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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-06-27 · 20 (27.6.1924) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
20 (27.6.1924)
Date
1924-06-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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4. Jahrgang Nummer 20 2. Beilage 27. Juni 1924 IMchKberaleZeiLim Waller Ralhenau. Am 24. Juni hat sich zum -weiten Mal -er Taa wiederholt, an dem Walter Rathenau unter den Kugeln -er Fischer un- Kern -ahinsank. Ueberall -a in Deutschland, wo man nicht nur gedankenlos am Vergangenen hängt unwo -ie Sorge um die Neu-, gestaltung der Zukunft nicht nur die Sorge um die wirtschaftlichen Nöte ist, wird dieser Tag stets ein Tag Ler Trauer bleiben. Denn Walter Rathenau war einer der ganz wenigen starken Kräfte, die den Weg in eine neue geistige deutsche Zukunft wiesen; hat er Loch nicht nur Gedanken entwickelt, sondern, was mehr und für deutsche Verhältnisse jedenfalls selten ist, auch praktisch an der Gestaltung des Lebens des deutschen Volkes im Sinne seiner Anschauungen — das ist ja letzten Endes wirkliche Politik oder soll es wenigstens sein — an entscheidender Stelle mitgearbeitet. Darin liegt das Wesentliche seines Lebens und seiner Persönlichkeit gegenüber den vielen — bei uns leider immer noch gar so häufigen — Literaten und Aesthetikern, die, ohne die Kraft, selbst den „Betrieb" zu sich hinaufzuziehen, die Mitarbeit an den für die geistige Gestaltung der Menschheit ja doch tatsächlich so wichtigen politischen Dingen mit -er Begründung verweigern, daß für den geistigen Menschen die Politik nicht tauge. Dadurch ist er vom Denker zum Führer geworden. Deshalb konnte gerade Walter Rathenau durch seinen Tod das Symbol eines neuen Deutschland werden. So wenig es für die bleibende Bedeutung Walter Rathenaus darauf ankommt, ob seine Gedanken im einzelnen dauernden Wert haben oder nicht, wie sie vielmehr darin liegt, daß hier in der Zeit höchster Mechanisierung und Materialisierung des Lebens jemand der Menschheit seine geistige Welt entge^enhielt und für sie starb, so wenig wird man der Stellung Rathenaus in der Geschichte des Judentums gerecht, wenn man lediglich seine einzelnen Gedanken und seine Anschauungen mit denen des Judentums vergleicht. Gewiß, sein Verhältnis zum Judentum als positiver Religion war keineswegs ein positives. Ganz abgesehen davon, daß er auch an den Trägern dieses Glaubens einst eine sehr harte und gar nicht wohlwollende Kritik geübt hat („Höre Israels, hat er es ja in seiner Streitschrift vom Glauben auch selbst bekannt, daß ihn am Judentum nur die völlige Freiheit festhalte, die es nach seiner Meinung seinen Angehörigen gibt, sich eine Vorstellungswelt selbst zu schaffen. Wenn er aber im entscheidenden Augenblick auch praktisch für seine Ideen eintrat, wenn er es nicht verschmähte, gleich den Propheten in das Getriebe der Politik hineinzugehew-unü dort den Kamps gegen die doppelte Moral selbst zu führen, statt wie andere ihre Beseitigung zur Vorbedingung seines Mittuns zu machen, so ist das im besten Sinne jüdischer Geist. Und trotz allem ist er uns deutschen Juden darin ein Vorbild gewesen, dem deutschen Volke, ungeachtet alles Hasses gegen uns, rückhaltlos das zu geben, was wir ihm an Werten glauben geben zu können. Nicht zum wenigsten, weil er dazu den Mut hatte, mußte er ja fallen. So dürfen auch wir in diesen Tagen Walter Rathenaus, des deutschen Denkers, der zugleich ein Führer war, und des jüdischen Bekenners als eines der Unfern gedenken. A. L. j || | Die