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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-06-20 · 19 (20.6.1924) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
19 (20.6.1924)
Date
1924-06-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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fetuDunacn zu besiegen waren? Trotz aller dieser Angriffe baden sich öle Bestrebungen der „alten" Liberalen -urchzusetzcn vermocht. Als ich den Vorsitz der Schulkommisston der Jüdischen Gemeinde in Berlin zu übernehmen die Ehre hatte, hatte die Schulverwaltung dieser Gemeinde genau denselben Umfang wie der deS gesamten Schulwesende- Staates Sachsen-Meiningen war. Vom Beerdigungswesen habe ich schon oben gesprochen. Wie we»t sind wir in der Entwicklung zurückgegangen, wenn heute wieder die alten Fragen aufgeworfen werben können, wie die Verwendung richtiger Särge, die Abtrennung eine- Teiles des Beerdigungsplatzes für Gaonim und besonderfromme Gemeindemitglieder. die Zulassung der Beerdigung christilcher Eheleute neben ihren jüdischen Ehegatte» li» Berlin zuerst 1888). Verhältnismäßig friedlich ging es noch bei der Umgestaltung und Neueinrichtung der Wohlfahrtsanstalten zu. Die Wohlfahrtspflege war immer derjenige Teil des Gemeindelebens. -er in allen Gemeinden und zu allen Zeiten geübt und besonders ausgebildet war. Und doch waren auch hierbei. insbesondere bei -er Einrichtung der Waisenhäuser, der Altersversorgungsanstalten, -er Krankenhäuser unausgesetzt Eingriffe und Angriffe konservativer Gemeindemitglieder abzuwehren. Ist es -och bis vor kurzem gelungen, den Verkauf -er Verwaltung -es Krankenhauses zu Pessach. durch den der liebe Gott übers Ohr gehauen werden soll, von der Berliner Gemeinde fern zu halten: erst in neuester Zeit — doch ich wollte ja von der zweiten Periode sprechen, nicht von der neuesten Zeit —. Kurz, kein Gebiet der Gemeindeverwaltung, auf dem nicht „alte" Liberale erhebliches geleistet und erreicht haben. Ohne ihre Tätigkeit wären die jüdischen Gemeinden in Deutschland noch auf dem Standpunkt des tiefen Mittelalters. Man hat all ihre Arbeit, all ihre Kämpfe, all ihre Leistungen und all ihre Errungenschaften vergessen, und man' konnte ste nur deshalb vergessen, weil sie nicht durch Wort und Schrift für die Zukunft festgehalten worden sind. Und nun möchte ich anregen, diese Versäumnis nachzuholen. Im Archiv der deutschen Juden sind die alten Akten der jüdischen Gemeinden Deutschlands gesammelt. Ueberall in den Gemeinden gibt es Protokollbücher der Repräsentantenversammlungen. Ste alle sind ernsten Schriftstellern zugängig oder können ihnen zugängig gemacht werden. Ein oder zwei Historiker sollten angeregt werden, auf Grund dieses Materials, dem sie die in den Bibliotheken vorhandenen jüdischen Zeitungen des vorigen Jahrhunderts und so manches andere Werk anreihen könnten, die Periode, um die es sich hier handelt, barzustellen. Es wird sich ergeben, daß fast alle Männer, denen es gelungen ist, die jüdischen Gemeinden in Deutschland auf ihre heutige Höhe zu bringen, „alte" Liberale gewesen sind, und daß ohne sie und ihre Arbeit der heutigen so tatkräftigen und arbeitsfreudigen Generation nicht die Möglichkeit gegeben wäre, ihre Weiterarbeit, oder wenn es ihr besser klingt, ihre Erneuerungsarbeit in Angriff zu nehmen. Jede Generation steht auf den Schultern