Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 20 (27.6.1924)
- Date
- 1924-06-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Auto-Reparatur An- und Verkauf von Personen- und Lastkraftwagen. Schnellste, sorgfältigste Bedienung. Billigste Berechnung Ammon £ Co., Grftfestr. 95, «*p».*h* lI.«I » » » II * I i ».1 » II » i » i » V.» i » » , , 1 Handwerk trage bei zum Wiederaufbau unseredarniederliegenden Vaterlandes. Reicher Beifall lohnte die auch rhetorisch hervorragende Festrede. — Darauf folgten Ansprachen von Vertretern des Rabbinats, LeS Allgem. Seutschen Rabbinerverbandes, des Gemeindevorstandes, der Repräsentanz, des Magistrats der Stadt Breslau, -er U.OLS.B^8ogen, des Eentral-BerÄns und zahlreicher anderer Organisationen und Vereine. Für die Bereinigung für das liberale Judentum und den liberalen Verein der Synagogen-Gemeinde BreSlau sprach Herr Dr. Korn. Er wies darauf hin, daß gerade in den Angehörigen des seßhaften Handwerkerstandes wertvolle religiöse Kräfte schlummern, deren Nutzbarmachung für das Judentum von großer Bedeutung wäre. — Nach einer kurzen Schlußansprache des Verbandsvorfitzenden Herrn Marous- Beclin, wurde die Veranstaltung geschlossen. — Am Abend fand zu Ehren der auswärtigen Delegierten ein Festball statt. (Ein weiterer Bericht folgt. Di« Red.) Caffel. Der Verein für israelttische Armenpflege beschloß tn -er kürzlich stattgefundenen Hauptversammlung, in der die Mitglieder des Berwaltungsrates und des Vorstandes wiedergewählt wurden, zur finanziellen Kräftigung -er durch die Inflation zusammengeschmolzenen Mittel -ie ehemaligen Stifter oder deren Nachkommen um Erneuerung der Stiftungen zu bitten. Zur Zeit stehen früheren jährlichen Einnahmen von 14 000 Mack nur 1400 Mark gegenüber. Außerdem wurde die Verschmelzung aller jüdischen Wohltätigkeitsvereine in Caffel zu einem einheitlichen Organismus in Erwägung gezogen, der allein größeren Ansprüchen gewachsen wäre. Caffel. Infolge der Abbau-Maßnahmen der Regierung sind in letzter Zeit im hiesigen Bezirk mehrere öffentliche Schulstellen, deren Inhaber in den einstweiligen Ruhestand versetzt wurden, der Auflösung anheim gefallen. Andere Gemeinden, deren Volksschulen mit zu den ältesten nnd früher me-istbesuchten der Provinz gehörten, werden in absehbarer Zeit folgen, wenn es den Bemühungen der in Frage kommenden Organe nicht gelingt, Erleichterungen und Zugeständnisse seitens der Negierung zu erlangen. Eine aus Vertretern der Borsteherämter und der Lehrerschaft bestehende Kommission ist in voriger Woche im Kultusministerium in Berlin vorstellig gewesen, um manche Gemeinde, deren Kultus dem Verfall preisgegeben märe, vvc dem Aeußersten zu bewahren. Da der Lehrer in den meisten Fällen auch Kultusbeamter und Prediger, also Träger des geistigen und religiösen Lebens der Gemeinde ist, würde die fortgesetzte Auflösung israelitischer Schulstellen von verhängnisvollen Folgen für die Jadenheit Heffens sein, die bisher die meisten öffentlichen Volksschulen besaß. Unter den erwähnten Umständen sind in der letzten Zeit folgende Schulstellen aufgelöst worden: Jesberg, Gilserberg. Rauschenberg. Melsungen. Frielendorf, Nentershausen. Oöernkirchen und Bergen bei Frankfurt. Dortmund. Hier fand am 16. Juni eine gutbesuchte Versammlung statt, in der Herr Lehrer Nußbaum einen Bortrag über das Thema „Vom Wesen des