Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 20 (27.6.1924)
- Date
- 1924-06-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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-aS muß ttt den Kopf btt Kinder hinein, ohne Erbarmen mit dem Stoff und mit den Kindern. Muß nicht den Kindern durch dt« häufig« Wiederholung die biblifche Geschichte verleidet werden? Und werden sie da nicht auch zugleich mit Abneigung gegen Li« Bibel überhaupt erfüllt? — Die biblische Geschichte hat sich im Dienste der Bibelkunde nicht bewährt. Was soll nun geschehen? Nichts Neues, sondern nur, waS schon der alte Büdinger wollte. Er schuf die Kleine Bibel als ein Lesebuch für 9—14jährige Mädchen und „für solche Jünglinge und Knaben, die nicht den erforderlichen Bibelunterricht in hebräischer Sprache genießen können." Die Schüler sollen in der Bibel lesen. Ich brauche hier wohl nicht darzuiun. daß wir den Kindern nicht dt« Bollbibel. sondern nur eine Schulbibel geben dürfen. Wann aber beginnen wir mit dem Lesen? Es ist früh genug, wenn wir im 6. Schuljahr anfangen. In manchen Fällen rvird es sogar besser sein, erst im sechsten Schuljahr das Bibellesen auftreten zu lassen. Da für die religiöse Bildung in erster Linie die Kenntnis der Geschichte Israels erforderlich ist. so haben wir bet der Auswahl des biblischen Lesestoffes vor allem aus die Aufgabe des BibellcsensRücksicht zu nehmen, di« Schüler die biblische Geschichte kennen zu lehren. Ich würde den Stoff für eine achtklassige Volksschule so einteilen: erstes Jahr (5. Jahrgang): von der Schöpfung bis Josephs Tod: zweites Jahr: von Israel in Aegypten bis Samuel, auch das Buch Ruth.- drittes Jahr: von Saul biS Esra und Nehemia. auch Esther: viertes Jahr: Psalmen. Sprüche, Hiob, Klagelieder. Propheten. Selbstverständlich soll nicht alles gelesen werden, das Verständnis des Zusammenhangs können die Schüler doch erlangen. Ebenso ist eS selbstverständlich, daß Stücke aus den Propheten und den Hagiographen auch schon Im Anschluß an die Erzählungen behandelt werden, mit denen sie inhaltlich Zusammenhängen, z. B. der 12«. Psalm bei Esra und Nehemia. Der Lehrer mache die Schüler auf die Schönheit der Darstellung und auf das Kulturgeschichtliche aufmerksam und weise auch auf die sittlichen und religiösen Werte hin, die da- Gelesen« enthält. Mer alles daS nur mit welligen Worten. Der Lese, stoff darf nicht -erklärt werden, sonst geht die beabsichtigte Wirkung verloren. Der Inhalt der kleinen GeschichtS» abschnitte wird kurz zusammengefaßt, und eS wird auch ein Ueberblick über joden großen Geschichtsebschnitt gegeben. So erlangen die Schüler den Blick für das Ganze: rvird so verfahren, dann lernen st« nicht Geschichten, sondern Geschichte. Ganz gewiß werden die Knaben und Mädchen durch ein solches Bibellesen auch mit Liebe zur Heiligen Schrift erfüllt werden. Kehren sie -och zu wertvollen Werken des deutschen Schrifttums, wenn sie in der Schule in -er rechten Weise mit ihnen gelesen worden sind, immer rvreder zurück. Wie soll aber die Zeit benutzt werden, die durch den Fortfall des Unterrichts in der biblischen Geschichte für die sechs, bis neunjährigen Kinder gewonnen wird, und sollen diese Schüler gar nichts aus der biblischen Geschichte lernen? Der Unterricht im Hebräischen liegt sehr im argen. Verwenden wir die gewonnenen Stunden für den Unterricht in der hebräischen Sprache, und wir werden vielleicht in der Oberklasse manches Stück ans der Bibel im Urtext lesen können. Was die -weite Frage betrifft, so erfahren die jüngeren Schüler einiges aus der biblischen Geschichte, wenn die Feste besprochen