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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-06-13 · 18 (13.6.1924) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
18 (13.6.1924)
Date
1924-06-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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fnu weihevoll,,3d 2tiU" durch rCcTuUilor Tovidsoiin ii:;; ^-■:>c vor.?.2lra-:en. leiteten die Feior ein. Hieraus lne!-. Vnd:.i,i Fn>.da mi dem von Blumen Velndeneu 2iu:,c d.e er.-,reisende Gedächtnisrede, die wir vorste!>er.d veer'l^--^vr-u. Dann sprach Overkantor Davidsopn ein liturgisches liebet und unter den LLlängen seines ö'esrngrs „Weinet nicht" sank der Sarg langsam in die JFfi. * * Iit unserer 7lr;nanveUage veröffentlichen wir ein Kapitel aus chSeine Seelen", das das Werk von Ulla Wolss-F-ranlsurter besonders gut charakterisiert. Iuarnd und Neutralität. Bon Arthur Lilicnthal - Berlin. Noch heute begegnet man, wenn man die ftvnnc der Gr Undung jüdisch-tiberaler Jugeudvcreiue mit älteren liberalen erörtert, vielfach, ziemlicher Verständnislosigkeit. Selbst liberale Führer ziehen mitunter neutrale Vereine, in denen die Jugend aller Richtungen vereint ist, vor, weil sie glauben, die Äugend von den „Parteistreitigkeiten" fernhalten zu sollen. Es dürste sich daher lohnen» dieser Furage wieder einmal einige Augenblicke der Ueberlegung zu widmen. Es ist noch nicht gar so lange her, das; mit Recht als ein hohes Ziel erschien, die jüdische Jugend überhaupt wieder au selbstbewußten Juden zu erziehen. Wenn es gelang, die jungen Menschen sich wieder ihres Judentums als eines Besitzes, auf den man stolz ist. bewußt werden zu lassen «nd das Streben nach jüdischem Wissen wieder in ihnen zu erwecken, so war das bereits ein großer Erfolg. Zum Erreichen dieser mehr äußerlichen Dinge waren neutrale Jugendvereine zweifellos geeignet. Jüdisches Selbstbewußtseiu und jüdisches Wissen sind durch gemeinschaftliche Beschäftigung junger Menschen mit dem Judentum auch dann, wenn ihre Auffassungen vom Judentum auseinandergchen, sehr wohl zu erzielen. Und in dieser Hinsicht haben die neutralen Jugendvereine sicherlich etwas geleistet. Heute aber sind wir zum Glück weiter: jüdisches Selbstbewußtsetn und Streben nach jüdischem Wissen sind nur die Grundlagen, auf denen die eigentliche Arbeit der Jugend und an der Jugend sich ansbaut. Das Ziel muß heute die Erziehung zu jüdischen Menschen sein, die innerlich von jüdischem Geiste erfüllt sind, für die das Judentum eine ihr Denken und Fühlen. ihr Wollen und Handeln einheitlich beherrschende Macht ist. Das kann es aber nur daun sein, wenn es nicht ein bloßes Nebeneinander von einzelnen Gedanken. Anschauungen und Gefühlen ist, sondern ein einheitliches, von einheitlichem Geist getragenes Ganzes. Soll es das sein, dann muß es ans einer einheitlichen, religiösen Borstellungs- und AnschanungSwelt ruhen. Dazu, das Judentum in diesem Sinne in jedem einzelnen neu entstehen zu lasten, können sich aber nur innerlich gleichgerichtete junge Menschen gegenseitig helfen. Denn es handelt sI, ja nicht darum, auf Grund der Auseinandersetzungen der Führer eine der vorgenannten Grnndanschauungen zu „wählen", sondern darum, in konscauenter Arbeit an sich selbst sich schließlich zu einer geschlossenen Anschauungs- und Borstellungsarbcit dnrchzuringcn. In solch einer Arbeit können sich aber nur Gleichstrebende gegenseitig fördern, und nur ihr gemeinsames Arbeiten kann zu einem Gemeinschaftsgefühl führen, das mehr ist. als die Gemeinsamkeit deS Bewußtseins Jude zu