liberalen Judentums" hielt. Nach einem historischen Ueberblick über die Entwicklung, des Judentums und unserer Bewegung zeichnete er in ausgezeichneten Worten das Wesen und die Bedeutung des liberalen Judentums. Eme lebhafte Diskussion. an der sich besonders die Herren Prediger Rosenthal- Hörde und Dr. Hoffmaun-Dortmund beteiligten, schloß sich an die interessanicn Ausführungen an und bot so das Bild erfreulichen Jntereffes für unsere Aufgaben und Ziele. Der nächste Vortrag soll am Montag, den 14. Jukr stattfinden. Herr Lehrer Goldschmidt wird über ein noch bekanntzugebendes Thema sprechen. Frankfurt. Hier fand kürzlich im Hörsaal der Synagoge Friedberger Anlage der Bereinstag der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" statt. Die Versammlung wurde von Herrn Rabbiner Dr. Breuer geleitet. Den Geschäftsbericht erstattete der Schriftführer Rechtsanwalt I. B r e n e r. Eine Rede des Herrn Moritz A. L o e b aus Berlin zeigte deutlich die Zerklüftung der deutschen Orthodoxie und die Spaltung in der „Freien Bereinigung". Herr Loeb erklärte, er werde aus deren Vorstand auSfcheiden, weil die freie Bereinigung den größten Teil ihrer früheren Tätigkeitsgebiete, politische Vertretung und Verbreitung der orthodoxen Ideen, aufgegeben und er deshalb eine neue Bereinigung (Achd-nth) gegründet habe. Schließlich wurde ein Vertagungsantrag angenommen, der es dem Vorstand überläßt, den Termin für die Vornahme der Bocstandswahlen fcstzusetzen. Lediglich dadurch wurde das Ausscheiden des Herrn Loeb und das Auscinanderfallen der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" verhindert. Gemündcu. Die hiesige israelitische Gemeinde beklagt den Heimgang ihres ältesten und angesehendstcn Mitgliedes, des im 78. Lebensjahre verstorbenen Kaufmanns Elias Hörer. Mehrere Jahrzehnte hindurch hat der Entschlafene, ein überzeugter Bekenner seines Glaubens, ein guter Bürger seiner Vaterstadt und ein edler Mensch, die Jntereffen seiner Heimctgemeinde mit seltener Hingabe und Treue vertreten. Bei der Beliebtheit des Verstorbenen gestaltete sich die Beerdigung zu einer großen Kundgebung. Provinzialrabbtner Dr. Cohn aus Marburg erinnerte in seiner Gedächtnisrede daran, daß der Verstorbene dem Vaterland als begeisterter Frontkämpfer in den Jahren 1870/71 seine Jugendkraft gewidmet und der Heimat als Vertreter der Stadt mit Rat und Tat geholfen hat Königsberg. Am Sonntag, den 16. Juni, hielt der „Verein jüdischer Religionslehrer Ostpreußens" in der Kantloge seine diesjährige Jahresversammlung ab. Lehrer Dobrowols ki. Marienburg sprach üb«r „Biblischer und nachbiblischer Unterricht im Geiste der Versöhnung der religiösen Gegensätze". Sodann zeigte Lehrer Wolkowski-Königsberg in ausgezeichneten Ausführungen, wie sich das Prinzip des Arbcitsuntcrrichts auf den jüdischen Religionsunterricht übertragen läßt. Den Bericht über die Lage der jüdischen Beamtenschaft hielt Kantor W o l l h c i m - Königsberg. Interne Besprechungen beschlossen die Tagung. Leipzig. Der Vorsteher der Leipziger Jüdischen Gemeinde, pcinrich Rosenthal. der seit voriger Woche vermißt wurde, ist n Timmendvrf an brr Meeresküste als Leiche aufgefunden worden. Der Verunglückte, der 55 Jahre alt geworden war, verwaltete mit Aufopferung neben seinem Vorsteheramt das Armendezernat. Der tragische Tod des Vorstehers Rosenthal, der seit 18 Jahren