werden, z. B. die Geschichte des Auszuges aus Aegypten, wenn das tteberschreitungsfest durchgenommen wird. Ich habe mir das, rvas mir schon lange die Seele bedrückte, vom Herzen geredet und möchte nun einen Wunsch aussprechen. Unseren Erwachsenen kommt die Bibel wie eine Kleinkinderstube vor. in der Geschichten erzählt werden. Sie ist aber ein Tempel, der durch seine Schönheit erfreut, dessen Erhabenheit mit Ehrfurcht erfüllt und dessen Heiligkeit in die Herzen übergeht. Daß die Heilige Schrift unserer Glanbensgemcinde wieder ein Tempel der Andacht werde, dazu möge mein Bortrag und möge unsere Aussprache beitragen. Der jüdische Spredisaal. Juden als „nationale Verteidiger Der Aufsatz vom 18. Juni 1924, der sich mit der Beteiligung von Juden an antisemitischen Prozessen besaßt, darf, wenn auch schon die Redaktion zum Ausdruck gebracht hat, daß sie der darin geäußerten Ansicht nicht zustimme, nicht unwidersprochen bleiben. Der Aussatz muß zu falschen Resultaten kommen, weil er die Frage unrichtig stellt. Eine Frage, ob Juden als Anwälte für Antisemiten auftreten dürfen, existiert überhaupt nicht. Kein Jude wtrd als Anwalt eine Partei, die seine Hilfe begehrt, danach fragen, welche Religion sie hat, ob sie philo- oder antisemitischer Richtung sei oder welcher politischen Richtung sie angehöre. Selbstverständlich darf ein Jude sich nicht in seinem Büro ein antisemitisches Verhalten gefallen lassen. Es wäre würdelos, wollte er einen Antisemiten, der mit dem Hakenkreuz „geschmückt" zu ihm kommt, vertreten. Dt« Frage, die wirklich beantwortungswert erscheint, ist die. ob ein Jude in Prozessen, die den Antisemitismus zum Inhalt haben, also bei denen die Handlung eines Angeklagten antisemitische Motive hat oder antisemitische Zwecke verfolgt, verteidigen darf. Ich glaube mit der Mohrzahl der jüdischen Anwälte, daß auch diese Frage nicht grundsätzlich verneinend zu beantworten ist. Wer, obgleich Antisemit, die aus Antisemitismus geflossene Tat leugnet, kann auch von einem Juden vertetdtgt weröett. Es steht dem nichts entgegen, daß ein Jude die Beweise dafür erbringt, daß die Tat in Wirklichkeit nicht verübt sei. Er kann ferner geltend machen, daß oie Tat zwar verübt ist. aber nicht unter die Bestimmung eines Strafgesetzes fällt, und er kann schließlich die Gültigkeit eines Gesetzes bestreiten, auch wenn dies Gesetz etwa »um Schutz des Judentums oder der Republik erlassen ist. Die Würde eines jüdischen Anwalts würde es aber verletzen, wenn er mit seinen Ausführungen zum Ausdruck bringt, daß antisemitische Motive oder antisemitische Ziele berechtigt sind. Wird die Tat als solche und der Verstoß gegen das Gesetz nicht bestritten, so wtrd es in vielen Fällen für die Beurteilung der Tat, insbesondere für das Strafmaß, von entscheidendem Einfluß sein, ob Ziele und Motive nicht nur von dem Angeklagten als berechtigt angenommen wurden, sondern ob sie wirklich objektiv berechtigt sind. Da der jüdische Anwalt, ohne seiner eigenen Würde zu nahe zu treten, diese Berechtigung nicht anerkennen kann, das Unterlassen von Ausführungen im Sinne einer solchen Berechtigung den Angeklagten aber schädigen würde, so würde hier in der Uebernahme der Verteidigung ein Konflikt zwischen den Pflichten des Anwalts sich selbst und seinen Glaubensgenossen gegenüber und seinen Pflichten gegenüber dem Angeklagten zutage treten. In diesem Falle kann es nicht zweifelhaft sein, daß der Anwalt die Verteidigung des Angeklagten nicht übernehmen darf. Eine Ausnahme liegt auch dann nicht vor, wenn der Anwalt dem Angeklagten selbst oder seinem Mitverteidiger Ausführungen in der gekennzeichneten