Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 19 (20.6.1924)
- Date
- 1924-06-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IU»KhÄemkZM»8 Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. S. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle ^jährllch SN. 1,50 Einzelnummer 0L0. Bet freier Zrrfendimg i. Inland 0,28 Aür die Mitglieder der Vereirriguug ist der B^ugrprei» :: im MUgliedsdettrage euch alte«. :: :: r Chefredakteur: Dipl.Sng. Bruno Doyda. Die „Jüdisch - liberale - Bettung" erscheint jeden ffreitag. Schrtttlettung und 6efct)äftsfteUe: Berlin, CDauerf trafee 22 Scrnruf: Amt Merkur Nr. 8725 DoltfcDedtkontot vertln nw 7 Nr. 137069 (Vereinigung für Das liberale Judentum) nad)bruch sämtlicher Orlglnal-Beltrflge nur mit vorheriger Genehmigung der nebahtfon gestattet 1 Anzeigenpreise; Die ISgefpaVene Nonpareillezeile 0.48 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmark, r: :: :: bei Wiederholungen Rabatt. :: rr r: Anzeigenannahme: Dr. Richter L Lo.. S.m.b.K^ Berlin S 42, Alexandrinenftratze 05/96, (Fernsprecher: Dönhoff 7255), sowie sämtliche Annoneen-Expedittonen. Nr. 19 Berlin, 2V. Juni 1924 4. Fahrgang Reform und Reformen. In Erörterungen im liberalen Kreisen sind neuerdings zwei Gesichtspunkte geltengemacht worden. Man sagt einmal: Der Liberalismus hat im wesentlichen erreicht, was er angestrebt hat, die Reformen, für die er gekämpft hat, sinheute fester Bestand unserer Gemeinden, der Liberalismus ist also „saturiert", und damit hört er auf, eine „Bewegung" zu sein, die immer ein noch unerfülltes Ideal sucht. Und der zweite Gesichtspunkt ist: Der Liberalismus hat sich erschöpft und verbraucht in kleinen und kleinlichen Kämpfen. Ob ein paar Gebete beibehalten oder beseitigt, ob ein paar deutsche Gebete mehr oder weniger eingefuhrt werden, ob Chor und Orgel im Gottesdienst Verwendung finden — das alles sind kleine Dinge, die nicht an das eigentliche Sein des Judentums rühren. Das aber ist das Bild der Kämpfe iw 19. Jahrhundert, während unsere Zeit Größeres sucht im Aufbau des Judentums. „Wenn rnan's so hört, möcht's leidlich scheinen." Ein Körnlein Wahrheit steckt in beiden Argumentationen, und wie so oft, wirdies Körnlein Wahrheit für die ganze Wahrheit genommen. Nichts aber ist gefährlicher für irgendeine Sache, als wenn der Schein der Wahrheit für die Wahrheit selbst gilt. Wie verhält es sich in der Tat? Besteht der Liberalismus, besteht die „Reform" nur in den einzelnen Reformen? Hat. -er Liberalismus mit ihrer Durchsetzung sein Ziel erreicht, und kann er somit abtreten vom Schauplatz der Geschichte? Sind diese Reformen und ist damit die gesamte Reform so klein und kleinlich? Und wie kommt es, daß der Liberalismus in den Kämpfen um diese kleinen Dinge seine besten Kräfte verbraucht hat? ' Die Fülle von Problemen, die auftauchen, zu erörtern, ist im Rahmen eines Zeitungsartikels nicht möglich. Für ihre Behandlung wird die geplante wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie, deren baldiges Erscheinen nicht nur im Interesse des Liberalismus dringend geboten ist, -er rechte Ort sein. Nur in flüchtiger Skizzierung kann einiges hier dargelegt werden. Dabei mag vorweg auf einen Gesichtspunkt hingewiesen werden, daß die Bestrebungen und Kämpfe des Liberalismus in dem abgelaufenen Jahrhundert nicht dem Liberalismus allein, sondern dem gesamten Judentum zugute gekommen sind, daß die schöpferische Kraft des Liberalismus sich nicht zum wenigsten