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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-06-13 · 18 (13.6.1924) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
18 (13.6.1924)
Date
1924-06-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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4. Jahrgang Nummer 18 2. Beilage 13. Juni 1924 MischliberaleZellimg Für den Gesundheilsschuh des osteuropäischen Judentums. Bon der „Ose", Gesellschaft für Gesundheitsschutz der Juden e. B.. Berlin W 57, Frvbenstraße 4, geht uns folgender Aufruf zu, dem wir gern Aufnahme gewähren: Osteuropa steht noch setzt im Zeichen der schweren Nöte, die ihm während des Welt- und Bürgerkrieges beschieden waren. Das gesamte ökonomische und gesellschaftliche Leben ist erschüttert, und die Völker ringen schwer um die Wiederherstellung normaler Lebensbedingungen. Insbesondere ist die jüdische Bevölkerung von den Zcitkatastrophen betroffen worden. Sie hatte spezifische Erlebnisse durchzumachen — Evakuationen und Pogrome. Tie Folgen dieser Erlebnisse haben tiefe Spuren im Bollsprgauismus hinterlassen. Die auch ohnehin nichts rveniger als befriedigende Gesundheit der jüdischen Bvlksmasse ist in ihrem Grundbestände gefährdet. Namentlich auch ist die Gesundheit der Heranwachsenden Jugend besorgniserregend. Tuberkulose und andere soziale Krankheiten haben in ihrer Mitte eine bedrohliche Verbreitung gesunden. Untersuchungen unter der jüdischen Schuljugend in der Ukraine, Litauen, Lettland, Polen. Rumänien usw. haben ergeben, daß zirka 16 Prozent der Kinder an verschiedener Form der Tuberkulose lLungen. Knochen. Drüsen» krank sind: vier bis sechs Prozent (tn einzelnen Gegenden noch darüber) an Trachome, namentlich in den ärmeren Schichten der Bevölkerung: 8 bis 16 Prozent haben verschiedene parasitäre Hautkrankheiten usw. Blutarm und anämisch sind 40 bis 60 Prozent der untersuchten Kinder. Die Sterblichkeit unter der jüdischen Bevölkerung war noch bis zur letzten Zeit erschreckend groß, sie sinkt zwar allmählich mit der Stabilisierung der Verhältnisse, übersteigt aber noch in vielen Gegenden die üblichen Normen. Dieser Zerstörungsprozeß bildet eine offensichtliche Gefahr für die gesamte Zukunft der jüdischen Gemeinschaft und ihre Wiedergeburt. Besonders schwer ist die Lage der jüdischen Bevölkerung tn Rußland und in der Ukraine, wo die Ereignisse unvergleichlich verheerend wirken. Ohne Hilfe von außen ist die dortige Iudenheit absolut nicht imstande, nicht nur wiedcraufbauende Arbeit zu leisten, sondern auch die lebensnotwendigsten Bedürfnisse auf dem Gebiete des Gesundheitsschutzes zu erfüllen. Die Erkrankungen in den jüdischen Zentren der llkraine haben ungeheuerliche Dimensionen angenommen. Es genügt, darauf hinzuweisen, daß unter der vierzigtansendköpfigen jüdischen Bevölkerung der landwirtschaftlichen Kolonien im Laufe der zweiten Halste des Jahres 1023 16 276 Kranke registriert wurden. In Cherson, wo die jüdische Bevölkerung 30 000 Köpfe zählt, hat die Poliklinik der JDfe" 11446 Kranke ausgenommen. In der letzten Zeit hat die Malaria einen großen Umfang angenommen. Die Malariaepidemie hat im Jahre 1923 allein im Gouvernement Odessa 82190 Personen betroffen. In den jüdischen landwirüchastlichen Kolonien ist fast die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung an Malaria krank. Diese bedrohliche Zunahme der Erkrankungen erfordert ein energisches und planmäßiges Eingreifen der organisierten jüdischen Gesellschaft und Schaffung eines Netzes von Anstalten, die den Kampf für den Gesundheitsschutz des jüdischen Volkes aufnehmen könnten. Die Gesellschaft für Gesundheitsschutz der Juden, „Ose", vereinigt um diese Arbeit eine Reihe von Organisationen in verschiedenen Ländern. Auf einer Weltkonferenz im August 1938 waren die Resultate einer mehr als zehnjährige» Arbeit der JDfe" festgestellt, und ein Weltverband der Gesellschaften für Gesundheitsschutz der Juden wurde tzefchaffen. Die Arbeit wird durch die Zentralverwaltung geleitet. Das Ehrenprästdium des Weltverbanöes „Ose" besteht aus de» Herren Prof. Albert E t n st e t n und Geheimrat Prof. ». Wassermann lDeutschland), Prof. Besredka ^Frankreich), Dr. Redeliffe N. Salaman (England). Die „Ose" führt die Arbeit im Geiste einer planmäßigen Wiederherstellung der Volkskräfte. Sie unterhält eine Reihe van Anstalten für den Gesundheitsschutz und fördert zugleich -ie Svlbfttätigkeit der jüdischen Massen auf diesem Gebiet. In den Mittelpunkt ihrer Wirksamkeit stellt die „Ose" die Versorgung von Kindern und überhaupt von den schwächeren «nd schutzlosen Elementen der jüdischen Bevölkerung — Waisen, Kranken usw. Die «Ose" entwickelt ihre Tätigkeit in allen Ländern Osteuropas, in erster Linie aber in der Ukraine, wo sic bereits eine große und verantwortungsvolle Arbeit geleistet hat. Vom 1. April bis 31. Dezember 1923 haben 13 Am- Lulatorieu und Polikliniken der „Ose" 210 000 Kranke ausgenommen. Ferner hat die „Ose" sechs Sanatorien für 878 Kinder (die Kinder haben 6—6 Pfund durchschnittlich zugenommen), neun Krankenhäuser mit 120 Betten für 3880 Kranke, 16 Krippen für 688 Kinder in den jüdischen landwirtschaftlichen Kolonien usw. geschaffen. Alle diese Institutionen führen einen hartnäckigen Kampf M« Gesundheit der jüdischen Bevölkerung. Gegenwärtig »» öie «Ose vor weitere, ebenso dringliche wie bedeutungslose Aufgaben gestellt. Außer der bisherigen sanitärmedizinischen Hilfe erwächst jetzt für sie die Notwendigkeit, die Quellen des Volksorganismns: die Mutter und das Kind gesund zu erhalten. Die gesamte Hilfsarbett der „Ose" ist aber jetzt von einer schweren Gefahr bedroht: der Gefahr eines finanziellen Zusammenbruches. Die zentralen jüdischen Hilfsorganisationen. welche bis jetzt die Arbeit der „Ose" unterstützten, haben ihre Tätigkeit teils aufgegeben, teils bedeutend eingeschränkt. Ohne rechtzeitige Hilfeleistung seitens der breiten Schichten der jüdischen Gesellschaft müßte die gesamte Arbeit stillgelegt werden, und das schwererprobte ukrainische Judentum würde dieses Versäumnis mit dem Leben von Tausenden bezahlen müssen. Die „Ose" sieht sich daher veranlaßt, sich au die jüdische Gesellschaft mit dem Ersuchen zu wenden, ihre Mitwirkung für die Erhaltung und den Ausbau ihres für die russischen und namentlich ukrainischen Juden lebenswichtigen Werkes zu gewähren. Wir hegen dabei die Ueberzeugung, daß die deutsche Iudenheit, die stets eine führende Rolle im Hilfswerk für das russische Judentum hatte, auch in der gegenwärtigen Krisis, trotz der eigenen schweren Sorgen.' die schwerbetroffenen Brüder und Schwestern in Rußland nicht im Stich lassen wird. Gilt es doch die