Richtung überläßt und sich daraus beschränkt, Folgerungen etwa nur daraus zu ziehen, daß der Angeklagte Motive und Ziele für berechtigt hielt. Denn die Gesamtverteidigung des Angeklagten bildet ein einheitliches Ganzes, für das man nicht die Verantwortung zu einem Teil übernehmen und zirm anderen Teil ablehncn kann. Der Hinweis darauf, daß auch in einem solchen Prozesse ein jüdischer Anwalt als Offizialverteidiger bestellt werden kann, kann an dieser Argumentation nichts ändern. Denn die Bestellung zum Offizialverteidiger verpflichtet nur dann zur Uebernahme der Verteidigung, wenn nicht andere Gründe die Uebernahme der Verteidigung als unmöglich oder unschicklich oder zum Nachteile des Angeklagten ausgehend erscheinen lassen. Also auch im Falle der Bestellung zum Offizialverteidiger wäre in diesem Falle die Ablehnung des Verteidigeramts zulässig. Es braucht nicht besonders gesagt zu werden, daß in dem Vorstehenden keine Beurteilung der in dem Aufsatz genannten Kollegen gefunden werden kann, da liier überhaupt nicht darauf eingegangen wird, ob in jenen Fällen zur Uebernahme der Verteidigung Billigung von Zwecken und Zielen des Antisemitismus notwendig war. I n st i z r a t Kurt I a c u s i e l - B e r l i n. leben und Lehre, Zwiespalt zwischen Leben und Lehre im Judentum. Ich habe den „Aufruf an die Rabbiner" des Herrn Heinrich Stern gelesen und finde wenigstens eins an ihm verdieustlich. daß der Verfasser ans die Klärung der heutigen jüdischen Religion dringt. Der Weg. den er vorschlägt, ist nicht neu. aber zu einfach, um gangbar zu sein. Ein Synhedrion der Rabbiner sott die religiösen Fragen lösen. Für einzelne besonders dringende und im wesentlichen schon klare Fragen wäre das in gewissem Umfange möglich, etwa für die Ehe- und Scheidungsfrage. Schon im 11. Jahrhundert hat Rabbi Gerschon hierüber Entscheidungen getroffen, die nicht zu umgehen waren. Heutzutage würden allerdings auch solche Entscheidungen liberaler Rabbiner von der Orthodoxie sicherlich verworfen werden. Aber selbst wenn wir die Zwiespältigkeit des heutigen Rabbinats nicht berücksichtigen, ist der Weg im allgemeinen nicht gangbar. Was soll das Rabbinat regeln? Form- und Zeremonialsragen? Wenn man Formen „regelt", können sie bloß noch formaler und äußerlicher werden ldie „Richtlinien" der liberalen Rabbiner haben meines Erinnerns zum Teil diesen Fehler begangen), es sei denn, daß es sich um reine Fragen der ä st h e t i s ch e n Formen, etwa des Gottesdienstes, handelt. die man in Würdigung ihrer geringen Bedeutung besser ohne den aufsehenerregenden Apparat des Synhebrions erledigt. Die anderen „Formen und Zeremonien" — etwa Formen der Sabbatruhe wie der.Arbeitsbegriff, Ernährungsformen wie die Speiscgesetze — sind aber gar nicht als Formen gedacht, die als solche geregelt werden können. Den Liberalen fehlt hier zumeist die Einführung in den Geist des I Judentums. Ist die Form eines echten Kunstwerks, etwa einer Statue von Praxiteles, einer Symphonie von Mozart, eine „Form", die man verändern kann? Ein Teil unserer! Zeremonien mag äußerlich zur Absonderung von den Nichtjuden statuiert worden sein lz. B. das Verbot, mit Ntchtiuden zusammen zu trinken und zu essen), ein anderer Teil durch den historischen Einfluß anderer Völker übernommen sein. Die meisten Zeremonien, wie die zuerst genannten der Sabbatruhe und Ernährung, sind aber als Ausdruck der zur Zeit ihrer Entstehung bestehenden Auffassungen über Welt. Dinge und Gott zu behandeln. Sie sind Materie-, nicht in anderem Sinne „Form" als die Worte Form des Gedankens sind. In dem wesentlichen Teil der Religion kann es