sein, nämlich ein wirkliches inneres Berdundeusein. Man wird vielleicht erwidern, daß es unjngendlich sei, wenn junge Menschen sich durch den Eintritt in einen nicht neutralen Jugendverein von vornherein in bestimmter Richtung sestlegen. Aber cs ist schwer einzusehen, wie eine geineinsame innere Arbeit der in geistiger und seelischer Eniwickiiuig befindlichen jungen Menschen sonst stattfinden soll, lind liegt es nicht in Wahrheit in den meisten Fällen so. daß die Grimdanschaimilg des einzelnen Menschen letzten Endes tief in seinen Anlagen begründet und daher Einflüssen kaum zngänglich ist? Ob jemand überhaupt orthodox oder liberal wird, hängt so sehr von seiner geistigen Eigenart ab, daß cs im allgemeinen schon im Kindesalter feststehen wird. Die Geistcswelt des religiös liberalen und die des orthodoxen sind so verschieden, daß ein Uebergang von der einen zur anderen zu den Seltenheiten gehört. Meist, wenn ein solcher Wandel stattzufinden scheint, gelangt entweder der Betreffende nun erst zu wahrer Klarheit über sich selbst, oder es handelt sich um haltlose und ganz besonders oberflächliche Menschen, deren Ansichten und Anschauungen überhaupt nicht tiefer verankert sind. Die Spielart der Anschauung allerdings, zu der der junge Mensch schließlich gelangt, ist von der Jntensivität seines seelischen und geistigen Arbeitens an ihr noch von äußeren Einflüßen abhängig. Aber die Grnndanschauung dürfte, um das noch einmal zu wiederholen, feststchen. Und ähnlich liegt die Frage der Entwicklung zum religiösen Inden oder wirklichen nationalen Juden. Der Unterschied ist nur der, daß es für den nationalen Standpunkt besonders leicht ist, schwächere Geister unter den Bann der Suggestion zu zwingen oder gar mit.Phrasen zu umnebeln. Es entsteht dann der Eindruck einer im tieferen Sinne gar nicht vorhandenen Bekehrung. Von wirklichem inneren Erwerben deS Nationalgefühls ist bei dieser Art von Bekehrten keine Rede. Es ist daher keineswegs ein Gebot „geistiger" Freiheit, diesen Einfluß auf die Jugend durch Verzicht auf liberale Jugendvcreine frei wirken zu lasten. Wer wirklich National- Jude aus innerem Bedürfnis ist oder werden muß, wird auch zum National-Jndentum gelangen. Umgekehrt — da sei hier nebenbei bemerkt — kann uns an der Gewinnung, liberaler Juden lediglich durch solche Suggestion nichts liegen. Auf der Grundlage dieser festen Anschauung erst kann die Arbeit der Jugendvereine beginnen. Jüdisches Wissen, die gedankliche Verarbeitung der jüdischen Lehren, das Eindringen in das Gefühlsleben des Judentums, soll in der Regel, und nur auf den Regelfall können wir uns grund-, sätzlich einstellen— vorhandene geistige Kräfte entwickeln. Sie werden nur dann zu einer dauernden geschlostenen Anschauung von Judentum und zu einer Durchdringung mit einheitlichem, jüdischen Geist führen, wenn sie einen Widerklang in der Serie finden. Im gewissen Umfang muß die Entwicklung zum liberalen Juden eine Entwicklung zu sich selbst sein. Und zu einer solchen Entwicklung zu sich selbst können sich nur im letzten Grunde Gleichgerichtete gegenseitig helfen. Es ist aber auch nicht schwer, sich an einzelnen praktischen Fällen klarzumachen, daß ein gemeinsames Arbeiten der verschiedenen Richtungen im Jugendverein nicht das erreichen kann, was wir als dessen Aufgabe erkannt haben. Eine religiöse Feier etwa, gemeinsam vor liberaler und orthodoxer Jugend begangen, kann in der Regel gar nicht alle Teilnehmer, gerade, wenn sie wirklich ehrlich sind, voll befriedigen, kann deshalb auch nicht auf alle intensiv jüdischen Geist