Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 18 (13.6.1924)
- Date
- 1924-06-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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MMWemkZrilmg Grgan der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle jährlich M. ifio Einzelnummer 0,20. Bet freier Zusendung i. Inland 0,25 Air die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis : u :: im Mitgltedsbeitrage enthalten. :: :: :: Lhefredakteur: Dipl..Ing. Bruno Doyda. vis jüdisch-liberale-Zeitung" erscheint jeden Srellag. Schriilieiiung und SsschüttsfleNe: VsrNn, (Vauersiratze22. Lernrut: ttml Merkur Nr. 8725 poftfd)echfeontoi Berlin IlW 7 Ilr.l 37069 (Vereinigung für Dos liberale luOentum) Na«hvru«k ffimtlicOer Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung Oer Redaktion geftattet! A»reige»preiset Die npHpOkm «oupareMezeVr (ML5 voldmart. die «eklamezeile S.00 Goldmark rr rr « dei Diederholungeu Radait. :: :r Anzeigenannahme: Dr. Richter & Co* G. m. b. Berlin 6 42, Alepandrinenstrahe 05/00, Fernsprecher DSnhoff 7265), sowie sämtlich« Annoncen-Lxpedttionen. Nr. 18 Berlin, 13. Juni 1924 4. Jahrgang Ulrich Stunt jnm Gedöchtuis. MS einer Erzählerin haben die Blätter der «rtschlafenen Ulla Wolfs-Frank in Ehren gedacht. Aber als Romandichterin war sie eben nur eine unter Vielen. Die erste deutsche Journalistin nannten sie andere, und die kamen damit der Besonderheit ihres Wesens und Schicksals schon etwas näher. Aber so viel fesselnde Erzählungen „U. Frank" auch geschrieben hat, durch so viel loüendurchflutete Romane sie sich auch eine dankbare Leserschaft gewonnen hat, das Epos ihres eigenen Lebens, bald sturmdurchbraust, bald breitbehaglich dahinströmend, und als sonnnberglänztes Idyll mildversöhnlich schließend, ist doch nur einer, kleinen Gemeinde von nächsten Freunden bekannt geworden. Und wäre doch so sehr des Nacherzählens, der Nachdichtung wert! , AuS dem glückdurchrvürmten Frieden eines Rab- Vinerhauses in Gleiwitz nahm dieses sagenbeglttckte Leben seinen Ausgang. Wie aus protestantischen Pfarrhäusern, so sind auch aus unseren Rabbiner- Wohnungen gar viele Persönlichkeiten von höherem Stil, von seltenen Gaben und Charakteranlagen hervovgegangen. Persönlichkeiten, die zu einem reichlichen Knlturgewinn für ihre Zeit und zu einem lang sich forterbenden Segen wurden. Bemerkenswert, ja auffallend ist es dabei, wie sich der Lehr- und Predigerberuf der Rabbiner ganz folgerichtig fortfetzt in ihren Kindern, die als Professoren und Schriftsteller ganz im väterliche» Sinne eben nur zu einer größeren Gemeinde und eindringlicher, in bleibender und nicht verfallender Rede sprechen. Die Philippson, Geiger, Aol, Jellinek, die das Kanzel-Wirken der Ahnen auf dem Katheder fortsetzten, haben sich eben auch im priesterlich-ernsten Schaffen als Lehrer und Führer gefühlt. Und dasselbe gilt von der schriftstellerischen Tätigkeit der Ulla Wolfs-Frankfurter, die in diesen Dagen, nach einem vielseitig fruchtbaren Leben, fünfundsiebzigjährig, sanft hirmberschlurmnerte. Als eine Aktba-Eger-Enkelin, Tochter des in Gleiwitz heute noch in ehrfurchtsvoll gesegnetem Andenken stehenden Rabbiners Dr. Hirschfeld, vermählte sich die auch geistig reich herangeblühte, vielnmworbene Ulla früh mit dem jungen Prediger Dr. Frankfurter in Bielitz. In jungen Jahren ist dieser Rabbiner, dem eine glänzende Laufbahn sich öffnete, dahingeschieden, aber heute noch, nach einem halben Jahrhundert, erhält sich sein Andenken in der hübschen österreichisch-schlesischen Stadt, besonders aber erhält sich die Erinnerung an Ulla, die, eine echte Rabbinersfrau, von reicher Ueberlieferung und hohen Idealen, dem Kulturleben wie der Wohlfahrtspflege, in der Gemeinde fruchtbare Anregungen gab. Früh verwitwet kehrte Ulla Frankfurter mit zwei Kindern im zartesten Alter nach Deutschland zurück und ließ sich in Berlin als — Schriftstellerin nieder. Daß ihr, bei aller literarischen Bildung und sprachlichen Gewandtheit die Feder einmal Erwerbsinstruwent sein würde — „Handwerkszeug" ist sie ihr nie geworden — das mochte sie vordem nie geahnt haben. Aber Pate stand bei dieser Berufswahl die zehnte Muse, vielleicht die fruchtbarste von allen — die Notwendigkeit. Novelle um Novelle