Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 19 (20.6.1924)
- Date
- 1924-06-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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wurde. So konnte gegen die Mitte -es 18. Jahrhunderts ein deutsches Buch als Ketzerei gelten, so erklärt sich der Bann, gegen Mendelssohns hochdeutsche Bibelübersetzung, so die Kämpfe der Orthodoxie gegen die obenerwähnten liberalen Bestrebungen. ES rsr durchaus erklärlich und berechtigt, daß die ersten Reformbestrebungen darauf gerichtet waren, dem Judentum ^zeitgemäßes Gewand, zeitgemäße Methodik und zeitgemäßes Werkzeug" zu geben. Daß dieses ästhetische Moment zeitweilig übersteigert worden ist, liegt einmal an dem Eigengewicht solcher Tendenzen und sodann, an der Heftigkeit ihrer Bekämpfung. Man besserte und reformierte, wo man zu bessern und zu reformieren Ed. Erst die zweite Generation der Reformer, wie David Philipson in seiner vorzüglichen Geschichte Mischen Reformbewegung nennt, suchte und fand daS Prinzip, auf dem alle Reform des Judentums beruht. Das ist in erster Reihe Geigers Verdienst. Zu gleicher Zeit hatte auch die soeben entstandene Reuorthodoxie sich ihre Theologie geschaffen durch G. R. Hirsch. Bei der Betrachtung aller dieser Vorege wird die Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts allgemeinen viel zu wenig beachtet. Liberalismus wie Neuorthodoxie haben beide ihre Wurzeln in der deutschen Romantik, wie sehr sie sich auch von ihr entfernt, ja zum Teil in Gegensatz gestellt haben. Aus ihr gewann die Orthodoxie in modernem Gewände die Verklärung der Vergangenheit, der Liberalismus das geschichtliche Bewußtsein, den Sinn für die geschichtliche Entwicklung. Erst Geigers Erkenntnis, daß alles im Laufe der geschichtlichen Entwicklung des Judentums unveräußerliches Eigentum ist, daß das Judentum in seiner Totalität erfaßt werden muß, daß dre Kontinuität der geschichtlichen Entwicklung keine Unterbrechung duldet, hat ein klares Prinzip geschaffen, das den Einklang des geschichtlich Gewordenen mit der Gegenwart und mit den Aufgaben der Zukunft zu sichern geeignet ist, das den Maßstab gibt für alle Einzelmaßnahmen. Die Notwendigkeit der Klarstellung dieser Prinzipien hat 1912 zu der Aufstellung der „Richtlinien" geführt, die nicht ein fertiges Programm darstellen sollten. Ihr Mangel ist das durch die Umstände geforderte Eingehen auf Einzelheiten des zeremoniellen Lebens statt der grundsätzlichen Betonung der liberalen Einstellung gegenüber dem Formproblem. Weder sklavische Unterwürfigkeit unter die Form noch bloßes Abschaffen aller Form, das ebenso ein Zeichen religiöser Unfreiheit ist, sondern die von hohem Verantwortungsbewußtsein getragene Beurteilung der Formen nach ihrem religiösen Wert als Ausdruck oder als Erwecken religiöser Gedanken und Empfindungen, nach ihrer Bedeutung für die Verbindung mit der Vergangenheit und ihrer lebendigen Gegenwartskraft *- das ist die liberale Einstellung. Daraus aber folgt die Ablehnung der Kodifizierung der religiösen Formensprache, die Zurückweisung des Gedankens, einen liberalen Schulchan Aruch oder auch ein für alle Zeiten gültiges liberales Glaubensbekenntnis zu schaffen. Beweglichkeit und Lebendigkeit wird yielme.hr gefordert. Agrum aber kann der Liberalismus niemals „saturiert" sein. Nicht die Lösung von Einzelfragen ist für uns das Entscheidende, sondern die Schaffung der rechten Anschauung. Ist diese vorhanden, dann wird der Liberalismus sich auch in Zukunft als schöpferische Kraft bewähren. Gemeinderabbiner Dr. V o g e l st e i n, Breslau. Eine Anregung. Bon Justizrat Bernhard Breslauer, Berlin, Sie wünschen, sehr geehrter Herr Redakteur, von mir eine Darstellung darüber, was die „alten" Liberalen geleistet und erreicht haben. Eine solche Darstellung kann ich Ihnen nicht