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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-06-13 · 18 (13.6.1924) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
18 (13.6.1924)
Date
1924-06-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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GeLüMüsrede -ei der Trauerfeier ,»ir Mü Frank-Wolfs ^e hatten mn 5. Juni 1924 , v'v.:' VOM i^::i tLl"'; Ludwig Fulda. Wehimttsvvll trete ich an diese Bahre, um unserer lieben, aUverehrten Utta Frant-Wolff einen schmerzlichen Abschiedsgrus; nachzuvusen. Schmerzlich ist dieser Abschied, denn er gilt einem 'ungewöhnlichen, Reichtum verschenkenden Leben,' und doch ist er auch wieder versöhnlich, denn dieses Leben ist gelebt worden bis hart an die Grenze, die menschlichem Erdendaseiu durch ehernes Naturgesetz vorgezeichnet bleibt, und all' seine Blüte durfte sich ausreifen zu dauerndem Fruchtgewinn. Nicht als würde dadurch der Verlust geringer, die Trennung leichten — im Gegenteil, je mehr sich ein Leben vollendet, einen desto größeren Wert bedeutet es für seine Nächsten als zuverlässiges Vorbild, als zusammenfassender Halt, als schirmender Hasen, als Licht und Wärme verbreitender Mittelpunkt. Licht und Wärme, die ewigen Urquellen alles Lebendigen, was könnte sie ersetzen? Me es für die Erde nur eine Sonne gibt, so gibt es für den Menschen nur eine Mutter, aber die sonnenhafte Mütterlichkeit der Frau, um die wir klagen, warf ihre erquickenden Strahlen noch weit hinaus über den Kreis der Ihren,' denn zu seltener Wirkungskraft vereinigte sich das Licht Ihres Geistes mit der Wärme Ihres Herzens. Eine Säule des geistigen Alt-Berlins, eine der wenigen, die noch ungebeugt und ungeborsten standgehalten haben bis in die gründlich verwandelte Gegenwart, schwindet mit ihr dahin, die klassische Zeugin und verdiente Mitspielerin einer Zeit, die vielleicht nicht größer war als die heutige, aber sicherlich harmonischer und heiterer und namentlich ständiger wnrzelnd im Boden der Ueberlieferuug. So hat sich dann auch Ulla Wolfs-Frank immer als ein Glied der Kette gefiihlt, nicht nur in der Kette der allgemeinen Knltnrentwicklung, auch in der eines besonderen Geschlechts, das ihr die Geistigkeit als ein Erdteil in die Wiege gelegt hat. Sie beherzigte zeitlebens das Goethe-Wort: ,Mohl dem, der seiner Väter gern gedenkt", und sie war berechtigt es zu beherzigen, hat doch derselbe Goethe khren Ahnherrn, den rühmlich bekannt gewordenen Gottesmann Akiba E g e r einer ehrenden Erwähnung gewürdigt, war doch ihr Vater ein weithin angesehener Religionsphilosoph. Aber wenngleich sie in erster Ehe ebenfalls einen; Geistlichen die Hand gereichte, so schlug doch ihre eigene Begabung früh ins Weltliche, ins Dichterische um. Kein geringerer, als der damals allmächtige Theatermonarch Heinrich Laube, leistete ihren Anfängen Patenschaft, indem er sie zu dramatischen Versuchen ermutigte und mehrere von ihr verfaßte Stücke sind unter seinen Fittichen über zahlreiche Bühnen gegangen. Dennoch erkannte sie bald, daß das eigentliche Hcrrschgebiet ihres Talentes die epische Dichtung war. Aus dem unerschöpflichen Born der Phantasie entströmten ihr eine lange Reihe von Erzählungen, die zum größeren Teil zuerst im Berliner Tageblatt erschienen und von denen „Der Kampf ums Glück" wohl die erfolgreichste war, während ihre Geschichten aus dem jüdischen Leben, wie „Der Patriarch", „Feine Seelen" in der meisterhaften Beherrschung des vertrauten Stoffes vielleicht den Gipfel ihres Könnens bezeichnen. Wie viele von ihren unzähligen Lesern mögen damals geahnt haben, daß hinter dem männlichen Pseudonym