entfloß der raschen Feder, Roman um Roman erblühte an ihrem Schreibtisch, farbenreiche Schilderungen der Berliner Gesellschaft. Ein leise mitanklagendes Element Molierscher Charakterschilderung und Sittenkritik fügte dem Unterhaltungswert der Romane einen Anziehungswert hinzu und machte die Erzählungen zugleich zu einem Zeitspiegel. So wurde die Feder — wie zentnerschwer! kann doch auch mitunter eine Feder sein! — zum Erhalter des behaglichen angenehmen Hausstandes, in dem eine einfache aber geistbegabte, heitere Geselligkeit sich entfaltete, zum Spender aller Mittel für die sorgsamste und gehobene Erziehung der Kinder. Die Blätter nannten de» einen oder anderen Roman, der ehedem in den Tagesblättern und dann in den Buchausgaben eine dankbare Leserschast ergötzte. Mer neben dem Aus dem Inhalt: I. Landau-Berlin: Ulrich Frank zum Gedächtnis. — Ludwin Fnlda-Berlin: Gedächtnisrede. — * * *: Juden als „nationale Verteidiger". — Die Judenordnnng. — Arthur Lilienthal- Berlin: Jugend und Neutralität. — Julius Falk-Köln: Kabbalistisches. * Clementine Krämer-München: Ahasver. — Kurt HiLer-Berlin: Nöntgenbild der Antisemiten. — Ulrich Frank: Abraham Friedsohn. * Ans den Gemeinden. — Ans der Bewegung. — Der jüdische Sprechsaal. — Bücherschau. — Bersammlnngskalender. — Kalendarium. Die dkumeru5-cIau8U8-Bewegung. Die studentische Vertretung der Berliner Universität hat ans Grund eines Beschlusses des Stuöenten-Parlaments beim Kultusministerium den Antrag gestellt, die religiösen Verhältnisse der Studierenden dadurch statistisch zu erfahren, daß ihnen die Verpflichtung auferlegt wird, ihre Zugehörigkeit zu oiyer Religionsgesellschaft anzugeben. In der betreffenden Versammlung des Studentenausschusses und des Studentenparlaments wurde ausdrücklich betont, dass diese Statistik das Material für eine I^uMsrus-elLusas-Bewegung an der Berliner Universität liefern soll. Das Ministerium hat jetzt erwidert, der Antrag der Studentenschaft sei mit dem Artikel 136 der Reichsverfaffung nicht vereinbar, da nach Absatz 3 jenes Artikels derartige statistische Erhebungen nur dann zulässig sind, wennn von der Zugehörigkeit zu einer Religionsgesellschaft Rechte und Pflichten abhängen oder diese Feststellung von einer gesetzlich angeordneten statistischen Erhebung gefordert wird. Da beide Voraussetzungen im Vorliegenden nicht zutreffen, könne dem Anträge der Studentenschaft aus verfassungsrechtlichen Grün den nicht entsprochen werden. Endlich! Gegen diejenigen Studenten, die den Pvlizeipräsekten angegriffen haben, als dieser die angegriffenen jüdischen Studenten schützen wollte, ist eine Strafverfügung erlassen worden. Einer der Studenten ist dauernd, vier sind für zwei Semester und einer für ein halbes Semester vom Universitätsbesnch ausgeschlossen worden. Gedenktag. Der deutsche Frauenausschuß zur Bekämpfung der Schuldlüge ist an den Allgemeinen Nabbiuerverband mit der Bitte herangctrctcn, daß am 28. 6. als am Tage der fünfjährigen Wiederkehr der Unterzeichnung des Dokumentes von Versailles in allen Synagogen zu gleicher Zeit mit den evangelischen und katholischen .Kirchen eine Trauer- und Gedenkfeier abgehalten werde. Der Allgemeine Rabbinerverband gibt allen Gemeinden, Rabbinern und Lehrern von dieser Bitte Kenntnis und empfiehlt dringend, ihr zu entsprechen. Die Geschichte der Juden in Chicago. Die jüdische Gesellschaft für Geschichte hat soeben ein Buch „Die Geschichte der Juden in Chicago" erscheinen lassen, die 76 Jahre zurttckreicht. auf die Zeit, da in Chicago bloß hundert Juden gewohnt haben. Die Zusammenstellung des Materials für das Buch dauerte zehn Jahre, die Gesamtkvsten belaufen sich auf 40 000 Dollars. Unfug. Unser Wiener Mitarbeiter Josef Grob macht uns folgende Mitteilung: Im großen Konzerthaussaale sprach vor kurzem der bekannte Zionist Wladimir Jabotin ski. Seine Ausführungen würden gewiß nicht dazu beigetragen haben. Neues über die zionistische Lage zu erfahren: denn die Kritik am Zionismus gehört zu den alltäglichen Erscheinungen. Neu ist bei Jabotinskis, des zionistischen Ludendorfs", Darlegungen der zionistische Militarismus. Wladimir Jabvtinski hat es sich seit einigen Jahren in den Kopf gesetzt. Palästina mittels einer jüdischen Militärmacht zu