ihrer Väter: möge die von mir angeregte Darstellung der Periode von dem Ende der 60er bis zur Mitte -er 90er Jahre der heutigen Generation zeigen, was ihre Väter geleistet und erreicht haben. fff Freunde im Ausland, fff Die neue Synagoge in Paris. Wie wir von der „Union Liberale Isra6lite" in Paris erfahren, hat diese Vereinigung in der Rue Copernic 24 einen neuen schöneren und größeren Tempel errichtet, öesien Einweihung im September erfolgen soll. Die Juden in der Türkei. Der Oberrabbtner von Konstantinopel, Rabbi Chaim Bodjarano Effenöi, sprach sich in seinem Interview mit dem Konstantinopeler ITA.°Vertreter über die Lage der Juden im Lande aus. Im alten türkischen Reich, sagte er, gab es über eine halbe Million Juden. In der jetzigen Türkei leben nur 190 000 Juden. 70 000 von ihnen leben in Konstantinopel. 30 000 in Smyrna und 8000 in Adrianopel. Der Rest ist in kleinen Gruppen über das Land zerstreut. Außer in Adrianopel unbestimmten Teilen von Thrazien sind die türkischen Jude« Geschäfts- und Finanzleute. Abgesehen von etwa 10000 Askenazim sind alle Juden in Konstantinopel Spaniolen. Bor dem Kriege war der Oberrabbiner das offizielle Haupt der jüdischen Bevölkerung und als solcher auch von der Regierung anerkannt. Gr stand im gleichen Rang wie die christlichen Patriarchen. Damals wußte man von keinem Antisemitismus in der Türkei. Seit einiger Zeit jedoch haben sich die Dinge geändert. Die Trennung von Kirche und Zur Beachtung! Zur Beachtung! Die Beiträge für das dritte Vierteljahr 1924 sollen, um unseren Mitgliedern unnötige Portokosten zu ersparen, soweit irgend möglich, am Orte selbst eingezogen werden. Wir ersuchen daher die Vorstände aller uns angeschlossenen Vereine und Ortsgruppen sowie alle Vertrauensleute, uns bis spätestens 30. Juni 1924 mitzuteilen, ob sie die Einziehung der Beiträge (Mk. 1,50 einschl. Bezugsgeld für die „Jüdisch-liberale Zeitung" pro Mitglied) übernehmen können. Da wir nach diesem Termin auch mit der Einziehung der Einzelbeiträge beginnen, mutz die gestellte Frist unbedingt eingehalten weiden, um Doppelzahlungen und Unannehmlichkeiten zn vermeiden. Quittungshefte stehen den Kassenführern auf Anforderung zur Verfügung. Vereinigung für das liberale Judentum, E. B. D i ck m a n n, Generalsekretär. 00CXX)0CXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX2000000000 Staat, die in der Berbannuna des Kalifen gipfelte, hat es mit sich gebracht, daß das Oberrabbinat nicht mehr die öffentliche Behörde ist, die das türkische Judentum repräsentiert. So ist es aber nur de jure. De facto {ft Me Situation anders. Natürlich, fuhr der Oberrabbiner fort, ist die Türkei kürzlich vor ungeheuer wichtige Probleme gestellt worden, die ihr keine Zeit gelassen haben, sich mit der Regelung der jüdischen Frage zu befassen. Die Juden in der Türkei hoffen, daß ihre Rechte, die in den Minoritätenklauseln des Vertrages von Lausanne festgelcgt worden find, berücksichtigt werden. Es kann keine Rede von einer antisemitischen Haltung der türkischen republikanischen Negierung sein: es gäbe aber gewisse Individuen, welche die gegenwärtige gesetzlich ungeklärte Lage der Juden dazu ausbeuten, einen antisemitischen Feldzug zu führen. Vor wenigen Tagen z. B. wurden von einem Teil der Provinzpresse Angriffe gegen die Juden gerichtet. so in den Tageszeitungen „Pasch Jli" und „Eski Schir". So