im Ehrendienst der Jüdischen Gemeinde und seit zwei Jahren als erster Vorsteher tätig war. hat in Leipziger jüdischen Kreisen viel Teilnahme hervorgerufen. Oppeln. Eines der ältesten Gemeindemitglieder, Herr SaloProSkauer.istim Alter von 83 Jahren gestorben. Gr erfreute sich großer Beliebtheit und nahm bis zuletzt tn körperlicher und geistiger Frische Anteil an den Schicksalen der Gemeinde. Ottmachau. Der Stadtverordnete, Ratmann und Beigeordnete Mühlenbesitzer Dr. Cohn feierte am 17. Juni seinen stebenzigsten Geburtstag. Der Jubilar ist Mitglied der Handelskammer Oppeln und des Vorstandes zahlreicher Berufs-Organisationen. Prag. In der JaHresversammlung des Vereins für jüdische Krankenfürsorge schilderten die Referenten Professor Dr. Kraus. Frau Leopolöine Klein und Dr. S. Lieben die immer weiter um sich greifende Tätigkeit des Vereins, der jüdischen Kranken aus der ganzen tschechoslowakischen Republik Hilfe bringen soll. Zur weiteren Verbreitung der Ideen deö Vereins und Anwerbung von Spendern wurde ein 25gltedriger Ausschuß gewählt. Stolp. In seltener geistiger Forsche nnd körperlicher Rüstigkeit konnte vor einigen Tagen ein altes, hochgeschätztes Mitglied unserer Gemeinde die Feier feines 75jährigen Geburtstages begehen. Herr Albert Friedmann, der seit einem Menschenalter der hiesigen Gemeindevertretung angehört und sich um die Gemeinde und ihre Einrichtungen außerordentlich verdient gemacht hat, gehört seit einer Reihe von Jahren znm Vorstand der hiesigen Synagogengemeinde. Außerdem bekleidet er seit Jahrzehnten das Amt des 1. Vorsitzenden der Chewra kadischah und des synagogalen Gesangvereins. Die Feier seines Jubiläums gestaltete sich sehr erhebend. Neben einer Reihe von Deputationen sprach Herr Rabbiner Dr. Joseph im Namen der Gemeinde, und die Chewra überreichte dem Jubilar ein Diplom, womit sie ihn zu ihrem Ehrenmitglied ernannte. Hoffentlich bleibt uns der äußerst rührige und arbeitsame Mann noch lange in voller Frische erhalten. StuMgart. Der bisherige Oberkantor Lippschütz ist als Oberkantor an die Notterdamer Gemeinde berufen worden. Stuttgart. In ganz Württemberg finden zur Zeit Wahlen zum israelitischen Vorstehcramt statt. In Buchau wurden Franz Maas, Moritz Bierfelder, Hermann Werl wieder gewählt. Sicgincd Dannbanser neu gewählt. Zum Vorsitzenden wurde Rabbiner Dr. Schlesinger, zu dessen Stellvertreter Moritz Vierfelder ernannt. In Mergentheim wurden Max Fecheubach, Hugo Kahn, Dr. Hirnheimer und Lehrer Pappenheimer zu Gemeindevorstehern gewählt. Vorsitzender wurde Rabbiner Dr. Kahn, stellvertretender Vorsitzender Max Fechcnbach. In Rottweil wurden Bantdi'.ctllo,- Julius Adler zum Vorsitzenden. Raphael Röder zu dessen Stellvertreter, ferner die Herren Heinrich Geismar, Wilhelm Rothschild und Max Straßburger zu Vorstehern gewählt. In Stuttgart selbst kam es bei der ersten Sitzung des neugewählten Kollegiums des israelitischen Vvrstcheramts zu erheblichen Auseinandersetzungen. Bisher hatte im Vorsteheramt der Stadtrabbiner den Posten des ersten Vorsitzenden inne. Der jetzige Stuttgarter Stadtrabbiner. Herr Dr. Rteger, gab der Erwartung Ausdruck, daß dem Rabbiner dieses bisher innegehabte Ehrenrecht im Interesse der Wahrung seiner Stellung belassen würde. Es handele sich um ein Gewohnheitsrecht, das sich in einem Jahrhundert gebildet habe. Seine Aufhebung würde