Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 19 (20.6.1924)
- Date
- 1924-06-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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4. Hahrgang Nummer 19 1. Beilage 20. Juni 1924 IMchliberaleZeilunL Meine Erfahrungen mit Antisemiten. Bon Neichsminister a. D. Dr. Gothei«, Vorsitzender des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus. Wenn ich mit Antisemiten der sog. gebildeten Stände über ihren Antisemitismus spreche, so begegne ich gewöhnlich der Ansicht: die Juden seien eine andere — die semitische — Rasse, zu der die germanische Rasse sich nicht hingezogen. gegenüber der sie eine instinktive Abneigung fühle: sie sei ein Fremd-, körper im deutschen Volk. Mit religiöser Abneigung habe ihr Widerwille gegen sie nichts zu tun. Setzt man ihnen dann auseinander, das; cs gar keine semitische Rasse gebe, daß die Juden ebenso wie die Deutschen und alle anderen europäischen Völker, ein Mischvolk seien, daß es lediglich semitische Sprachen gebe, semitisch also nur ein philosophischer Begriff sei, so schütteln sie ungläubig den Kopf und verweisen auf die angeblichen jüdischen Rasseeigentümlichkeiten: die große Nase, das dunkle Haar, die brünette Gesichtsfarbe, die schlechte Körperhaltung us-w. Dem Einwand, daß es massenhaft Juden von anderem Typus gebe, begegnen sie mit dem beliebten Schlagwort: „Die Ausnahmen bestätigen die Regel." Daß die angeblichen Merkmale zum weitaus größten Teil Folgen einer Jahrhunderte alten Ghettopolitik und einer weitgehenden Inzucht seien, daß die Auffassungen von vielen tausenden von Juöenschädeln das Resultat ergeben hätten, daß 80 % davon ausgesprochen arischen Charakter haben, dem widersprechen sie zwar meist nicht, weil ihnen das nicht bekannt ist und sie nicht gern unwissend erscheinen wollen, aber sie weisen dann — einen anderen Faden ausnehmend — auf die dem Deutschen unsympathischen Charaktereigenschaften der Juden bin. Der Jude sei aus den Gelderwerb erpicht, treibe Wucher, sei hartherzig, wolle von körperlicher Arbeit nichts wissen, sondern nur durch den Handel und Schacher reich werden. Setzt man ihnen dann auseinander, daß die Jusen Palästinas ein vorwiegend Ackerbau treibendes Volk gewesen seien, datz Muhammod die Verfolgung und Austreibung der Juden aus Arabien hauptsächlich vorgengmmen Habe, um ihre in hoher Kultur befindlichen Landwirtschaftsbetriebe in seine Hand zu bekommen und für sich damit seßhafte Anhänger zu gewinnen, daß es heut noch zahlreiche jüdische Ackerbaukolonien gebe, daß die Juden in Litauen, Polen, der Ukraine, ans dem Balkan usw. in ihrer überwiegenden Mehrzahl von der Handarbeit — vielfach sogar von besonders schwerer — leben und daß ihre überwiegende Beschäftigung mit dem Handel und Geldgeschäften in anderen Ländern doch eben nur darauf beruhe, daß ihnen durch Jahrhunderte hindurch verboten war, Landwirtschaft oder ein Handwerk, ja selbst den Großhandel zu betreiben und daß ihnen die Möglichkeit, sich bei christlichen Unternehmern als Arbeiter zu verdingen, durch die Vorschriften über die Sabbathsruhe, nicht minder freilich durch die Vorurteile der Mitarbeiter, außerordentlich erschwert war, so kommt der Einwand, bei uns seien sie aber doch so und das Schachern und Wuchern liege ihnen im Blute. Daß in den türkischen Ländern diese Tätigkeit ausschließlich von den unzweifelhaft arischen, christlichen Armeniern in einer moralisch keineswegs einrvandsreien Weise ausgeübt wird, während sich die dort sehr zahlreichen Inden gar nicht damit abgeben, wird mit Erstaunen angehört, ebenso, daß erst gegen Ende des 12. Jahrhunderts erstmalig gegen die Juden der Vorwurf ches Wucherns erhoben wird und datz mau sie — als man ihnen verbot, Grundbesitz zu erwerben. Landschrift oder ein Handwerk oder Großhandel zu betreiben, sie ja geradezu aus das Geldgeschäft verwiesen habe, um so mehr, als es gleichzeitig den Christen verboten wurde, Zinsen zu nehmen. Achthundertjährige Uebung in einem