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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-06-20 · 19 (20.6.1924) · page 9

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
19 (20.6.1924)
Date
1924-06-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Abraham Friedsohn Von Ulrich Frank. ^Schluß) ln ein großes Atelier der Weltstadt führen die feinen Fäden von dem galizischen Waldgebiet. Drei Jahrzehnte sind darüber hingegangen. Der alte Waldschreiber ist längst gestorben, der junge ist ein alter Mann geworden und der kleine Knabe, der zwischen ihnen aufwuchs, in aem Wald, den Vater und Großvater ausholzten, ist ein berühmter Meister geworden. Er hatte die Farben und die Stille und den Zauber des Waldes in seiner Seele davongetragen, damals, als man ihn fortgeschickt in die Stadt, um in den engen Räumen des Cheders Vernünftiges zu lernen und die „meschuggenen“ Ideen von angepflanzten Wäldern und buntschillernden Schneeflächen zu vergessen. Viel zu sehr liebten sie das „Jüngel", um nicht das Opfer der Trennung zu bringen, wo es galt, ihn vor den Gefahren der Waldeinsamkeit zu bewahren, die ihm die Sinne zu verwirren drohte. So war ein Herbsttag gekommen, wo er mit Vater und Mutter zusammen zu den Großeltern wanderte, um den Sabbat bei ihnen zu verbringen ... »um letzten Male. Am Sonntag früh schon sollte der Vater mit ihm nach Krakau fahren, wo man ihn bei einer Tante mütterlicherseits untergebracht hatte, Mit besonderer Feierlichkeit wurde dieser Abschied gefeiert. Voller und heller als sonst erklang das Lecho daudi des alten Friedsohns, in das der junge und jüngste kräftig einstimmten. Von dem Rosinenwein bekam er ein ganzes Gläschen, auch die Abendtafel war reicher bestellt als gewöhnlich, und am darauf folgenden Tage gab es alle seine Lieblingsgerichte, so daß es ein Wunder war, daß er an den fetten, süßen, schweren Speisen sich nicht den Magen verdarb. Man war ganz auf den Aufenthalt im Zimmer angewiesen, denn es regnete ununterbrochen. In trüber Nässe tropfte es von den Bäumen. Der Wald weinte beim Abschied von seinem Freunde. Ein wehmütiges Lächeln spielte um die Lippen des Meisters, als er dieser Stunden gedachte. Er beugte sich über eine Bauzeichnung, die vor ihm lag. Es war der Grundriß einer Villa, die er sich am Saume eines in der galizischen Hochebene gelegenen Waldes erbauen ließ. Nur wenige Meilen von dem Heimatsboden entfernt, auf dem er das Licht der Welt erblickte, jener grünen Welt, mit ihren Farbenwundern, die ihm seine Kunst geschenkt. Seine Kindheit erstand vor seinem geistigen Auge. Er durchlebte den Frühling und Sommer wieder in all seiner Schönheit, aber in das Blühen und Gedeihen, in das Leben und Weben des Waldes klangen die schrillen Laute der Axt an sein Ohr, daß er schmerzlich zusammenzuckte. Und dann kam der Herbst und der Winter ... ja der Winter! Das war doch das Herrlichste. Der Schnee, der weiße Schnee . . . sein Schnee! Der ihm das Größte in seiner Kunst gegeben, seine innerste Befriedigung, seinen Ruhm, seinen Wohlstand, sein häusliches Glück. Seine Schneelandschaften sind weltberühmt und werden als das Höchste ihrer Kunstgattung gepriesen. Der Besitz eines Bildes von Abraham Friedsohn ist für Kunstkenner etwas besonders Erstrebenswertes. Denn in der wundervollen Einsamkeit dieser Schneelandschaften liegt ein unendlicher Reiz, etwas Rührendes und Tröstliches zugleich. Er gibt der toten Natur einen Lebensinhalt und das silbrige Weiß scheint erfüllt von buntem Glanze. Das Todesschaurige der erstarrten Eisgefilde wird gemildert von den Strahlen eines Lichtes, das in den Tiefen eines gläubigen, reinen Herzens erstrahlt und von einem Temperament auf die Leinwand gezaubert wird. Das ist das Rätsel der malerischen Wirkung dieser Bilder. Ihr Erfolg ist so groß, daß er den Schöpfer dieser