Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1921-07-04 · 21 (4.7.1921) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
21 (4.7.1921)
Date
1921-07-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2613366-2613741-2613762--0882-2618190
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

IWchGewleZülmg Grgan der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Ber»e»preisL»rch die SefchLft-fteNe ^jShrÜch M. 1^0 Einzelnummer 0^28. Bet freier Zusendung i. Snland 0,28 5ür die MUglieder der Vereinig«»- ist der Bqngeprei» r s - t» MUgltededeitrage enchalle«. rr rr - Chefredakteur: Dipl..Äug. Bruno Dayda. viv „Jüdisch - liberale - 3eitung,v erscheint jeden Srettag. Schrittieiluny und Ssschüttsflsile: verlin, Mauerf1rotze22. fmrnruf: Amt Merkur Nr. 8725 Poltfcfttd'fcontot Berlin n\V 7 nr.137069 (Vereinigung für das liberale Judentum) nad)Orudt sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet 1 Anzeigenpreise.- Die ISgespattene RouparewqeUe (MO (Soldmark, die Reklamezeile 3.00 «otdmark. r: :: s bet Wiederholungen Rabatt, rr « rr Arrzelgeuannahme: Dr. Richter & 0. Berlin 6 42, Alexandrinenstraße SS/SV» Fernsprecher: Dönhoff 7288). sowie sämtliche Annoncen-Lxpeditioneu. Nr. 21 Berlin. 4. Juli 1924 4. Jahrgang Zm Kamps gegen Mische Aal. Jüdische Wohllättgkeil einst und jetzt. Von Paula Ollendorf -Breslau. Der Titel dieses kurzen Artikels müßte anders kauten, um anzudeuten, was er sagen soll; er müßte heißen: Jüdische Wohltätigkeit und soziale Arbeit. Die durch Jahrtausende geübte, vom Gesetz gebotene Wohltätigkeit wird sich durch die Veränderung in der sozialen Struktur der Judenheit, unter der durch die verwandelten ökonomischen Verhältnisse herbeigcführten Abwanderung in die Großstadt, unter der leiblichen, geistigen und sittlichen Not der Juden immer mehr in planvolle, nach modernen Theorien und Erfahrungen umgestellte soziale Arbeit gestalten müssen, will sie nicht nur dem einzelnen, sondern der jüdischen Gesamtheit dienen. Der Prozeß dieser Umwandlung ist begonnen, aber noch lange nicht vollendet. In gewisse« Sinne sträubt sich die alte Wohltätigkeit des »guten jüdischen Herzens" dagegen. Doch je mehr sich jeder einzelne Jude seiner Verantwortlichkeit gegenüber der Gesamtheit bewußt wird — manche sehen Liese erst jetzt durch den Antisemitismus, der in diesem Sinne als Erzieher wirkt —, desto mehr muß Wohltätigkeit zur sozialen Arbeit, zur Erziehungsarbeit im weitesten Sinne werden. Not und Armut Lurch Almosen oder Hilfe für Len Augenblick unterstützen, heißt sie aufrechterhalten,- sie verhüten gilt es, die Hilfsbedürftigen in den Stand setzen, sich selbst zu helfen. Manches Almosen, unbedacht, aus gutem Herzen gegeben, hat manchen für sein Leben zum Bettler gemacht, was schon für die engen, kleinen Bezirke galt, in denen früher die Juden beieinander lebten, und wo es fast immtt gewisse Familien gab, in denen sich das Betteln von Generation zu Generation vererbte. Wollen mir wahrhaft helfen, so müssen wir die Quellen aufsuchen, die zu Not und Armut führen. Je nachdem sie in Alter, Krankheit oder Tod, in verschuldetem oder unverschuldetem Unglück, in Laster oder Unfähigkeit, in den durch den Krieg veränderten Verhältnissen ihren Grund haben, — gute, geschulte Sozialarbeiter werden die Wege finden, die zur Besserung der Lage, zur Verhütung ihrer Wiederkehr zu gehen sind. Dazu gehören Organisation und Disziplin und die Zusammenarbeit, allerdings auch die Kenntnis aller jüdischen sozialen Einrichtungen. Vom lokalen