speziellen Beruf schasse natürlich auch besondere Eignung dafür in den Familien durch Vererbung. Im übrigen sei Absolut nicht nachzuweisen, daß unsere jüdischen Bankiers ihre Geschäfte weniger reell betrieben als die christlichen. Dabei stellt sich nicht selten heraus, daß diese „gemäßigten Antisemiten" einen Juden zu ihrem Bankier haben und mit Vorliebe in jüdischen Geschäften kaufen. Gerade in diesem oder jenem Geschäft, meinen sie, geht es sehr reell zu. Sind diese Leute Beamte oder Offiziere, so sind sie froh, daß es in ihrem Stand keine oder doch Gott sei Dank so wenig Juden gebe. Nach der Verfassung stünden zwar allen deutschen Staatsangehörigen alle Aemter und Stellen gleichmäßig offen, aber glücklicherweise werde in der Verwaltungs-Praxis dafür gesorgt, daß man im wesentlichen doch nur Christen zulasse. Auf die Gegenbemerkung, datz es doch ein schweres Unrecht sei, jemandem sein verfassungsmäßig gewährleistetes Recht zu verkümmern, zucken sie mit den Achseln und meinen: der ganze Stand würde durch die unbeschränkte Zulassung der Juden herabgedrückt werden. Ohne weiteres geben sie zu. daß der oder jener jüdische Richter oder der und der höhere Bcrwaltungsbeamtc oder Offizier jüdischer Abstammung auch gesellschaftlich ganz einwandfreie Leute seien, mit denen man ganz gern verkehre. Ein oder die andere Ausnahme könne man sich wohl gefallen lassen, aber wenn man die Tore zu weit aufmache, so würden die Juden bald alle guten Stellen besetzen und was sollte dann aus ihren Söhnen und Schwiegersöhnen werden. Also die Sorge vor der Konkurrenz? Sie wollen allein aus der Futterkrippe des Staates fressen. Ich pflege in solchem Fall auseinanderzusetzen, daß der überlegene Reichtum der Juden, den sie so sehr beklagten, doch wesentlich darauf beruhe, daß diese, weil ihnen die Beamten- und die Offizierslaufbahn verschlossen wurden, sich gezwungenermaßen den auf Gelderwerb ausgehenden Berufen zuwenden mutzten. Daß das von ihnen beklagte Uvbel daher durch die Praxis die Juden von der elfteren fernzuhalten, nur gesteigert würde. Datz ihre Söhne, wenn sie keine vorzugsweise Anwartschaft auf Offiziers- und Beamtenstellen mehr hätten, sich den Erwcrbsberufen zuwenden würden, die Reichtum, also auch Macht brächten. Demgegenüber wird der Zweifel laut» ob diese dafür veranlagt wären. Und ehe man nicht etwas Ordentliches vor sich gebracht habe, habe man da keine gesellschaftliche Position. Dazwischen kommt aber wieder der Angstruf: Dann wird unser ganzer Beamtenstand verjudet. wie es der Anwalt- und der Aerztestand heut schon sind. Ja. sage ich: Wenn Ihr den Juden, die das Zeug und den Drang zum akademischen Studium haben, die Beamtenlaufbahn versperrt, so drängt Ihr sie ja gerade zum ärztlichen und znm Anwaltsberuf. Dann dürft Ihr Euch auch nicht wundern, wenn in diesen die Zahl der Juden relativ groß ist. Nehmt die Hälfte davon in die Beamten- und Offizierslaufbahn, so wird von einem übermäßigen Andrang der Juden zum Anwalts- und Arztberuf gar nicht mehr die Rede sein. Sind sie nicht übrigens zum erheblichen Teil Zierden ihres Standes? Darauf verlegenes Schweigen. ,Ha, aber die Juden haben schlechte Manieren, sind so laut, aufdringlich, protzenhaft, putzsüchtig. , Gehen Sie nur mal in die feinen Cafes und Dielen, in die vornehmen Badeorte und sehen Sie, wie ihre Frauen da in den auffallendsten Toiletten mit kostbarem Schmuck überladen dasitzen und herumspazieren, wie sie ihre Kinder aufputzen!" Gewiß, das sind sehr unangenehm wirkende Erscheinungen, die dem Antisemitismus ständig neue Nahrung geben, erwidere ich dann: aber bitte seihen Sie sich die christlichen Kriegsgcwinncr, die neureichen, ehemaligen Grünkramhändler oder Flcischerfrauen usw. an! Ist deren protzenhaftes Auftreten etwa ein anderes, weniger abstoßendes? Der Neureiche, der Parvenü, der seinen Reichtum in aufdringlicher Weise zur Schau trägt, glaubt sich damit eine gesellschaftliche Position zu schaffen mrd merkt nicht, daß er sich damit nur lächerlich