Ulrich Frank eine Frau sich verbarg? Ihre Werke erinnerten ja durch keinen noch so nebensächlichen Zug an die Blaustrumpsliteratur. In der Fülle der Anschauung, in öerSchärfeder Charakteristik, in der Ehrlichkeit und Kühnheit der Darstellung mochten diese Werke mit denen ihrer männlichen Rivalen getrost wetteifern, und weiblich war darin nur die Güte, die alles versteht und verzeiht. Trotzdem wurde sie durch diese nicht gehindert auch mit klirrenden Waffen auf den Plan zu treten, wenn es den Kampf um ihre Ideale galt. Als ausgesprochene Kampfesnatur beschränkte sie sich nicht auf die vornehm zurückhaltende Lyra, als eine der ersten Journalistinnen schwang sie die geschärfte Feder zum Tagesstreit, stand sie ihren Mann ebensogut in künstlerischer, wie in politischer Fehde, focht sie tapfer gegen das Ueberlebte, half sie dem neuen Werdekräftigen zu siegreichem Durchbruch. Doch der Schreibtisch genügte noch nicht ihrem sprühenden Temperament. Dieses verlangte danach, in unmittelbarem Austausch Anregungen zu empfangen und auszuteilen. Als junge Witwe zu Anfang der 70cr Jahre nach Berlin übergesiedelt, hatte sie bald um sich einen Kreis geschaffen, worin kaum einer von den Trägern der besten literarischen und kiinstlerischen Namen fehlte. Mehr noch! Nicht allein die Augelangten und Anerkannten trafen bei ihr einen gastlichen Herd und eine Stätte ■ edelster Geselligkeit, auch die Jüngeren, die Ringenden, zog sie mit dem Blick unfehlbarer Auslese heran und gewährte ihnen selbstlose, neidlose Förderung. Ein Geist, der von solch' echtem Feuer durchglttht wird, kann zwar alt, aber nicht kalt werden. Bis in die letzten Jahre hinein verfolgte sie mit nngeschwächter Leidenschaftlichkeit alles, was in der künstlerischen und politischen Welt vorging. Mit der unbeirrbaren Treue zu ihrem Stamm und zu ihrem angestammten Glauben verband sie die tiefinnige Liebe zum deutschen Vaterland. Eben deshalb hat das fruchtbare Jahrzehnt, das ihr Letztes sein sollte, ihren Lebensabend schwer rmrschattet, ohne sie jedoch «t Deutschland« Zukunft irre machen zu können. Wo aber, kein Schatten hingeLangen, keiner verharren konnte, das war btt Bezirk ihres Heims, weil ja -er von ihrer eigenen Wärme Übersonni wurde. Die höchste unter ihre» mannigfaltigen Gaben war die köstliche Gabe, Mutte« zu fein; in -er hingeben-en Liebe, -ie sie ihren Kindern widmete, erhob ste sich zur Menschenbildnerin auch in diesem kostbarsten Material. Sie erzog sie nicht nur, sie formte sie wie mit schöpferischer Künstlerhand, blieb ihnen auch, nachdem sie erwachsen waren, -ie helläugige, großherzige Beraterin und Führerin, Freundin, hütete für sie -en Hausaltar, an dem ste Kinder blieben und stets von neuem sein durften. Die gedeihliche Saat, -ie ste derart ansstreute, hat sie reichlich zurückgeerntei, beglückt durch das Glück ihrer Kinder, zu dem sie den Grund gelegt und das sie ihr, vergalten. Sie sah ihre beiden Söhne zu Männern werden, -ie in öffentlicher Wirksamkeit sich eine hervorragende Stellung und einen weithin geachteten Namen errangen,' sie sah -ie besonders zärtlich geliebte Tochter in herzerfreuendem Bund geborgen, sah das Heranblühen verheißungsvoller Enkel und hat es mit frohem Dank als letzte Schicksalsgunst empfunden, noch ein Urenkelkinans ihrem Schoße wiegen zu dürfen. Wer nichts von dieser Frau wüßte, -em würde ihr ganzes Wesen, der ganze Kern ihres Erdenwallens offenbart in den zwei kurzen Briefen, die ste den Ihrigen als Vermächtnis hinterlaffen hat. Da stehen die knappen Urworte der Mutterliebe, der Menschenliebe, wie in Erz gegraben: „Ich war sehr glücklich mit Euch und durch Euch. Haltet fest