jüdische Gegenwart, j (if j Der jüdische Film. „Opfer des Haffes." Eine Sonntagsmatinee des Hilfswerks der „Agndas- Jisroel". Dessen Filmwerk: Opfer des Hasses, eine Geschichte aus dem heutigen Rußland, gelangt unter ganz unsommerlich großer Beteiligung zur Erstaufführung. Reich des Kulturfilms, dem wesentlich, Unterhaltung zielstredig — bildend — auszunutzen, gehört dieser Streifen zur Klasse der Werbefilme. Werbend um Anteil fürs Hilfswerk der orthodoxen Agudas an jenen hungernden, zerlumpten. verquirlten Glaubensbrüdern des Ostens, denen sie an Rußlands Grenze und in Wien Stätten des Atmens bereitet hat. In diesem Sinne hatte die Einladung recht, von einem Film jüdischer Not und jüdischer Liebe zu sprechen. Doch darin sehe ich das Unglück dieser Bilder: wo sie werben sollen, vergessen sie. sich der filmischen Mittel zu bedienen, — und. filmisch gewertet, bleiben sie in allzu drängender Propaganda stecken. Ein Vorbild, wie man nicht Vorgehen soll, und quälenfür den. -er der Entwicklung der Kulturftlmarchive den Puls gefühlt. Jüdisch« Not? Was der erste Akt zeigt, ist, vielleicht, das Gesicht -es bolschewistischen Rußlands, soll eS wenigstens sckrn, dessen Hauch Juden wie Christen traf. Gegen wen -er Arbeiter hier die Genossen putscht, ist der Fabrikant Goldschmidt, könnte Sergej Sergewitsch sein, auch wenn ihr im Zwischentitel dem Hetzer einmal das Argument ,Jude" in den Mund legt. Und der zweite Akt? Zugegeben: hier werden Menschen überrannt, zertrampelt, geschändet, die — möglicherweise Juden sind. Das läßt uns nicht kalt, wie wir noch stets mitleiden, wenn wir den Mörder wüten sehen. Woran aber erkenne ich. daß hier Juden um ihres Iud eseins willen dulden? Hier konnte, mutzte der Film Pogrom ballen. Pogrom: als in Bewegung geratene Aversion des Tierinstinkts gegen jüdische Ueberlegenheit (zur Stachlung der Zedakah). Das konnte glaubhafter werden als, in T s ch i r i k o f f s „Juden", der Bühnensturm im Laden des Leiser Frenkel. Da habt ihr einen Mangel im Manuskript, wenn diesem Film eins zugrundelie-gt. Aber er hat einen Regisseur. Bedauerlich: keine Regie. A l l es hat man dem Juden Goldschmidt genommen, was gerade dem Juden teuer ist. Heimat, Arbeitsmöglichkeit, Weih, Kind. Der aber schläft aus geruhsamem Divan, steht .... und geht in ungekannte Weite, ohne die lieben Toten zur Ruhe zu betten, ihnen auch nur den Blick zuzuwenden, geht — wankt nickt etwa ... Da ist Turnstunde für Jungmädchen des Agudas-Hilsswerks in Wien. Wenn Antisemiten den Trugschluß verbildlichen wollten, daß Juden zum Sport ungeeignet, sie könnten's nicht wirksamer tun. Da zeigt, in offener Szene, der Lehrer bei der Barmizwah dem Knaben, wie er T'sillin legen muß. Das gAes wäre gleichgültig, wenn auch nur e i n erregender Moment dem Bildstrcifeu zu buchen wäre. Dem hätte hörbares Aufatmen folgen müssen. Bei 30 Grad herrschte Eiseskälte. Botho Laserstein. Allweg der Alte. General Lndendorkf folgte der E'nl<rduna. bei der von der national-sozialistischen Freiheitspartei auf dem Julo bei Stettin veranstalteten Sonnenwendfeier zu sprechen, und sagte bei den übrigen am 21. Juni zahlreich stattgefundenen und zu nationalistischen Kundgebungen benutzten Sonnenmcudseiern ab. Um vergessen zu machen, daß er sich einst un Weltkriege an seine „lieben Jidden in Paulen" um Unterstützung gewandt und sie zahlreich als Arbeiter in Deutschland eingeführt batte, sagte feuers, des Symbols der Reinheit und der Läuterung: „Heute sehen wir unseren G r u n d und Boden, sehen wir unsere Heimat bedroht von minderwertigen M i s ch l e u