Rettung von Leben und Gesundheit hunderttausender Juden! Gilt es doch, die schlimmsten Gefahren abzuwenöen von Hartgeprttften. die bereits Unsägliches erlitten haben! Werbt neue Leser für die «Jüdisch-liberale Zeitung" 8 Aus den Gemeinden. Iß Berlin. Eine Sitzung der Repräsentanten der jüdischen Gemeinde fand am 6. Juni statt, ans deren Verhandlungen die folgenden Erörterungen von besonderem Interesse sein dürsten: Seit einigen Jahren hatte die Frage, ob den Orthodoxen ein besonderes Leicheufeld zu bewilligen sei, auf dem keine Aschenreste oder uichtjüdische Frauen beigesetzt werden sollten, die Gemüter heftig bewegt und schock mehere Riale die Repräsentanten beschäftigt. Nachdem diese es endlich gegen die Stimmen der Liberalen bewilligt hatten, hatte der Vorstand seine Zustimmung versagt. Als in der vorigen Sitzung bei der Ordnung der Kasualgebühren für die Rabbiner die Position „Predigt im Krematorium" von der vereinigten Rechten abgelehnt und daher vertagt worden war, stellte cS sich heraus, daß der Vorstand der Gemeinde inzwischen die Friedhvssvrdnung dahin geändert hatte, daß ein neuer Paragraph eingeschaltet war, durch den das Leichenfeld stillschweigend ohne Mitwirkung der Repräsentanten zur Wirklichkeit geworden war. Daneben aber hatte man einen anderen Paragraphen eiugefügt. durch den ein Urnenhain gesichert war. Es hatten dabei, wie sich aus den Verhandlungen in der heutigen Versammlung herausstellte, allerhand Kompromißvcrhandlungen zwischen dem Vorstand und den Konservativen stattgefnndcn, von denen die Liberalen nichts mußten. Jetzt machten die Parteien auf der rechten Seite ihre Zustimmung zu der Position „Krematorium" davon abhängig, daß die neuen Paragraphen für alle Zeiten festgelegt werden sollten, so daß der Vorstand sie nicht einseitig abäudern dürfte. Dieser Antrag wurde auch angenommen, nachdem besonders Iustizrat Sonnenfeld nachgewiesen hatte, daß der Vorstand nicht befugt sei. einseitig die Friedhofsordnung zu erlassen oder abzuändern. Bon anderen Vorlagen war noch besonders wichtig die Regelung der (Behälter für die Beamten der subventionierten Gemeinden. Hierdurch werden diese Beamten in eine gewisse Unabhängigkeit von den Vorständen der kleinen Gemeinden gebracht und ihre Anstellung der Aufsicht der großen Gemeinde mehr unterstellt. Der Freien jüdischen Volkshochschule wurde eine, leider viel zu kleine, Subvention bewilligt, die nur aus taktischen Gründen nicht abgelehnt wurde. Da man aber auf allen Seiten des Hauses derselben Meinung war, so wird der Vorstand hoffentlich auch dem allgemeinen Verlangen nachgeben. In der geheimen Sitzung wurde die Pensionierung einer Anzahl von Beamten, die über 66 Jahre alt sind, ausgesprochen und außerdem die Entlassung einer größeren Anzahl von Beamten, mit denen ans dem Wege gütlicher Verhandlnngen ein freiwilliges Weggehen vereinbart worden war. Sie erhalten zum Teil recht erhebliche Entschädigungen. Die Gemeindeverwaltung hofft, jetzt mit einem kleineren Beamtenkörper anskommen zu können, unter der Voraussetzung, daß jeder Angestellte seine Pflicht aufs Beste tnn wird. Breslau. Vom 22. bis 24. Juni findet hier der sechste Verbandstag des Eentralverbandes jüdischer Handwerker Deutschlands E. V. statt. Bei der Tagung werden u. a. folgende Referate gehalten werden: Rechtsanwalt Jacobsobn (Breslau): Wiederanfban und Kreditbeschaffung. Goldberg (Köln): Die Bedeutung der Frauengruppen in den Hanöwerkerverbänden. Goldmann lHannover): Gemeindepolttik. Breslau. Am 4. Juni beging Frau Rudolftne Haber die Feier ihres 80. Geburtstages. Die Jubilarin hat sich auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege vorzügliche Verdienste erworben und ihrer wohltätigen Gesinnung allezeit Ausdruck vergehen. Möge der Genannten, die auch stets unseren Bestrebungen wärmstes Interesse entgegengebracht, ein sonniger und heiterer Lebensabend beschieden sein. Am 14. Juni begeht Herr Eduard Sachs mit seiner Gattin die seltene Feier der diamantenen Hochzeit. Wir haben die hervorragenden Verdienste des Jubilars erst kürzlich aus Anlaß seines 90. Geburtstages gewürdigt. Für heute wollen wir dem Jubelpaare unsere herzlichsten und aufrichtigsten Glückwünsche hiermit zum Ausdruck bringen. Haynau. Bor dem hiesigen Amtsgericht fand ein Prozeß gegen den verantwortlichen Schriftleiter der „Hayncmcr Nachrichten", Alfred Kühn, statt. Gegenstand der Verhandlung bildete eine Notiz in der genannten Zeitung, iu der behauptet ivurde, daß die Kommunisten nächtlich in der Synagoge Versammlungen abhalten, und das; die jüdischen Mitbürger Gelder für den Kampffonds der kommunistischen Jugend gezeichnet hätten. Neben der Anklagcbehörde waren die jüdischen Bürger als Nebenkläger zugclasserr. Nach der Beweisaufnahme, die die Haltlosigkeit der Anwürfe der Blätter ergaben, führte der Vertreter der jüdischen Bürger, J-uftizrat Frvnzig. aus, cs sei bedauerlich, daß der eigentliche Urheber, Herr v. Schweinitz, nicht anwesend sei, der sich ausgelassen haben soll, koste es, was es wolle, er werde die ganzen Kosten bezahlen. Iustizrat Frvnzig erklärte, cs befinde sich viel Material in den Händen der Nebenkläger, daß Herr v. Schiveittitz darauf ausgcht, „einen kleinen Pogrom zu inszenieren", wie er dies selbst sagte. Der Staatsanwalt beantragte 14 Tage Gefängnis. Das UrteM lautete auf 1000 Mark Geldstrafe und Publikation des Urteils in einigen Zeitungen. Landsbern a. W. Am 0. Juni vollendete Herr Siegfried Cohn, der seit beinahe 30 Jahren dem Vorstand der hiesigen Synagogengemeinde angehört, in geistiger Frische und körperlicher Rüstigkeit, sein 80. Lebensjahr. Her Cohn, der seit langem das Amt eines Synagogenvorstehers mit treuester Pflicherfüllnng und vorbildlichem Eifer ausübt, wurde anläßlich dieses Tages in der Synagoge beim Festgottesdienst besonders geehrt und es wurden ihm von der Gemeinde zwei Thora-Mäntel mit einer Erinnerungsinschrift überreicht. Leipzig. Vom Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde wird mitgeteilt, daß der alte Gemeindevorstand beschlossen hat, von der Einholung eines Gutachtens zur Prüfung der Wahlproteste abzusehcn und der Berufung gegen die Entscheidung des Wahlausschusses nicht stattzugeben. Die neue Gemeindevertretung wird nunmehr am 18. Juni zur Wahlversammlung behufs Konstituierung der neuen Gemeindckörperschaften zusammen treten. Stuttgart. Boi den am 18. Mai gehaltenen Wahlen zur israelitischen Landesversammlung wurden die nachstehenden Abgeordneten und Ersatzmänner gewählt: Als Abgeordneter der Rabbiner des Landes: Rabbiner Dr. Berlinger in Hall, Ersatzmann« Rabbiner Dr. Kahn in Mergentheim: als Abgeordneter der Religionslehrer des Landes: Oberlehrer