etwas kannte man früher in der Türkei nicht. Als Kaufleute leiden die Juden mehr als der übrige Teil -er Bevölkerung unter.der wirtschaftlichen Krisis des Landes. Die jüdischen Schulen wurden - vorher wvw der A l l i a n c e Israelite unterhalten. Jetzt, da fremde Schulen in der Türkei nicht erlaubt sind, hat die Konstantinopeler jüdische Gemeinde 25 jüdische Elementarschulen übernommen. In den Provinzstäöten (Adrianopel, Smyrna u. a.) wurden ungefähr 75 jüdische Schulen von der jüdischen Gemeinde übernommen. Die Unterrichtssprache in diesen Schulen bleibt Französisch, aber es wird auch Unterricht in Hebräisch, Englisch, Türkisch und Italienisch erteilt. Die Bue Brith in Konstantinopel unterhält eine Mittelschule mit 500 Studenten, ebenso eine Mittelschule in Smyrna. Gs atbt zwei judenspanische Zeitungen: „El Tempo", die zweimal wöchentlich und „El Telegrafo", die dreimal wöchentlich erscheint. Beide sind unpolitisch. ES gibt in der Türkei keine zionistischen oder jüdischnationalen Organisationen, und ewerben keine Fonds für die Palästina-Arbeit erhoben. Die Juden der Türkei sind loyale Bürger, dankbar für die Freiheit und brüderliche Behandlung, die sie in den letzten 400 Jahren in der Türkei ge. «offen haben. Sie haben die Zuversicht, daß dieser günstige Stand -er Dinge immer fortdauern wird. verfammlungskalender. ff Berlin. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde E. B.. Bezirksgruppe Norden.) In diesem Jahr richtet die Beztrksgruppe Norden des liberalen Vereins zum ersten Male in ihrer Synagoge Schönhauser Allee 162 neben dem bereits bestehenden Freitag- und Festtags-Gottesdienst auch an den hohen Feiertagen einen liberalen Gottesdienst mit Orgel. Chor und Predigt ein. Grundlage ist der Gottesdienst der Neuen Synagoge. Die Karten berechtigen zum Eintritt für das ganze Jahr. Anfragen sowie Anträge auf Ueberlaffung der noch verfüg-- baren Plätze sind schriftlich (unter Beifügung des Rückportos) au den Vorsitzenden der Bezirksgruppe (Seminarlehrer H. Falkenberg. N. 87, Lottumstratze 22, Telephon Norden 8222) zu richten. Berlin. (Jüdisch-liberaler Iugenöveretn e. B.) Am Sonntag, den 22. Juni, findet in Brandenburg a. H. der erste Gautag statt, an dem die Ilis Berlin, Potsdam. Magdeburg und Freunde unserer Bewegung in Mitteldeutschland teilnehmen. Abfahrt von Berlin. Potsdamer Fernbahnhof 7 Uhr 15 Min.: Treffen 7 Uhr. mit Fahrkarte IV. Klaffe nach Brandenburg, auf dem Bahnsteig. Ferner Abfahrt Zoologischer Garten 6 Uhr 38 Min.: Treffen 6 Uhr 25 Min. auf dem Stadtbahnsteig mit Fahrkarte nach Potsdam. Rückkehr gegen 9 Uhr abends. Fahrkosten 3 bis 4 Mark. Programm: Gemeinsame Wanderung. Wettspiele, zwei Referate über unsere Arbeit. Breslau. (Jüdisch-liberaler Jugendverein „Abraham Geiger".) Sonntag, den 29. Juli: Vormittags-Wanderung nach Masselwitz. Treffpunkt 8 Uhr vormittags Letzter Heller. Rückkehr 1 Uhr mittags. Näheres bei Hans Hamburger. Steinstraße 11 (Ohle 2850 von 3 bis 6 Uhr). Voranzeige: Sonntag, den 13. Juli, Tagesausflug nach dem Reimsbachtal oder dem Schlcsiertal. Näheres folgt später. Jeden Montag, abends 8 Uhr. geselliges Beisammensein im Roland, bei jeder Witterung. Kalendarium für die Zeit vom 2«. bl- 28. luni. Juni 1824' Siwan 6684 Freitag 20. 18. Sonnabend 21. 19. Wochen-Abschnitt Behaalauscho (4. V. M. Kap. 8—12) Haftarah: Zacharias II 14—17, III 1—16, IV 1—7 Sonntag 22. 