einwirken lassen und ebensowenig echtes Gemeinschaftsgefühl in allen zum Erwachen bringen. Denn wie man sie auch der Form und dem Inhalt nach gestaltet, man kann sie in der großen Mehrzahl der Fälle nicht für Menschen glcichwirksam machen, die für ganz verschiedene, religiöse Wirkungen empfänglich sind. Und wie soll ferner etwa eine Pestachfeier wirklich gemeinsam sein, die notwendig bei den zionistischen und bei den nichtzionistischen Teilnehmern ganz verschiedene Gefühle und Gedanken — dort religiöse, hier überwiegend nationale — auslösen muß! Gewiß wirb man in kleinen Gemeinden baS ffit$dhWÄ* Serfallen der Jugend in verschiedene Lager bedauern: aber so verständlich dieses Bedauern ist, das, wova-uf eS Atom« die Erziehung -er Jugend s» wirklich jüdischen ^Menschen, ist nur durch de» Zusammenschluß der gleichgerichtete« Jugend zu erreichen. Selbstverständlich kommt eS nicht auf die Form an. Dort, wo die Zahl der Gesinnungsgenossen m klein ist. wird man keine Vereine gründe«, sonder« sich so zusammenschlteßen. Aber dem Gedanken dH Zusammenschlusses der gleichgerichteten Jugend gehört die Zukunft. Das Zeitalter der neutralen Jugendvereine hat «nS eine Generation beschert, die sich zwar threS JndentumS bewußt ist und es zu betätigen sucht, für die aber oft ^»S Sudentwr nur etwas ganz Allgemeines, fehr wenig JuhaltreicheS m. und die da. wv das nicht der Fall ist. haltlos zwischen den verschiedenen Gestaltungen deS Judentums steht ober gar schwankt, ohne selbst eine eigene zu besitzen. Deshalb ist diese Generation so furchtbar arm au Führern. Lasten wir den äußeren Frieden, der in Wahrheit nur der Frieden der Leblosigkeit ist. fahren! Oberste» Gebot ist die Erziehung Ser Jugend zu wirklich tüdifchen Menschen, die nnr durch die n i ch t neutralen Jugendvereine wirklich gefordert werden kann. Ihm müssen wir folgen. Und wirkliches Aufgehen im eigenen Ideal hat stets auch noch das Verständnis für das ideale Streben der andere» und damit den wahren Frieden gefördert. Wenn wir da» beherzigen und baS fördern, dessen die jüdische Jugend heute bedarf, den Zusammenschluß der nach gleichem Ziele Strebenden rn gemeinsamer Arbeit an sich und am Judenwm. dann werben wir eine Generation im wahre« Sinne lüdischer Menschen Bersammlungskalender Berlin. (Liberaler Verein für bte Amgelegenheiten -er jüdischen Gemeinde E. B., Bezirksgruppe Norden.) In diesem Jahr richtet die Bexirksgruppe Norden öes liberalen Vereins zum ersten Male i« «hver Synagoge Schönhauser Aller 162 neben dem bereitbestehenden Freitag- und Festtags-Gottesdienst mich an den hohen Feiertagen einen lweralen Gottesdienst mit Orgel. Chor und Predigt ein. Grundlage ist der Gottesdienst der Neuen Synagoge. Die Karten berechtigen zarm Eintritt für das ganze Jahr. Anfragen sowie Anträge aus Ueberlassung der noch verfügbaren Platze find schriftlich (unter Beifügung deS Rückportos) an den Vorsitzenden der Bezirksgruppe (Scminarlehrer H- Falkenderg, N. 87, Lottmnstr. 23. Telephon Norden 8222) zu richten. BerSin. (Jüdisch - liberaler Jngeudverein e. V.) Am Sonntag, den 22. Juni, findet in Brandenburg a. H. der erste Gautag statt, an dem die IW Berlin, Potsdam, Magdeburg und Freunde unserer Bewegung in Mitteldeutschland terlnehmen Abfahrt von Berlin, Potsdamer Ferubahnlhof 7 Uhr 16: Treffen 7 Uhr, Mt Fahrkarte IV. Klasse nach Brandenburg, auf dem Bahnsteig. Ferner Abfahrt Zoologischer Garten 6 Uhr 88: Treffen 6 Uhr 36 aus dem Stadtbahnsteig mit Fahrkarte nach Potsdam. Rückkehr gegen 9 Uhr abends. Fahrkosten 8—-1 Mark. Programm: Gemeinsame Wanderung. Wettspiele, zwei Referate über unsere Arbeit. Anmeldungen umgehend im Büro, Mauerstraße 23. (Merkur 8726). y Brest an. Au jedem Montag gemütliches Beisammensein mit Konzert von 8 Uhr abends an im Roland, Kaiser-Wil- Helm-Straße, bei jeder Witterung. Straßenbabnen: Linie?. 