äußert in -er inneren Umbildung der Orthodoxie. Den Vorwurf, der Liberalismus habe seine Kraft auf Kleinigkeiten verschwendet, könnte man mit noch mehr Recht der Orthodoxie machen, die fast alle einst heftig umkämpften und von ihr mit großer Zähigkeit verteidigten Positionen allmählich aufgegeben hat. Wir können hier die auch in der politischen Geschichte — dafür ist namentlich England ein charakteristisches Beispiel — oft beobachtete Erscheinung wahrnehmen, daß die am heftigsten bekämpften liberalen Forderungen nach einiger Zeit auch von den Gegnern ausgenommen und verwirklicht werden. Die äußere Ordnung und Würde des Gottesdienstes, geregelter Gesang der Gemeinde und des Chors, die deutsche Predigt, Ordnung und Würde bei den Beerdigungen, ja die spätere, nicht am Todestage oder dem darauffolgenden Tage stattfindende Beerdigung, der Religionsuntericht nach modernen pädagogischen Grundsätzen, insbesondere der Religionsunterricht auch der weiblichen Jugend — das alles, um nur diese wenigen Punkte hervorzuheben, sind liberale Forderungen, gegen die die Orthodoxie sich mit aller Macht eingesetzt hat. Ketzer und Verderber des Judentums waren ihr diejenigen, die diese Forderungen erhoben. Im zweiten und dritten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts mutzte in Berlin, Breslau und Königsberg die deutsche Predigt verstummen, und noch in den dreißiger und vierziger Jahren fand in Breslau das immer erneute Verlangen der Gemeinde nach gottesdienstlicher Belehrung von dem orthodoxen Rabbiner schroffe Abweisung und von der orthodoxen Partei leidenschaftliche Bekämpfung. Längst ist das alles auch in orthodoxen Gemeinden selbstverständlich geworden. Die deutsche Predigt ist dort heimisch, wie sie in den liberalen Synagogen zu Hanse ist, und die orthodoxen Rabbiner tragen ebenso wie wir Liberalen ein Ornat, das vor achtzig Jahren noch Veranlassung war, Geiger bei der Regierung zu denunzieren. Gemeinde- und Chorgesang ist auch in orthodoxen Synagogen üblich, für Würde und Ordnung sucht man auch dort zu sorgen. Selbst einzelne deutsche Aus dem Anhalt: jj Dr. Vogelfteirr-Breslau: Reform und Reformen. §2 Justizrai Bernhard Breslauer-Berlin: Eine y Anregung. — Dr. Benzio» Kellermann: Die Philosophie der Bibel. — Reichsminister a. D. W Dr. Gothein-Berlin: Meine Erfahrungen mit y Antisemiten. y Albert Ehrenstein-Berlin: Die jüdische Orgel. — f) Kurt Hiller-Berlin: Röntgenbild des AntijH semiten. — Ulrich Frank: Abraham Friedsohn. “ * i Ans den Gemeinden. — Der jüdische Sprechfaul. — I) Freunde im Ausland. — Versammlungskalenfl der. — Kalendarium. N Araber und Juden. Im Distrikt Hebron hat sich soeben eine neue arabische Bauernpartei gebildet, die das folgende Programm hat: Anerkennung des britischen Mandates über Palästina. Zusammenarbeit mit der Regierung, eine Politik des Friedens und der Freundschaft mit den Juden und allen anderen Rassen in Palästina. Die Organisatoren der neuen Partei erklären, es sei ihr Hauptziel, solche Bedingungen des Friedens und der Ordnung in Palästina sichern zu helfen, daß das Volk befähigt werden solle, all seine Energie aus die Entfaltung der Wirtschaft und auf die allgemeine Wohlfahrt des Landes zu konzentrieren. Zur Erreichung dieser Zwecke will die Partei an die'Regierung mit der Forderung herantreten, Maßnahmen zum Schutze der palästinensischen Produktion, zur Verminderung der Besteuerung und zur landwirtschaftlichen Erziehung zu ergreifen. Die Partei wünscht, daß