20. ^>"vtag 23. 21. "DttNSIag. 24. 22..... Mittwoch 25. 23. Donnerstag 26. 24. Frettaa 27. 25. Sonnabend 28. 26. Wochen-Abschnitt Schelach-l'cho- Neumondweihe (4. B. M. Kap. 13-16) Haftarah: Iosua II, 1—24 häutig, picklig und fleckig, die Nase mißgestaltet, die Augen klein und unleuchtend, kurzsichtig, farbenblind, engbrüstig, hochschultrig. aufgedunsen, fett, krumm, schief: schwächlich — einiges davon oder vieles. Sie möchten brennend gern langschädlig. flachs- oder weizenblond. hautsauber und von frischem Inkarnat, edelrassig, kornblumenäugig, falkcnsichtig, breitschultrig, hochgewachsen. straff und musklig sein — „germanisch". das heißt das Gegenteil von alledem, was sie sind. Den Haß. den sie begreiflicherweise sich selbst entgegenbringen. lenken sie um: sie verlegen den Kriegsschauplatz ihrer Seele (siehe B l ü h e r) nach außen: sie sind Judenverfolger, weil sie — so paradox es klingt — im Juden, qerade im häßlichsten Juden, körpergestaltlich ihresgleichen sehen (und. auf anderer Ebene, im ordinärsten Juden seelengestaltlich ihresgleichen). . . zumindest negativ ihresgleichen, insofern der Abstand beider Typen vom germanischen Raffe- Jdeal als gleich groß erlebt wird. Diese Möchtegern-Rassigen propagieren die Vertreibung und Ausrottuna der ^Fremdstämmigen". weil thr Selbsthaß nicht den Mut zur Ehrlichkeit aufbringt, weil er nicht folgerichtig genug ist. sie selber zur Auswanderung zu bestimmen, nämlich nach der Jn^el der Mißratenen, oder zur kollektiven Selbstvernichtung. Sie machen Raffentheorie. weil sie rasselos sind. Der Rassige hat diesen Umweg, zu seinem Selbstgefühl zu gelangen, nicht nötig: der Starke braucht sich nicht in Inhumanitäten knneinzusteigern. Die Raffentheorie der Selbsthaß-Bölkischen ist die Psychose, in die das Minderwertigkeitsbewußtsein in seiner Lebensangst flieht. Die Selbsthaß-Bölkischen. die Möchtegern-Rassigen sind vielfach Invertierte (Androtrope) oder Halbinvertierte, die ihren homosexuellen Trieb verdrängen: an Verdrängern ist Hopfen und Malz ohnehin verloren. Ganz anders die autoerotischen, die Narzjlß-VölkisHen — welche die ungeheure, tief vitale Freude an der eignen und ihresgleichen rassischer Herrlichkeit quellhaft immer von neuem in sich erleben: diese sinnliche und sich dann in Ideologie umsetzende Freude. Sie fühlen sich stark und schön und zum Führer geboren unwollen die Selbstzucht -es Edlen üben: in einer Armee Führerischer bedingungslos folgen und dienen dem Führer der Führer, dem Helden, der großen Gestalt. Bon solchen Dingen ahnt unsre dove Demokratie nichts, sie lächelt höchstens über „jugendliche Romantik" und überläßt eine Welt gerader und prachtvoller Menschen den Rattenfängern der Reaktion. Freilich, was vermöchte die Demokratie ihnen auch zu bieten? Vielleicht die Lehre von -er Gleichheit alles deffen, was Menschenantlitz trägt, also der Gleichwertigkeit Michelangelo's mit dem Gewerkschafter Gustav Pachulke? Oder die gesetzgebungsphilosovhische Offenbarung, daß immer die Mehrheit recht hat? Jnstinktgesunde Jugend nimmt solche Kost nicht an oder gibt sie gleich wieder von sich. Ich glaube: Wer rechtwinklig an Leib ist, pflegt es ursprünglich auch an Seele zu sein. Umgebung. Erziehung, falsche Einflüffe haben seine Seele nur bisweilen verbogen. Der Typ Völkischer, der hier in Rede steht, so feurig er auch