geben, weil ich eine umfangreiche, auf ausreichendes Material gestützte Bearbeitung alles dessen, was an Einrichtungen in den letzten 100 Jahren geschaffen ist, nicht mehr Wernehmen kann. Hundert Jahre, drei Menschenalter, sind seit Ser sogenannten Emanzipation der deutschen Juden verstrichen. Einzeldarstellungen über die Entwicklung großer und kleiner Gemeinden sind von mancher Sette in mehr oder weniger geschickter Weise, von mehr oder weniger hervorragenden Schriftstellern gegeben. Ein Gesamtbild alles dessen, was für die Entwicklung der deutschen Juden geschehen ist — und nur von den verpönten liberalen Juden ist die Entwicklung geschaffen — liegt noch nicht vor. Zwar kann man die erste Periode dieses Zeitabschnittes aus vielfachen Werken jüdischer und christlicher Schriftsteller einigermaßen übersehen,- aber auf diese soll sich offenbar Ihr Wunsch nicht erstrecken. Die Meile Periode, etwa die Zeit vom Ende der 80er bis Mitte der Wer Jahre des vorigen Jahrhunderts, hat noch kein späterer Darsteller genügend bearbeitet. Und doch entschwindet die Erinnerung an diese Zeit von Jahr zu Jahr immer mehr,- wie vieles, das der Aufbewahrung bedurft hätte, ist schon vergessen. Wer kennt noch heute den Zustand, in dem sich die Juden der 80er und 60er Jahre des 19. Jahrhunderts befanden? Wer weiß noch heute, daß, abgesehen von einer verhältnismäßig kleinen Oberschicht, die bereits aus deutschen Schulen hervorgegangen war. ein ganz großer Teil der deutschen Juden in seiner äußeren Haltung und in der Ausübung seines Kultus den Juden im Osten näher stand als dieser im deutschen Kulturzustand lebenden Oberschicht? Ich erinnere mich noÄ der „Trompeterschule" in meiner Heimat, die ihrer: Namen davon erhielt, daß man auf viele Meter Eutsernnng aus ihr das Geschrei und Getobe heraushörte, das den Gottesdienst begleitete. Ich erinnere mich noch, daß gar mancher Beter am Versöhnungstage sich Stroh mit in die Synagoge brachte und auf dieser Unterlage stehend, die „lange Nacht" im Gebet verbrachte. Ich sehe noch den Büßer auf der Schwelle des Bethauses liegen, der verlangte, daß jeder Besucher des Hauses über ihn hinwegschretten sollte. Wer kennnt noch die absonderlichen Gebräuche, die unter deutschen Juden in jener Periode, wenn auch nicht allgemein, üblich waren, Aeußerungen reinsten Aberglaubens? Wie lange ist es her, daß der Gebrauch von Eiern und Wein beim Waschen der Leichen und das Mitgeben von Schlössern in die Gruft untersagt werden mußte? In Berlin erging das Verbot erst in den 70er Jahren! Zäh wie immer hielt die Orthodoxie an allem fest, was sie als Vorschrift oder alten, stets geübten Brauch ausgab. Welche Kämpfe mußten die liberalen Gemeindevorsteher auf sich nehmen, um die Ausgestaltung der jüdischen Gemeinde der modernen Zeit anzupassen. Ohne das heute so viel gescholtene Gesetz von 1817 — heute zwar vielfach überholt, damals aber der Zeit vorausschauend — wäre der Kampf gar nicht durchzuführen gewesen. Zunächst mußte die äußere Gestaltung der Gemeinde und die äußere Haltung der Gemeindemitglieder der Zeit angepaßt werben.. In gar vielen Gemeinden fehlte iede wirtschaftliche Unterlage. Alte Schulden, namentlich solche, deren Zahlung der Staat forderte, mußten abgelöst werden. Die Gemeindemitglieder mußten nicht nur zur Steuerzahlung angehalten, sondern auch bereit gestimmt werden, freiwillige Beiträge zur Schaffung der erforderlichen Gemeindeanstalten zu leisten, weil die Steuern, auch nach Ablösung der Schulden, zur Bezahlung der notwendigen Einrichtungen nicht ausreichten, geschweige die Schaffung neuer Anstalten l ermöglichten. Dann mußten alle von religionswegen erforderlichen Anstalten von Grund aus umgewandelt und mutzten neue errichtet werben. Neben dem Kultus waren es die Wohlsahrtsanstalten, die der vollständigen