Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 18 (13.6.1924)
- Date
- 1924-06-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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4. Jahrgang Nummer 18 IMchliberaleZeiüma s. Beilage lS. Juni ISS4 ^brstkstm Friedsohn Von Ulrich Frank. In unserem LeltartiV,.* %lnd die Verdienste unserer Gesinnungsfreundin Ulla WoJf - Frankfurter gewürdigt. Nachstehend geben wir eine Proce ihre« großen schriftstellerischen Könnens. Ulrich Frank hatte uns die Nachdrucksgenehmigung kurz«. Zeit <ror ihrem Tode erteilt. Wir hatten gehofft, die Lebende durch den Abdruck einer uns in Aussicht gestellten Originalarbeit ehren zu können. Nunmehr soll die Tote mit einem Kapitel ihrer Arbeit ,,Feine Seelen" zu unseren Lesern sprechen. Was sie in Abraham Friedsohn zeigen wellte, hat sie selbst in den folgenden Worten ausgesprochen! „Ich fand, daß das, waa der junge Künstler als die unverrückbare Linie körperliehet Judenart bezeichnete, als unverrückbare Linie ihrer geistigen Wesenheit ebenso ausgeprägt sei. Gewissermaßen der Grundriß der feinen Seelen, wie sie in alten Juden so häufig zu finden waren. Und als ich dann Umschau hielt unter den Juden von heute, fand ich diese Linde bei manch einem wieder und sah, daß ich eine Anzahl ganz moderner Menschei kenne die alte Juden geblieben sind. In ihres Wesens Reinheit. Von ihnen will ich erzählen.“ Weiß leuchtender Schnee liegt über der weiten Ebene Wie ein wundervoller, aus weichem Schwanengefieder gewebter Teppich. Kein menschlicher Fuß, keines Wagens Spuren, keines Tieres schwerer Tritt stört die jungfräuliche Reinheit dieser Winterschönheit, ja nicht einmal eines Häsleins flüchtiger Lauf oder einer Krähe hüpfende Bewegung, Ruhe, unendliche Ruhe ringsherum, Ruhe, tiefstes Schweigen der winterlichen Natur . . . Totenstille! Und doch, dort am fernen Horizont, ein kleiner, beweglicher, dunkler Punkt, als schwebe etwas über der weißen Erde. Leben! Ein kleiner Knabe ist's, der ira hurtigen Schritt dahinjagt. Wohlverwahrt gegen des Winters rauhe Kälte, gegen des eisigen Windes schneidenden Anhauch. Auch seine kleinen, in hohen Schaftstiefeln steckenden Füße hinterlassen keine Spuren. Sie trippeln über die glitzernde Schneefläche, und der Wind fegt mit glättender Hand darüber hinweg. Sorglos fliegt das flotte Kerlchen vorwärts. Die gewaltige Einsamkeit dieser winterlichen Natur beängstigt ihn nicht. Er sieht in seinem langen, bis zu den Füßen herabreichenden Flauschrock und der über die Obren gezogenen Pelzmütze beinahe komisch aus. Wie ein kleiner schwarzer Kobold, der über die weiße Leichendecke hüpft, die die Erde in ihrem Todesschlaf umhüllt. Acngstlichc Gemüter hätten bei seinem Anblick am Ende das Gruseln lernen können, wenn er nicht so frisch und rotwangig unter seiner Mütze vorgeguckt hätte, mit blitzenden, fröhlichen Augen und lachendem Munde, so ganz und gar nicht kok oldartig, sondern gesund und munter mit der rechten, kecken Jungensmanier und dem Selbstgefühl eines durch nichts getrübten Kindergemüts. Jugendmut! Das war’s. Jetzt bückt er sich nieder, rafft eine tüchtige Menge des weichen Schnees mit seinen in derben Fausthandschuhen steckenden Händen zusammen und ballt sie zu fester Schneekugel, die er hoch in die blatte Loft des hellen Wintertages schleudert und laut aufjauchzt, als sie oben zerstiebt und in Flocken herab - {SSt. Mehrmals wiederholt er das Spiel, dann stampft er lustig weiter durch Eis und Schnee und Einsamkeit und Totenstille. Plötzlich pfeift er sich eins. Das verhallt aber gegen den Wind und er versuchts mit dem