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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-06-27 · 20 (27.6.1924) · page 9

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
20 (27.6.1924)
Date
1924-06-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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LEA. Von 0 -1 i v c r. Vor Lea steht der Vater: .«Mädchen sage, Wovon sind Deine Augen feucht und rot?" — Sie ließ den Schleier hastig niedersinken: „Die Sonne hat den Blick mir heiß umloht!" „Doch Deine Wangen blaßten!" — „Von der Hitze, Die Glut macht schlaff!" sie rieb mit schnellem Griff Versteckt im Tuch das bleiche Antlitz dunkel Und färbte es durch wehgefühlten Kniff. Dann wandte sich der Vater, sah sie schreiten. „Dein Gang ist müde, Dein Gewand nicht bunt?" „Der Südwind stockt die leichtbewegten Glieder, Man putzt sich nicht, fühlt man sich nicht gesund." Und Lea schleicht zur hohen Frauenstube, Blickt durch d^ Scheiben; Jakob lehnt am Tor, Er schaut nach ..ahel gierig hin zum Fenster — Ein Zitherton stahl dort sich leis' hervor! Und Lea stöhnt aus wildbewegter Seele, Das Auge flammt — es hebt sich hoch die Brust — „Mein Vater!" schreit sie, „rot sind meine Lider, Mein Weinen rötet sie in trunk’ner Lust! $lein Antlitz bleicht das Weh durchwachter Nächte, Mein Gang ward mutlos, Trauer hemmt den Arm, Der schwer sich hebt, das Jammerbild zu schmücken, An meinem Herzen zehrt der finstre Gram!" Doch still! jetzt naht die Schwester, schön wie Frühling, In weißer Hand die Zither, singt sie hell: „Mein Sinn ist froh — die Jugend schwillt die Seele — Sie hüpft durch Tage, gleicht dem Waldgazelll" Sie singt, und reglos lauscht der Jüngling Jakob, Nur Lea sieht ihn, nah' der Säule — dort! Sie sieht ihn stehn, stumm redet’s ihr im Herzen: „So wohnen Freud und Leid an einem Ort!" Ehrenreihe - Platz 17. Von Lucy Avellis. (Nachdruck verboten.) Auf einer von Majas vielen Reisen war's, die sie zwecklos und oft auch ziellos unternahm. Eine Station, die ein Mitreisender nannte, ließ sie aufhorchen. Der kleine Ort, den der Zug in einer halben Stunde erreichen sollte, war der Wohnsitz von Majas Urgroßeltern gewesen, und launenhaft, wie sie in ihren Entschlüssen geworden, seit niemand mehr da war, der ihrem Leben Sinn und Richtung gab, beschloß sie, in Bargstedt auszusteigen. Und dann stand sie mit ihrem eleganten Handkofferchen vor dem niedrigen Bahnhofsgebäude, um ratlos auf einen, wohl ein halbes Jahrhundert alten Omnibus zu blicken, der die Aufschrift „Zur goldnen Kugel" trug. Aber schon hatte ein Hausdiener mit gleicher Aufschrift auf fleckiger Mütze ihr den Koffer abgenommen und das wacklige Türchsn zum Wagen geöffnet. Als sie nun durch enge Gäßchen auf holprigem Pflaster fuhr, bedauerte sie ein wenig ihren übereilten Entschluß. Was wollte sie hier? Wer würde etwas von ihren Großeltern wissen, die vor fast 60 Jahren hier gelebt hatten? Wie trostlos eng und öde war diese Stadt! — Der Omnibus hielt am Marktplatz vor einem altersgrauen Gasthof, und der behäbige Wirt, der die beste Illustration seines Hauses zu sein schien, kam selbst zum Empfang der vornehmen Dame heraus, so schnell, als es ihm bei seinem Körperumfang möglich war. Er führte Maja unter vielen Bücklingen in das „Fürstenzimmer", einen großen, kahlen Raum mit zwei hohen Fenstern, die bis zum Fußboden reichten, mit abgenutzten, steifen, ehemals rotseidenen Möbeln und fürchterlichen