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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-06-13 · 18 (13.6.1924) · page 9

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
18 (13.6.1924)
Date
1924-06-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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» HAU Verlags-Kataloge. I, Erfreulich zu sehen, -wie sich das geistige Lehen in einem Lande wieder regt, das last täglich durch völkische Mordtaten geschändet wird. Eine lE'ihr. vrn Biieherkalaiogen legen Zeugnis dafür ab, daß nach dem Ucbcrstchcn der Inflationszeit »ich das Interesse auch für das jüdische Buch neu belebt, J. K a u f f m a n n in Frankfurt a. M. läßt seinen Katalog Nr. 74 „Juoaica" erscheinen, der in 922 Nummern die Reichhaltigkeit der deutsch-jüdischen Literatur ausweist. Unter den angezeigten Werken werden unsere Leser besonders auch die unserer Gesinnungsgenossen: Baeck, Cohen, Dienemann, Elbogen, Fuchs, Geiger, IToldheim, Lazarus, Lewandowski, Rieger, Scligmann, Spanier, Sulzcr, Vogelstein, Zivi, Zuntz interessieren. Der Bücherfreund empfindet eine lebhafte Genugtuung darüber, für wie billiges Geld man heute wieder wertvolle literarische Arbeiten erwerben kann. Hoffentlich wird uon dieser Gelegenheit recht häufig Gebrauch gemacht. Der Verlag Louis Lamm in Berlin zeigt „Judasca und Hebraica" an. Man Endet so interessante Erscheinungen wie das Buch der Fürstin de la Rocca über ihren Onkel Heinrich Heine, Grottes ,,Deutsche, böhmische und polnische Synagogen", „Ludwig Davidsohns „Beiträge zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Berliner Juden vor der Emanzipation", Borries von Münchhausens „Juda" mit den Illustrationen von Lilien, Moses Mendelssohns gesammelte Werke und, neben anderen schöngeistigen und wissenschaftlichen Werken, unserer unvergeßlichen Gesinnungsfreundin Ulla Wolff Novellensammluflg: „Mischpocherentner". Eine ausgezeichnete, für unsere Leser sehr instruktive fortlaufende Bibliographie auf jüdischem Gebiet veröffentlichen die „Ewer-Blätter". Zeitschrift der gleichnamigen Berliner Buchhandlung, die im wesentlichen den Interessen der zionistischen Vcrlagsanstalten dient. Im ersten Heft dieses Jahres veröffentlicht Dr. Georg Herlitz einen Ueberblick über die Palästina-Literatur der letzten Jahre. Auch sonst wird das gute jüdische Buch häufig in kleinen Aufsätzen gewürdigt, J. Ziegler, Die sittliche Welt des Judentums. Erster Teil: Die sittliche Welt der Heiligen Schnfiea. VH und 270 8. Verlag M. W. Kaufmann, Leipzig, 1924. Kerausgegebcn von der Großloge X J. O, B. B. lür den Tschechoslo tvaVücchsn Staat. Wenn man das vorliegende Buch von Anfang bis zum Ende aufmerksam durchgclcsen hat, stellt sich von selbst der Wunsch ein, es möchte sich ein Mäccn finden, der das Buch in tausenden von Exemplaren auikaufte und unentgeltlich verteilte, um ihm auf diese Weise zunächst in jüdischen Kreisen die weiteste Verbreitung zu sichern. Das würde dieses Werk zweifellos verdienen. Es ist eine hervorragende Tat. Ein Buch zur rechten Zeit. Keine Partei- oder Tendenzschrift, sondern ein Buch, das sich an alle Juden wendet, um ihnen ein Führer durch „die sittliche Welt der heiligen Schriften" zu sein, durch die Bibel, die dem modernen Juden leider ein Buch mit sieben Siegeln geworden ist. Die vorliegende Arbeit ist der erste Teil eines Werkes, das auf drei Bünde berechnet ist. Als zweiter Teil soll folgen: „Vom Abschluß des Kanons bis Saadja" und der letzte soll „die sittliche Welt des Judentums von Saadja bis Mendelssohn" enthalten. Eine Riesenaufgabe, die der Verfasser unternommen hat, für die er jedoch in dem ersten