t e n. Wir m ü s s e n erkennen, daß wir zur Reinhaltung unserer Rasse zu wenig getan haben." In einer Zeit, in der die Zwcifclsucht setzt sogar die Rasscnrcinheit der Familien Wnlle und von Graes-e bemängelt hat. nehmen sich diese Worte NN Mnn-'e des Beschützers der polnischen Juden vor dem russischen Zarismus nicht wie ein Sonnenwend- Geöanke, sondern wie ein Fastnacht-Scherz aus. Die Bevölkerung von Palästina. Die Ergebnisse der englischen Volkszählung in Palästina vom 3. Oktober 1822. der ersten modernen Anforderungen entsprechenden Volkszählung, die wir aus diesem Lande haben, sind kürzlich der Oeffentlichkeit übergeben worden. Danach hat Palästina 757181 Einwohner, von denen 588 339 Mohammedaner, 83 957 Juden, 73 021 Christen, 1862 Hindus und Sitiks sind. Die Mohamm'edaner zerfallen wieder in vier Bekenntnisse, von denen das der Sunniten mit 590 690 Seelen bei weitem die Mehrheit bildet. — Tie Christen zerfallen in nicht weniger als 15 Konfessionen. Fast die Hälfte, nämlich 33 369. sind griechisch-orthodox, 14 245 römisch-katholisch und 11181 griechisch-katholisch. Danach stellen die Sunniten 78 Prozent, die Juden 11 Prozent, die Christen nicht ganz 10 Prozent der Bevölkerung dar. während nicht viel mehr als 1 Prozent auf die übrigen mohammedanischen und die beiden indischen Bekenntnisse entfällt. Die drei arößten Städte sind: Jerusalem mit 62 578, Jaffa mit 47 709, Haifa mit 24 634 Einwohnern. In Jerusalem kamen 33 971 Juden ans 14 699 Christen und 13 411 Mohammedaner. Jüdische Bücher. Unter dem Namen „Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches" ist in Berlin eine neue bibliophile Gesellschaft begründet worden, welche sich nach dem Namen der klassischen hebräischen Druckersamilie des 15. Jahrhunderts nennt und sich die Aufgabe gesetzt hat. das schöne jüdische Buch nach den Gesetzen der unlösbaren Gebundenheit von Buchinhalt und Buchform zu schaffen. Die Gesellschaft gibt „Beiträge zur Kunde des jüdischen Buches" als Vierteljahresschrift unter der Redaktion von Arnold Zweig heraus, deren bibliographische Beilage Professor A. Freimann, Frankfurt a. M.. leiten wird. Ferner beabsichtigt die Gesellschaft die Herausgabe fette» »er Texte uns wertvoller Drucke von Werken jüdischen Inhalt- und jüdischen Geistes in den Sprachen aller Zetten und Kulturen. Dem EhreuauSfchutz der Soneina-Gefellfchaft gehören an: Rabbiner Dr. L. Baeck, Vorsitzender des deutschen Rabbiner- Verbandes. Professor Dr. Aron Freimann. Rabbiner Dr. Meier Hildesheimer, Legationsrat Professor Dr. Moritz Sobernheim, Hermann Struck. Professor Dr. Gotth. Weil. Direktor der Orient.-Abtlg. der Staatsbibliothek. Vorstandsmitglieder sind die Herren Jos. Altmann, Willy David. Dr. Sammy Gronemann, Professor Dr. Heinrich Loewe, Moses Marx. Hermann Meyer. Moritz Simon, Felix Struck und Dr. Siegfried Wolf (Jüdische Gemeinde Berlin). Eine ägyptische Guelle der Sprüche Salomos. Die historisch-philosophische Klasse der Preußischen Akademie der Wissenschaften nahm einen Vortrag Prof. Adolf Evmans über die Sprüche Salomos entgegen. Im Salomonischen Spruchbuch, besonders in den Kapiteln 22 und 28, findet sich eine Anzahl von Stellen, die sich äußerlich auffallend mtt solchen aus dem Weisheitsbuche des Am-em.ope berühren. Sie dürften nach den Mitteilungen, die Prof. Erman machte, aus einer hebräischen Bearbeitung dieses ägyptischen Buches stammen. Jüdische Frauenarbeit. Kürzlich fand in Baben (Schweiz) auf Anregung der Präsidentin des Züricher Israelitischen Frauenvereins. Frau Rosa Löb, eine Delegiertenversammlung der Schweizerischen