Singen. So geht'« besser. Leise summt er eine Melodie vor sich hin. Liebe, vertraute Klänge. Bald wird er sie hören in dem kleinen, warmen Stübchen, erleuchtet von der siebenannigen Sabbatlampe. Der Großvater wird sie anstimmen: JLecho daudi likras kalloh." Der Gedanke daran beflügelt seine Schritte, Hastig strebt er vorwärts. Es fängt langsam zu schneien an, aber bald werden die Flocken dichter, und immer dichter, wirbeln um ihn her in tollem Treiben und erfüllen alles ringsum mit fast undurchdringlichem, weißen Flaum. Nicht mehr wie ein schwarzer Kobold sieht er aus, sondern wie ein Schneemännlein, das kaum noch der Form nach sich aus dem Schneewirbel heraushebt, bald selbst eine große Flocke, eine Riesenflocke, wie er jetzt dahinsaust und vom Wi;ic;c mit dem Gestöber in eins verweht scheint. Alles nur ein unendliches Winter spiel! Die große Natur und der kleine Knabe. Der hat auch jetzt keine Furcht. Mit der ahnungslosen Sicherheit des Kindes, das an Gefahren nicht denkt, hastet er weiter und immer weiter. Er kennt den Weg und weiß, daß er bald am Ziel ist. Und endlich ist's erreicht. In der geöffneten Hauspforte steht die Großmutter, die schon bänglich nach ihm ausgelugt und sein Nahen gar nicht gemerkt hatte, mit ihren alten, vom Sclvaeelicht geblendeten Augen. Bis er mit all dem übrigen Geflock herangeweht dicht vor ihr stand. „Gelobt sei Gott, daß du da bist, Abraham, mein gutes, braves Jüngel,“ begrüßte sie die Riesenflockc. Da schüttelte er mit einem Jauchzer den Schnee von sich ab und tritt an ihrer Hand über die Schwelle der Stube, gerade als der Großvater sein „Lcchodaudi" anstimmte. „Gut Schabbes!" rief der tapfere, kleine Gast frohlockend. Allwöchentlich einmal macht er diesen Gang. Sommer und Winter. Stets an Erew Schabbes, so daß er «Freitag zu Freitag' bei den Großeltern eintrifft, um den Sabbat dort zu verbringen und .überhört zu werden, ob er das Wochenpensum der Sedra auch gut erlernt hat. Eine Feierstunde ist es für den alten Mann, wenn er den Enkelsohn so vor sich stehen sieht, erfüllt von der Lehre, die hinüberführt zu der m tiefen Weisheit des Talmuds. Abraham soll diesen studieren, das ist der höchste Lebenswunsch des Großvaters. Er hat einen feinen Kopf und ist ein aufgewecktes Jüngel. Ihm soll des Wissens geheimster Born sich erschließen. Mehr soll er lernen, als es ihm und dem Sohn vergönnt war. Armselige Waldschreibersleute! Aber der Enkel, ja der Enkel sollte einmal Talmud erlernen . . . vielleicht gar ein Row werden! Wer weiß? So merkwürdige Einfälle hat das Kind und so nachdenkliche Fragen tut es, die kein Mensch beantworten kann. Jetzt wieder! Sic hatten sich zum Nachtessen niedergesetzt. Ein Festmahl, das für die ganze Woche Freude ergoß über da* sonst so kärgliche Leben dieser Leute. Freitag abends gab es Barches und Fleisch und manchmal sogar eine süße ^Nachspeise. Gedörrt! Pflaumen oder Apfelmus, Leckerbissen für den kleinen, durchaus nicht verwöhnten Jungen. Und vom Kidduschwein gab's stets ein Schlückchen ab für Großmutter und ihn. Diese nippte zwar nur an dem Becher, er aber nahm einen herzhaften Schluck und dann lachte er und schnalzte mit der Zunge. Denn der Wein war süß, weil er aus Rosinen bereitet war. Das war alles so, lieb und traulich, und sein Kinderherz war erfüllt von Dankbarkeit und Frohsinn, und um den alten, guten Großeltern auch eine Freude zu bereiten, fing er dann an zu plaudern und zu erzählen, was ihm so durch den Jungenkopf zog. Allerhand krauses Geschwätz, dem die Alten mit aufleuchtenden Mienen und stillem Staunen folgten. Heute war’s der Schnee, der ihn zu ganz