3 und 28. Gäste herzlich willkommen. $ Etwas lessingsch-aufklärerisch, derlei Sachen zu sagen? Die deutsche M-entalität von 1021 ist eben grauenhaft vorlesfingsch! Ein geisttger Jude in Deutschland — übrigens ethnologisch, auch ohne jede Mischehe im Stammbaum, kraft Klimas und Milieus ja durchaus kein .„Jude" mehr**) —, -er sich dem geistigen Deutschen blutsverwandter als dem Mischen Jobber fühlt, verstünde nicht, weshalb ein geistiger Deutscher sich dem arischen Jobber verwandter fühlen sollte alS dem geistigen Inden, und ruft darum Arier und Nicht- Arier geistigen Geblüts zu gemeinsamem Kampfe gegen jüdische und nichtiüdische Jobber, zu solidarischer Säuberung der Welt vom inter-rassischen Dreck auf. Er würde einen Antisemitismus billigen, der nur eine (versteht sich, zu enge) Spielart des Antikapitalismus wäre und den geistigen, den revolutionären Juden bewußt ansnähme: er mißbilligt eine Judenfreundlichkeit, die in ihre seichte Universaltoleranz de» jüdischen Volksausplünderer cinbezieht. Es verdient angemcrkt zu werden, daß die einzige politische Gruppe, die diese logisch allein mögliche Haltung gegenüber Inden und Jndcnsrage letzthin im wesentlichen eingenommen bat, Me Kommunistische Partei war: während zum Beispiel im Bereich der Demokratie der aeisttge Jude, von einem bestimmten Grade seiner Intensität, von einem bestimmten Maße seines Formats an. seit ie mit kreischendem Hasse oder, niederträchtiger noch, mit stummem Hasse verfolgt, hingegen über den jüdischen Händler der schützende Fittich gebreitet wird. . *•) Alfred Kerr, in seinen öenkstarken Reiscftücken ,O Spanien!", berichtet: „Aus den Rioja nun zurückzukommen: so gibt es einen mit dem Beiwort Ollauri. dazu die erstaunliche Marke: Cepa Chablis. Die ChabltS-Rebe wird in spanischen Boden gesetzt. Es gibt auch Rioja mit dem Beiwort: Cepa Rhin. Also die Rheinrebe verpflanzt! Aber nur bei der ersten Ernte haben diese Wanderweine noch den alten Geschmack — nach der zweiten schmecken sie schon spanisch. Demnach: nicht die Rebe nracht den Geschmack, sondern der Boden. (Zu schweigen von der Sonue) . . . Ein sehr nachdenklicher Vorgang: den Nassen forschern ans Herz gelegt." Hingewiesen seien diese auch auf bas Buch „Die Rassenmcrkmale der Inden" des New Norker Anthropologen Dr. Maurice Fishbcrg (deutsch 1013, bei Ernst Neinhardt, München), welches exakt, nämlich mittels Messungen. Photographie und historisch-genealogischer Forschung, nachweist. daß die „Rassentypus-Homogenität der Juden" nichts als Mythe ist: daß von ethnischer Einheit der modernen Inden etwa mit gleichem Rechte wie von ethnischer Einheit der Christen oder der Mohammedaner die Rede sein kann: daß der russische Jude dem Juden im Innern Marokkos weniger verwandt ist als den Slawen, unter denen er lebt: der blonde Jude Deutschlands dem dunklen Juden in Jemen weniger als jedem Deutsck.cn: daß der kurzkvpfige Jude im Kaukasus dem langköpfigen Juden in der algerischen Oase M'zab rassisch ferner steht, als der slawische Ostdeutsche dem Germanen in der Rheinprovinz — welche sich, weiß der Geier, dabei doch schon fern genug stehen! Fishberg's Feststellungen, in einem 262 Seiten starken, mit 42 Tafeln versehenen, präzis und gar nicht zelotisch geschriebenen Buche, stampfen eine gewisse