für die bisherigen Inhaber des Vorsitzes ein Mißtrauensvotum und eine weithin sichtbare Ehcenkränkung bedeuten. In einer lebhaften Anssprache gab die überwiegende Mehrheit des Kollegiums ihrer Ansicht öahcn Ausdruck, es liege im Sinne der neuen Verfassung, den Vorsitz einem Laien zu übertragen. Dies folge aus dem Grundsatz der Autonomie der Gemeinde. Darauf wurde Adolf Essinger mit zehn Stimmen zum Vorsitzenden und Oskar Rothschild mit elf Stimmen zum Stellvertreter gewählt. Dreizehn Herren nahmen an der Abstimmung teil. Das Vorsteheramt faßte zuletzt einstimmig folgende Entschließung: „Nachdem gemäß der Verfassung vom 18. März 1924 das Borsteheramt einen Vorsitzenden aus seiner Mitte gewählt hat, halten sich die Mitglieder des bisherigen Vorstehcramtes zu der Erklärung verpflichtet, daß Herr Stadtrabbiner Dr. Rieger während seiner Tätigkeit als Vorsitzender des Borsteheramtes sein Amt nach bestem Wissen und Können und mit Gerechtigkeit geführt hat. Dafür wird ihm der besondere und herzliche Dank ausgesprochen." Knechtschaft und Freiheit. Eine Sabbath-Bctrachtnng. Bon George Goetz, Danzig. In meinem Aufsatz „Wüstenwanderung und Lebensreise". den diese Blätter zum Pessach-Fest brachten, habe ich auf den tiefen esoterischen Sinn hingewiesen, den der religiöse Mensch in der biblischen Erzählung von Israels Wanderung durch die Wüste findet: Aegypten, das Reich der Dinge, in das wir durch die Geburt hineingcstellt sind und dem wir dienen müssen mit all unserem dinghasten Sein, mit unserm Körper und mit uniercn Trieben: das Gelobte Land, die Welt der Freiheit, in die wahres Menschentum den Menschen bringen will, indem es ihn hinausführt aus der Finsternis und Knechtschaft Aegyptens: die Wüste, der Lebens- und Erkenntnisweg. den jeder Mensch, der nach der Freiheit strebt, selbst gehen muß und den keiner für ihn gehen kann. Am dieswöchigen Sabbat Sch’lach l’cha erzählt uns die Thora die Episode von den Kundschaftern und der Furcht des Volkes, eine jener Erzählungen, welche geeignet sind, die ganze tief menschliche Bedeutung von der Wüstenwanderung vor dem religiösen Menschen erstehen zu lassen, tiefstes religiöses Erleben zu vermitteln und uns mit staunender Ehrfurcht vor der Weisheit des uralten biblischen Menschheitsbuches zu erfüllen. Die Erzählung von den Kundschaftern ist das letzte große Ereignis, von dem die Thora uns erzählt und tn dem uns berichtet wird, daß das Volk gegen Gotr und Mose murrt. Ich sage: das letzte große Ereignis, denn es ist bekannt, daß die Israeliten während der Wüstenwanderung vorher schon dauernd gegen Mose murren, immer dann nämlich, wenn irgendeine in Aegypten nicht gekannte Gefahr ihnen naht. Sobald es ihnen an Zehrung gebricht, bemerken sie. daß ihnen in Aegypten ihre Zwingherren stets pünktlich die Fleischtöpfe gefüllt hatten. Ja, Sorge um die tägliche Nahrung, Gefahr, Verantwortung hatten sie in Aegypten nie gekannt, und hier, wo sie doch nach des Mose Verheißungen freie Menschen waren, hier sollten sie Gefahr laufen zu verhungern, sollten Verantwortungen tragen? Das will diesen Knechtsseelen nicht einleuchten, und immer wieder «enden sie sich murrend gegen Mose, der oft genug furchtbare- Gericht unter ihnen halten mutz. Zu diesen Anfechtungen durch äußere Hindernisse und Not gesellen sich wie stets im Leben noch die inneren: während Mose auf dem