seltsamen Betrachtungen veranlaßte. Zuerst wollte er wissen, warum der Schnee weiß sei und warum er fliege und nicht falle? Bestürzt sahen die Großeltern sich an. Beide wußten sie keine Antwort auf seine Frage. „Wieso er weiß is?" sagte der alte Mann, „nu, wie soll er denn sein? Schwarz etwa?" Seine Ehehälfte nickt zustimmend mit dem Kopfe. „Schwarz kann er nicht sein, sonst wär er Pech." gab sie zu, „wieso er aber weiß ist, kann ich nicht sagen . . . vielleicht, weil er vom Himmel fliegt . . ." „Regen fällt auch vom Himmel und ist nicht weiß," warf Abraham ein, „es muß anders sein." „Wer kann’s wissen?" antwortete resigniert der Großvater. „Ja, wer kann’s wissen?" wiederholte die Frau, „aber weiß is er — ganz gewiß, und nich schwarz . . ." Da lachte der Knabe hell auf und rief: „Un ich wer' dem Seiden und der Muhme was ganz anderes sagen ... er is gar nich weiß und er ist auch nicht schwarz, aber rot is er und blau und grün und gelb ... ja das is er, ich hab’s heute ganz genau gesehen, ganz rot . . . feuerrot, wie die Sonn' am Abend, wenn sie schlafen geht . . . und grün wie die Bäume im Frühjahr und gelb wie das Korn im Sommer und blau wie der Himmel . . /' Er kannte die Farben der Natur. „Gott soll verhüten . . . was für närrische Einfälle das Jüngel hat," sagte der Großvater, und die Großmutter fügte besorgt hinzu: „Ob Awromele nicht in der Hitz redt?" Dabei fühlte sie seinen Kopf und nahm seine Hände in die ihren: „Soll ich gesund sein, Hitz' hat er nich . . . efscher is er übermüd't von dem weiten Weg in der Eiskalt'f" „Ich bin nicht müd', Großmutter, und mir war auch nix kah. Schön war’s, wunderNfeön! Auf dem weißen Schnee blühten lauter bunte Blumwfc rote und gelbe und blaue und grüne. Die bewegten sich aflrf und ab und sprangen umher wie Funken . . ." Mit einem Blick stilles Einverständnisses sahen die beiden Zuhörenden sich an. Da* war doch zu viel, mehr als er jemals ihnen vorgeschwatzt hatte. Rote und gelbe, blaue und grüne Farben hatte er gesehen auf diesen blendend weißen Schneefeldem, die weiß waren, nur weiß! Weiß, wie in jedem Winter ... so wie sie es gesehen seit undenklichen Zelten, Damals, wie sie selbst noch Kinder waren und wieder, immer wieder, bis sie alte Leute wurden. Auch heute war alles weiß, wie sie vorhin nach dem Knaben ausgeschaut hatten. „Er hat sich vielleicht doch verkältet," flüsterte die Frau ihrem Manne zu, und beide sahen wieder verängstigt nach dem Kinde, das die Blicke, wie in eine unsichtbare Ferne gerichtet, mit träumenden Augen vor sich hinblickte. „Es wird am besten sein, du gehst jetzt schlafen, Awromele, und wachst morgen wieder gesund auf . . . und dann ist der Schnee wieder schneeweiß . . . ganz weiß." „Ja, Muhme, ich will schlafen gehen . . ." er rüttelte sich auf, aber in seinen Augen war ein geheimnisvoller Glanz, als hätte er eine Vision gehabt . . . „und morgen is Schabbes . . . und der Schnee ist ganz weiß . . ." Sein Kopf sank herab, und wie vom Schlummer jäh übermannt, taumelte er. Vorsichtig umschlang die Großmutter den Schlaftrunkenen, ihn aus dem Zimmer zu geleiten und zu Bett zu bringen. „Rot und gelb . . . und gelb . . lallte das Kind wie im Traum. Etwas beunruhigt und verwundert blickte der Großvater ihnen nach. „A merkwürdig Kind . . murmelte er vor sich hin, „ä ganz närrisch Jüngel . . . roter Schnee . . . und blauer Schnee . . . meschugge . . . rein meschugge . . ." Wie hätte er ahnen sollen, daß das Geheimnis der Farbensymphonie sich heute nachmittag seinem Enkelsohn erschlossen . . . dem armen Waldschreiberknaben, der durch weite Schneefelder wanderte, damit