Kunstwerke oft selbst mit Staunen erfüllt, und dann sucht er in der Erinnerung die undefinierbaren Grundzüge seines Könnens. Wie war das nur gekommen? Damals, als man ihn in den Cheder stellte, war er sehr unglücklich. Er konnte kaum atmen in der dumpfen Luft der Judenvorstadt Kazemierz, in der er wohnte, und die schmutzigen Häusermassen, die schmalen Straßen und engen Winkel, in denen die Juden zusammengepfercht waren, erfüllten ihn mit Grauen und Abscheu. . Da war doch seine Heimat, der Wald, etwas ganz anderes, und er konnte nicht begreifen, warum nicht alle Juden im Walde wohnten? Er war groß genug dazu, und wenn man ihn nicht niederhauen würde, hätten sie alle Platz unter den grünen Bäumen. Er nahm sich vor, wenn er erst erwachsen sein würde, mit dem reichen Vetter einmal darüber zu sprechen, aber bis dahin mußte er noch viel lernen, um den Eltern und Großeltern Freude zu machen. Das hatte er ihnen gelobt, und was gab es fsir einen armen, kleinen Judenknaben, einen Waldschreiberssohn Besseres, um seiner Familie Freude und Ehre zu bereiten als -- zu lernen. Das sagte ihm die Tante, bei der er wohnte, täglich unzählige Male, das sagte ihm der reiche wohlmeinende Vetter, bei dem er am Schabbes immer aß, das sagte ihm sein Lehrer, der solche Ermahnungen auch dann und wann handgreiflich unterstützte, und so sah er ein, daß es wohl das Richtige sei, den Wald zu vergessen und dafür das Wissen zu gewinnen. Unermüdlich war er nun bei seinen Aufgaben und galt bald als ein so begabter Schüler, daß der reiche Holzhändler, sein Protektor, auf den Gedanken kam, ihn neben seinen hebräischen Studien im Cheder auch eines anderen Unterrichts teilhaftig werden zu lassen. Er sollte eine Schule besuchen und einen regulären Schulunterricht genießen. Abraham war überglücklich, als der Vetter ihm seine Absichten eröffnete, aber erst galt es die Zustimmung vom Vater und Großvater zu erlangen. Das schien nicht so leicht, beide waren den „neimodischen" Ideen, wie sie es nannten, ganz abgeneigt, und sie fanden es ganz überflüssig, daß ein jüdisch Kind mehr lerne als die Sedra und wenn es gut ginge, den Talmud, um vielleicht einmal zu dem schier unerhörten „Kowed" zu gelangen, ein „Row" zu werden. Das war für die armen Waldschreibersleute etwas, wohin nur in seltenen Feierstunden sich ihre Phantasie und ihre Wünsche verirrten. Aber daß Awromele gar „daitsch" lernen sollte, das paßte ihnen durchaus nicht, schon darum nicht, weil das „Jüngel“ ohnedies immer „was extras“ im Kopf hatte. Der Vorschlag des reichen Vetters begegnete darum bei Friedsohn senior und Friedsohn junior einer sehr devoten, aber ziemlich deutlichen Absage. „Awromele sollte nix lernen, was ihn im Kopf „meschugge“ mache; wenn er wirklich so ein fleißig Kind sei, soll man sehen, ob er nicht ein Bocher werden könne und später ein Row, und wenn’s dazu nit ausreicht, soll er nach der Barmizwoh zu gesund nach Haus kommen und ein Waldschreiber wem beim Herrn Vetter, leben soll er hundert Jahr.“ So ungefähr lautete der Brief, der alle Hoffnungen Abrahams zunichte machte. Er weinte bitterlich, als sein Beschützer ihm dies mitteilte, aber dieser ließ sich nicht so leichten Kaufes zurückweisen. Ein reicher Holzhändler aus Krakau, der gewissermaßen Wälder versetzte, indem er sie aus dem Waldboden den Flußlauf hinunter über die Grenze führte, würde doch noch die Macht besitzen, einen kleinen Judenknaben aus dem Cheder in eine staatliche Unterrichtsanstalt zu verpflanzen. Nach einigen energischen Verhandlungen seinerseits gaben die beiden Friedsöhne ihre Einwilligung, wenn auch weniger innerlich überzeugt, als aus Respekt vor der holzhändlerischen Autorität. Und so kam ein Tag, an dem Abraham Friedsohn als Schüler der Krakauer Volksschule wirklich lernen durfte, was ihm den Pfad zu einer allgemeinen Bildung