Formen überhaupt nicht geben. Was folgt hieraus für den Vorschlag des Herrn Stern? Mit der geschichtlichen Aenderung der Gedanken ändern sich die Worte und Formen von selbst. Obrigkeiten, nennen wir sie Rabbiner, können dabei bloß nachhelsen. seststellen, klären: sie können aber nicht schöpferisch regeln: das hat allein die Entwicklung des Volksgeistes unter dem Einfluß einzelner schöpferischer Genies zu besorgen. Für das Judentum ist nun aber ein Vorbehalt zu machen, eine Schwierigkeit zu betonen, die erst den Schlüssel der Lösung anzeigt. Das Judentum ist in der üblen Lage, daß es sehr viele Jahrhunderte der anfgezwungenen Abwehrstellung, die eine Versteinerung mit sich bringen mußte, durchgemacht hat. Die Weltauffassnngen, denen unsere Zeremonien Ausdruck aeben, sind zum großen Teile längst dahingeschwunden. Soll das Synhedrivn die Zeremonien jetzt neu statuieren? Um Gottes Willen nicht'. Es könnte dadurch aus den Ausdrucksformen einst bedeutsam gewesener Anschauungen nur echte Formalitäten willkürlicher Schöpfung machen, vor denen mir bewahrt werden wollen, oder unserer Religion jede Sprache rauben, gleich, als ob sie keine Gedanken mehr habe. Was soll nun aber positiv aeschehen? Soll der geschichtlich entstandene Zwiespalt bestehen bleiben? Aus dem Nichts kann durch eine gesetzgebende Körperschaft nichts geschaffen werden. Vielmehr muß erst d i e g e i - stige Lücke im Judentum zusammenwachsen, ehe sich eine Erneuerung der Formen einstellen kann. Auch hier kann nur wieder Bolksgeist und religiöses Genie wirksam werden, nicht aber von Amts wegen dekretiert werden. Soweit wir das Judentum heute übersehen, hat es ein entscheidendes Kennzeichen. Es mar stets nicht nur äußerliche Kultform, sondern hat stets das ganze Leben erfaßt und ihm Ziel und Richtung gegeben ^vollkommen eins sollst du mit Jahwe, deinem Gotte, sein!"). Schon die alten Elia und Nathan hatten einen Gott, der die Lebensverhältnisse materiell regelte. Tie klassischen Propheten erstreckten die Gesetzgebung Gottes auf das gesamte soziale und politische Leben einschließlich der Stellung Israels zu den anderen Völkern. Als dann die politischen Ambitionen des Volkes erschüttert waren und vorläufig aufgegeben werden mußten, haben die Rabbiner die Macht der Religion über das gesamte Leben dennoch zu erhalten gesucht, und zwar dadurch, daß sie die Erinnerungen an den Zustand, wie er früher gewesen war, zu konservieren, sestzuhalten. unerschütterlich zu machen suchten. Nur in unausweichlichen praktischen Fragen haben sie einmal abgeändert. So kam es, daß aus unseren religiösen Betätigungen immer mehr und mehr verblassende und unverständlich werbende Erinnerungen wurden. Erinnerungen werden für den Nichtgebildeten immer mehr zur Form, die keinen wesentlichen Inhalt hat. Das kann allerdings nicht so bleiben. An die Stelle der Erinnerungsbetätigungen muß der Ausdruck lebendiger Gedanken, an die Stelle der Erinnerungen lebendiaes religiöses Schauen und Wollen treten. Wir müssen nicht in talmudischer Art an das Judentum, wie es einst war und als ob es wieder ebenso hergestellt werden könnte, sondern an ein aktuelles Judentum glauben, dieses in Wort. Gebärde und Tat zum Ausdruck bringen. Wir müssen allmählich aus dem Stoffe des Judentums die geistigen Gedanken aufsuchen, die das Leben des Juden einst als religiöses beherrscht haben. Läßt sich an diese Gedanken nicht so anknüpfen. baß wieder ein religiösgeistiges System entsteht, das dem heutigen Leben Inhalt und Richtung gibt, so ist das Judentum für denjenigen, der nicht an dem Anklammern an leere Formeln oberflächliche Beruhigung