Oeldruckbildern an den Wänden. Maja schrieb ihren Namen auf den Zettel, den der Wirt ihr diensteifrig und neugierig hinschob. Dessen Verbeugungen wurden noch devoter, nachdem er gelesen, und er fragte, „ob man der Frau Baronin auf dem Zimmer servieren solle". „Nein, — sie wolle später vielleicht herunterkommen." Als der Wirt endlich gegangen, trat Maja ans Fenster und starrte auf den öden Marktplatz hinunter. Frau Baronin! — Ach ja; — was würde der Wirt für Augen machen, wenn sie ihn nach dem israelitischen Friedhof fragte. Nein — sie wollte dem braven Mann die Illusion über ihre Person nicht nehmen. Er war sicher beglückt, endlich einmal einen würdigen Gast für sein „Fürstenzimmer gefunden zu haben. Eine plötzliche Unruhe erfaßte sie. Warum war sie hier ausgestiegen? Das Grab der Urgroßeltern aufzusuchen? — wunderliche Idee — der Urgroßeltern, an die sie seit Jahren niemals mehr gedacht — deren Name niemand mehr ausgesprochen seit unendlich langer Zeit. Und doch — sie mußte es sehen; ihr war es plötzlich, als würde sie dort Antwort erhalten auf unausgesprochene Fragen, die in ihr zitterten und wühlten, als würde sie gerade dort erfahren, welches der Sinn ihres zwecklosen, vergeudeten Lebens sei! — Maja trat unbemerkt aus dem Hause, durchschritt ein paar winklige Straßen, entdeckte bald ein Gefährt, das ein Altersgenosse des Hotelomnibus zu sein schien, und nannte dem tattrigen Kutscher ihr Ziel. Der Weg, an kleinen Vorstadthäusern und winzigen Gärten vorüber, war nicht allzu weit. Bald hielt der Kutscher vor einem schmiedeeisernen Tor. Maja hatte die Ruhe und Sicherheit der Vielgereisten wiedergewonnen. Im Büro nannte sie Namen und Todesjahr der Urgroßeltern und der alte Beamte erklärte nach raschem, anscheinend ganz überflüssigem Durchblättern eines gewaltigen Buches mit ehrfurchtsvollem Lispeln und erstaunt fragendem Blick, daß der Herr Rabbiner Peretz und seine Gattin in der Ehrenreihe des alten Friedhofes, Platz 17, ruhten, und ob es der Dame recht sei, wenn sein Enkelsohn sie begleite? Es wäre weit bis dorthin und umständlich zu erklären. Maja nickte nur. In einer seltsamen Traumstimmung schritt sie neben dem bleichen jungen Mann her, der nicht wagte, die vornehme, hochgewachsene Dame anzusprechen. Im tiefen, dämmernden Schatten uralter Kastanien schritten sie an halbverfallenen Grabsteinen mit verwitterten Inschriften vorüber, die, von Efeu umsponnen, in kühler Ruhe zu schlafen schienen. Und nun blieb der junge Mann stehen. „Das sind die Gräber," flüsterte er. Zwei gleichgeformte steinerne Tafeln — Name und Todesjahr deutsch geschrieben — und dann ein langer hebräischer Text Maja stand schweigend. „Darf ich der Dame vielleicht die Inschriften übersetzen?" Sie blickte in zwei tiefe, dunkle Augen, die den wunden, wehen Ausdruck eines verfolgten Tieres hatten. Und sie nickte. Der junge Mann las mit weicher, eigentümlich singender Stimme von dem Wissen und der Weisheit des Rabbiners Peretz, von seinen Verdiensten um die Gemeinde, die ihm nun diesen Ehrenplatz gestiftet hatte. Dann las er die Inschrift der anderen Tafel, und die dunkle Stimme, mit der den Juden eigentümlichen gutturalen Färbung, schien in dem Wohllaut der schöngeformten Sätze zu schwelgen. Die Gattin des Rabbiners wurde als ein Beispiel aller Tugenden gerühmt: ihre große, selbstlose Güte, ihre opferfreudige Hilfsbereitschaft, die sie im Gedächtnis aller Armen und Bedrückten