erobern. lAnm. d. Red. Es zeigt sich eben, daß der Zionismus nicht allein von der messianischen Idee wegführt, sondern daß er, wie jeder Nationalismus, den Keim des Militarismus in sich trägt. Wenngleich dies nicht im zionistischen Programm steht, bedurfte es eben nur der Kriegspsychose, um dies deutlich hervortreten zu lassen. Jäbotinski hat diesen Versuch, mit dem Säbel in der Hand einer jüdischen Truppe voranzuschreiten, sogar schon mit einer längeren Kerkerhaft büßen müssen. Aber auch dies scheint ihn nicht aus seinem aprophetifchen Traum erweckt zu haben.) gedruckten Titel hatte jeder Roman eine» «»geschriebenen. „Ein Semestev Heidelberg" für den älteren Sohn, das war der geheime Titel des etnen, „ein Teil Aussteuer für die Tochter", das war der ungeöruckte Titel eines anderen, ein Jahr Studium für den jüngeren Sohn — Ulla hatte sich inzwischen mit einem Jugendfreund aus Gleiwitzer Dagen verheiratet — das war Hauptaufgabe eines dritten — und so weiter. F a c i t indignatio versum hatte Cittft Juvenal gesagt, der Zorn, die Empörung dichtet. Hier sehen wir, wie auch die Liebe zum Dichter macht! Nun kann man das Dichten für die Dauer satt bekommen, aber es kann nicht lür die Dauer satt machen. Um für ihr Haus durch regelmäßige Einkünfte zu sorgen, wandte sich „U. Frank" — als erste Frau in Deutschland — der Journalistik zu. Mit einer musterhaften Gewissenhaftigkeit und einem zähen Eifer bediente sie ihre auswärtigen Blätter. Sie saß nach den Theateraufführungeu tief in die Nacht hinein am Schreibtisch, um ihre Kritik zeitig genug abzuliefern und verschmähte es nicht, selbst zum Abendzug auf den Bahnhof zu hasten, um ihren Nachrichten-Eilbrief aufzugeben. Ihre Liebe aber gehörte nach wie vor der Erzählung. In erster Reihe, und das ist für uns hier das wesentliche, dev jüdischen Erzählung! Kein Schriftsteller hat uns mit so viel Sachkenntnis und so innigem Verständnis in das äußere und in das innere, das Seelenleben der altgetreuen wie der in die moderne Welt einlenkenden neueren deutschen Juöenheit eingeführt wie „U. Frank". A. Bernstein hat uns in seinen klassischen Erzählungen von „Mtzndel Gibbor" und „Vögel der Magid" mit dem Posenev jüdischen Haufe bekanntgemacht. Leopold Ko mp er t schilderte in bewegten Erzählungen die Juden Böhmens, Karl Emil Franzos wachte uns in seinen lebensprühenden, farbenleuchtenöen Schilderungen mit den polnischen Juden vertraut, wie vor ihm schon Leo Herzberg-Fränkel. U. Frank aber führte uns in die jüdischen Familien Schlesiens und des angrenzenden Polen, wie in die dem Lichte der Großstadt, der Reichshauptstadt zustrebenden, ein. In Erzählungen wie „Simon Eichelkatz", oder „Der Mischpoche-Rentner" und so vielen anderen erschließt sie uns Lebensformen und Denkweise, Empfindungswelt und Charakter dieser in der Bedür>stigkeit noch überspannten und glückbegnadeten, im Reichtum und Wohlleben noch von den düsteren Schatten jüdischen Leids berührten jüdischen Welt. Lebte und atmete sie doch ständig in dieser Atmosphäre! Bon der Wand ihres Arbeitszimmers hernieder, leuchtete das Bildnis ihres Ahnen, Rabbi Akiba Eger, des großen Gelehrten und in der ganzen Judenheit heute noch innig verehrten Führers. Denselben Raum schmückt das Bild ihres Vaters, des Gleiwitzer Rabbiners Dr. Hirschfeld, das Güte und tiefe, überlegene, aber auch heitere Einsicht auszustrahlen scheint. Und eine Atmosphäre altjüdischer Familien-Ueberlieferung, der, in tieferem Sinne noch als dem Engländer, ihr Haus ihr Schloß ist, scheint die Räume mit dem wohligsten Behagen, zu erfüllen. Selten ein Haus, tn dem man den ererbten friedeatmenden, sagenspendenden Bätergeist so deutlich spürt. Darum haben sich in diesem gastlichen Hause Schriftsteller und Künstler, Angehörige unserer besten Gesellschaft, stets so wohl und heimisch gefühlt. Und dieses Haus wird, wie die Erinnerung so den Geist seiner nun ins Jenseits entschwebten Bewohnerin treu bewahren. Ist doch dieser Geist höhemvärtsstrebenden Empfindens, Denkens und Schaffens innig verwachsen mit dem Hause U. Frank und sind doch ihre Kinder die echten Erben der Familien-Ueberlieferung in dem Berufe, schriftstellerisch, in der Rechtsvertretung oder im Wohltun mitzuschasfen am Aufbau der Kulturmenschheit. I. Lauda».