ebnete. Mit Rührung gedachte er dieses denkwürdigen Tages und auch des Mannes, der ihm dazu verholten und der auch bereits tot war, wie der Großvater. Wie weit ab lag das alles von seinem heutigen Leben, von Erstrebtem und Erreichtem! Wie wunderbar war der Weg, den er gewandelt! Von jenem Tage an, da er zum erstenmal auf einer Schulbank saß, in einem geräumigen Klassenzimmer, neben seinen christlichen Mitschülern. Es war so ganz anders, wie das, was er bisher gewöhnt war, und fast schien es, als überkomme ihn Heimweh nach dem Cheder mit seiner stickigen Luft und dem monotonen Singsang der Lernenden. Er mußte sich bezwingen, um der so völlig veränderten Umgebung sich anzupassen, aber es gelang seinem festen Willen und seinem Eifer, und bald galt er auch in der Schule als einer der bravsten und fleißigsten Schüler. Er war damals zwölf Jahre alt. An ein rechtes, freudiges Lernen ging es nun. Dabei vernachlässigte er durchaus nicht seine hebräischen Studien und die großen Fortschritte, die er auf diesem Gebiet machte, söhnten den alten „Melamed“ des Cheders beinahe aus mit dem Gedanken, daß er auch anderes lernte. Wie er das tat, und was er erlernte, trug in die traurige Existenz, die er mit seinen Glaubensgenossen im freudlosen Judenviertel teilte, Licht und Wärme. Er hatte etwas, was ihn erhob über das Elend und die Engnis dieser Daseinsbedingungen. Was ihn erhob und später hinaustrug zu jenen Höhen, die er damals nicht einmal ahnen konnte und die ihm wohl, wenn er von ihren Möglichkeiten überhaupt etwas gewußt hätte, so unerreichbar erschienen wären, wie Sonne, Mond und Sterne. Und dabei war damals schon jener Stern über ihm aufgegangen, der ihn zu den Sonnenhöhen des Lebens geleiten sollte, zu den Höhen der Kunst. Mit einigen Mitschülern war er einmal in der Jagellonischen Universität, und hatte in einem mit Malereien geschmückten kleinen Saal ein Bild gesehen. Er stand vor einer Offenbarung, völlig fassungslos. Nicht so vor dem, was er sah, sondern vor dem Wunder des Geschehens. Wer konnte solches vollbringen? Ein See war es, von Bäumen umstanden, die sich in der glänzenden Wasserfläche abspiegelten, und am Ufer im blumigen Moos lag ein Knabe und starrte in das Wasser. Abraham konnte sein Antlitz nicht sehen, aber ihm war, als sei er es selbst, denn oftmals hatte er daheim so dagelegen und hatte in das Wasser eines kleinen Sees geblickt, um zu ergründen, was seine Tiefe birgt. Und neben ihm standen die Weiden mit herabhängenden Zweigen und die Blumen blühten im Grase. Das aber war Wirklichkeit und hier . . . wer hatte denn das hierher gezaubert, so wie er es hundert und hundertmal gesehen und erlebt, draußen im Freien, in der Natur und nicht so, in einem Raum, wo kein Himmel darüber war, nur eine Decke mit einander verschlungenen Ringeln, und wo es an einer Wand hing und in einem goldenen Rahmen steckte und gar nicht wirklich war und doch so wirklich! Es war das erste Bild, das er gesehen und der Eindruck, den er davon empfangen, war so überwältigend, daß er ihn nicht wieder los wurde. In seinem Geiste aber war von diesem Augenblick an doch etwas Fremdes, Neues . . . wenn der Vater und Großvater es gewußt hätten, sicherlich hätten sie ihn zurückgeholt, damit ihre Befürchtungen nicht in Erfüllung gehen und er etwas „Meschuggenes" in den Kopf bekomme, wie sie damals an den Vetter schrieben. Er bewahrte daher dieses Erlebnis ak tiefstes Geheimnis in seiner Seele. Aber er beschäftigte sich immerfort mit dem Gedanken, wie man so etwas vollbringen könne, und als könnte er dieses Rätsels Lösung in den Büchern finden oder gar in den krausen, verschlungenen des Talmuds vertiefte er sich mit rastlosem Eder in seine Studien. Sein Wesen bekam in dieser Zeit etwas Abgeschlossenes, für sein Alter allzu Ernstes. Aber neben dieser« bei jüdischen jungen