag wird tu uns ein Verlangen laut nach der Erneuerung unserer religiösen Formen. Rach Jahren religiöser Lebe fühlen wir wieder den Willen zur Religion mit aller Kraft der natürlichen Reaktion stärker denn je zu neuem Leben erwacht. Ein chaotisch gärendes Drängen zuerst, deutlich in den Abbes Dichters in seiner reinsten Ausstrahlung: alles Letd ist erlebt, gefühlt, gestaltet. Er hat zwar dieses Vorspiel mit vielen folgenden Büchern an Reife und äußerer Glätte übertroffen, aber an dichterischer Echtheit und seelischer Inbrunst kaum ie wieder erreicht. Was an dieser Erzählung so erschüttert, das ist das. was immer das Edelste und Ehrsurchtgebietendste am jüdischen Wesen mar, das brennende Suchen nach Gott. In der gesamten neueren Literatur ist die Tragik des jüdischen Volkes, das — seelisch heimatlos und doch seine deutsche Heimat mit jeder Herzensfaser liebend, — mit glühendem Schnell seine Erfüllung sucht, nicht so hinreißend geschildert, ist der Schmerzensschrei des tiefempfindcnden, modernen Juden nicht so ergreifend wiedcrgegeben worden, wie in diesem ..Vorspiel". Der zweite Teil des Werkes, in dem der Dichtei eine jüdische Jdcalgestalt, den jungen Agathon Geyer, zeichnet, der Gott in sich findet und sich selbst erlöst, ist schon konstruiert, wirkt weniger bluthaft und überzeugend. Agathon Geyer erscheint auch als sterbender Erlöser am Schlüsse des zweiten großen Romans Wassermanns, in der „Geschichte der jungen Renate Fuchs." „Seit Kellers Grünem Heinrich ist solch Tiefsinniges in deutscher Sprache nicht erschienen", schrieb damals Harden -in seiner übertreibenden, unkritischen Art. Nun. heute wirkt diese nervöse Neuromantik, dieser sprunghaft erzählte, nachtwandlerische Leidensweg eines jungen, von einer dunklen Sehnsucht getriebenen jüdischen Mädchens aus gutem Hause, das mit „asbestner Seele" durch Leu Schmutz vieler Erlebnisse geht, etwas abgeblaßt und nicht mehr recht Slaubhaft. — Wären Stil und Ton ausschließlich ins Uniirklich-Phantastische qehoben, wie bei der Behandlung deS gleichen Themas in Munks Erregung", so würde die Wirkung eine gröbere sein. Aber überall fesseln treffende Beobachtungen. tiefe Bemerkungen, unvergeßliche mit einer Art aufreizender Melancholie erzählte Einzelheiten. Dem Ganzen fehlt jedoch eine erzählungstechnische Konzentration, wesenhafte Harmonie, dichterische Wahrheit, die ganz etwas anderes ist, als naturalistische Lebensmahrbeit. Aebnliche Mängel weist auch des Dichters 1901 erschienener Roman „Der Moloch" auf. der erzählt, wie ein ursprünglich reiner und seelisch gesunder Mensch, der auf dem Lande ausgewachsen ist. in die Großstadt verschlagen und — allmählich zum Lumpen werdend — in ihrem Schmutze versinkt. — Arnold Ansorge sieht schließlich ein: „Wenn ich nicht mehr bin, wird auch mein Uebel nicht mehr sein", und er erschießt sich. — Aehnliche tragische Menschenuntergänqe sind oft von «eueren Dichter»! aufgerollt worden. Wilhelm von Polen-, Peter Rosegger, verschiedene nordische Dichter haben das gleiche Motiv wiederholt in sozialpsychologisch tiesschürsenden Romanen behandelt. Es ist jedoch kein Zufall, daß gerade in Städten ausgewachsene Juden, die doch als Materialisten verschrieen sind, der tiefen Schwermut dieser vor dem Kriege typischen Schicksale — vgl. hierzu vor allem Georg Hirschfelds „Wirt von Veladuz" — einen io eindrucksvollen und prägnanten Ausdruck verliehen haben. Auch dieses Buch hat in seiner zerfließenden Konzeption, tu seiner zerfasernden Seelcnanatomie. in seinem einseitigen Erfassen des Nur-Häßlichen der Großstadt etwas gnälend Trauriges. Hier wie in der Senate Fuchs" ist der Stoff surdttäten theosophtsch-okkultifttscher Begeisterungen, sind wir uns heute feiner bewußt geworden und sehen mtt Klarheit da» Ziel: die neue Form religiösen Leben». Könne» wir sie schassen audem Nicht» heraus, durch Diskussion de» Problem-, in gemeinsamem Vorgehen, durch bewußte Setzung? Sie kan« nur