Umwandlungen unterlagen und die neu geschaffen werden mußten. Der Gottesdienst mußte vollständig neu* gestaltet werden. Welch heftige Kämpfe waren durchzuführcnk Was wißt Ihr Heutigen davon? soll' es doch selbst in Berlin noch in der ersten Hälfte deS 19. Jahrhunderts einen Rabbiner gegeben haben, der seine Bibelerklärung jedesmal etwa mit den Worten begann: „Rabbonim. ich will Eich ebbes fugen" oder „Ich will Eich a Drösche halten". Nirgends reichten die Forderungen für den Gottesdienst aus. In Berlin wurde die Kaiscrstratze-Synagoge erst im Jahre 1862. di« Neue Synagoge im Jahre 1873 dem Gottesdienst übergeben. Im Jahre 1884 wurde ein Gottesdienst in der Philharmonie eingerichtet, im Jahre 1888 die Linöenstraße-Synagoge eröffnet. Welch unzählige Verhandlungen waren für die Errichtung erforderlich geworden. Im eigenen Gremium, in der Repräsentantenversammlung mußte jede einzelne Einrichtung gegen den zähen Widerstand reaktionär und konservativ gerichteter Mitglieder erkämpft werden. Der Tempel in Hamburg, die Synagoge in Frankfurt a. M. und in Breslau und viele andere Gotteshäuser dieser Art mußten gegen eine zwar nicht sehr große, aber lungenkräftige Zahl von ^id-^achern erstritten werden. Ueberall in den großen Städten, namentlich in Berlin, wuchsen die Religionsvereine wie Pilze aus der Erde. Da kam irgend ein energischer Mann nach Berlin, der in seiner kleinen Heimatstadt als Gemeindevorsteher oder sonst im Gemeidedienst tätig gewesen war. Sobald er merkte, daß er in der großen Berliner Gemeinde nicht so schnell an die Spitze der Verwaltung gelangen konnte — denn ieder wollte Offizier. keiner wollte Soldat sein, wie damals Justizrat Makower lBater) sagte — rief er einige Heimats- oder Gestnnungsgenoffen zusammen und bildete einen Religionsverein. Manche dieser Vereine, namentlich solche, die ihren Sitz in den damaligen Anßenregionen batten, konnten als vorläufige Hilfe für die Gemeinden in Anspruch genommen werden, und erhielten Beihilfen. Nun wollten sie alle, auch wenn ihre gottesdienstlichen Einrichtungen keinerlei Bedürfnis befriedigte, Beihilfen haben. Ich erinnere mich eines Neligionsvereins, der in der Nähe einer konservativen Synagoge seinen Sitz hatte, der aber hartnäckig für seinen Betsaal eine Beihilfe forderte und als Grund dafür angab. daß seine Mitglieder die konservativen Synagogen nicht besuchen könnten, weil in teuer Synagoge drei oder vier — ich weiß die kleine Zahl nicht mehr — drei oder vier Gedichte sPijutim) nicht gesagt würden, die der Religionsverein in seinen Gottesdienst eingcfügt hatte. Soll ich weiter schildern, welche Kämpfe der Anstellung von Rabbinern und Kantoren vorangegangen sind? Man vergleiche die Kämpfe, die noch heute wegen der Umgestaltung des Gottesdienstes zu führen sind, mit den ungleich härteren und langwierigeren, die damals die Beratungen der Gemeindeverwaltung ausfüllten. Schritt für Schritt wurden den Verbesserungsversuchen Schwierigkeiten in den Weg gelegt. Was wurde nicht alles gegen die Verkürzung des Gottesdienstes vorgebracht! Hat man doch noch in der dritten, von mir erwähnten Zeitperiode Stunden und Stunden darum gestritten, ob der Kantor seinen Vorträgen nicht den großen Tropo zu Grunde legen dürfe, trotzdem dadurch der Gottesdienst wieder um mindestens eine halbe Stunde unnütz verlängert worden wäre. Was für Schwierigkeiten machte es. die äußere Ruhe in Gottesdienst aufrecht zu erhalten! Wurde doch die Thoravorlesung allgemein zu einer vergnügten Plauderei über allerlei familiäre und öffentliche Ereignisse verwandt, ja sogar — ich habe es mit eigenen Augen gesehen — dazu benutzt. um schnell einen Blick in die Zeitung werfen. Soll ich noch von den Mühen sprechen, die die Teilnahme der Frauen am Gottesdienst notwendig machte und die Umgestaltung des für sie bestimmten Teiles