sucht, verloren. Gelingt es uns dagegen, einen Geist des Judentums in Ernst und lebendiger Strenm wieder zu beleben, so werden sich Gottesdienst, Sabbatruhe, religiöse Ausdruckssormen fast von selbst danach regeln. Also Geistesarbeit, nicht Amtsarbeit! Erforschung beS Judentums in religiösem Geiste, anders auS> gedrückt: Erweckung eines in uns lebenden, uns beherrschenden, für uns lebendigen Judentums durch echten religiösen Geist. Dieser Geist ist gewiß nicht derjenige der fo* malen, kleingläubigen, innerlich skeptischen und gerade des-! halb fanatischen Orthodoxie. Er drückt sich aber auch nicht in einer äußerlichen Stilisierung von Kultformen aus. Wirkliches Einssein mit Gott im Fühlen. Denken und Wollen muß sich kundtun und betätigen. Ohne religiöse Innerlichkeit und Ernst keine religiöse Erneuerung. Da aber jüdische Religiosität nicht aus dem Nichts stammt, sondern geschichtlich vorherbcstimmt und ererbt ist, so wtrd sie, falls sie über Haupt noch vorhanden ist. den Zusammenhang mit dem geistigen Gehalt der Religion unserer Väter finden und sich auf ihn stützen. Was habe ich also Herrn Stern zu ant warten? Das Snnhedrion kann nur ein Treffpunkt freier schöpferischer Geister sein. Die Legitimation der Mitglieder ist der Ernst ihrer religiösen Bestrebungen. Wer nEcht sein Leben vollkommen eins mit Gott denkt und gestaltet, ist nicht berufen. Die Berufenen aber sollen ihr Denken und Trachten vertreten, bis sich eine im Zusammenhang mit dem Geiste des historischen Judentums stehende Lebensauffassung ergibt, die für unser heutiges praktisches Leben und Wirken Ziel und Richtschnur abgibt. Bis das I n d e n t n m s o w e i t gereift ist. soll man allen Zeremonialfragen. soweit nicht eine praktische Dringlichkeit vorliegt, schonend gcgenübertreten. Man lasse die Dinge sich auslebcn und sich überleben! Solange nicht neues Leben in den Baumstamm eingezogen ist, können die welken Blätter nicht abfallen. Die Religion muß ein lebendiger Baum sein und kann nicht künstlich gezimmert werden. Die jüdische Presse wtrd sich ein Verdienst erwerben, wenn sie die geistige Arbeit an der Klärung beS heutigen Judentums fördert und betreibt. Sie ist zu dieser Betätiguna berufen, da es sich nur in geringerem Maße um gelehrte Facharbeit handelt. Die „Jüdisch-liberale Zeitung" hat schon in verdienstlicher Weise Aufsätze über die Grundlagen der Religion gebracht. Das ist der richtige Weg. auf dem sie unter lebhafter Beteiligung fortfahren möge! Auch dies sei ein Aufruf an die wahrhaft Religiösen im Judentum! Rechtsanwalt M. Lewinski. Kampf gegen den Zionismus? Die Ausführungen, die Dr Seligmann unter obiger Ueberschrift gemacht hat, diirften als Beginn einer Diskussion anzusehen sein, die nicht mehr abgebrochen werden darf. Allerdings hat Dr. Seligmann zwei Themata miteinander verknüpft, von denen jedes für sich allein schon Stoff genug bietet: „Verjudung des Liberalismus" und „Kampf gegen den Zionismus". Ich habe das erste Thema in anderem Zusammenhang« genannt: „Liberalismus und Judengefühl". Im Rahmen des „Sprechscvals" läßt es sich nur begrenzt erörtern, handelt sich natürlich nicht darum, daß ich — mit andern „liberal" plötzlich mit jüdisch „minderwertig" identifiziere. Aber darum handelt es sich, daß man in bem Augenblick, in dem man die Folgerungen aus jüdisch-liberaler Einstellung zog. die Schwächuna übersah, die das jüdische Ge> meinschaftsbewutztsein. genauer: das Bewußtsein, einer Gemeinschaft von Juden anzugehören, notwendig erfahren mußte. Gewiß, au der Quantität läge auch in diesem Falle nichs, wenn nur der Sprung vom Alten zum Neuen nicht ein gar zu