fortleben ließen. Ihr Gatte, dem sie nur ein Jahr im Tode vorangegangen sei, habe sie unendlich geliebt, unendlich beweint — sie sei, so schloß der junge Juda mit starker Betonung -- die Krone seines Lebens gewesen. Lautlos verschwindet der Führer. Maja hat den Kopf an die steinernen Tafeln gelehnt „Sie ist die Krone seines Lebens gewesen" — tönt es in ihr — und was war sie? Jäh taucht Vergangenes in ihr empor: eine Jugend in Reichtum und Müßiggang vergeudet, ein Elternhaus, ohne Ehrfurcht vor den Gebräuchen der Ahnen, vor deren hochstehender Gesinnung. Zusammengerafftes, spielend leicht erworbenes Geld und die Sucht, das Herkommen zu vergessen, in „höhere Kreise" sich einzuschleichen, sobald als möglich alles abzustreifen, was an die Abstammung erinnern konnte. Und dies alles hatte Maja mitgemacht, leichtfertig — gedankenlos. Sie war die Frau eines verschuldeten, adligen Müßiggängers geworden, durch den Namen, der den „Aufstieg" zu „Höherem" verhieß, geblendet. Nach kurzer Zeit erkannte sie mit Entsetzen, daß sie, durch den haltlosen, schwächlichen, skrupellosen Mann in schlimmste Dinge verstrickt, tief und tiefer sinken mußte. Dä hatte sie sich, nach erbitterten Kämpfen mit ihrer Familie, aus den Fesseln einer qualvollen, lügnerischen Gemeinschaft endlich freigemacht — aber es war zu spät. Zu stark wurzelte sie in den Begriffen und Vorurteilen ihrer „Kreise". Sie vermochte es nicht, das Gute, Wertvolle in sich herauszuschälen aus dem Wust verkehrter und törichter Anschauungen. So lebte sie ihr sinnloses, leeres Lehen weiter, um endlich hier, an den Gräbern ihrer Ahnen, jäh dessen ganze Trostlosigkeit, die Bedeutung vergeudeter Jahre zu erfassen. — Verschwommene Bilder — längst versunkene Erinnerungen tauchen in ihr auf. Die Urgroßmutter — hatte sie nicht einst deren Namen empfangen, um vom eitlen Vater das unmoderne Malvine in Maja verwandeln zu lassen? Und so leicht wie ihren Namen hatte Maja alles von sich abgestreift: die Verehrung der Würdigkeit der Ahnen, die Ehrfurcht vor dem Geiste ihrer Religion. Seltsam, wie nun plötzlich an den verwitterten Gräbern die verblaßten Erinnerungen lebhafte Farben erhielten — Erinnerungen an Erzähltes nur, denn sie hatte die Urgroßeltern ja nicht mehr gekannt. Aber Mutter, die Scheue, immer ein wenig Gedrückte, die neben dem eleganten und selbstbewußten Manne so gar keine Rolle spielte, die hatte, als Maja noch Kind war, ihr viel von der eigenen Jugend erzählt. Sie war die einzige im ganzen Hause, die mit Ehrfurcht von der Vergangenheit sprach. Aber Mutter war so lautlos, so bescheiden gewesen — man war über sie weggegangen im lärmenden kindlichen Egoismus. Und nun steigen in sonderbarer Deutlichkeit einzelne Bilder vor Maja auf: die Urgroßeltern am Freitag abend — milde, gütige Gesichter unter den in hohen, silbernen Leuchtern brennenden Kerzen — der Urgroßvater mit schwarzem Käppchen auf spärlichem Haar im Talmud lesend — Urgroßmutter im grauseidenen Kleide, die Rüschenhaube auf weißem Scheitel, und die Söhne, stattliche Herren in Aemtern und Würden, ihr, ehrfurchtsvoll wie Schulknaben, die feinen, von Spitzen überrieselten Hände küssend. — Versöhnungsfest — Zederabend — woher kommen ihr, der Baronin Maja, die noch vor wenigen Tagen, von einer Schar hohler Menschen umringt, in einem Weltbade Zeit und Geld sinnlos vergeudete — solche Erinnerungen? Traumhaftes, unwirkliches Dämmern! Und da hinein gehört