und verächtlich macht: daß er nur beweise, wie sehr es ihm an der Kinderstube fehlt. Daß es sich dabei nicht um etwas specifisch Jüdisches handelt, könnt Ihr auch aus dem Vergleich mit dem Auftreten jüdischer Familien mit altem Reichtum, alter gesellschaftlicher Schulung erflehen! Dort findet man nichts von protzenhastem Auftreten: dort herrscht verfeinertes, vergeistigtes Leben. In England hat man nach der JudenemanoipaMon zuerst auch über das protzenhafte Auftreten reicher Juden geklagt und darilber gespottet. Man lese nur die Schilderungen damaliger englischer Sitten! Als sie aber in die Gesellschaft ausgenommen waren, haben sie sich rasch deren gute Sitten und Gewohnheiten angeeignet. Heut spottet man dort ebenso wie früher über das Auftreten des Parvenüs, aber man unterscheidet ihn nicht nach seiner Religionszugehörigkeit. Das Ungerechteste im Antisemitismus ist die Verallgemeinerung: Weil man mit einem Juden einmal üble Erfahrungen gemacht hat, sind alle Juden ilbel. Weil der eine hartherzig und geizig ist, wird diese Eigenschaft auf alle übertragen. Und doch könnten wir Christen uns gerade an der jüdischen Wohltätigkeit.ein leuchtendes Beispiel nehmen, zumal sich diese keineswegs auf ihre Religionsgenossen beschränkt, sondern all? Not umfaßt, ja nicht einmal Halt macht, vor der von Antisemiten. „Arbeitet mit den jüdischen Volksgenossen zusammen an der Linderung der Not, die unser unglückliches Schicksal heraufbeschworen hat. und wenn Ihr noch sittlich empfinden könnt, so werdet Ihr den Antisemitismus ablehnen! Ihr Studenten, die Ihr in Judenhetze macht, müßt Ihr nicht schamrot werden, wenn Ihr Euch sagen müßt, daß Ihr den billigen Mittagstisch, an dem Ihr Enern Hunger stillt, großenteils dem Wohltätigkeitssinn von Juden verdankt!" Bei den verhetzten und hartgesottensten Antisemiten ertönt dann als Antwort wohl: „Erst haben sie uns ausgesogen. jetzt geben sie uns ein kümmerliches Almosen." Den Beweis für das erstere bleiben sie schuldig. Solchen Leuten gegenüber ist jede Argumentation vergeblich. Aber bei gar manchen: Antisemiten, dessen Sittlichkeitsbewußtsein eben nur irre geleitet war. habe ich doch mit meiner Argumentation tiefen Eindruck geinacht. In Forst i. L. habe ich einmal in einer großen öffentlichen Versammlung gegen den Antisemitismus gesprochen. Im Anfang noch erregte Zwischenrufe, die ich mit der wiederholten Zusage freier Diskussion beschwichtigte. Dann setzte ich eingehend all den Schrvindel auseinander, daß die Juden schuld am Krieg, an seinem unglücklichen Ausgang seien: wies nach, wie gerade hervorragende Juden Englands nnd Deutschlands: Lord Rothschild, Sir Ernest Cashel, Ballin u. a. m. sich vergeblich bemüht hätten, den Krieg zu verhüten. Wie die Juden auch im Krieg voll ihre Schuldigkeit getan und wie es eine unsittliche Rohheit sei. die welche ihre Gatten. Söhne, Väter für das Vaterland geopfert. die. welche Leben und Gesundheit dafür eingesetzt hätten, nunmehr zu beschimpfen, sie ihrer staatsbürgerlichen Rechte berauben zu wollen. Ein Volk sei keine Stammessondern eine Kulturgemeinschaft. Die Kultur unserer jüdischen Mitbürger sei keine jüdische, sondern sei deutsche. Ihre Muttersprache sei deutsch: an allen Fortschritten der deutschen Kultur hätten deutsche Juden aufs Hervorragendste mitgearbeitet, sei es auf dev Gebieten der Kunst, der Technik, der Wissenschaften. Keines dieser Gebiete könne die Mitarbeit der deutschen Juden entbehren. Aber auch die Kultur der Welt könne die deutsche Mitarbeit nicht misien: sie würde arm an Kulturwerten sein, ohne das. was das deutsche Volk dazubeigetragen hätte. Sie würde in Zukunft verarmen, wollte sie zulasten, datz Deutschland durch Verelendung und Versklavung nicht mehr daran Mitarbeiten könne. Wir seien machtlos, aber wie wir den Kviea verloren hätten, werk infolge der blöden Kriegshetze der Alldeutschen, welche der Lüg« von der deutschen Alleinschuld Nahrung gegeben hätte, die öffentliche Meinung der Welt gegen uns gestanden