Band den Befähigungsnachweis erbringt. Außer dem Vorwort, in dem er die Tendenz seiner Sammlung als eine doppelte aufzeigt: „Dem sittlich Gesunden will sie in Erinnerung bringen, daß unsere Bibel noch immer der Urquell seiner Lebensführung sei; dem sittlich Kranken und Schwachen soll sie Stütze und Mahnung werden“ enthält das Buch folgende 6 Kapitel: 1. Die Sendung Israels, 2. Israels Gottesidee, 3. Gott tmd Mensch, 4. Von Mensch zu Mensch, 5. Mensch und Tier, 6. Der Frieden, Mit kundigem Blick hat der Verfasser die Belegstellen zu diesen Kapiteln aus allen Teilen der Bibel aufgelesen und in klarer, übersichtlicher und wohlgeordneter Reihenfolge dargeboten. Dem hebräischen Text gegenüber — es »t ein 'besonderer Vorzug des Buches, daß auch dieser aufgenommen wurde — steht der deutsche in gefälliger, sinngemäßer Uebertragung des Originals. Wertvoller aber als die nahezu erschöpfende Aneinanderreihung der sittlichen Forderungen der heiligen Schriften, der Sentenzen, Thesen, Gedanken und Mahnungen, die eine Sittiche Forderung involvieren, sind die Vorbemerkungen zu jedem einzelnen Kapitel. Hier setzt sich der Verfasser mit vielen aktuellen religionsphilosophischen Fragen auseinander Was er n. a. über Liebe zu Gott, über Religion und Sittlichkeit, über die religiösen Grundprinzipien der Gerechtigkeit und Menschenliebe, über die Stellung des Fremden bei den alten Völkern und in Israel sagt, das verdient von jedem gebildeten Juden gelesen zu werden. Hier findet er auch das Rüstzeug zur Abwehr judenfeindlicher Angriffe; denn Ziegler erklärt ausdrücklich, daß er mit seinen „Vorbemerkungen" auch einen apologetischen Zweck zu erfüllen suche. Zeigt sich diese Tendenz in unaufdringlicher, vornehmer Form, in maßvollem Urteil auch im ganzen Buche, so ist das Ziel, das der Verfasser mit seiner Arbeit erstrebt, doch wesentlich höher gesteckt, „Ich möchte", so führt er in dem markanten Schlußwort aus, „mich an die Seite jener Männer mit meinen schwachen Kräften stellen, die den seelischen Umsturz unserer Kulturwelt herbeiführen wollen, die niederreißen wollen die beiden Idole der heutigen Menschheit: Geld und Genuß." Darum dürfte das Buch in seinen Wirkungen weit über jüdische Kreise hinausreichen und auch dem nichtjüdischen Leser reichen Gewinn bringen. Alles in allem ein Buch, das jedem Gebildeten nicht warm genug empfohlen werden kann, Rabbiner Pr,of. Dt. L, Golinsld-Pilsen. Dr. Joseph Breuer: Am Heiligtumsquell des jüdischen Ehelebens. Frankfurt a. M. 1923 bei J. Kauffmann. Was wir Günstiges von einer Schrift aussagen können, die wir grundsätzlich ablehnen, möchten wir voraus schicken. Der Verfasser hat sich ein engbegrenztes Thema gewählt. Er wiD die Forderungen ins Licht setzen, die nach hyperorthodoxer Ansicht jüdisches Gesetz und jüdisch« Sitte an Knüpfung, Führung und Wertung der Ehe stellten, und im Anschluß daran Winke für sexuelle Aufklärung in der jüdischen Jugenderziehung erteilen. Die ersten Abschnitte wenden sich vorzugsweise an das weibliche, die späteren an das männliche Geschlecht. Breuer ist modern genug, um die strenge Einehe als Selbstverständlichkeit zu behandeln, und klug genug, jede Andeutung, daß das Gottesgesetz die Vielehe zuläßt, zu vermeiden. Auch ist anzuerkennen, daß er solchen jüdischen Ehefrauen, die gewissen ihm unerläßlich erscheinenden Bedingungen religiös-sittlicher Eheführung nicht entsprechen, eine verehrende Wertschätzung nicht versagen will. Endlich berührt es systemathisch, daß er wenigstens im Schlußwort die Möglichkeit zuläßt, gewisse Verfehlungen des geschlechtlichen Lebens wieder gutzumachen, nachdem er vorher allerdings stark mit der Strafe