jüdisch-völkische Mystik erbarmungslos in den Boden, weshalb der Zionismus sich heftig und nicht ohne Erfolg bemüht hat, dies Werk totzuschweigen. Es verdient aber auch ««gemerkt z« wer-eu, -aß ein« logische Haltung gegenüber Juden und Juöenfrage dem Antisemitismus gar nicht gereckt wird. Der Antisemitismus ist keine geistige Bewegung, sondern . . . eine sinnliche Bewegung. Das psychoanalytische Röntgenbild zeigt klar seinen Kern: weder religiöse Unduldsamkeit noch Mrtschaftsneid (obschon der mitspricht) noch sachlich begründeter Wille zum Rassenschutz, vielmehr: sinnliche Antipathie, Kontrainstinkt! Alle konfessionellen, ökonomischen, rassentheorekischen Argumente, alle gerechten, halbgerechten und Ungerechten Vorwürfe gegen die Juden sind einfach Rationalisierungen einer sinnlichen einer visuell-auditiv-hautlichen, unwiderstehlichen und unwiderleglichen Mneigung. Der Antisemitismus, wie aller Rassenhaß, ist im Kern ein erotisches, nämlich negativ-erotisches, ein „antifetischistisches" Phänomen. „Antisetisch" — das Wort stammt von Forel (Die sexuelle Frage"): Gegenstände, Gerüche, Ausdrücke, Manieren, Töne der Stimme nsw., die den Erotismus lähmen": monographisch behandelte den Stoff Magnus Hirschscld, in seiner Studie „Ueber Horror sexualis vartialis (sexuelle Teilavcrsion, antifetischistische Zwangsvorstellungen, Fctischhaß)", Neurologisches Zentralblait 1911, Nr. 10. Eine Anwendung der Erfahrungen über den Fettschhaß auf die Erkenntnis des Rassenhasses ist mir vorläufig nicht bekannt geworden. Antisemitismus also ist Antifetischismus, ist die schärfste erotische Auflehnung gegen den spezifischen körperlich-charakterlichen Habitus des Juden. Und zwar gegen die dem Aarontyp und dem Mosetyp infolge ihrer gleichen biologischen Herkunft gemeinsamen Züge (— wozu dann, im Falle des Mosetyps, noch das Motiv des Ressentiment, der Rache des sich minderwertig Fühlenden an dem als überlegen Erlebten. hinzutritt: ein durchaus unbiologisches, nicht-erotisches Motiv, welches sich gegen Nassengenoffen genau so richtet). Nirgends wird der sexuelle Hintergrund raffenpotttischen Fanatismus so deutlich wie beim Ku-Klux-Klan, jener bizarren und barbarischen Sekte, die in den Vereinigten Staaten etwa die Rolle unsrer Hakenkreuzler spielt. Diese patriotische und sittenstrenge Gesellschaft glänzt darin, mißliebige Mitbürger femgerichtlich abznurteilen, sie auszupeitschen. zu teeren und federn, nach unerhörter Marterung spurlos verschwinden, ihre Farmen in Flammen aufgeben zu lassen, und in ähnlichen Orgien. Was liegt da psychologisch vor? Offenbar dies: Wollüsttger Trieb zur Grausamkeit, um die Zensurschranke des Gewissens passieren und sich einigermaßen gefahrlos betättgen zu können, sucht sich und entdeckt Rechtfcrttgungsgründe in der überpersönlichen Shpäre ethisch-politischer Wertbegriffe — ein in der Regel unbewußter Vorgang, dessen Spiegelbild im Bewußtsein den nachträglich gefundenen Beweggrund als Ursache, die wirkliche Ursache als Folge zeigt. Sadismus, der nicht den Mut hat, sich vor sich selber zu bekennen, mimt geschichtliche Vorsehung: Sadismus — vielmehr, genauer, eine dem Sadismus verwandte, in bestimmter Hinsicht gegensätzliche Gransamkcitsneigung, die von der Wissenschaft, scheint's vorerst nicht als besondere bemerkt noch bezeichnet worden ist und die sch vorschlagen würde, autifetischistisch en Krud elismus zu nennen: der Sadismus wäre dann fetischistischer Krudelismus. Der fetischistische Krudefist (der Sadist) martert, wen ex liebt: der anttfetischistische Krudelist: wen er haßt. Sehr