Zusammenschluß innerhalb der Gemeinden, wo die Gemeinden, wo die Gemeindebehörden. Vereine und freie Wohltätigkeit miteinander arbeiten müssen, um nicht wirkungslos, oft sogar gegeneinander zu arbeiten, bis zur Zentral-Wohlfahrtsstelle der deutschen Juden, der Spitze der jüdischen sozialen Organisationen, alles hat in jeder einzelnen Arbeit der jüdischen Gesamtheit zu dienen, — Erziehungsarbeit zu Leisten, wozu mehr als das gute Herz und der gute Mlle gehören, die nicht einmal bei den unkomplizierten Verhältnissen der guten alten Zeit ausreichten zur Bekämpfung von Not und Armut, und die bei den jetzigen schwierigen und unerwartet weitgehenden Notständen vollkommen versagen. System und Verantwortlichkeit, Selbsthilfe und Anfrcchterhalturig menschlicher Würde — das sind die Wegweiser moderner sozialer Hilssarbeit. sei sie Arbeit für die Jugend oder für das Alter, für 'den Mittelstand »der für die Aermsten, für Gesunde und Kranke, für Normale und Anormale, für Individuen oder Anstalten. Man sollte meinen, alles das sei so selbstverständlich, daß es nicht gesagt zu werden brauchte. Zwei Beispiele aus sehr großen Gemeinden, die in der letzten Zeit sich ereigneten, demeisen, daß die jüdische Allgemeinheit noch immer Opfer jener Tradition wird, oie an das gute jüdische Herz appelliert und gegen alle Vernunft und jede Warnung Erfolg hat. Immer noch blüht die „wilde Wohltätigkeit"! Au viele vermögende und gütige und sehr beschäftigte Gemeindemitglieöcr kamen Briefe mit der Bitte um Diskretion, von drei in den weitesten Kreisen unbekannten Namen unterzeichnet, die in beweglichen Worten die tieftragische Lage eines Brautpaares schildern, das trotz jahrelangen Verlöbnisses nicht zueinander komme« kann, «eil abgrundtiefe Not sie trennt. Wenn aber gütige Spender nach alter guter jüdischer Sitte die Verbind»««, ermögkichcn würden, dann würde die Hochzeit an einem bestimmten Tage stattfindcn und die edlen Wohltäter wären ergebenst eingeladen, Zeugen des durch sie ermöglichten Glückes zu sein. Aus dem Inhalt: Paula Ollendorf-Vreölau: Jüdische Wohltätigkeit einst und jetzt. — Dr. Fritz Larnm-Nerli«: Ans der Praxis der jüdischen Wohlfahrtspflege. — Engen Caspary-Berlin: Die Zentralwohlsahrtsstette der deutschen Juden. — H. A. Margolius-Berlin: Erneuerung der religiösen Formen. Georg Kubatzkl-Berliu: Unrecht. — Dr. Ludwig Davidsotzu: Jakob Wassermann. LU Die jüdische Gegenwart. — Aus der Bewegung. — Ans den Gemeinden. — Lerfammlnugökalender. — Der jüdische Sprechsaal. — Bücherschan. — Kalendarium. icoonnc Kuliurschande. Aus München, der,T)rdnungszelle des Deutschen Reiches", kommt die Nachricht, daß Gehcimrat Wiüstätter sein Lehramt wegen antisemitischer Umtriebe au der Universität niedergelegt hat. Prosessor Wiüstätter setzte sich kür die Berufung eines hervorragenden jüdischen Gelehrten an die Münchener Universität ein, und als er damit wegen des dort herrschenden Antisemitismus nicht Lurchdrang, verzichtete er in seiner mannhaften Art darauf, fortan an einer Hochschule zu lehren, an der nicht wissenschaftliche Leistungen und menschlicher Wert, sondern dunkle persönliche Gehässigkeiten den Ausschlag aeben. Mit Wiüstätter verliert die Münchener Universität den zweifellos-bedeutendsten Chemiker der Jetztzeit. Seine wissenschaftlichen Arbeiten, auf biochevlischem Gebiete, z. B. über Pflanzenalkaloide, seine Untersuchungen über Chlorophyll und die Chinone, sowie die zyklischen Kohlenwasserstoffe, die in fast alle Sprachen der Weit übersetzt sind, vor allem seine