der Ausrottung und den Qualen der Hölle gearbeitet halte. Da Dr. Brci/cr sich wohl bewußt bleibt, daß er nur zu einer recht kleinen Zahl von jungen Frauen und Männern spricht, so sei zugestanden, daß in diesem engbegrenzten Kreise seine von heiligem Eifer eingegebenen Mahnungen und Warnungen einen gewissen Eindruck machen dürften. Die jüdische Frau, und nicht nur die orthodoxe, wird cs dankbar empfinden, wenn Breuer sich bemüht, für ihre Würde in der Ehe, als Gattin und als Mutter, einzutreten. In Hinsicht der sexuellen Belehrung vertritt Breuer den richtigen Gedanken, daß sie nichts Abgesondertes, sondern nur ein Teil der Erziehungsarbeit überhaupt sein dürfe. Für orthodoxe Mentalität ist auch die Verkoppelung von Sabbat und Keuschheit annehmbar. Wir finden die scholastische Bemerkung, daß Joseph an einem Sabbat der Verlockung zur Sünde widerstanden habe, also Sabbatheiligung die beste Vorbedingung für Keuschheit sei, an den Haaren herbeigezogen. Aber über den Geschmack läßt sich streiten. Worüber sich aber nicht streiten lassen sollte, ist das Grundsätzliche. Es sollte endlich allgemein zugestanden werden: eine Stellung, wie sic Breuer zur jüdischen Ueberlieferung, zu Gesetz und Sitte des Judentums einnimmt, ist unhaltbar, Sic ist antiquiert und überholt. Mit ihr kann man Sektenführcr, aber nicht Lehrer jüdischer Wahrheit sein. Was soll man zu folgenden Sätzen sagen: „Nicht dein Geist unterscheidet dich vom Tier. In deinem Genießen zeige, daß du Mensch bist." Also: sei immerhin stumpfsinnig wie das Tier, aber wolle dein Tun und Lassen abrichten, das Goltcsgesctz restlos zu erfüllen; am besten instinktiv-mechanisch, da jüdisches Gesetz sich ewig glcichblcibt und ewig gleich wirken will, wie „ehernes Naturgesetz". Für das jüdische Weib ist die beste Maxime: gehorche, erfülle, diene. Aber der jüdische Mensch überhaupt sei mißtrauisch gegen die Vernunft, schon, die Frage nach den Gründen göttlicher Bestimmungen ist unrecht, ein erstes Zeichen erschütterten Glaubens.. Statt allgemeiner Polemik sei unser abweichender Standpunkt nur hinsichtlich dar sogen. Haarverhüllung der verheirateten Frau hervorgehoben. Dr. Breuer erklärt sie nicht etwa als empfehlenswerte, fromme Sitte, durch jahrhundertelange Hebung geweiht. Darüber ließe sich insoweit reden, als ja andere Sillen auch eben nur alter Volksbrauch sind, den man nicht ohne Not aufgibt, wie Erdbcstattung, das bedeckte Haupt beim Beten u. a. Aber herausfordernd muß cs wirken, wenn der Verfasser den künstlichen Scheitel als unerläßliches Kenn?, eichen der wahrhaft jüdischen Ehefrau mit blindem Ucbcrcifer verlangt, und darin sich auch durch den „Abfall" ganzer Gemeinden und Generationen nicht irremachen läßt; ja den Verstorbenen noch vom Jenseits her einen büßenden Widerruf ihres Abfalls zumutet! Da ist jede Verständigung ausgeschlossen. Ein Satz wie: „Haar Verhüllung ist das von Gott erwartete Abzeichen" wirkt auf uns wie eine Blasphemie. „Diese Zeichen, sagt Breuer, ist uralt, so alt, wie das Gottesgesetz." Er merkt aber gar nicht, daß die Beweise dafür, wenn sie doch einmal verlangt würden, nicht ausreichen und die tatsächlichen Andeutungen etwas ganz anderes lehren, als was man sie sagen läßt. Der Gelehrtenstreit über die in Rede stehende Sitte, erst jüngst in der „Monatsschrift" von 1923 von Prof, Aptowitzer und Prof. Krauß erneuert, hat dreierlei erwiesen: Draußen pflegte schon in biblischer Zeit die jüdische Frau (und Braut) einen Schleier über dem Haupte zu tragen. Im Hause trugen einen solchen in späterer Zeit aber nur die besonders Frommen. Drittens: wir haben es mit einem allgemein semitischen Volksbrauche zu