sein Großvater ihn die Sedra überhöre! Am nächsten Morgen wachte Abraham ganz vergnügt auf. Die Erregung und Abspannung des Abends hatten in einem gesunden, festen Schlaf sich völlig verloren. Der Knabe trat zum Großvater, der soeben sein Morgengebet beendet hatte. Er empfing den Segen von ihm, bevor er sich zum Frühstück setzte, mit dem die Großmutter auf ihn gewartet hatte. Das war herrlich, der dampfende Kaffee, der aus der Ofenröhre geholt wurde, wo er mit den übrigen für den Sabbat schon gestern bereiteten und warm gestellten Speisen brodelte, weil am Sabbat nicht gekocht werden durfte, mundete ihm vortrefflich. Dazu gab's selbstgebackenes Weißbrot und kleine Zuckerkuchen. Für den Liebling hatte Großmutter schon immer etwas extra in Bereitschaft. Wie warm und freundlich war alles, was ihn hier umgab! Die alten Leute in ihrer Zärtlichkeit und Frömmigkeit und echten „JÜdischkeit". Sein kindliches Gemüt empfand es, ohne daß er wußte, woher das stammte, was ihn so froh machte, ohne daß er verstanden hätte, daß es die Segnungen zufriedener, stiller, gotterfüllter Herzenseinfalt waren, die diesem ärmlichen Hause soviel Würde und Weihe gaben. So eine rechte Sabbatstimmung, Nach dem Frühstück lief er zum Fenster und schaute hinaus in das Schneetreiben, das ununterbrochen fortdauerte. Faustgroße Flocken wirbelten durch die Luft, und Abraham jubelte und rief: .Schau nur her, Großvater, schau her, große, weiße Vögel fliegen umher . . .", er lachte lustig auf, „weiße Vögel, tausend, tausend weiße Vögel flattern durch die Luft . . ", mit bohrendem Blick verfolgte er die Schneewirbel, „und . . . ja . . . sieh nur Großvater, sieh nur genau hin, siehst du, dort und dort und da . . . die weißen Vögel haben rote Flügel und blaue ... ja sieh nur und gelbe . . . ganz gelbe . . ." Der weiße Schnee hatte Leben und Farbe gewonnen in der Phantasie und in den Augen des Knaben. Was er gestern nur unklar empfunden, wurde in dieser Stunde für ihn zur Gewißheit. Lebendig ersebiem ihm die erstarrte Natur, erfüllt von bunten Farben und lichtem Glanze. Die Großeltern sahen sich betroffen an. Da war es wieder, was schon gestern Abend das Kind so ergriffen und beunruhigt hatte. Aber sie sagten kein Wort, um ihn nicht durch Widerspruch zu reizen. Nur still beobachteten sie ihn, wie er, wie von magischer Gewalt angezogen, immer wieder an das Fenster trat und hinausstarrtc in den Flockentanz, Nachdenklicher und ruhiger noch als gewöhnlich ging der Tag dahin. Nichts unterbrach nach außen seine friedliche Stimmung. Nicht, wie sonst das Geplauder und Lachen des Knaben, die freundlichen Antworten des Großvaters, die Zärtlichkeit der Großmutter ... sie waren alle drei mit sich seF't beschäftigt. Die Alten waren beunruhigt von des Kindes Gcbahren und seinen Einbildungen, und grübelten, was wohl in das „Jüngel" gefahren sei, und dieses Jüngel sah den buntbefiederten Vögeln nach, die als weißer, ganz weißer Schnee zur Erde kamen. Nach dem Mittagessen rüstete man die Heimkehr. Abraham sollte rechtzeitig fort gehen, um nicht zu spät zu Hause einzulreffen bei seinen Eltern, die fast zwei Stunden entfernt, jenseits der Chaussee am Waldsaumc wohnten. Vater und Sohn waren als Wal.'