des Gotteshauses? Soll ich erzählen, was bei der Einrichtung der Religionsschulen und des Religionsunterrichts für Angriffe und An- Die jüdische Grgel. Von Albert E h r e n st c i n. Es ist immer noch ein Kennzeichen vieler jüdischer Schriftsteller von Rang, .zu dem Problem ihrer Geburt und Raffe feig nicht Stellung zu nehmen, keine Farbe zu bekennen. sondern lieber in schwächlicher Selbstverleugnung mit edler Haltung und überdeutschem Faltenwurf des Stils über den Abgrund des Ursprungs hinwegzuwallen. Sei es, daß ihnen die Schilderung eines penetranten Milieus Mißbehagen verursacht, sei es. daß den Geschäftsleuten das ruhige Bekenntnis der Zugehörigkeit zu einem verfolgten Menschenstamm nicht nützlich scheint — wenn wir von den Zionisten absehen, finden wir wenig jüdische Dichter, denen so ein primitives, einfachstes Selbstbekenntnis Freude macht. Diese Tapferkeit ward selten, sie war es zunächst, die mir Ludwig Minder und seinen Roman sympathisch machte. Ich habe etwas übrig für unentwegte Draufgängerei. für das aggressive Packen und realistische Gestalten einer eng in sich geschloffenen Klemmest, die sich auserwählt dünkt und meist nur verflucht ist. Antisemitische Literaturidioten werden Minder mißverstehen, ihn Beifall grinsend für einen erbitterten Parteigänger halten, die subjektiv richtige, im geschilderten Einzelsall berechtigte Anklage mit einer allgemein gültigen Verurteilung verwechseln. Aber Ludwig Minder ist noch nicht Richter in Israel, ein wilder Kläger erst, tobend über die ghettozertrümmerte Jugend seines Helden Albert Wolf. Dort, wo die mährische Ebene der Hanna in die intensivste Langeweile übergeht: irgendwo bei Prevau. noch dazu bei Jüdisch-Prerau, geschieht dem Unseligen das nicht wieder gutzumachende Malheur; zur Welt zu kgmmen. Wir erleben die Schicksale eines — vermutlich strafweise — als Ghettojude auf die Erde versetzten: Kindes. Jünglings, Mannes. In einem furios expressionistischen Tempo rauschen die rastlos ins Bösere wechselnden Geschicke eines verwunschenen Wesens an uns vorbei. Die Form des Berichtes, die den inneren Jargon der Seele in magisch einprägsame Bilder und plastischen Worttanz zwingende Sprache ist meisterhaft — untersuchen wir den Fall, den Weg des von den Wasserfällen des Lebens von Leidenskatarakt zu Katarakt getriebenen Wolfes. Sein Vater, der strenge, orthodoxe Talmudist Mobs Wolf, ist ein Diener Gottes: „Religionslehrer, Rabbiner. Matrikelführer, Kantor. Schächter", aus dem Sohn wird — in anderer Weise — ein Knecht, ein Geknechteter Gottes. Der Vater lebt außerhalb des Lebens, außerhalb der Natur, AUSSTELLUNG: UNTER DEN LINDEN 3 AUTO I außerhalb der Sinnlichkeit im Wort und will den kaum geborenen Sprößling sofort in die gigantischen Ruinen einer kahlen, halbverschollenen Buchstabenwelt einsperren. Das gemarterte, schlafberaubte Kind flieht vor dem Wissensdrill in einen Schreikrampf, in Platzangst, will den ehrgeizig-lieblosen Vater: den grausamen Wecker seines Lebens und seines Morgens nicht mehr sehen — und für einige Zeit retten denn auch Mutter und Arzt den Kleinen vor der schwarzen Kunst. Die Schutzfrist erlischt, die Schonzeit, mit Futzballkameraden spielend verträumt, geht zu Ende, wieder verfolgt ihn der Vater mit heiligen Schriften, Zuflucht wird, was alle andern Jungen scheuen, hassen: das Gymnasium,- er verläßt das Heimatnest und den väterlichen Schultyrannen, um in Prerau zu „studieren". Pubertät und krasse Sexualaufklärung, Masturbation und Todesangst, Bordell und, endlich aufatmend, ein wenig Liebe. Matura dann und vollkomene Freiheit: Albert Wolf bezieht scheinbar das Budapester Rabbinerseminar und studiert Cass. Cabaret, Theater: Erotik. Die Sinnlichkeit übermannt den Asketenstämmling, entreißt ihn vollends dem dürren Wort und wirft ihn der Fäulnis in den