Israelitischen Frauenvcreine statt, bei welcher 35 Delegierte von 13 Vereinen versammelt waren. Ferner haben eine Anzahl anderer Vereine schriftlich ihre Bereitwilligkeit bekanntgegeben, den Beschlüssen der Versammlung beizutreten. Auf der Versammlung wurde die Gründung des Bundes jüdischer Frauenvereine in der Schweiz proklamiert. Vorort des Bundes ist vorläufig Zürich. Die konstituierende Versammlung soll nach Basel einberufcn werden. Ahnenstolz. Die neugegründete Bereinigung der „Freunde jüdischer Familienforscher" hat es sich zur Aufgabe gemacht, für die Erhaltung und Bewahrung jüdischer Familienurkundcn einzutreten und das Interesse an der Geschichte der eigenen Familie zu beleben. Es ist geplant, zunächst ein Archiv sämtlicher bereits vorhandenen Familiengeschichten. Chroniken. Stammbäume und Biographien zusammcnzubringen und dieses Archiv später der Bibliothek der Jüdischen Gemeinde anzugliedern.!®| Aus den Gemeinden, ffl/j Berlin. Am 1. Juli begeht der Organist der Synagoge Lindenstraßc, Herr Alfred Mai. sein 25 jähriges Dienstjubiläum bei der jüdischen Gemeinde. AuS Anlaß der goldenen Hochzeit des Synagogendieners Herrn Berger wurde am 21. Juni im Trausaal der Srma-, goge Fasanenstraße eine kleine Feier veranstaltet, an welcher der Vorstand der Synagoge Fasanenstraße und viele Freunde des Jubelpaares freudigen Anteil nahmen. Herr Rabbiner Dr. Bergmann hielt eine zu Herzen gehende Ansprache, Herr Oberkantor Davidsohn sang mit Orgelbegleitung drei weihevolle Lieder. Im Aufträge des Vorstandes der großen Gemeinde, des Vorstandes und des Vereins Synagoge Fasanenstraße sprach Herr Sigmund Saling er dem Jubelpaare seine Glückwünsche aus und dankte Herrn Berger für seine 30 jährigen treuen Dienste, die er der Gemeinde geleistet. Breslan. Vom 22.—24. Juni 1924 fand tu Breslau der 6. Vcrbandstaa der selbständig, jüd. Handwerker Deutschlands statt. Der Breslauer Verein, der vor ca. 14 Jahren von 18 jüdischen Handwerksmeistern gegründet wurde und heute weit über 100 Mitglieder zählt, hat es verstanden, weite Kreise auf die Bedeutung des jüdischen Handwerks aufmerksam zu machen. Durch Errichtung eines Arbcits-NachweiseS und einer Arbeitsvermittclung suchte er die infolge der schweren wirtschaftlichen Lage entstandene Arbeitslosigkeit einzuüämmen und bei Berufswechsel helfend einzugreiscn. Der Breslauer Verein als Gastgeber hat der Tagung einen bedeutenden Nahmen bereitet. Am Vormittag des 22. Juni fand im festlich geschmückten Saale der Lessing-Loge eine Festsitzung statt, die durch hervorragende musikalische Darbietungen eine besonders würdige Ausgestalttmg erfuhr. Herr Grünpeter, der Vorsitzende des Breslauer Vereins, eröffnete die Tagung und begrüßte die Gäste. Herr Markus-Berlin gab eine allgemeine Darstellung der Aufgaben des jüdischen Handwerks und berührte auch einige spezielle Breslauer Angelegenheiten. Daraus ergriff Herr Wolfs-Berlin das Wort zu seiner Festrede „Das jüdische Handwerk im Abwehrkamps". Er legte dar. wie auch das jüdische Handwerk berufen sei, den Kampf gegen den Antisemitismus aufzunehmen und die Achtung vor der Leistung jüdischer Männer zu erzwingen. Auch das jüdische ARL A. Eisenacher Str. 111-112 Telephon: Nollondorf 6660—01 G PERSONENWAGENS 6/20 ps Aga o/3o ps Presto 12/40 ps Steyr «e»,. KLEIN AUTOMOBILE A.-G, Telephon: Rheingau 9490—0460 Hauptstr. 81-82 Unter den Linden 42 Telephon z*. 9409 eneral-Verfrefung KurfUrstendamm 1 Telephon: Lüizow 1683 ■ i LASTWAGEN; Nagirus i-w* 2-2./- Vomag 3.4,510 L.W.D. 3 0

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