tun, den das jüdische Gesetz nicht, wie z. B. das Zeichen des Abrahamsbundes, besonders aufgenommmen und geheiligt hätte. Hier ist das argumentum e silentio maßgebend: wir haben so viel Vorschriften über Eheschließung, Ehescheidung, über das was unwürdig und sündhaft ist, daß die Gelegenheit unbedingt vorhanden war. die Sitte einzusetzeh, wenn ihr irgendeine wesentliche Bedeutung beigemessen werden sollte. Das ist nicht der Fall. Darum gilt: in dubiis Iibertas, d. h. in einer reinen Form- und Gefühlssache sollte Freiheit herrschen. Denn selbst vorausgesetzt, es habe im altjüdischen Volksleben und somit auch im abgeschlossenen Ghetto unverhülltes Haar einer verheirateten Frau für anstößig und bedenklich gegolten, wer wüßte nicht, daß gerade das Gefühl dafür, was hinsichtlich der Kleidung in einem Lande und in einer Zeit für angemessen oder für unschicklich gilt, in steter Umwandlung begriffen ist. Da soll für die jüdische Frau ohne zwingenden Grund ein Gefühl künstlich weitergezüchtet werden, das in ihrem Seelenleben keine Wurzeln mehr hat. Nicht allein, daß alle Ucbcrrcdungs- und Beschwörungskünste des Verfassers, außer bei schon Ucberzeugten, diese Wirkung nicht ausüben können, es besteht sogar die Gefahr der entgegengesetzten Wirkung. Denn wo der formale Gesichtspunkt, die unerläßliche Vorschrift, der starre Gesetzesparagraph zum höchsten Prinzip erhoben werden, weil sich darin allein klar und deutlich Gottes Wille ausspreche, da liegt es allzu nahe, sich andere, sittlich bedenkliche Freiheiten herauszunehmen, nach der Erwägung: was nicht verboten, ist erlaubt. Solche Gefahren erkennen unsere Orthodoxen nicht, die sich zu Hütern des Gesetzes berufen glauben und meinen, in Gesetzesparagraphen den Geist des Judentums einfangen, ihn gleichsam auf Flaschen ziehen und konservieren zu können. Mit solchem Material bessert man nicht aus, was schadhaft am Hause Gottes ist. Vor einer derart katholisierenden Richtung im Judentum müssen wir, ungeachtet der Ehrfurcht, die wir dem Katholizismus an sich zollen, dringend warnen. So weit darf die Verschmelzung der Prinzipien nicht gehen! Dr. Breuer vertritt katholisierendes Lehrprinzip innerhalb des Judentums. Man erlasse es uns, dies des näheren nachzuweisen. Was in anderen Bekenntnissen durchaus sinnvoll und heilsam sein mag, kann für das Judentum abträglich •ein. Was soll man dazu sagen, wenn Dr. Breuer allen Ernstes die Aggada des vierten oder fünften Jahrhunderts im 20. ins Feld führt, wonach Evas Sündenfall (!) als Grund für die schamhafte Haarverhüllung anzunehmen sei!! Wie weit sind wir da noch vom katholischen Dogma entfernt? Können wir ans wandern, wenn das letztere eine noch größere Anziehungskraft ausübt und Konvertiten, wie Max Scheler, Siegfried Behn, Paul Landsberg u. a. erzeugt, heute Leuchten der katholischen Wissenschaft? Nochmals, bei aller Anerkennung der guten Absicht — als Ganzes lehnen wir Dr. Breuers Schrift grundsätzlich ab. Dr. S. Samuel-Essen. Dr. Pani Rieger. Vom Heimatsrecht der deutschen Jaden. Das Licht, Heit 4. Philo-Verlag, Berlin SW. 68. 32 völkische Abgeordnete im neuen deutschen Reichstage wären undenkbar, wenn Hunderttausende deutscher Wähler ihre mit Anhören von Wahlphrasen verschwendete freie Zeit dem Bestreben gewidmet hätten, sich über die Forderungen der Parteien und ihre Berechtigung ehrlich zu informieren. Ehrlich heißt: getreu dem alten deutschen Rechtssatze: „Eenes Mannes Rede ist keene Rede, man muß sie hören alle beede." Das in zweiter erweiterter Auflage vorliegende Schriftchen Riegers ist hervorragend dazu geeignet, „kurz und bündig" das Heimatsrecht der deutschen Juden in deutschen Landen