Gottesberge weilt und. der Sorge um menschliche Not allzu entrückt, für kurze Zeit das Volk im Tale sich selbst überläßt, — währenddessen erhebt der Aberglaube sein Haupt und verführt die Israeliten zur Verehrung des goldenen Kalbes, dieses Sinnbilds aller Sinn bilöer für den Dingedienst jeder Art. Auch Neid und Ehrgeiz treten auf und verleiten in Korah und seinem Anhang einen Teil der Besten aus Israel zu unüberlegtem Aufruhr. Wenn man nun untersucht, worauf es eigentlich zurückzuführen ist, daß die Israeliten immer wieder den Versuchungen erliegen und gegen Mose murren, so wird man finden, daß alle ihre Sünden auf ein und dieselbe Grund- Ursache zurückgehen: sie hatten sich alle eine ganz falsche Vorstellung von der Freiheit gemacht, in die Mose sie führen sollte. Sie hatten sich, nach Art ägyptischer Menschen, exoterisch ein irdisches Land erhofft, ein Land, da Milch und Honig fließt, da man nichts zu arbeiten noch z» fürchten hatte. Und diese grundfalsche Einstellung zu der Größe und Erhabenheit der von Gott und seinem Diener Mose gewollten Freiheit. — sie machte die Israeliten unfähig für diese wahre Freiheit: sie rächte sich bitter. Hören wir, was die Bibel darüber berichtet. Dicht vor den Toren des Heiligen Landes sendet Mose Kundschafter aus. Als diese zurückkommen, melden sie, mit Ausnahme von Josua und Kaleb. deren Stimme aber nicht beachtet wird: „Das Land, das wir durchzogen haben, um es anszukundschaften, ist ein Land, das seine Bewohner verzehrt, und alle Leute, die wir darin gesehen, sind von großem Wuchs. Wir haben auch Riesen daselbst gesehen. Söhne des Enak. aus dem Niesengeschlechte: wir kamen uns wie Heuschrecken gegen sie vor, und so waren wir auch in ihren Augen. Da schrie die ganze Gemeinde laut auf und das Volk weinte in jener Nacht. Alle Kinder Israel murrten gegen Mose und Aaron: die ganze Gemeinde sprach zu ihnen: „Wären wir doch gestorben im Lande Aegypten ober stürben wir doch in der Wüste! Warum bringt uns der Herr in jenes Land, daß wir durch das Schwert fallen, unsere Weiber und Kinder zur Beute werden? Ist es nicht Vesser für unS. nach Aegypten zurückzukehren?" (4. B. Mose 13, 32—33: 14, 1—3). Dieser fortwährende Wunsch, nach Aegypten zurückzukehren, und die diesen Wunsch verursachende, immer sich wiederholende Furcht vor äußeren Dingen und Geschehnissen, dieser Dingedienst deS Volkes ist das Grundübel, die Sünde wider den Geist, die nicht verziehen wird. Hier muß selbst göttliche Liebe erkennen: dies Volk ist noch nicht reif, ein Gottesvvlk zu sein: mag es auch immer den Text der Zehn Gebote kennen und die Steintafeln besitzen, auf denen sie geschrieben stehen: die innere Reife für ein heiliges Gottesland besitzt dieses Volk noch nicht. Deshalb folgt nun ein Strafgericht, daS also lautet: „In dieser Wüste sollen Eure Leiber fallen und alle Eure Gezählten von z w a n z t g I a h r e n und darüber, die Ihr wider mich gemurrt habt. Eure Söbne sollen in der Wüste umherziehen vierzig Jahre und Euren Abfall tragen, bis Eure Leiber dahin sind in der Wüste." (4. B. Mose 14, 29 u. 32). Furchtbar ist die Strafe für das betörte Volk, aber unabwendbar. An den Toren des Gelobten Landes wendet Mose seine Scharen zurück: vierzig Jahre noch sollen sie heimatlos durch die Wüste wandern, alle Beschwerden und Entbehrungen des Nomadenlebens tragen, bis das Leid sie