a. D. Preßburger in Creglingen, Ersatzmann Oberlehrer Rothschild in Eßlingen: als Abgeordnete -er israelitischen Religionsgemeinden: im 1. Wahlbezirk (Stadtrabbinat Stuttgart): Ministerialrat Dr. Otto Hirsch, Leopold Kahn, Siegfried Kahn (Cannstatt), R.A. Dr. Henry Lepmann, Julius Rothschild, R.A. Dr. Heinrich Wolf. Fräulein Natalie Feldmann: als Ersatzmänner: Landgerichtsdirektor Stern, Artur Sänger. Julius Friedmann, Frau Dr. Hilde Adler, Hugo Kahn. R.A. Dr. Mainzer II, Frau Berta Bach: tut 2. Wahlbezirk (Bezirksrabbinat Stuttgart, Rabbinate Göppingen und Oberdorf): Religionslehrer Emanuel Adler in Cannstatt, Salomon Ottenheimer in Göppingen: Ersatzmänner: Gustav Mayer in Gmünd, Max Dreyfus iu Ludwigsburg: — im 3. Wahlbezirk (Rabbinate Ulm, Laupheim, Bnchau): Rabbiner Dr. Straßburger in Ulm, Franz Moos in Buchau: Ersatzmänner: R.A. Dr. Gunrp in Ulm, Benno Hemnann in Lauphoim: — im 4. Wahlbezirk (Rabbinat Hoilbronn): R.A. Dr. Gumbel, Dr. med. Würzburger: Ersatzmänner: Js. Israel, Hermann Wollenberger, sämtlich in Heilbronn: — im 5. Wahlbezirk (Rabbinate Hall und Mergentheim): Moses Herz in Hall, Berthold Stein in Crailsheim: Ersatzmänner: A. Adler in Mergentheim, Kauders in Oehringen: — im 6. Wahlbezirk (Rabbinat Horb): R.A. Dr. Hayum in Tübingen, Hermann Kahn in Baisingen; Ersatzmänner: Simon Weil I in Rexiugen, Juda Rothschild in Rexingen. Wien. Im 41. Lebensjahre starb hier in einem Sanatorium am Dienstag, den 3. Juni der Prager Dichter Franz Kafka. Seine wenigen Werke, die im Kurt- Wvlf-Berlag. München, erschienen sind — unter ihnen sind: „In der Strafkolonie". „Das Urteil", Ein Landarzt" zu nennen —, berechtigten zu den höchsten Hoffnungen. Seine Produktivität war durch cm überstarkes kritisches gehemmt. Kafka, der der zionistischen Bewegung nahe stand, brachte dem jüdischen Problem stärkstes Interesse entgegen. Seine Werke aber atmen den Geist der deutschen Sprache, wie dies jüngst einer der bedeutendsten deutschen Dichter, Hermann Hesse, der Autor des „Demian" mit Recht festgestellt hat. |gj Aus der Bewegung, jffj ... Berlin. (Jüdisch-liberaler Jugendverein zu Berlin E. V) Am Donnerstag, den 22. Mm. hielt Herr Julius Bab in einer sehr gut besnchten Veranstaltung einen Vortrag über „Rembrandt und Spinoza". Ausgehend von einer Schilderung des noch heute in seiner Eigenart bestehenden Amsterdamer Iudenviertels schilderte er den Lebensgang der beiden für ihre Zeit vielleicht bedeutendsten Erscheinungen des Geistes. Wie Spinoza vom ungebttndigten Trieb nach wissenschaftlicher Forderung und nach Wahrheitserkentnis die Fesseln des traditionellen Judentums abstreifen mußte, so war der Weg Rembrandts der umgekehrte: aus künstlerischem Erfassen von allen noch so verschiedenen Stoffen gelangte er zur eigenartigen Beschränkung, nur noch Gestalten ans dem Ghetto zu malen und zu zeichnen. Sv ist es einmal der deutsche Geist, der auf Spinoza anziehend gewirkt hat, während sich Rembrandt zu jüdischem Geist und jüdischem Wesen hingezogen fühlte. Vielleicht — damit schloß der Redner — spiegelt sich am tiefsten in diesen beiden Menschen das Verhältnis von Deutschtum wieder. Großer Betsall dankte Herrn Bab für seine interessant^, oft auch humorvollen Ausführungen. & Elberfeld. Nach längerer Pause hatte die Ortsgrupp? der Vereinigung für das liberale Judentum zu einer