politisieren mag, ist im Grunde gar nicht politisch gerichtet: seine Politik, grabt man nach, erweist sich als esthättsch untermauert („ästhetisch" oder „erotisch", das ist dasselbe). Wir andern bauen das Gebäude unsrer politischen Anschauung und Wolluna in der Sphäre des Logos, auf ethischen Grundlagen auf: der Karöinalgegensatz sensualer und spiritualer. das ungeheure Contra antik-hvidnischer und mosaisch-buddhistisch-christlicher Ur-Einstellung der Seele steigt hier empor. Der EroS primitiver Kulte, Platons, der Edda, jüngster Jugendbewegungen . . . und die Menschenliebe der Religionen sind nicht einander verwandt, sondern einander polar — schon darum, weil der Eros ein Phänomen und die Menschenliebe eine Forderung tlast muß man sagen: der Eros eine Unentrinnbarkeit und die Menschenliebe eine Unerfüllbarkeit) ist. Vom Sirius her gesehen, sind vielleicht beide Ur-Einstcllungen der Seele „gleichberechtigte" irdische Möglichkeiten. Wir befinden uns auf der Erde. Da würde die Toleranz oes absolut Intolerablen geistige Selbstvernichtung bedeuten. Aber das absolut Jntolerable ist: der (noch so „tief" „begründete") Verzicht auf den Protest gegen den intolerablen Zu st and der S o z i a l w e l t: auf den Versuch der Erlösung des Menschengeschlechts, im Diesseits, mit diesseitigen Mitteln. Wir, in denen das Wissen um solche Sendung, der Wille zu solcher Sendung lebt — nicht weniger sicher und selbstverständlich als das Blut in unfern Gefäßen —. wir können nicht anders als: den Nur-Sensualismus, den Aesthetizismus, die heidnische Einstellung verwerfen und verdammen, als Barbarei und Teufelsgeist. Aber wir werden uns hüten, seine Adepten deshalb für unrettbar verteufelt zu nehmen und so zu verfahren, wie jener kommunistische Leitartikler es tat. der („Die Internationale", Zeitschrift für Praxis und Theorie des Marxismus. Jahrgang VI, Seite 323) den europäischen FascismuS definierte als „die Diktatur des politischen und unpolitischen Lumpenproletariats." Dies ist, noch vor aller Taktik, einfach psychologischer Stumpfsinn, und man kann den formelgewappneten und klischeegeschienten „Praktikern" und „Theoretikern" des Marxismus als Bekenner des Marxschen Ziels nur raten, bei Karl Radek in die Lehre zu gehen, welcher, nach der Erschießung des nationalistischen Rebellen Schlageter durch die Franzosen, in einer berühmten Rede den rechtsradikalen Charakteren bis zu einem Grade gerecht geworden ist, daß alle« nationale und internationale Rindvieh der Schlaa rührte. Erkennen, daß der Meuchelmörder, welcher in dieser politischen Zone gedeiht, ein feiger Lump ist. deffen Fratze nicht einmal verdient, von unserm Speichel berührt zu werden, und noch feiger, noch schufüger, noch kotiger als er: der Anstifter im Hintergründe, der Manager des Verbrechens ohne persönliches Risiko. . . . heißt nicht, verkennen. daß in derselben Zone Heroismus gedeiht. Heidentum und Heldentum — den engen Zusammenhang braucht nicht zu leugnen, wer das Heidentum (reine Sinnlichkeit, ohne Humanität) für eine überwundene Etappe menschlicher Entwicklung, aber das Heldentum für rettenswert in den neuen Zustand hält. Je mehr wir uns einfühlen in das (zurückgebliebene) Weltgefühl jener Nur-Sensualen. Nur- Aesthetischen, üt ihr Körpergefühl, in das sozusagen Dämonisch-Ueberindwiduelle ihrer Autoerotik, in ihr Raffenbewußtsein. ihren Raffenstolz, ihre