Leuten sehr häufigen Frühreife, die den äußeren Lebensumständen entspringt, war etwas Naives, Weltentrücktes, Verträumtes in fbm, das in seinem Innern ruhte. Dort hatte der Wald seine Wurzeln fest versenkt, dort entstanden Zauberformeln und Märehenträume, und dort wuchs die Frage nach dem Geheimnis künstlerischen Gestaltend Wuchs und wuchs, wurde immer brennender, immer intensiver, immer deutlicher. Bald war es nicht mehr eine Frage . . . ein Wunsch wurde es, eine Sehnsucht, ein Drang und ein Wille. Ohne daß er sich dessen so recht bewußt war, entstand eines Abends auf einem abgerissenen Blatt Papier seine erste Zeichnung. Er starrte darauf hin und hielt es für ganz unmöglich, daß etwas, was man vor sich sah, Form gewinnen konnte, eine Wiedergabe finden durch eine einfache Manipulation. Denn schließlich hatte er nichts getan, wie mit seiner Feder auf dem weißen Papier Striche gezogen. Er ahnte nicht, was für Striche, und wie er die Ecke seines engen Zimmerchens festgehalten, die er von seinem Arbeitstisch aus übet > blickte. Es war frappant, und er selbst mußte lachen, all er das Brett, auf dem allerhand Gerät stand, und darunter den alten Lehnstuhl wiedererkannte, auf dem Papier, das vor ihm lag. In der Schule war er vom Zeichenunterricht von Anfang an dispensiert worden, auf Wunsch seines Beschützers, der dies für unnützen Zeitvertreib erklärte. Er wußte daher gar nicht, daß zu erlernen sei, was er intuitiv vollbracht, und erst als er einem seiner Mitschüler seine Zeichnung gezeigt hatte, ganz verstohlen, aus Furcht, ausgelacht zu werden, und dieser ausgerufen hatte; „Du, Friedsohn, du mußt Zeichnen lernen, warum kommst du nicht zur Zeichenstunde?“, erbat er von seinem Vetter die Erlaubnis, sich daran beteiligen zu dürfen. Damit war der erste Schritt getan auf dem Wege zu seinem Künstlerruhm. Seinem Lehrer fiel seine ungewöhnliche Begabung,- sehr bald auf, er widmete ihm besondere Aufmerksamkeit, und Abraham Friedsohn zeichnete mit wahrer Leidenschaft alles, was sich seinem Auge darbot. Die alten Paläste und Kirchen und Brücken, die Türme, die Bogengänge des Tuchlaubengeländes, die engen Winkel und das verfallene Gemäuer der Judenvorstadt, m der er lebte, erstanden unter seinem Stift in überraschender Naturwahrheit. Jede freie Stunde widmete er dieser neuen Beschäftigung, die ihm eine unsagbare Freude bereitete. Noch wußte er nicht, was es war, was ihn so beseligte und was es bedeutete, was in ihm sich regte. Aber der schöpferische Geist war in dem armen Judenjüngling lebendig geworden. Der Lehrer hatte den Holzhändler auf das außerordentliche Talent seines Schützlings aufmerksam gemacht und dieser war einsichtsvoll und klug genug, sich für die Ausbildung Abrahams zu entscheiden. Er brachte ihn zum Direktor der Akademie der bildenden Künste, und dieser erklärte sich sofort bereit, ihn aufzunehmen. Aber daheim im Walde gab es argen Widerspruch. Friedsohn Vater und Friedsohn Sohn waren ganz außer sich über diese Eröffnungen. Ihr Awromele sollte nun weder Rabbiner, noch Waldschreiber werden, sondern Maler . . . welches Unglück! Maler! „Hat man so was je gehört? Ä jüdisch Kind und — Maler. Was is Maler?" Ja, was ist ein Maler? Ein Künstler! Ja, was ist ein Künstler!? Wer sollt« ihnen das begreiflich machen? Ein Maler!? Ein Künstler!? Friedsohn der Aeltere war ins Gr&b gesunken, ounc es begriffen zu haben, und Friedsohn der Jüngere hat wohl W jTfT wm KARL A. KLEIN automobile a.-g. Eisenacher Mr. 111-112 Telephon: Kollendorf 6660—01 G PERSONENWAGEN; e/20 ps Age o/So ps Presto 12/40 ps Steyr e c,.>. 17J50 PS DtlX Hauptstr. 81-82 Rheins* oicS-o+o« Unter den Linden 42 Telephon ztr. 9409 KurffOrstendamm 1 Telephon: LQtzow 1683 eneral-VerfrehJng LASTWAGEN; Maglrus ,° Vomag 3.4,5,0 L.W.D. 3 0

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