ein neuer gesetzgebender Rat begründet werden soll, in dem arabische Vertreter sitzen sollen. Rudolf Eucken und die Juden. Der bekannte Philosoph Professor Rudolf Eucken. der Begründer des Eucken-Bundes. nimmt in dem Juniheft dieses Bundes Stellung zur Judenfrage. Er führt aus: „Es sind nach meiner Ansicht heute drei Arten jüdischen Denkens zu unterscheiden. Am einfachsten liegt die Sache bei den Zionisten. Diese fühlen sich als nationale Juden, ihre Heimat ist Palästina, niemand sollte ihnen den Besitz einer solchen eigenen Heimat verwehren. Nur dürfen wir ihnen nicht das deutsche Staatsbürgerrecht verleihen und ihnen Aemter und Wahlrecht übertragen, noch verlangen, daß sie über deutsche Angelegenheiten mitentscheiöen. Aus der entgegengesetzten Seite stehen die Juden, welche ihre geistige Heimat im deutschen Leben finden und diesem Leben aus voller Seele dienen. Derartig innerlich deutsch gewordene Juden kenne ich genügend aus eigener Erfahrung, einen Mann, wie z. B. Dr. Michael Singer in Chicago, der unter großen Mühen und Opfern geistig soviel für das deutsche Leben in Amerika getan hat, rechne ich zu meinen besten Freunden. Aber zwischen diesen Gegensätzen stehen heute viele Juden, die sich halb als Juden, halb als Deutsche betrachten, und die bei solcher Mittelstellung keine rechte Heimat besitzen, weder eine deutsche, noch eine jüdische: hier gilt das Wort: „Niemand kann zwei Herren dienen." Das Wirken dieser Heimatlosen kann man nicht ohne Bedauern, aber auch nicht ohne Sorgen ansehen. Es entsteht daraus oft eine freischwebende. auf den bloßen Verstand gestellte, abstrakte Denkweise, die einerseits zersetzend, andererseits verflachend wirkt. Der Deutsche steht dabei in besonderer Gefahr. . . . Es gibt bei der Hauptrichtung des Strebens kein Mittelding: was man ist. das muß man mit ganzer Kraft sein. Der Jude muß entweder Deutscher werden mit Leib und Seele und die deutschen Geschicke teilen, oder er mutz Jude bleiben." Eine Bne Brith-Loge in Palästina. Das Exekutivkomitee des unabhängigen Ordens Bne Brith hat auf der letzten Chicagoer Zusammenkunft die Errichtung einer Bne Brith-Loge beschlossen. Palästina war bis jetzt in die Region von Aegypten und Syrien eingeschlossen. Die neue Palästina-Loge wird die Bezeichnung Groß-Logc Nr. 14 tragen. Ein Kongreß der Vertreter aller Bne Brith-Logen in der Türkei. Aegypten. Syrien, Palästina. Bulgarien und Griechenland soll im Juni in Konstantinopel abgehalten werden. Dieser Kongreß wird die repräsentativste jüdische Zusammenkunft sein, die je in dem nahen Osten abgeüalten wurde. Die letzte Zusammenkunft der Bne Brith-Logen in diesem Gebiet fand im Jahre 1914 statt.' Gebete werden gesprochen. Die Beerdigung unmittelbar nach dem Eintritt des Todes kennt man nicht, und bei den Beerdigungen wird auf Würde gehalten. Und vor allem: dem Religionsunterricht wird auch von orthodoxer Seite größte Aufmerksamkeit zugewendet, auch dort ist es selbstverständlich, daß er nach modernen pädagogischen Grundsätzen erteilt wird. Und kein Orthodoxer würde heute den Religionsunterricht deS weiblichen Geschlechts missen wollen. Wenige nur wAen überhaupt, daß die Orthodoxie sich jemals diesen Einrichtungen mit Aufbietung aller Kräfte widersetzt hat. Das alles hat der Liberalismus, die Reform gegen die Orthodoxie, aber zugunsten der Orthodoxie erkämpft. Denn die Neuorthodoxie ist gar nicht denkbar ohne den Ausgleich zwischen Judentum und modernem Wesen. Thora und moderne