nachzuweisen ohne Phrasen, aber mit unwiderlegbaren Beweisen aus der deutschen Geschichte. Genaue Angabe der Quellen ermöglicht dem objektiven Interessenten Weht eine NaebprÄfung aller Behauptungen. Die geschichtliche und kulturelle Heimatsberechtigung der Juden in Deutschland, ihre Mitarbeit an deutscher Sprache und Sitte, den hervorragendsten Exponent ten deutschen Volkstums, weist der Verfasser auf wenigen Seiten einwandfrei nach. Das billige Heftchen sollte jeder Jude, nachdem er es gelesen hat, seinen nichtjüdischen Bekannten weitergeben, damit die Schlußworte dieser Schrift dem ganzen deutschen Volke zjim Bewußtsein kommen: „Es ist wahrlich an der Zeit, daß Deutschland der Kulturwelt nicht mehr das widerliche, ebenso unchristliche wie unsittliche Bald des Judenhasses unter dem fadenscheinigen Mäntelchen eines angeblichen Patriotismus und der von allen Gebildeten der Erde mit gutem Grunde verlachten Rassentheorie bietet. Deutschland braucht zum Aufbau des Zerstörten alle seine Kraft* und statt der kleinlichen Zwietracht inneren Frieden. Statt üblen Hetzereien sollten alle Deutschen der Wahrheit (öe Ehrt geben: Die jüdischen Deutschen sind geschichtlich nml kulturell in Deutschland durchaus beimatsbereebtigt. Bibel und Bodenreform. Von Adolf Damaschke, Ehrendoktor der Rechte. (Verlag „Bodenreform", Berlin MW, Lessingstr. 11. — Broschiert, 14 Seiten, Preis 30 Pig.) In Zeiten schwerer Not stellt ein gütiges Gesenkt erfahrungsgemäß stets Männer auf, die von den Trümmern festerer Nacht den Weg zu Sternen und Sonne weisen. Solch ein Mann war beispielsweise der prophetisch weitblickende Walther Rathenau. Solch ein Mann ist Adolf Dam a s c h k e , der für die Lösung sozialer Zeitfragen Schätze gehoben hat. Durch seine nur wenige Blätter stark* Broschüre „Bibel und Bodenreform" erweist sich Damaschke abermals nicht nur äußerlich als berechtigter VorsÄzattdnr des Bundes Deutscher Bodenreformer, sondern als geistig moralisch würdevollster Repräsentant der Gedankenwelt, die er mit glühendem Herzen gleich einem Seher dar Vergangenheit erlebt. — Für Damaschke ist Moses „der gewaltigste Gesetzgeber aller Zeiten”. In G*te und Weisheit verteilt er, fern von Willkürherrschaft und DespotenSaune, das Land durchs Los an die Stämme. Von der Scholle kann man nur bis zum 50. Jahr, dem sogen. Jobeljahr, loskommen. Um dann zur alten Heimstätte zurückzukehren. In fünf Dezennien ist bei ungebundener Freiheit eine Umwertung aller Werte beschaffen "und um keinen Kampf der besitzlosen gegen die besitzenden Klassen herbeizuführen, ist die Einrichtung des Jobei- oder Halljahres getroffen. Damaschke zeigt, wie die biblische Zeit im ganzen auf der logisch-scharfen und innig erfühlten ethisch-sozialen Gesetzgebung Mosis basiert, Seiner Meinung nach mußte das römische Weltreich zusammen brechen, weil es den Großgrundbesitz auf sein Banner schrieb. Ihm scheint ein neuer deutscher Frieden erst dann möglich, wenn die Herrschaft des Mammons aufhört. Bodenreform ist ihm messianisches Zeitalter. Rabbiner Dr. Arthur Rosenthai, Beulhen (OberschL). Roland von Bremen: Die neue Heilsbotschaft. La Lumtoro- Vcrlag, Bremen. „ , Das kleine, mit einem Hakenkreuz geschmückte Heftchen widerlegt in trefflicher Weise die Anwürfe, die immer und immer wieder von den Antisemiten erhoben werden. Es Ist besonders wirksam dadurch, daß es die Gegner nüt ihren eigenen Waffen schlägt. Das Heft enthalt auf seinen 24 eine solche Fülle an Material, daß man es Juden als Wafff im Abwehrkampf, Nichtjuden als Mittel zur Erkenntnis ddr Wahrheit warm empfehlen kann, zumal dwr Preis da» Heftes von 30 Pfennigen jedem die Anschaffung