geläutert, bis der rechte Geist über sic gekommen, bis sie wahrer Freiheit fähig und also würdig sein werden. Gottes cmscrwähltes Volk zu sein. Dann wird Gott ihren Führer abrusen, und sie. die bisher nur die Sehnsucht nach der Freiheit hatten, werden dann auch die Kraft haben, sie zu gewinnen: sie werden sich selbst das Land erobern, das göttliche Vorsehung ihnen bestimmt hat. Dieses biblische Kapitel von den Kundschaftern und von der Furcht des Volkes ist eine der ganz großen, an die höchsten Ewigkeitsfragen rührenden Menschheitsdtchtmrgen. Als das Volk Furcht zeigte, wurde es gerichtet: was soll das heißen — und wann zeigt man Furcht? Furcht zeigt man, solange man nach Vorteil strebt, den nicht zu erlangen man fürchtet. Wer aber Vorteil erstrebt. der erstrebt Dinge, und wer Dinge erstrebt, der lebt seinem Leibe: sein Körper ist ihm das wichtigste Ding. Und da alle Dinge vergänglich sind, so lebt er in beständiger Furcht und sehnt sich nach Aegypten zurück, nach der relativen Sicherheit seines Leibes und seiner Habe. Deshalb ist die Furcht das Grundübcl des ägyptischen Menschen, von dem alle anderen Schwächen nur verschiedenartige Ausdrucksformen sind: sie ist die Sünde wider den Geist, die nicht verziehen wird. Solange der Mensch noch an Dinge alcmbt. solange hat er auch noch Furcht. Darum mutz alles, was über zwanzig Jahre alt ist in Israel, sterben, alles zugrunde gehen, was noch in der Sklaverei gelebt und sich sicher gefühlt hat in knechtischem Tun. Erst wer den letzten Rest von Erdenschrvere überwunden nnd der letzten Erkenntnis teilhaftig geworden, der hat auch keine Furcht mehr, weder vor Menschen noch vor Dingen, die stärker sind als er, noch vor dem Tod. Er ist Herr über die Dinge, ist un-be-dingt, ist frei! Diese letzte Erkenntnis anzustreben, damit wrr mcht m der Wüste umkommen. ist deshalb unsere wahre, höchste Aufgabe. Ein Mensch, der nach Erkenntnis strebt um des Vorteils willen, der sich Milch und Honig erhofft, wird nie ein Weiser sein: er wird in der Wüste sterben. Wer aber wahrhaft sucht, wird leben und das Gelobte Land schauen, jenes Land, das jenseits aller dinghaften Relativität, jenseits alles dessen, was wir Außenwelt nennen, tief in unserm Innern als das heilige Land des Geistes liegt. Wem dieses heilige Land einmal richtig vor Augen steht, der macht sich auf aus seinem ägyptischen Geburtsland und wandert, durch Meer und Wüste hindurch, seiner göttlichen Heimat zu. Ein solcher Mensch wird das Ziel der Wüstenwanderung erreichen und wird sich wiedersinden in der ewigen Vruderkette aller Daseinsformen des unendlichen Alls. An ihm wird erfüllt werden die köstliche Verheißung, die unsere alte Pessach-Haggadah an den Auszug aus Aegypten und die Wanderung durch die Wüste knüpft: er wird herausgesührt werden „aus Knechtschaft in Freiheit. aus Jammer zur Freude. aus Trauer znm Feste, aus Finsternis zum Lichte und aus dem Druck zur Erlösung!" Kalendarium sür die Zeit vom 27. ö. bis s. 7. Juni 1924' Siwa« 8684 Freitag 27. 25. Sonnabend 28. 20. Wochen-Abschnitt Schelach-l cho- Neumondweihe (4. B. M. Kap. 13-15) Sonntag 29. 27. Montaa Juli 1824: 30. 28. Dienstag 1. 29. Rösch Chadesch 1. Tg. Tammus 5684 Mittwoch 2. 30. Donnerstag 8. 1. Rosch Chodesch 2. Tg Freitag 4. 2. Sonnabend 5. 3. Wochcn-Abschnitt Kaurach (4. B. M. Kap. 16—18) Haftaräh: I. Samuel 11,12,14,15.22