möglich werde» alschöpferische Tat eines Menschen, al» Werk ergriffener Gemeinschaft. Wa» aber bewußt gesagt und getan werden kann, da» ist: Bereitung des B o - e u S. Bau deS Hauses für das Kommende-Neue. daö wir erwarte« und wünschen. Vielleicht wird diese- Neue gar nicht kommen, vielleicht nicht so. zvte wir es denken und verlangen. Aber daS ändert nichts an dem. was wir allein zu tun vermögen. Es wird dann eben dieses unser Borberetten daS Reue sein und ohne Zweifel auch dieses ein Wert! Wir werden dann nicht neue Zeremonien und neue Dogmen haben, aber wir werden damit auch vor Verflachung und Erstarrung bewahrt, in stetem Unterwegs zu neuem Leben eirr selbst schon dauernd neues Leben gehen — nicht endliche Form, doch im Weg vom EhavS zur Form — Freude und Heiligkeit des GestaltenS empfangen. Wenn wir das wollen, dürfen wir dann nur weitergehen im Sinne fortschreitender Reform, wie bis heute Reform gefaßt und getrieben wurde? Der Liberalismus der vergangenen Jahre hatte seinen historischen Sinn, seine Rolle und Bedeutung in der zeitgeschichtlichen Entwicklung. Aber Art und Weise seiner Reform lag durchaus im Fahrwasser seiner im Grunde unreligiösen Zeit. WaS w i r wollen, ist anders, und ein neuer anderer Liberalismus, der andere Wege gehen wird. ES ist unS nicht gedient mtt Aenderung und Uebersetzung alten GebcteS und alter Zeremonie. Auch die Formen des Religiösen sind in sich geschlossene Gestalten, die Aenderung im einzelnen, Zurechtstutzung und Uebertragnng in andere Sprache nicht gestatten. Wir erleben es in: jüdischen Gotteshaus. wie jedes alte Gebet, schön im Klang seiner Sprache, schön durch die Heiligkeit seiner Tradition, im neuen Wort seinen Duft und feine Weihe verliert und vielfach nur die Ueberlcbtheit des dogmatischen Gedankens erschreckend deutlich macht. Das halten wir fest als erstes Prinzip unserer neuen Art von Reform: Nicht Aenderung, nicht Umformung, nicht ein Zurcchtrnachen von Altem für Neues kann neues religiöses Loben wirklich geben. ES gilt allein Neuschöpfung ans eigener Kraft, die neue Form: unmittelbarer Ausdruck neuen FühlenS. Alles andere ist Halbheit und zutiefst ein banales Tun. Wenn wir das Ganze nicht können, so müssen wir still und bescheidentlich warten — zu stolz, uns mit Halbem zufriedenzustellen. Aber ein Zweites gibt unS auch positivere Möglichkeiten. Wo die neue Form im Aeußeren uns unerreichbar ist, — sei cs für heut, sei eS notwendig für immer. — da kann Wandlung sein im Ausfasscn und Verstehen, daS Nene in der Art und Weise, mit der wir daS Alte neu erleben. Zahllos sind Riten und Sätze, die in Jahrtausenden ausgeformt. fest und unumstößlich vor uns stehen, die wir auch nicht umstoßen wollen. Hier gilt es. die alten Formen neu zu erleben lernen. Auch darin mag ein WesentlicheS- NeueS zu erreichen sein. Wie das im einzelnen, davon soll noch gesprochen werden. Kalenderreform. Von Robert Hirschfeld, Berlin. Seit Jahrzehnten ist in verschiedenen Kreisen von Gelehrten, Wirtschaftspolitikern und auch in der christlichen Kirche der Ruf naef) einer Reform des gregorianischen Kalenders immer lauter und dringender geworden. Der Völkerbund hat auch diese Angelegenheit zu einer seiner Aufgaben gemacht und eine Kornmission eingesetzt, die sie lösen soll. ES handelt sich in der Hauptsache um zwei Punkte. Zunächst will man das Osterfest und fomrtt tm Z». fammenhang -aS Pfingstfest auf einen bestimmte» Tag festlegen, etwa auf den ersten Sonntag im Aprtt das Osterfest und sieben Wochen später Pfingsten. Ma» glaubt damit zu erreichen, -aß in da» kirchliche, ganz besonders aber in das wirtschaftliche Leben eine größere Stetigkeit kommen wird, weil dann das Frühjahrsgeschäft immer um dieselbe Zeit sich abwickel» und nicht etwa, wie in diesem Jahre, sich bis in de« Sommer hinein erstrecken würde. Sodann will man Daten und Wochentage für alle Zeiten in Zusammenhang bringen. DaS Sonnenjahr von 865 Tagen hat