Sitzung am Dienstag, den 27. Mai, eingeladen. Rechtsanwalt Stern, unser rühriger und verständnisvoller Führer, hatte es unternommen, durch einen Vortrag über liberales Judentum und liberale Organisation das Interesse für die liberale Vereinigung neu zu beleben. Im Lokal der Loge hatten sich diejenigen Gemeindemitglieber eingesnnden, die bereit sind, am Neubau der Ortsgruppe tcilzunehmen. Rechtsanwalt Stern führte etwa folgendes aus: Die liberale Vereinigung ist kein Zusammenschluß zum Kampf gegen anders Denkende, sie ist eine positiv-jüdische Bewegung, die tätige, schaffende Mitglieder zum Aufbau des Judentums will, sie will Empfang, Verarbeiten und Fortpflanzen des Judentums. Zur Stellung der liberalen Vereinigung zum Nationaljudentttm führt der Redner ans: Die zionistische Bewegung schließe die Mitglieder nicht durch geistig-sittliche Bande zusammen, sondern durch politisch-wirtschaftliche Ziele. Die verlorene Vergangenheit und das politisch-wirtschaftliche Ziel zur selbständigen Gemeinschaft im Lande der Väter halte die Nationaljnden zusammen. Das liberale Judentum lehne den reinen Nationalismus ab, nehme dagegen eine andere Stellung zur Palästinabesiedlnng ein. Die Stellung des liberalen Judentums zur Orthodoxie sei entgegengesetzt der Einstellung der gesetzcStrencn Inden, alle göttlichen Gebote für göttliche Befehle zu halten und keine Kritik anzulegen. Der Redner betont, daß auch der liberale Jude in den Gesetzen das wertvolle Gut einer (Gemeinschaft sieht — aber für ihn ist die Thora nicht grundlegend, sic ist nicht die übernatürliche Offenbarung, die Mose empfangen hat. sondern sie ist eine religiöse Ueberzeugung, die besondere Empfänglichkeit für die religiösen Ideen, die besondere Aufopferungsfähigkeit für religiöse Ideale. Die Thora enthält religiöse, ästhetische und ethische Werte. Diese werden beachtet und befolgt, nicht weil geboten, sondern weil wahr. In der Praxis wirkt sich für den liberalen Juden sein religiöses Empfinden im Gottesdienst, im häuslich-religiösen Leben, Halten der Feste aus, aber nicht, weil überkommen von den Vätern, sondern sie bedeuten ein Aufnehmen in uns und Verarbeiten. Unser Empfinden wollcuc wir vor Gott aussprechen, und zwar in Formen, wie sie jeder Generation gemäß sind. Das Judentum ist göttlichen Geistes, aber es ist Menschenwerk Was dem Menschen vor Jahrtausenden Gefühl war, entspricht nicht mehr dem Fühlen von heute, Revolutionen. Entwicklungen gab es immer. Was früher Melocho (Arbeit) war, ist es durch Errungenschaft der Technik, der Entwicklung überhaupt nicht mehr. Dies ist aber von allen Weisen anerkannt, Jvchanan ben Sakkai änderte nach der Tempelzerstörung manches. Herr Rechtsanwalt Stern wünscht, daß die Rabbiner der Welt einmal zusammentreten würden, um die Gesetze — um das Judentum in seinen Geboten, Formen dem Heute entsprechend zu ändern. In der Anpassung an das Heute setzt das liberale Judentum ein. Selbstverständlich kämpfte das liberale Judentum aus diesem Streben heraus für die Erlangung des Frauenwahlrechtes. Es will die Gleichberechtigung der Frau (Aenderung des Ehescheidungsrechtes, Frau Trägerin der religiösen Ideale als Mutter). Die liberale Vereinigung wurde gegründet, um den zahllosen Menschen die Möglichkeit der religiösen Betatrisuno

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