zusammen, bleibt gut, seid fröhlich und zufrieden und geistig hochgemut" und dann zum Schluß: „meine Erkenntnis vom Sinv des Lebens ist: „die höchste Güte ist die tiefste Weisheit .." — Güte und Weisheit — so fließt für sie auch in diesem Selbst-Epiteph Wärme und Licht in eins zusammen. So war dein Scheiden, Ulla Wolff- Frank und so scheiden nun wir von dem, was sterblich bei Dir ist. Die Flamme, von der, diese Seele ein Teil gewesen ist, wird es verzehren, wird es verklären. Dein Gedächtnis aber —- Licht und Wärme — fort und fort wird gesegnet sein immerdar. Ruhe in Frieden! Am 6. Juni wurde Ulla Wolff-Frankfurter zur letzten Ruhe geleitet. In der sehr zahlreichen Trauerversammlung im 5brewatorium Wilmersdorf sah man die Vertreter von Kunst und Literatur, die Vertreter des geistigen Deutschlands und des Wirtschaftslebens. Man bemerkte Hermann Liebermann, Georg Engel, die Intendanten Iessner, Baron Holthoff, von Mutzenbecher, Geh.-Rat. Winter, Direktor Haller für den Verband der Deutschen Viihnenleiter, Heinz Tovote, Georg Bernhard u. a. Stimmungsvoller Chorgesang und Ahasver. Bon Clementine Krämer. Ahasver ruht ans kurze Zeit Bom Erdenleid. Und träumt Und lächelt. Im Traume lächelt leis Ahasvevus. Denn vor den Blicken, vor der Seele breitet sich Ihm sonnenhell und friedevoll das Land,' Und Gott steht bei ihm und spricht: „Scholom — Friede! „Für alle Völler" — spricht er — „kommt die Zeit des friedevollen Veieinanderwohnens, In aller Herzen und in aller Hütten: Friede! Scholom — der Friede, Scholom . . . Scholom — Friede." Noch lächelt Ahasver und wird nicht inne, Daß Spott und Grausamkeit sich schon verschwistern, Um also ihn aus Traum und Schann zu quälen: „Der Jude schläft, seht her, der Jude! Was mag er träumen wohl — dev Judcnbengel? Vielleicht, wie er die Gojim könnte prellen? — Drum lächelt er. Wach' auf, Du schmutz'ger Jude, wache auf! He, holla Du, träumst Du von Christengold . . .? Und ihre Augen glühn in bösem Leuchten, Und ihre Arme schwingen in den Lüften Und holen in Gedanken aus zum Streiche, Zum Streiche auf des armen Juden Haupt. Da hebt sich eine Frau und deckt Mit ihrem Leib den Schlafenden, Der so bedroht von Galt' und Geifer, Daß es gellend geistert Wie Mordbegicr und Totschlag in den Lüften. „Wev bist Du, schönes Weib," — die Blicke fragen, ,Mst Du des Juden Indenschicksel, sprich? „Bist Du am End'" — so witzeln ste, die ohne Mtz in (Wahrheit „Sein Judenschicksal, hinter das er sich verkriecht? „Dev schöne Weiber sich zu eigen zwingt, -er Feige?" u ihnen spricht die Frau: „Wer ist -er Feige? st es nicht der, der sich zufammenfin-et Mit neununöneunzig Feigen seines Schlags Und so zu hundert keck den Kühnen spielt? Und kühn dann einen Einzigen bedroht?" — Die Hundert konnten nicht den Juöen wecken, Doch diese Frauenstimme, ganz verzittert Und leis, weil Gram und Unmut schier die Kehle ihr verschnüren, Doch diese gute, stille Stimme weckt den Schläfer. „Ach," spricht er, und es kommt sein Blick Noch aus dem andern Land, Dem Land des weltentrückten Schlafes her - „Ach?" fragt mit traurigem Verwundern er, „Noch ist nicht Friede, wie ich ihn geträumt? Noch quälen sich die Menschen Tag für Tag?" Und er erhebt sich und er spricht zu ihnen. Die glüh'nden Hasses voll Mit Blick und Fäusten ihn bedrohn: „Sagt, warum haßt Ihr mich Und sic, die zu mir steht?" „Weil Du ein Jude bist, ein schmutz'ger Jude." „Und warum quält ihr diese gute Frau?" „Wenn sie von Dir läßt, quälen nur sie nicht." „Ihr haßt mich, weil ich Jude bin, Ihr quälet sic, weil sie den Juden liebt — Was tat der Jude Euch?" „Er hat den Herrn und Heiland uns ermordet, Er führt ein