gute Sitte (Thauro im derech erez) ist das Prinzip, das Samson Raphael Hirsch, der Begründer der Neuorthoöoxie, aufgestellt hat. Und neuerdings fordert ein führender Vertreter der Orthodoxie für das alte Judentum „zeitgemäßes Gewand, zeitgemäße Methodik, zeitgemäßes Werkzeug". Wer wird so töricht sein, auf Grund einer solchen Ueberlegung — die Aufzählung ließe sich mühelos wesentlich erweitern — zu erklären, die Orthodoxie habe ihre Kräfte auf Kleinigkeiten verschwendet, und da sie zahlreiche Positionen aufgegeben hat, so habe sie damit dokumentiert, daß sie abgewirtschaftet hat! Eine solche Anschauung wäre völliges Verkennen des Wesens der Orthodoxie und der wefenhaften Unterschiede zwischen Orthodoxie und Liberalismus. Und der Liberalismus sollte avdanken, weil er alles oder doch alles Wesentliche erfolgreich auch für die Orthodoxie erkämpft hat? Und dem Liberalismus gegenüber sollte der Vorwurf berechtigt sein, daß er nur um Bagatellen gekämpft habe? Zuzugeben ist allerdings, daß alle die oben angedeudeten Fragen weder das Wesen der Orthodoxie noch das Wesen des Liberalismus darstellen, daß es nur die Außenwerke sind. Und doch diese erbitterten Kämpfe? Auch das ist eine Erfahrung, die dem schichtskunöigen wie dem sorgfältigen Beobachter des öffentlichen Lebens selbstverständlich ist, daß den Kämpfen der Parteien wohl die Prinzipien zugrunde liegen, daß sie sich aber auswirken in Einzelsragen, denen an sich vielleicht keine gar zu große Bedeutung beizumessen ist. Die einzelnen Streitpunkte sind nur die Exponenten für den Gegensatz der Meinungen, umstritten werden Einzelsragen, die im Augenblick eine vielleicht nur vorübergehende Bedeutung haben, und es kommt leicht vor, daß auf beiden Seiten die Kämpfer in der Hitze des Gefechts die nur relative Bedeutung der Streitfrage verkennen und sich des Prinzips nicht bewußt sind, ja daß dem einen oder dem anderen, vielleicht auch der großen Masse der Gegenstand des Kampfes überhaupt nur die Einzelsragen sind und der Prinzipienstreit ganz entschwindet. Daß das bis weit in führende Kreise hinein dringen kann, dafür ist eben die gegenwärtig stark verbreitete Meinung ein klassischer Beweis. Es erklärt sich durch die mangelnde Kenntnis der Geschichte des jüdischen Liberalismus. Geschichtlich haben wir den Beleg innerhalb des Judentums in den Kämpfen zwischen Pharisäern und Sadduzäern. Demgegenüber ist es notwendig, immer wieder zu betonen, daß der Sinn der Reform und des Liberalismus sich nicht in den, einzelnen Reformen erschöpft, daß vielmehr diese nur die Auswirkungen des Reformprinzips sind. Ganz besonders aber nachdem diese Einzelreformen in großem Umfange erfolgreich gewesen sind, muß jetzt die Selbstbesinnung des Liberalismus auf seine Grundlagen und großen Aufgaben Führer und Massen Richtung und Kraft geben. Schon Geiger hat die Forderung aufgestellt „ReformderAnschauun g";> aus dieser Reform erst können die einzelnen Reformen herauswachsen. Die geschichtliche Entwicklung ist hier wie stets andere Wege gegangen. Nicht aus neuer Anschauung heraus hat man neue Maßnahmen ergriffen, sondern die geschichtlichen Gegebenheiten und Notwendigkeiten haben neue Maßnahmen verlangt, und erst später hat man das tragende Prinzip der Reformen gesucht. Die erzwungene 'Abschließung im Ghetto hatte zu einer selbstgewoüten Zlbschließung von der Kultur der Umwelt geführt, so daß der Zutritt zur modernen Kultur fast gleichbedeutend mit Abfall vom Judentum gewertet