großer gewesen und nicht eine so große Lücke entstanden wäre. Man mißverstehe nicht: ich meine nicht» man hätte nichts „ändern", man hätte seiner religiösen Ueberzeugung nicht folgen sollen. Aber ich meine, man hätte die Pflicht gehabt, die entstandenen Lücken in der dem liberal-jüdischen Menschen gemäßen Form auszufüllen. Nur so hätte das Bewußtsein, einer Gemeinschaft von Juden anzugehören, dev vielen denen es not tut. in der nötigen Stärke erhalten werden können. Man kann einen liberalen Führer, der sich dauernd mit Judentum befaßt, nicht mit einem liberalen Laien vergleichen, der Freiheit dafür verlangt, daß er — ein Beispiel für viele — nicht morgens und abends Gebete verrichtet. Sollen wir ihn doch dazu „zwingen?" Nein, aber das ist unsere Pflicht: ihm die große Einbuße, die er in seinem iüdtschen Gemeinschaftsbewntztsein erleidet, auf andere, ihm gemäße Weise zu ersetzen Man schaffe ihm im Laufe der langen Woche seinen Wochentagsgottesdienst, zwei- oder dreimal, seine jüdischreligiöse Feierstunde — und sein Judengefühl wird Zuwachs erhalten und seine Frömmigkeit ebenso. Aber freilich muß man dann auch den Irrtum erkennen, der in der geringsten Betonung der sttöischcn Gemeinschaft und in der seltensten Verwirklichung die konsequenteste Folge erblickt — jüdisch-liberaler Grundgedanken der Gedanken vom Messias, der Mission, der geeinigten Menschheit. Irrtum, nichts als Irrtum! Und gerade umgekehrt geht der Weg! Die Gedanken, um die cs sich in der Tat für uns handelt, sind nicht nur so lauter und so erhaben, sondern vor allem von einer derartigen Wucht, daß nian sie gar nicht oft genug — in immer wieder veränderter Form — an die Menschen heranbringen kann! Aber nicht oft genug auch an uns selbst. Und darum — nicht weniger jüdische Gcmeinichaft, sondern mehr und immer mehr aus liberal-religiöser Einstellung heraus — und nicht etwa bloß aus blasser Furcht vor dem „Judenfeind, der vor den Toren steht": Gemeinschaft im Gotteshaus, aber auch sonst, Gemeinschaft der Jungen und Gemeinschaft der Alten! — Und nun „Der Kampf gegen derl Zionismus:-'" Aus dem eben Gesagten folgt auch das andere. Die Liebe zum deutschen Vaterlande kann natürlich nicht als „jüdischer" Grund ins Treffen geführt werden. Dieses Heiligtum — für uns — haben ivir nicht aus der Bibel übernommen, sondern aus anderen tiefsten Gründen. Es sollte also bei diesen Fragen ein für allemal ausscheiden auch wenn — zufällig — Wesensgleichhcitcn zwischen beiden bestehen. Entscheidend bleibt nur: kann auch der Zionismus für eine liberal-religiöse Einstellung als Wertsaktor in Frage kommen oder nicht? — Ein n u r iüdisch-gemcrnschaft lich orientierter Zionismus hat freilich höchstens unser histo risches Interesse. — Und da meinen wir allerdings, er kann es in einem so hohen Grade, wie es bisher vielleicht gar nicht beachtet wurde. So ist es doch nicht, daß cs außer den orthodoxen Zionisten nur noch a-religiöse aibt, sondern die Mehrheit der scheinbar A-Religiösen bekennt sich vielleicht nur des halb heute noch nicht zu uns. weil sie ihren Liberalismus bei uns gar nicht findet — und nicht bloß, weil wir ihr nicht „jüdisch" genug sind:" weil sie „i 6 r c n" Gott schon längst so erlebt, wie viele von uns erst jetzt leise bekennen. Aber auch die andern, die liberal sind im zionistischen Lager wie der übliche Liberale auf unserer Seite, sie werden uns — glaube ich — im „Golus" gern unterstützen und nicht wie die feindlichen Brüder ansehen und sich nicht stets an . die Seite der Orthodoxen stellen, wenn wir die neue FaHrr breit entfalten: „Liberalismus und Judengefühl". Rabbiner Dr. GptLiAaLk.