Werke über Pslanzenfarbstofse haben die deutsche chemische Industrie außerordentlich gefördert. — Augenblicklich stellen gerade die in der ganzen Welt einzig dastehenden wissenschaftlichen Leistungen der deutschen Farbstoffinüustrien das wichtigste Aktwum dar, das die deutsche Bolkswirtschaft überhaupt noch besitzt. — Geheimrat Willstätter war von 1912—1916 Ordinarius in Berlin und Direktor des chemischen Laboratoriums des Karser-Wilhelm-Jnstituts für Chemie. Seit 1916 ist er Honorarprofessor in München und Direktor des staatlichen Bayer. Laboratoriums. Bor zwei Jahren hat er den Nobelpreis erhalten: er ist Ehrenmitglied fast sämtlicher wissenschaftlicher Korporationen Europas. Wenn ein solcher Mann, angeekelt von dem wüste», antisemitischen Treiben, das ja beute fast alle deutschen Universitäten beherrscht. fern Lehramt aufgibt. so bedeutet das einen unersetzlichen Verlust für die deutsche Wissenschaft und Industrie. — Der größte amerikanische Biochemiker der Gegenwart. Professor Dr. Jacques Loeb. der Direktor des staatl. Laboratoriums in New Aork, der in Amerika umfangreiche neue Industrien ins Leben gerufen hat, die Deutschland Konkurrenz machen, und der Ehrenvorsitzender des deutschen Hilfsvereins in Amerika ist. war ebenfalls ein deutscher Jude der sein Vaterland wegen antisemitischer Anfeindungen verlassen mutzte! — Auch Ehrlich bekam in Deutschland keine Professur, weil er Jude war. Hugo Münsterberg wandcrte aus dem gleichen Grunde nach Amerika aus! — „Es ist eine Lust zu leben", pflegte Hutten zu sagen! — Soll das so weiter gehen? Der Antisemitismus gegen deutsche Gelehrte jüdischen Glaubens ist des Slücrtörichtcste: denn er schädigt Deutschland wissenschaftlich, wirtschaftlich und moralisch in der ganzen Welt aufs allerschwerste. Ein jüdischer Friedhof in Valparaiso. Am Msttwoch. den 21. Juni, fand auf dem Cementario in Playa Ancha in Gegenwart zahlreicher deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens die Einweihung des von der jüdischen Kolonie gestifteten Friedhofes und Mausoleums statt. Es gibt mehr Dinge . . . Der Senat der Universität in Jassy (Rumänien) beschloß, daß die jüdischen Studenten der Medizin ihre Prüfungen im Practicum nur an jüdischen Leichen oblegen dürfen. Der liberale Professor Parkon machte gellend, daß alle jüdischen Medizin-Studenten nunmehr den Prüfungstermin versäumen müssen, weil momentan keine jüdischen Leichen vor, Händen sind. Er wurde aber überstimmt. Aus dem HeUigen Lande. Am 30. Juni, abends, wurden gegen denbekannten Agudisten Dr. de Haan, als ec nach dem Maanw-Gebet die Synagoge verließ, von unbekannten Tätern aus Revolvern Schüsse abgegeben. Herr Dr. de Haan wurde getroffen und war sofot tot. Die Mörder entkamen. Der Dorfall hat in Jerusalem ungeheure Erregung hervorgerufen. Es ging offenbar viel Geld für den edlen Zweck ein — nur wenige „Wohltäter" waren neugierig und gingen am bezeichneten Tage zum bezeichneten Ort und wurden Zeugen eines großen und üppigen Hochzeitsmahles mit nachfolgendem Ball! Hätte ein einziger Spender vor Absendung der Gabe nachgesorscht oder durch eine Organisation den Briefen nachaehen lassen, keiner hätte düpiert zu werden brauchen, und die Mittel hätten bessere Verwendung gefunden. Nr. 2. Bor wenigen Tagen erschien in einer jüdischen Zeitung ein Inserat mit dem vollen Namen einer privaten Persönlichkeit unterzeichnet, die angesichts der furchtbaren Not, besonders des jüdischen Mittelstandes, die viele unserer Glaubensgenossen zum Selbstmord treiben