erstaunlich, daß die auf Dissercnttaldiagnosen sonst so erpichte Psychopathologie diese Unterscheidung bisher nicht voraenvmme», diesen — einschneidenden — Unterschied offenbar also rckcht wahrgenormnen hat.. Wie dem auch sei — was bei öe« Ku°Kluxern tatsächlich sexuelle Grausamkeit, KrndettSmuS ist. gibt sich als Idealismus aus, nnd die meisten Klan-Genossen halten es sicher aänz ehrlich dafür. Sie behaupten, „Neger, Gelbe, Katholiken und Juden" seien unfähig, „wcchre Amerikaner" zu sein. Diese verbürgte Zusammenstellung ist nicht nur grotesk (ethnische und konfessionelle Kategorien durcheinandergeschüttelt!), sondern auch lehrreich. „Katholiken" nämlich in der Union, das bedeutet im wesentlichen Südeuropäer und Südamcrikancr, Levantiner, Italiener, Kreolen — Leute mit schwarzem Haar, dunklen Angen. unheller Haut. Unter dem Gesichtspunkt der Haut-, Augen- und Haarfarbe sind .„Katholiken" in den Vereinigten Staaten gewissermaßen der mildeste Fall van Negern, oder Neger der Superlativ von .„Katholiken"! Die gemeinsame Eigenschaft von Negern. Gelben, „Katholiken" und Inden: das Unblonde, Un-Anglogcrmanische — dieses Indiz ist der Antifctisch der Klanlente, gegen dieses Indiz richtet sich ihr Rassenhaß, ihr Sexnalhaß . . . vis znr Vernichtuttgswollust. Vermutlich wird bei vielen der Haß gegen den Antisetisch nur ein Ersatzasfekt sein, nnr der Ausweg, den ein verdrängter LievcStricb zum polaren Typus, zum Fetisch, sich bahnt: vermutlich bei rvicder anderen der Haß selber hysterisch verwandelte Liebe sein ldaS „Ambivalenz" Phänomen!) —: die Analyse schlägt nicht alle Fälle über denselben Leisten: die „Chemie der 8(egrifse und Empfindungen", an ein Wort Nietzsche's aus dem Jahre 1878 zu erinnern, arbeitet mit verflucht verwickelten Fornien. Ndannigfaltiges zu vereinfachen wäre vom Nebel: aber für sämtliche 5du-Klux-Typcn gemeinsam gilt, daß ihre scheinbar sachliche Kritik der Unblonden nur der Ausdruck einer höchstpersönlichen geschlechtlichen Affektion, ihre nationale Ideologie nur Vorivand für triebliche Entladungen, aller Klimbim des Femrituals nur eine Schutzvorrichtung der Scham ist. Ich glairbe nun nicht, daß die Ku-Kluxer durch die Bank Muster ihres blonden, rosigen, anglogermanischen Jdealtyps sind. Das Beispiel unsres deutsch-völkischen Parallelklans warnt jedenfalls vor solcher Vermutung. Der völlische Diskussionsredner in Bersammlmrgen. das Gegenüber mit völkischer Lektüre im Bahnabteil — sollte ich der einzige Zeitgenosse sein, der erfahren hat, wie selten diese Leute dem Balöurhochbild ihres germanischen Rasscheldcn ähneln, wie oft sie an mittelfettc jüdische Agenten erinnern oder verzeichnete Kummcrwesen mongolischen oder negroiden Einschlags zu sein scheinen, blicklos, sttrnlos, aar mit Paviansschädel, rassische Promelnadennnschungen peinlichster Güte?"*) Sogar in der „Deutschen Akademischen Rundschau" sarkd ich den Satz (der Verfasser, M. A. Haß. war kein Kulturradikaler: er empfahl vorher Löns und Flex): ,/Es wirkt sehr eigervarttg, wenn man auf studentischen Tagungen im Kleinen oder Großen Rassenpolcmiker hört, deren Sprache und Gesicht der schlagende Gegenbeweis ihrer Worte ist." In ber Tat: Hat einer eine gebogene Nase oder Hammellöckchen und ist kein Semit, so darf man tausend gegen eins wetten: er ist Antisemit! (Schluß folgt.) ***) Heine, in dem erwähnten VönreHuch, fiihrt einmal an, daß „der Champion des Germanentums", Wolfgana Menzel, „alle Kennzeichen der mongolischen Abstammung im Gesichte trägt." r

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