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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-06-20 · 19 (20.6.1924) · page 10

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
19 (20.6.1924)
Date
1924-06-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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auch niemals das rechte Verständnis dafür gewonnen, seihst als sein Sohn schon ein sehr berühmter Mann war, und er verschiedene Bilder von ihm gesehen hatte. Diese Bilder! Diesen Schnee! „Der Schnee liegt doch draußen auf dem Feld im Winter . . . und nu hängen sich ihn die Leut' ins Zimmer . . . meschugge! Awromele war schon immer ein närrisches Jüngel!“ so ungefähr lautete das Raisonement seiner Eltern. Die Auffassung der Waldschreibersleute aber hatte die Karriere Abraham Friedsohns nicht hemmen können. In geradezu fabelhafter Weise hatte diese sich vollzogen. Mit jenem Aufstieg, wie er nur ganz wenigen glückt, jenen wenigen, die zu den Auserwählten gehören. Friedsohn lenkte bald die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf sich. Nachdem er die Akademie beendet hatte, fand er Gönner, die ihm zu Studienreisen nach Paris und Italien verhalten, und so kam der arme Waldachreiberssohn in die Welt, die erhabenen Wunder der Kunst erfüllten seine Seele mit staunender Andacht. Ernahm die Herrlichkeit der Antike in sich auf wie eine heilige Verkündung; er schwelgte in der ergreifenden Schönheit mittelalterlicher Malereien und sein Geist wurde befrachtet von den künstlerischen Schöpfungen der modernen Zeit. Sein Horizont weitete sich, sein Blick wurde sicher und scharf; in allen Galerien und bekannten Bildersammlungen, in den Ateliers berühmter Meister war * y Haus. Er sah, er studierte, er lernte, er versuchte Bach Art der Lernenden sich an den verschiedenartigsten Mothrsn, er sättigte sich mit Eindrücken, aber der urstlndige Boden seines Könnens war endlich doch die Heimat. Diese löste sein intimstes Empfinden aus, und was •r dort erschaut, wurde seine große Kunst. Die galizischen Schneefelder der hohen Tatra, die Verträumtheit, die Einsamkeit, die Wunschlosigkeit, die Stille dieser Landschaften inspirierten ihn zu seinen ergreifendsten Werken. Von seinen Wanderzügen kehrte er immer wieder nach dem Waldgebiet zurück, in dem sein Vaterhaus stand. Diese kleine Hütte, von der der Weg zu jener andern führte, wo die alten Leute wohnten, die ihn so sehr geliebt And um seine Jugend den Schimmer treu sorgender Zärtlichkeit gebreitet hatten. Unauslöschlich stand das in seinem Herzen, es tat ihm weh, daß er ihnen fremd geworden, ihnen und den Eltern. Sie hatten keinen Standpunkt zu dem Malersmann, seine Bilder sahen sie mit scheuer Verlegenheit an, sie wußten nichts von ihrem Wert, sie erkannten ihre Notwendigkeit nicht an, und die Idee, daß er ein Künstler sei, erfüllte sie mit äußerstem Unbehagen und entfremdete sie ihm ganz. Unter Künstler ▼erstanden sie einen Taschenspieler oder Bänkelsänger oder Seiltänzer; ein Goj! wie er die Märkte bezog und J auch in ihre weltferne Gegend manchmal verschlagen wurde. Das Wort schon verletzte sie, und man mußte vollständig davon Abstand nehmen, ihnen seine Bedeutung klarzumachen. Selbst dem hochverehrten Vetter, dessen Wald sie trotzdem in unentwegter Treue ausroden halfen, gelang es nicht, sie zu überzeugen und zu überreden; sie grollten ihm wohl auch innerlich, und so war Abraham, wenn er sie aufsuchte, ihnen nur der Sohn, der Enkel, aber niemals der Künstler, als den ihn die Welt pries. Aber merkwürdigerweise, je ablehnender sie sich seiner Welt gegenüber verhielten, desto mehr klammerte er sich an die ihrige. Mit wahrer Inbrunst hing er an der Heimatserde und an den Heimatsbräuchen. Mit innigstem Ergriffensein nahm er teil an den religiösen Verrichtungen der Familie, und obwohl er, erfüllt von dem starken Lebensdrang einer Künstlernatur, vieles abgestreift hatte von den formalen Manifestationen seines Glaubens, in seinem Innern lebte dieser fort, und nur der leisesten Berührung bedurfte es, um eine stille, heimliche Musik der Jugendzeit in ihm anklingen zu lassen. In einer solchen Stimmung hatte er einmal eine entfernte Verwandte seiner Mutter, ein junges, verwaistes Mädchen, daheim angetroffen. Er war von Paris