Rachen. Sein Loben rchst dämonisch von Krise zu Krise, ein Homo obsessus, ein ewig Belagerter taumelt sehnsuchtgohetzt. gejagt vom nie befriedigten Lebensdurst eines Dutzends ausgehungerter Ahnen, wollustwärts. Etelka. Choristin mit wenig Stimme, schön und keineswegs bös geartet. Die Stimme reicht nicht, Wolf lebt nach etlichen äußerlichen Kröchen und inneren Kämpfen von Etelkas Generaldirektor, gleitet, immer ferner dem frommen Ursprung, in eine Zuhälterexistenz. Wird keineswegs Rabbiner, sondern gründet, der Etelka entfremdet, dennoch mit Etelkas nachtserworbenem Geld in Wien ein mondänes Animierinstitut. Wohlleben — aber Gewissensbisse, Schuldgefühle wachsen zu Rauchriesen. um des Sünders arme, alpbedrückte Seele raufen wie um einen Fußball Gott und Teufel. Dämonen. — Zur Minute, da der Dichter den Kampf abbricht, hat Gott gesiegt. Was ist geschehen? Blut ist stärker als Sperma. Sein Herz, das niemandem schlägt, beginnt sich menschlich $u regen. Der Vater schrieb -dem Sohn „Geehrt war immer unser Geschlecht, wir sind arm geblieben, kein Geschäftsmann ist aus unserer Familie hervorgegangen, dem Wort des Allmächtigen zu dienen war uns Lohn genug." Eines Tages klang das wieder — die Stimme des inneren Gerichtes rief amt Umkehr, rief zur Sühne, rief zur Heimkehr: ans Sterbebett des Vaters — Sack und Asche, Stunden der Reue. Tage der Reue, Wochen der Reue» Monate der tätigen Reue zur Sühne ver» OBIL- UND KAROSSE RI EFABR geuöeter Jahre, verworfener Jahre des Lebens. Er wird Rabbiner: Knecht Gottes oder eines strengen, hart liebenden Dämons. Züchtigt sich mit einem häßlichen Eheweib, dürr wie die magersten Kühe Aegyptens. Aber der Büßer kam glücklich auch über den Feuerkreis der Buße hinweg, auch die Büßerwelt ist eine falsche Seelenspiegelung, eine Täuschung: wer auch diese dunkle Welt durchschaut, ist ein für allemale enttäuscht, von keinem Trugbild mehr zu täuschen. Wolf öffnete endlich die Augen und sah: erkannte die Umwelt. Er saß bezahlt in einer geldgierigen, geizigen, bezahlten Welt, wo die Bauern an ihrer Dorfkirche vorbei Sonntags meilenweit in die nächste Stadt beten gehen, um nicht selber einen Sonntagspfaffen bezahlen zu müssen. Er stand früh und abends bezahlt vor neun bezahlten Schnorrern im Tempel — zehn fürs Schnellbeten bezahlte jüdisch-tibetanische Gebetmaschineu vor einem ins Ferne entrinnenden Gott. Er ließ das, verließ die Frau der Gewohnheit und ward ein Diener der Menschen, ein „Hausierer der Reinheit". Winders „Jüdische Orgel" ist mir wert wie Strindbergs „Tschandala". Mag das intensiv düstere Werk gegen den Schluß hin nicht mehr so dicht sein wie es anhob. die epischethische Ballade nicht ganz so zwangsläufig enden wie ich es wünschte. Wer die andern, oft unfaßbar minderwertigen Erscheinungen des Wiener Rikolaverlags ragt es wie ein Titanentuvm. Dies starke Buch, beschmutzt von einem Umschlag, der ein Ausschlag ist, verheißt viel: wenn einmal der Dichter seine einseitig graue Gespensterwelt, die Nebel und die einsamen Schatten, die bittere Erde der Verfluchten gestaltend verlassen wird. Es gibt irdische Paradiese, seelische Paradiese. Es gibt „Segen der Erde". Sogar innerhalb des Judentums, innerhalb der Hanna. Es gab große Chassiüim und es gibt in der Tschechoslowakei Seelen — auch bei Jüdinnen, Tschechinnen. Freude allerhand, Segen außerhalb des segeulosen Ghettos in der gesegneten Natur. Röntgenbild des Antisemiten. Don Kurt Hiller. (Schluß.) Offenbar gibt es zwei einander ihrer psychologischen Wurzel nach gegensätzliche Gattungen „Völkischer": die Autoeroten und die Möchtegerne. Die ersten liebe» den Typus, dem sie selbst zugehören: die andern Haffen ihn. Die andern sind (in Deutschland) rundschädlig, hoch- oder foet« schädlig, dunkelhaarig (auch mohrrübenrot), gelb- oder graui WERK: REINICKENDORF K A. 0.