es, daß plötzlich aus raschelnden Sträuchem der Kopf eines alten Mannes sieht — ist es der Alte aus dem Büro? „Verzeihen Sie, meine Dame, aber ich nehme an, daß Sie eine Verwandte unseres verehrten Rabbiners Peretz und seiner Gattin sind — ich habe noch beide gekannt — als junger Bocher natürlich — wie oft hat der Herr Rabbiner mich mit einer Unterhaltung beehrt — Goldiner ist mein Name — Markus Goldiner —" Ganz unwirklich ist das alles: der kleine, schlichte Mann, der da spukhaft zwischen den Gräbern aufgetaucht ist, hat ihre Ahnen gekannt — mit ihnen gesprochen! Maja weist auf die morsche Bank neben sich — sie sieht nicht auf. „Bitte, erzählen Sie mir alles, alles, was Sie wissen! Goldiner spricht — erst unsicher und stockend — in Scheu vor der vornehmen Fremden, aber dann — lebhafter werdend, fortgerissen durch das Gefühl, endlich einmal wieder von Unvergeßlichem sprechen zu dürfen: — es ist das gleiche, was sein Enkelsohn von den steinernen Tafeln gelesen, nur vom warmen Atem menschlichen Fühlens durchströmt. Maja lauscht. — Baronin Maja? Ach nein — eine müde, zusammengekauerte Frau hört andächtig auf die Worte des alten Juden, und über ein blasses, zerquältes Gesicht zittern Tränen. „Ja, und das Altersheim," fährt der Greis fort, „es liegt uns so ganz Jeder Leser, dem die „Jüdisch-liberale Zeitung" religiöse Anregung und Belehrung bietet, fühle sich verpflichtet, uns einen neuen Abonnenten zuzuführen! Die Geschäftsstelle, Berlin W.8, Mauerslr. SS. versendet kostenlos Probenummern. besonders am Herzen. Sie werden ja davon wissen, meine Dame. Rabbiner Peretz und seine Gattin haben es etwa fünf Jahre vor ihrem Tode errichten lassen; es ist für viele ein Segen gewesen. Aber nun — wir können's nicht mehr lange halten, meine Dame — die Zinsen reichen längst nicht mehr aus und von unsern einstigen Gönnern leben die meisten nicht mehr. Die jüngere Generation — ach, da sind so viele, so erschreckend viele ausgetreten aus unserer Gemeinde, wollen nichts mehr wissen vom Judentum. Es lebt sich eben bequemer, wenn man kein Jude ist. Wer denkt jetzt noch an unsere alten Leute hier im Peretz-Stift? Auch von den Verwandten des Stifters kommen längst keine Spenden mehr. Ich dachte mir" —, der alte Jude zögert verlegen, „wenn Sie, meine Dame, Interesse für das Heim bekämen, wenn Sie bei den reichen Mitgliedern der Familie einen Zuschuß erwirken könnten — Sie sitzen so voller Andacht an diesen Gräbern — in Ihnen muß Ehrfurcht vor den Verstorbenen sein —" Der Greis erschrickt: zwei kalte, bebende Hände klammern sich um seinen Arm. „Und Sie glauben, wenn ich das vermöchte — man würde das Peretz-Stift halten können, die alten Leute darin würden nicht obdachlos werden —, das Andenken an meine Urgroßeltern würde nicht verlöschen?" „Ihre Urgroßeltern — ich habe mir’s fast gedacht." Des Greises knöcherne Finger streichen ganz zart, ganz behutsam über die Schulter der schluchzenden Frau: „Ihren Namen — meine Dame — sagen Sie mir doch Ihren Namen-" „Nein, ach nein." Maja ist hastig aufgestanden. „Fragen Sie mich nichts mehr, Herr Goldiner, ich bitte Sie darum. Ich danke Ihnen für die Treue, mit der Sie die Verstorbenen ehren. — Was Sie mir sagten, will ich nicht vergessen — ich werde Mittel und Wege finden — das Peretz-Stift muß fortbestehen!" Hochaufgericbtet steht Maja vor dem alten, zitternden Mann, der in tiefer Bewegung zu ihr emporsieht. Eine schmale Frauenhand liegt