zweckhaft Leben, nur begierig Ans eig'nes Wohlergehn und ans Gewinn." Aufseufzt der Jude: „Wir sind alle Menschen Und selbstisch, klein, unedlen Freuden hingegeben, Und morden alle Tage die Besten unter uns/ Die uns erlösen wollen, Und tragen Haß — wir alle — in dev Brust. Erschlaget mich und hunderttausend Juden Und aberhunderttausend — und seht zu, Ob aus Gemeinem Edles auferblttht . . . Kehrt ein in Euern Seelen! Vielleicht gelangt Ihr dann dahin, daß Ihr Euch sschämt, Weil Ihr dem Haß gedient, anstatt der Liebe . . , So findet Ihr am Ende noch den Pfad, Der heimwärts führt, zu Eurer Seele Heil." Rönlgenbild des Antisemiten. Don Kurt Hiller. Die nachstehenden Ausführungen bilden ei$ms teil des Manuskript» de» Nr Monatsfrist erscheinend« Buches »Tic neue Partei, oder Politik der Synthese*. Antisemitismus — Jud en f reund lichkei t. Welche Alternative! Es ist, als wollte man die Leute -nüngen, gegen oder für die Pilze zu sein. Es gibt Fliegenpilze und c-3 gidt Ehamplgnons, und es gibt auch Arten, die ungenießbar, aber nicht giftig sind. Feinschmecker leben, denen uchts über ein Gericht Morcheln geht, und dann wieder solche, welche sogar die Trüffel verabscheuen. Andre ünd im Grunde Liebhaber der Pilze, trauen sich aber an keine Sorte heran livcil man nie wissen tonnet, und anstatt nun ehrlich einzngcstehcn: mir fehlt das Untcrscheidnngsvermöaen, oder: mir fehlt der Mut, mimen sie den arnndsählichen Pilzgegner. — Der Vergleich gesollt mir, und ich will ihn darum nicht zu Tode heben. Bei früherer Gelegenheit schlug ich vor, „Aaronsnden" und „Moscsndcn" zu unterscheiden, den Typ der Umtanzcr des Goldenen Kalbes und den kritisch-prophetischen. revolutionären, messianischen. den vom Geist, nämlich dem Geiste der Erlösung, besessenen Typ.*) Ich vergaß wohl hinznznsügen. daß in ihrer Reinheit beide Typen selten sind, wenigstens der zweite, und daß die Natur, hier wie sonst, in verschwenderischer Fülle Uebergänae und Mischformen geschossen hat. Worauf cs im Einzelsall ankommt, ist: welchem Typus der Wille zirstrevt. Der Jude geistigen Schlages, der den inneren Aaron zu bewältigen trachtet, wird damit zwar nicht zum Mose, aber da er doch zu ihm hintendicrt, erweist er sich, unter dem Gesichtspunkt des Geistes, als wertgleich dem geistigen Indvgermancn — welcher ja wohl, in der Mehrzahl der Fälle, ebenfalls kein Heiliger ist, sondern ein Mensch, in dessen Brust Gott und der Teufel ringen. *) Ich kannte damals noch nicht jene außerordentliche Stelle, die sich bei Heinrich Heine findet, in seinem Buch über Börne (1840), und die hier wiedergegeben sei: „In der Tat, die Inden sind aus jenem Teige, woraus man Götter knetet,- tritt man sie heute mit Füßen, fällt man morgen vor ihnen ans die Kniee: während die einen sich im schäbigsten Kote des Schachers herumwühlcn, ersteigen die andern den höchsten Gipfel der Menschheit, und Golgatha ist nicht der einzige Berg, wo ein jüdischer Gott für das Heil der Welt geblutet. Die Juden sind das Volk des Geistes, und jedesmal, wenn sie zu ihrem Prinzipc zurückkehren, sind sie groß und herrlich, und beschämen und überwinden ihre plumpen Dränger . . . Merkwürdige Erscheinung der grellsten Extreme! während unter diesen Menschen alle möglichen Fratzenbilder der Gemeinheit gefunden werden, findet man unter ihnen auch die Ideale des reinsten Menschentums, und wie sie einst die Welt in neue Bahnen des Fortschrittes geleitet, so bat die Welt vielleicht noch weitere Initiationen von ihnen zu erwarten.." AUSSTELLUNG: UNTER DEN LINDEN WERK: REINICKENDORF AUTOMOBIL- UND KAROSSERIEFABRIK A. G.

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