gekommen, wo eine seiner Winterlandschaften auf der Ausstellung den ersten Preis bekommen hatte. Ueberall sprach man von dem jungen galizischen Künstler und von dem undefinierbaren Reiz seines Bildes. Die Kunstkritik lobte einmütig den keuschen, schlichten, reinen und überzeugenden Ton des Gemäldes, ohne zu ahnen, daß es sein Persönlichstes war, was darin sich aussprach. Eine der ersten Kunsthandlungen erwarb das Bild, man bemühte sich um ihn, man feierte ihn, und er, aus dem Rausch des Erfolges, den überschwenglichen Erregungen jungen Ruhmes sich aufrüttelnd, reiste nach Hause, um den armen Waldschreibersleuten das Geld zu bringen, das er erworben, das Geld und seine Liebe. — Das Geld nahmen sie nicht an. Sie bestimmten es zur Aussteuer der verwaisten Cousine, die er bei ihnen antraf und die er schon wenige Wochen später zu seiner Braut machte. Er hatte das Interesse, das ihm die Semigen versagten, gerade bei ihr gefunden, die mit staunenden Blicken ein Bild entstehen sah, das er dort malte. Und wie sie stets neben ihm war in banger, zagender Verständnislosigkeit erst, unter allmählichem Verstehen endlich, das hatte ihn gerührt und er hatte sie an sein Herz gezogen. Fast angstvoll und mißtrauisch waren seine Familienangehörigen, verschüchtert das junge, liebliche Geschöpf, das er erkoren. Es war, als trauten sie ihm nicht recht, weil er so anders war als sie, weil er so anders lebte und ein Künstler war. Der Gedanke erschreckte sie, ein Künstler, kein Jude! Ob f er es ihnen euch immer wieder versicherte und zu beweisen sich bemühte, er war ' in „Ncirro ischer“, ein Moderne;, kein ,.Jid“, und darum nach ihrer Meinung kein Jude Schmerzlich empfand er es, daß cs ihm nicht gelingen wollte, diesen Vorurteilen zu begegnen; sie wurzelten zu tief in den Anschauungen und Lcbensbedingungen dieser Menschen. Seine Zugehörigkeit zu ihnen gab ihm darum keine frischen, lebensspendenden Kräfte, erstarrt, verdorrt schien dort alles. Eine unendliche Bitterkeit quoll in seinem Herzen auf, aber er suchte ihrer Herr zu werden und diese Alten zu verstehen, da sie die Jugend nicht verstehen wollten, vielleicht nicht konnten. Und doch wie vieles nahm er von dieser Heimat mit hinaus in die große Welt! Die Erinnerungen an seine Kindheit, den Wald und nun die Gefährtin seines Lebens. Seine Hochzeit wurde in aller Stille im großväterlichen Hause gefeiert. Nach altem Ritus wurde er getraut.S Es war das Letzte, was von diesen halb verklungenen Bräuchen in sein neues Leben hineinragte, das Tiefste. Nie vergaß er, wie er unter der „Chuppe“ gestanden, neben ihm, züchtig verhüllt, das junge Geschöpf, das er zu seinem Weibe machte mit. der Trauungsformel: „Hareh at mckadesches li." Damit fiel der Vorhang über dem letzten Akt seines Jugendspiels: Heimat! Und das Leben draußen in all seiner Vielgestaltigkeit und seinen modernen Strömungen umfing ihn. Er zeigte sich ihm gewachsen in seiner Kunst, in seinen Kämpfen und seinen Siegen. Diese machten ihn nicht mutlos, jene nicht stolz. Ein Mann, ein Künstler im höchsten Sinne gereifter, moderner Anschauungen war er geworden, aber in einem geheimen Schrein seiner Seele bewahrte er die Erinnerungen an seine Vergangenheit, wie geheiligte Reliquien: sein Judentum und seinen winterlichen Wald. Diesen malte, jenes betätigte er. Mit heißer Treue hing er an beiden, Wald und Judentum. In einem Waldviertel des Tatragebirges baute er sich ein Heim stiller Zurückgezogenheit von dem Weltentrubel und machte cs zu einer Bildungsstätte für junge, arme, künstlerisch begabte Glaubensgenossen. Und er, ein ganz Moderner, in seiner Lebenshaltung und seiner Kunst, blieb ein alter Jude in seinem Herzen — die feine Linie — o, diese, feine, seltsame, unverwischbare Linie! Gebt uns Adressen von Bekannten! Die Geschäftsstelle, Berlin W. 8. Manerstr. 22, versendet Kostenlos Probenummern. Gerson Feldmann Uhrmachermelster Brulaa, Gartenstraße 19 Telephon t Rg. 11382 Uhren u. Goldwaren Htoone Reparaturwerkstatt ffffffTfTfTffTTfffTT Festdichtungen TafeOlede& Tischreden uaw. t von Festlichkeiten einsdil. -Ldanav Muht und Kthutierpersonal Mas bcanfa Mstecr **»*« »> HD meßn, TeL: Humboldt 4009 SCHILDER Schablonen Stempel! in allen Ausführungen A. 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