könnte, zu Spenden ausfordert. Hat irgendein einzelner Mensch — sei er, wie im vorliegenden Falle, auch vollkommen einwandfrei — das Recht, weiche Menschen durch krasse und einseitige Schilderungen zu Beiträgen zu veranlassen innerhalb einer Gemeinschaft, in der es berufene Organisationen gibt, die bereit und geeignet sind, Notständen auf jede mögliche Weise — jedenfalls wirksamer als ein einzelner Mensch und eine gelegentliche Spende — (chzühelfen? Ist die Willkür eines „Wohltäters", Me systemlose Wohltätigkeit des Augenblicks, nicht eher ein Schaden als ein Nutzen für die Allgemeinheit- In einer Darstellung der Persönlichkeit des großen Menschenfreundes Charles Hallgarten aus Frankfurt war zu lesen, daß der überaus gütige Mann nie etwas gab ohne Prüfung der Personen und der Verhältnisse. Wenn er aber gab, dann -half er auch. Er arbeitete! Ohne Arbeit ist soziale Hilfe nicht möglich, und darin liegt die größte Schwierigkeit für jene, dje im alten Sinne nur wohltätig sind. Woher kommt es, daß die Juden nur langsam dazu gebracht werden, ihre staatlichen und städtischen Rechte in Anspruch zu nehmen? Weil es große Mühe und oft viele Wege macht, die Berechtigten darauf aufmerksam zu machen oder für sie zu handeln. Ja mehr, so hart es klingt und -so schwer es in der Tat ist, wirksame, dauernde Hilfsarbeit mutz davon abhängig gemacht werden, daß alle jene Rechte in Anspruch genommen werden. Das ist soziale Arbeit, wohltätiger als Almosen, wenn es auch manchen Weg und manches Wort kostet. Aber ist es nicht würdiger für jeden Verarmten, die verdiente staatliche Rente in Empfang zu nehmen als eine Unterstützung? Unter den mancherlei Erleichterungen, die die moderne Gesetzgebung für die Jugend und deren Ausbildung gewährt, um nur e i n Beispiel herauszunehmen, gibt es auch eine Lehrlingsbeihilfe. Sie wird fast nie von Juden in Anspruch genommen, obwohl sie ein Recht ist, das der Allgemeinheit zusteht. Ebenso klagten die Quäkerspeisungen, daß trotz ritueller Herstellung wenige jüdische Kinder daran tcilnahmen oder, wenn sie es taten, bald unregelmäitzg oder gar nicht kamen. Disziplin in die große jüdische Masse zu bringen, Disziplin auch in der Geltendmachung und in der Ausübung ihrer Rechte — wie wichtig und wie erziehlich ist das für die meisten, wenn nicht für alle, die abhängig geworden sind von anderen Faktoren als von ihrer eigenen Kraft und Arbeit! Diese Erziehungsarbeit, sie ist von größerer Wirksamkeit und von sichererem Erfolge als die Gabe des Augenblicks, wie die soziale Arbeit des einzelnen wirksamer und erfolgreicher ist im Zusammenhang mit all den Organisationen, die dem gleichen Zwecke dienen. Und ist nicht die soziale Arbeit der beste, wenn nicht der einzige Boden, ans dem sich alle jüdischen Kräfte treffen, alle jüdischen Richtungen vereinigen können, um innerhalb des Judentums Eintracht und Frieden herbeizuftthren? Aus -er Praxis der jüdischen Wohlfahrtspflege. Bon Dr. Fritz 8 a « m. Gesetzgebung. Organisation und praktische Durchführung der Wohlfahrtspflege haben im Reich »ie m de« ttotlexs innerhalb der letzten zwei Jahre ei»e d«rchgreise»de Rengestaltung erfahren, die den durch die Ei»wir5u»gen der Kriegszeit und ihrer Folgen unhaltbar und unübersehbar gewordenen Zuständen ein Ende bereite» sollte. Daß dabei in ganz erheblichem Umfange finanzielle Fragen einen entscheidenden Ausschlag gegeben haben, ist unter dem Zwang der Verhältnisse, in denen wir leben, wenn auch bedauerlich.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.