habe, so müßten wir sie wieder gewinnen, indem wir ihr zeigten, daß die Welt das deutsche Kulturvolk, das Volk der Denker und Dichter, nicht entbehren könne. Das sei aber aussichtslos, wenn sie uns infolge des Umsichgreifens des Antisemitismus, dieses Rückfalls in die finstersten Zeiten des Mittelalters, auf eine Kulturstufe mit Polen und Rumänien stelle. Wer fein Deutschtum Hochhalte, wer Deutschlands geistige und damit auch seine wirtschaftliche und politische Größe wieder Herstellen wolle, müsse daher den Kampf gegen den Antisemitismus aufnehmen. Nach meiner mit stürmischem Beifall aufgenommenen Rede forderte der Vorsitzende zehn Minuten lang vergeblich immer wieder zu Wortmeldungen auf. Kein Gegner wagte sich heraus. Rund 60 Anwesende traten sofort dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus bei, darunter einige junge Leute, die sich bisher mit dem Hakenkreuz „geschmückt" hatten. Auch bei rein politischen Versammlungen sind mir Antisemiten kaum je entgegengetreten: selbst im letzten Wahlkampf nicht. Anders dagegen einmal vor etwa vier Jahren in Nürnberg, wo sie planmäßig den nicht genügend großen Saal vorher besetzt hatten, so daß unsere Anhänger nicht mehr hereinkonnten und wo sie nur durch wüsteste Szenen das Reden — ich sollte über die „Möglichkeit eines Preisabbaues" reden — einfach unmöglich machten. Selbst das Verlassen des Saales war nicht ungefährlich. Auch am nächsten Tag in München versuchte eine starke antisemitische Sprengkolonne meinen Vortrag durch fortgesetzte Störungsversuche unmöglich zu machen. Solange die herbeigerufene Polizeiwache anwesend war. verhielten sic sich ruhig: kaum war sie weg, begannen die Störungen wieder. Es waren reine Radaubrüder: außer dem Lärm hatten sie keine Argumente Im letzten Herbst hielt ich eine vom Abwchrverein einbernfene öffentliche Versammlung in Kvttbus ab. Wenige Tage vorher hatte der Abg. Bruhn. früher Antisemit, jetzt antisemitisches Mitglied der Deutschnationalen, eine Versammlung abgehalten, in der dem christlichen Führer unserer dortigen Ortsgruppe die Gegenrede verwehrt wurde. Die Stimmung war daher besondes erregt. Tie verschiedenen antisemitischen Organisationen hatten ihre starken Stoßtrupps— meist aus Halbstarken bestehend — entsandt, um Skandal zu machen, der dann auch bereits bei den Einleitungsworten des Vorsitzenden ausbrach und zu einer Keilerei mit blutigen Köpfen führte. Als sie ans der aber entnommen hatten, daß sie die Schwächeren waren, hörten sie schließlich meine Ausführungen ruhig an. Dafür schickten sie in der Diskussion einen nach dem anderen vor und Erlangten, insbesondere nachdem der sozialdemokräftsche Redner in dieser auch über 20 Minuten gesprochen hrckte, unbeschränkte Redezeit. Die Taktik geht dahin, durch unendliche Ausdehnuna der Diskussion bis zur Polizeistunde den Referenten die Widerlegung im Schlußwort unmöglich, und wenn er es doch noch für einige Minuten erhält, durch Aufbrechen und Unruhe unwirksam zu machen. So nennenswert die grundsätzliche Stellungnahme der Sozialdemokraten in der Frage des Antisemitismus ist. so habe ich doch mit einer einzigen Ausnahme immer erleben müssen, daß ihre diesbezüglichen Reden im Wesentlichen nur X Liberaler Verein für die Angelegenheiten der 5 - jüdischen Gemeinde zn Berlin, Ortsgruppe Norden - I Liberaler Gottesdienst | mit Grgel, Chor und Predigt | findet neben dem bereits bestehenden Freitagä und Festtags-Gottesdienst auch an den hohen X Feiertagen in der Synagoge, Schönhauser X Allee 162, statt. (Grundlage: Gottesdienst der - Neuen Synagoge, Thora-Vorlesung wie bisher.) o Wünsche bezügl. der Plätze sind bis spätestens 25. Juni X an Herrn Seminar-Lehrer Hermann Falken- H b e r g. Lottumstr. 22 (Norden 3222). zu senden. 0 £ Ti a o nur auf — diebeKebteste lönsplatts ynerrefcbi fb l%ms undßbyfbrnus. Sans fkervorrageiuf grolle ^usivaAl in IkmtMUadken Motten. Putt« «DdViraWnisMi» aller ' .«ddireMie Homophon-Conpanv G. tn.b. H., Beriia SW68, Alexandrinenstr. 108.