.Schreiber bei demselben Holzhändler angeAclU. Der eine führte die Aufsicht über das weit nach Osten sich erstreckende Waldgebiet, der andere über das westlich sich, csdehnende. Zwischen diesen beiden Häuschen und dem sie trennenden großen Waldterrain spielte Abraham Friedsohns Kindheit und Jugend sich ab. Sein Großvater war ein alter Mann geworden in diesen Wäldern, die sich allerdings erheblich gelichtet hatten im Laufe der Jahre. Die polnischen Gutsherren beuteten die Wälder, die sie, fast Urwäldern gleich, von ihren Ahnherrn auf den Rittergütern übernommen hatten, gehörig aus. Sie verkauften oder verpachteten sie mit dem Rechte des Holzfällens an die Juden, lebten von dem Golde herrlich und in Freuden und überließen diesen, den Wald auszuroden und die prachtvollen Stämme zu verwerten. Das geschah in ausgiebigster Weise. Holz wurde auf dem Flußlauf der Weichsel nach den Grenzgebieten befördert und dort verbraucht. Der polnische Holzhandel blühte. Die Gutsherren lebten als grandseigneurs, nahmen viel ein und gaben alles aus, die Juden handelten und wurden reich, und das Volk arbeitete, hungerte und soff, soweit die arme christliche Bevölkerung in Betracht kam, die armen Juden hingegen arbeiteten, darbten und . . . sparten. Zu ihnen gehörte auch Hirsch Friedsohn, der alte Waldschreiber, und Jossel Friedsohn, der junge. Nichts anderes kannten sie als diesen Wald, und kein anderes Interesse hatten sie, als wieviele Bäume alljährlich geschlagen werden konnten, behauen, und als Flöße den Strom hinabgesandl. Darüber machten sie genaue Aufzeichnungen, beaufsichtigten die Holzfäller und sonstigen Waldarbeiter, zahlten ihnen di; Hungerlöhne aus und waren so gewissermaßen die oberste Aufsichtsbehörde dieser unermeßlichen Naturschätze. Friedsohn war ein entfernter Verwandter des HoL:bändh*r:-, der dieses Waldgebiet gekauft und zuerst urbar gemacht hatte. Sein armer, ehrlicher Vetter schien ihm zu dem Vertrauensposten eines Waldschrcibers besonders geeignet. Er war ein verständiger, ruhiger Mensch, jung und kräftig, konnte nur jüdisch-deutsch, und war sicherlich zuverlässig und gewissenhaft. Er durfte darauf rechnen, daß sein Wald bei ihm in besten Händen sei. So ka-;- er dorthin, und dort verbrachte er sein Leben. Er begründete eine Familie, und sein Sohn lernte später von ihm, was er selbst sich im Laufe der Jahre mit praktischem Sinne und Erfahrung angeeignet hatte. Friedsohn der Aelferc und Friedsohn der Jüngere waren tüchtige Wad Hclirribersleute. Sic wußten Bescheid mit den rboov.ari.cn, mit der Arbeit, den Löhnen, dem Vertrieb, un d Hunden gc uh neuhaft Buch über die Vernichtung der Wälder, immer mehr nahm diese zu. Die Gutsherrn verkünden immer weitere Terrains, die Juden holzten sic immer ausgiebiger aus. Immer üppiger blühte der Holzhandel, während die Wähler verdorrten. Die Gutsbesitzer wurden immer vergnügter und freigebiger, die Juden spekulativer und reicher. F.dcdsohns Vetter galt als einer der reichsten. Und er sorgte auch für seine arme Waldschrcibermi'dmoch?. Denn als Jossel Friedsohn sich verheiraten weh';-, gab er ihm eine selbständige Stellung, mit demselben Gehalt, das sein Vater bezog, und freier Wohnung, etwas Ackerboden und Holz, soviel sie brauchten. Und so schalteten die beiden Friedsöhne in diesen Wäldern, kannten nichts anderes als diese und waren zufrieden und fleißig. Denn sic hatten, wenn auch ein spärliches, so doch sicheres Brot, und im Sommer das Leben in der freien Natur und im Winter warme überheizte Stuben, denen der Duft des verbrannten frischen Holzes eine eigentümliche Atmosphäre gab. Daß sie den Reichtum ihres klugen Vetters vermehren helfen mußten, imponierte ihnen gewaltig. Er hatte sie im Grunde ja auch bedacht, und so freuten sic sich mit jedem Stück Wald, das er zum Ausholzen bestimmte, registrierten mit Genugtuung jeden gefällten Baum und ahnten in ihres Herzens Unschuld und ihres Geistes Unverstand nicht, welchen Frevel sie unterstützten. Nichts wußten sin von