eigentümliche Raffenglückseligkeit — desto leichter machen wir ihnen den Zugang zu dem Geheimnis unsres Ethos des Du. zum Wesenskern der ewigen messianischen Forderung. Wir dürfen uns gegen diesen Typus nicht sperren —: die einzige Möglichkeit, ihn zu gewinnen. Und es würde ein Gewinn sein, ihn zu gewinnen: da ist Kraft, Frische, Reinheit. Wille zum Opfer. Letzten Endes sind diese Menschen doch nicht bloß muskulär, sondern religiös gesinnt — wenn es auch kein Geistgott ist, dem sie dienen, sondern ein Muskelgott. Und lieber noch ein Mensch, der den Muskelgott anbetet, als einer, -er überhaupt nicht anbetet und nichts als ein weltkluger, geldkluger Philister ist. Ihn werden wir nie zum Geistgottglauben bekehren, den Muskelgotiglänbigen vielleicht. Schließlich liegt, hier wie überall. Heil und Zukunft in der Synthese. Das steht so fest wie: daß cs nicht im Kompromiß liegt. Das Kompromiß hockt zwischen den Parteien, die Synthese schwebt über ihnen. Das Kompromiß addiert und halbiert gleichsam die Gegensätze, die Synthese multipliziert sie. Das Kompromiß ist bürgerlich, die Synthese schöpferisch. Möglich werden und wirklich sein wird die Synthese, die seelenchcmische Einung aus Erosund Ethos — unter Vorherrschaft des Ethos. Schon heute gibt es, aber nicht heute erst, einen rassischen Aristokratismus, der, ohne seine Abstandsspannung gegen das biologisch Mindere aufzugeben. Sinn für die Forderungen der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit bat — weil er Sinn für Noblesse hat. In der Theorie Nietzsches schließen Vornehmheit und Mitleid einander aus . . . oder gehört das Mitleid zu den Lastern des vornehmen Menschen. Man muß jedoch die Humanität nicht unbedingt aus dem Mitleid erklären: die Ableitung aus der Noblesse, aus der Fairneß hat gleichfalls viel für sich. Verbietet die Härte sachlicher Schöpfung weiche persönliche Regungen, da der Schöpfer durch sie gestört und von seiner Linie abgelenkt, das Werk (etwa der Bau einer Gesellschaft) geschwächt werden könnte, so entbehrte die Schöpfung hinwiederum allen Wertes und Adels, deren Grund und Grundlage nicht Menschlichkeit wäre. Uebermensch? Ja. Aber gerade das macht ihn zum Uebermenschen: daß er sein Ich über die Grenzen seines Ichs schöpferhaft ausdehnt. „Mein Busen, der vom Wissensdrang geheilt ist. Soll keinen Schmerzen künftig sich verschließen. Und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist, Will ich in meinem innern Selbst genießen. Mit meinem Geist das Höchst und Tiefste greifen, Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen häufen. Und so mein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern Und wie sie selbst am End auch ich zerscheitern!" So Faust: der Wanderer aus der Metaphysik über den skeptischen Herönismus ins Sozial-Aktive (Trockenlegung deS Sumpfes, Bau deS Deichs). Des Uebermenschen Inhalt ist: Menschheit. Ein adeliges". ein „patrizisches" Desinteressement an ihrem Leide eignet in Wahrheit dem kleinen Mann: dem kleinen Mann der Seele. Heroität und Humanität — nicht feindliche, sondern eng verschwisterte Tugenden. Vielmehr Humanität: das eigentliche Fluidum echter Heroität (man vergleich« den Heraklesmntbos): und Heroität: die Steigerung der Humanität von der Gesinnung zur Tat. Wie schief, eine Alternative hier zu ledern

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