bekanntlich 62 Wochen und einen Tag; daher verschiebt sich der Wochentag eine- Datum-! immer um einen Tag gegen das Vorjahr und tm Schaltjahr um zwei Tage. Das roirb von manchen Seiten als ein Uebelstand empfunden, dem wandadnrch abhelfen will, daß man den 31. Dezember als Feiertag ohne Wochentagsname ansehen will und im Schaltjahr noch einen zweiten solchen Feiertag einschieben will. Dadurch würde man erreichen, daß beispielsweise jeder 1. Januar ein Sonntag sein und jedes andere Datum! auch immer auf denselben Wochentag fallen würde. Vom jüdischen Standpunkte aus ist zu dem erste» Reformvorschlag gar nichts zu bemerken: denn -ie Lage des Ostertermins hat auf die Lage unserer Feste, etwa des Pessach, gar keinen Einfluß. Anders liegt es bei dem zweiten Vorschläge. Wenn er angenommen würde, so würde sich für die an der Tradition hängenden Juden der Sabbat in jedem Jahr um eine« Tag verschieben, da diese einen beliebig eingesetzten Feiertag, der nicht zur Reihe der Wochentage gezählt werden soll, nicht anerkennen können. Daraus würden sich für das praktisch-religiöse Leben der orthodoxen Juden sehr viel Schwierigkeiten ergeben. Darum hat auch der Oberrabbiner von England an die Kommtssion deS Völkerbundes die Bitte gerichtet, diesen zweiten Resormvorschlag abzulchnen. Für uns, die wir auf dem Standpunkt einer ständigen Entwicklung und Erneuerung des religiösen Judentums stehen, bat auch der zweite Vorschlag keine besondere Bedeutung. Es erscheint uns zwar überhaupt ganz gleichgültig, ob der Wochentag eines Datums jährlich um je einen Tag vvrrückt oder stehen bleibt. Aber auch von unserem jüdischen Standpunkte aus können wir der Einrichtung eines neuen Feiertages mit Ruhe entgegensetzen und an der herkömmlichen Feier des Ruhetages am Sonnabend festhalten. Da aber anzunehmen ist, daß in orthodoxen Kreisen unser Standpunkt nicht geteilt wird, so wollen wir wünschen, daß mit Rücksicht auf die vorausznsehenden Verwirrungen die Kommission des Völkerbundes de» zweiten Vorschlag ablehnt. Werbt neue Leser für die „Jüdisch-liberale Zeitungüberdies zu umfassend für seinen Bildner, und dieser scheint zuweilen verwirrt vor der Uebersülle seiner Gestalten unh Situationen zu stehen. — Der „Moloch" bat auch nur einen Achtungserfolg gehabt. Dann aber fübrt der Weg Wassermanns mit raschen Schritten zu weiterer Höbe empor. Sein außerordentlicher Fleiß prädestiniert« ihn dazu. Historie zu treiben, sich mit dichterischer Intuition in das innerste Wesen der DeuklnigSart und Ewpsinbungsweise ferner Zeiten hineinzuleben und seine inneren Gesichte vor uns neu erstehen zu laßen. So entfernt sich der Autor in seinen folgenden Werken von der Gegenwart. In die Antike führt sein „Alexander in Babylon", inS' Mittelalter die Novellen „Die Schwestern", in die Bormärzzeit seiner Heimat der große Roman „Caspar Hauser'. Solche geschichtlichen Erzählungen hatte es bisher sin der deutschen Literatur noch nicht gegeben'. — Mit sprühender Lebendigkeit werden hier vergessene und versunkene Welten zu neuer Existenz erweckt. Die imponierende Gewalt urrd suggestive Vildkraft. mit der sich der Dichter historischer Motive und Stoffe bemächtigt, ist so groß, daß jede Vergangenheit im Sinne des künstlich belebten Gewesenen aufgehoben ist und alles unmittelbare Gegenwart wird. Es ist unmöglich, daß jemand Alexanders Zug durch die Wüste, diese Schilderung von seltsamer Pracht und tiefer Farbenglut, je in seinem Leben vergessen kann! Welch ein Unterschied zwischen den ägyptischen Romanen eines Ebers, den historischen Wälzern eines Lahn usw. und diesem Buch, dessen antiker Welt der Lichter seine Seele gleichsam eingeglüht hat. Hier gibt es keine als Griechen oder Perser 'verkleidete preußische Feldwebel, sondern wirkliche Gestalten von Fleisch und Blut, hier werden überall tiefe menschliche Probleme ausgewieseu und mit hinreißender Kraft Visionen gestaltet. Und auch hier erscheinen wie in den andern