für einen Augenblick in der seinen — dann ist die Fremde zwischen den Gräberreihen verschwunden. — Markus Goldiner sieht ihr lange nach, dann setzt er sich müde auf die alte steinerne Bank. „Sie ist nicht mehr von unserer Gemeinde, die schöne Dame," murmelt er versonnen — „aber" — und seine Greisenhände berühren fast zärtlich die Efeuranken der alten Gräber — „sie wird zurückfinden zu uns. Meinen Sie nicht auch, Rabbiner Peretz?" Wenn alle Menschen Brüder sind Von Clementine Krämer. Frau Nathansohn mit ihrer kleinen vierjährigen Ruth in der Eisenbahn. Der gleichaltrige Till von Tauern im selben Abteil sieht sehnsüchtig nach dem kleinen Mädchen. Ist ein paarmal schon nahe gekommen, doch seine Mutter rief ihn allemal streng wieder zu sich. Doch mit eins sagt er ganz laut und heftig: „Schönes Mädchen, goldiges Kind," — und steht auch schon neben Frau Nathansohn, die ihrer Kleinen aus einem Bilderbuch vorliest: „Weshalb ist Krieg ein Uebel, Kind?" — Darauf Ruth, die diese Verse längst auswendig kennt: „Weil der verliert auch, der gewinnt.“ Till hat schon sein Aermchen auf Frau Nathansohns Knie gestützt und bettelt: „Ich sagen." Und nach einigem Straucheln weiß nun auch der Junge Antwort zu geben auf die Frage nach dem höchsten Glück. „Heißt du?" — fragt Ruthehen. „Till." Frau Nathansohn liest weiter: „Weshalb ist Sünde Krieg für jeden?" Und Ruthehen antwortet prompt: „Geschrieben steht, du sollst nicht töten." Wiederum bettelt Till noch einmal um die Frage, damit er auch diese Antwort lerne. Erregt mischt sich aber nun seine Mutter hinein: „Das ist ja Unsinn; denken Sie, daß das Kind verstehen kann, was es da mechanisch lernte?" „Bitte, welches Gebet sagt Ihr Kleiner?" fragt Fra« Nathansohn dagegen. „Das Vaterunser, natürlich." „Schon lange?" „Er war kaum zwei Jahre alt." „Und Sie glauben, daß er damals verstand, was er betete, glauben Sie, daß er es heute verstehen kann? Glauben Sie ferner, daß die Kinder zum Beispiel begreifen, weshalb sie zu gehorchen haben? Wir beginnen mit der Erziehung doch zu einer Zeit, da ...." Aber Till neben ihr ist ungeduldig, er will jetzt durch* aus erfahren, wie „das Kind" heißt. Frau Nathansolm unterbricht sich und mahnt die befangene Kleine, dem Jungen zu antworten. „Ruth." Till nickt zufrieden; aber er kann den Namen nicht richtig nachsprechen, noch macht das „R" ihm Mühe und er setzt ein „J" dafür: „Juth".... In diesem Augenblick tritt TiU's Vater, der draußen eine Zigarette geraucht hat, wieder ein. Wie er an Frau Nathansohn vorüberstreift, sieht sic die Hakenkreuznadel in seiner Krawatte. „Weiterlesen, bitte," mahnt Till. Frau Nathansohn beginnt wieder: „Was ist das höchste Glück, mein Kind?" „Wenn alle Menschen Brüder sind,“ deklamiert die Kleine laut und klar, mit kindhaft heller Stimme. Auch dies verlangt Till energisch, nachsprechen za dürfen. Doch sein Vater brummelt halblaut und ruft dann den Kleinen streng zu sich. Wenn sie nicht die guten Fensterplätze hätten, würde sie am liebsten das Kupee wechseln, — flüstert Frau von Tauern ihrem Gatten zu. Till aber hat einen ganz roten Kopf bekommen, er stampft und heult und will wieder zu „Juth".... ♦ * ♦ Wie Ruthehen zu Hause zu Bett gebracht wird, ist sie zu müde, um noch „Gute Nacht" sagen zu können. Schlingt bloß die Aermchen um Mutters Hals, und wie gehaucht kommt es an Frau Nathansohns Ohr: „Nett — der Till.“

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