ermöglicht. Der Vcrfasscr, der wohl in pazifistischen Kreisen Bremens zu sucb«i ist, hat sich mit dieser Schrift, die keineswegs nur als Wahlbroschüre betrachtet werden kann, wohlverdient gemacht, Woyda-Berfin. Heinrich Nelson: Ahasvers Wanderung und Wandlung. (Eta Märchen-Roman.) Der Neue Geist-Verlag. Leipzig 1922. Es wäre eine ah sich reizvolle Aufgabe, die Wanderung- Ahasvers durch die Jahrhundert« begleitend, den „ewigen Juden" dem zeitlichen Vergehen entgegenzustellen. Aber nicht das war die Absicht des Verfassers. Sein Buch, zwei Jahre vor Ausbruch des Weltkrieges geschrieben, wollt« „dsr Vernunft zur Herrschaft verhelfen”; er wollte, den Krieg voraussehend, „vor dem der Menschheit drohenden Unglück warnen. Nun, nach Eintritt der Katastrophe, kann eine Besserung der Zustände in Europa nur durch die Eziehung der Menschheit zur Vernunft erreicht werden. Indem Nelson diesem Gedanken mit seinem Buche dienen will, verfolgt er eingestandenermaßen kein rein künstlerisches, sondern ein verstandesgemäß begründetes, ethisches Zieh Er stellt eine These auf und sucht sie zu beweisen: Das Christentum hat die Menschen nicht wahrhaft läutern können; die Höherentwicklung der Menschheit bleibt Aufgabe einer neuen, dogmatisch nicht gebundenen Ethik, als deren Vertreter Ahasver erscheint. Aus der Art der Zielsetzung ergibt sich für das Buch ein ausgesprochen rationalistischer Charakter, der auf die Darstellung stark eingewirkt hat. Die Bezeichnung „Märcheft- Roman" erscheint nicht berechtigt; wohl nimmt Nelson die Voraussetzungen des Märchens für sich in Anspruch; aber den Ton des Märchens, die Selbstverständlichkeit des Wunderbaren, trifft er nicht. Sein Ahasver ist nicht von den Schauern des Geheimnisvollen umgeben, das Mysterium der Ewigkeit, di« Tragik eines selbstverschuldeten, schweren Schicksals haften nicht an ihm. Er ist ein kühler Rationalist; als unbeteiligter Zuschauer wandert er durch die Zeiten und erharrt den Sieg der Vernunft, die Befreiung der Menschheit von den Fesseln kirchlich gebundenen Denkens. Im Augenblick, da Christus vor seinem Hause unter der Last des Kreuzes zusammenlbricht, packt ihn Entsetzen, nicht so sehr vor dem erschütternden Anblick des Gemarterten, wie vor der Unvernunft der Menschen. Zugleich entscheidet sich sein Geschick. „Er wußte in diesem Augenblick, daß er keine Heimat mehr hatte auf Erden und daß von non an seimm Bleibens nirgends mehr war in alle Ewigkeit," Von hier aus hätte sich das Problem des in der Welt fremd Gewordenen und doch in sie Gebannten gestalten lasocn. Aber Nelson gestaltet nicht das Problem ,Ahasver", sondern er gibt einen Abriß der Entwicklung der Menschheit unter dem Einfluß des Christentums. Er skizziert die großen Epochen der Geschichte und die großen Menschen dieser Epochen; er macht seinen Ahasver zum Zuhörer des Paulus auf dem Arecpag in Athen, läßt ähn Unterredungen fuhren mit BonÜatitts, Mohammed, Leonardo, Goethe. Man glaubt m einem Gescbfchtdruch ma blättern, aber diese Vergangenheit bleibt unlebendig und farblos. Ahasver sieht und: beurteilt, aber er handelt nicht, er greift nickt heilend und bessernd ein. Erst ein spätes, seltsames Liebeserlebms bewirkt eine Wandlung in ihm, und nur in dieser einen Episode rührt Nelson an das geheimnisvolle Verflochtensein Ahasvers in Zeiten und Geschehnisse: er ist der Vorfahre der gelebten Frau; Gemeinsamkeit des Blutes verbindet beide und trennt sie zugleich voneinander, Während Martha an der Erkenntnis dieser hoffnungslosen Liebe stirbt, weckt die Erinnerung an ihr Wirken in Ahasver den W,m*^h, "on nun an der Mensch- 1

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