geschichtlichen Kunstwerken, immer wieder in historischem Gewände moderne Probleme und moderne Menschen von ebenso kühner als intensiver Psychologie. Und am Schluß wiederum des Dichters furchtbarer Ernst: — Alexander, der größte Heros?er alten Welt, siebt schließlich am Ende aut sein Leben, wie auf einen verbrannten Holzstoß. Was soll das Geschehen, wenn „olles gleitet und vorüberrinnt?" Alles ist eitel, alles ist in tiefstem Sinne zwecklos! Wer diese Wahrheit ersaßt hat. persteint innerlich. — Den' „Kaspar Hause r" hat der Dichter als sein bestes Werk bezeichnet, und dieser Selbstkritik muß man zustimmen: diese seltsame Geschichte, verlockend durch das Weben eines nie zu lösenden Geheimnisses, ist nicht nur ein außerordentliches Beispiel bester deutscher Erzählungskunst, sondern in gewissem Sinuc ein klassisches Buch unserer kranken Zeit. Sein Untertitel: „Die Trägheit des Herzens" sagt alles. An ihr geht der Held, eine Art Sinnbild reinen und unberührten Menschentums, zugrunde. — Ist nicht Mangel an allumfassender Liebe die ticiitc Ursache des Leids, das die Menschen in den letzten Jahrzehnten durchlttten haben?! Einen Franz von Assisi kann unsere Zeit nicht mehr heriwrbrinaen. dazu ist sie zu äußerlich, zu materiaiisti'ch. zu bar jeder wahren inneren Kultur, kurz zu herzenStrage geworden! — Der Klage über die HerzenSträgheit. die „Gott-Lvsigkeit" der Mensche» habe» gerade immer wieder Inden in allen Jahrtausende« eine« ergreifenden Widerhall verschafft, von dem Stifter der christlichen Neligion an bis ans unsere Tage zu dem unglücklichen Landauer, dem biedere Münchener Soldaten anch dafür prompt den Schädel einschlugen. Das menschliche Mitgefühl des Dichters bat hier einen zu Herzen gehenden, reinen Ausdruck gefunden. Seine Technik steht ganz auf der Höhe. Ter Dichter steht hinter seinem Werk nicht wie ein Marionettenbesiher, der die Fäden seiner Figuren in der Hand hat. sondern als ein ernster, versonnener Schickialöbetrachter, der das Haupt trübe gesenkt hält, weit er überall, wohin er auch blickt, erbärmliche und kleine Menschen findet. Caspar Hauser ist ein großangelegtes Symbol, der ».Fremdling unter den Menschen" von adliger Abstammung, voll seelischer Würde und kindlicher Schuldlosigkeit! Er muß an der Boshaftigkeit. Engstirnigkeit und Gleichgültigkeit der ihn umgebenden Alltagsexistenzen zugrunde gehen! Gar nichts Müdes und Weiches, sondern nur eine kraftvoll-männliche, verbissene Trauer liegt über dem Caspar Hauser, der sicher ein Buch ist. das noch kommende Generationen leien werden. (Schluß folgt.) Friedrich Gotiiieb Klopstock geboren am 2. Juli 1724 in Quedlinburg. Wenn wtr das herrliche Wort unserer Alten beherzigen: Die Frommen aller Völker haben Anteil am ewigen Leben, so müssen wir auch dieses Dichters zu seinem 260. Geburtstag dankbar gedenken. Gehörte er doch zn den wenigen edelgesinnten Männern christlicher Konfession, die den Kamps gegen Unduldsamkeit, Religionshaß und Geistesdrnck auf ihre Fahne geschrieben haben. Als der deutstye Kaiser Joseph H. 1781 das Toleranzedikt erließ, das die Emanzipation der Juden in Oesterreich cinlcttete, widmete Klopstock dem Kaiser eine Ode „An den Kaiser" (Klopstock, Oden und Epigramme, Verlag Rerlam, Leipzig, S. 184). Sie beginnt mit den Worten: „Den Priester ruft du wieder zur Jüngerschaft des großen Stifters, machest znm Untertan den hochbeladenen Landmann, machst den Juden zum- Menschen." Und weiter: „Wen saht des Mitleids Schauer nicht, wenn er sieht, wie unser Pöbel Kanaans Volk entmenscht! Und tut ihr'S nicht, weil unsere Fürsten sie in eiserne Fessel schmieden? Du lösest ihnen, Retter, die rostige, engangelegte Fessel vom wunden Arm; sie fühlen'-, glauben's kaum. So lange hat's um die Elenden hergeklirret." Das Andenken dieses ger^'cht und human denkenden D'-btz'rs bleibe für alle Zeit gesegnet. Dr. M. Spanier (Magdeburg).

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