Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 17 (6.6.1924)
- Date
- 1924-06-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Oer jüdische Der Wert der Beschneidung. Oft Entgegnung von Dr. Alfred Taro-Lharlottenburg. Die in -er jüdisch-liberalen Zeitung vom 23. 5. 34 aus He» -Montag Morgen" abgedruckten Aeußerungen beS Herrn GauttätSrat Dr. Leibbolz über den Wert der Befchnädung -wtngen mich zu folgender Entgegnung, die um so notwendiger erscheint, als der „Montag Morgen" die entgegenstehendc «tstcht eines »bekannten Wissenschaftlers und Praktikers" auf dem Gebiet der Geschlechtskrankheiten nicht ausführlich wtedergtbt und die jüdisch-liberale Zeitung sie überhaupt nicht erwähnt. Ich will auf de» vermutlich ursprünglichen Ginn der Befchueidung nicht weiter eingehen: nur soviel darf wohl alS gesichert gelten, -ab es sich um eine von anderen Völkern übernommene Sitte bandelt, deren ursprüngliche Bedeutung Wahrscheinlich keine sanitäre war; letzteres geht m. E. auch aus de« Aeußerungen des Herrn Rabbiners Dr. Baeck hervor. Wenn die Beschneiduna trotzdem — Infolge einer Substitution der Gründe — im Laufe der Jahrtausende die Bedeutung gewonnen hat, dab die gesetzestreuen Juden in ihr da- Merkmal der Zugehörigkeit zum Judentum erblicken, wie die Ehristen in der Dause dasjenige zu ihrem Glauben, so soll Hiera« selbstverständlich keine Kritik geübt werden, wohl aber muh entschiede» der Behauptung widersprochen werden, daß sich die mit der Beschneidung verbundenen Gefahre» -mit Sicherheit" vermeiden lassen. Herr SanitätSrat Dr. Leibholz gibt zwar zu. dah die Operation der Beschneiduug auch einmal einen ungewünschten Ausgana nehmen kau«, fährt aber fort, dah der Arzt den Blutungen aewachsen sei» mutz, uud sich die Infektion bei unserer heutigen aseptischen Behandlung mit Sicherheit vermeiden lätzt. Was die Blutung betrifft, so mag Herr Sanitätsrat Dr. Leibholz recht haben, wenn man die sogenannten Bluterfanrilien autzer Betracht lätzt (über das Vorhandensein der Neig"ng zur Bluterkrankung in manchen Familien mutz sich jeder gewissenhafte Arzt vor der Operation orientieren: eS bestehen auch für solche Familien betr. der Beschneibuna besondere Vorschriften). Wenn aber Herr Sanitätsrat Leibholz bei feinen 3000 Beschneidungen keinen Fall einer Infektion erlebt hat, so ist er dazu zu beglückwünschen, leider haben andere Aerzte trotz größter Gewissenhaftigkeit kein so grotzeS Glück gehabt. Ich selbst habe mein erstes Kind infolge einer Blutvergiftung nach der Beschneidung verloren. Diese ist von einem Arzt ausgeführt worden, der zweifellos eine ähnlich große Erfahrung und Uebung wie Herr SanitätSrat L. besitzt, Operation und Nachbehandlung wurden mit größter Sorgfalt ausgeführt. trotzdem erkrankte das vorher gesunde und sehr kräftige Kind am 10. Tage nach -er Beschneidung an einer Wundrose, als deren Eingangspforte Sie Operationswunde mit Sicherheit nachgewiesen wurde, und starb nach zweitägiger Krankheit, obwohl selbstverständlich — unter Zuziehung erster Autoritäten — alle erdenklichen Mittel zur Bekämpfung der Krankheit angewandt wurden. ES erscheint mir besonders wichtig, auf den verhältnismäßig späten Ausbruch der Krankheit hinzuweisen, in der Zwischenzeit war -a- Kind vollständig wohl und gedieh sehr gut, auch au der Operationsstelle und in ihrer Umgebung waren keinerlei Zeichen einer Entzündung zu bemerken gewesen. Ob die Infektion bei -er Beschneiduna selbst oder später erfolgt ist. läßt sich schwer sagen, ist aber für die Beurteilung der Gefährlichkeit -es Eingriffs gleichgültig, der späte Ausbruch spricht übrigens keinesfalls gegen die erste Möglichkeit. Wenn man bedenkt, daß ein Säugling sonst vor jeder kleinsten Verletzung nach Möglichkeit bewahrt wird, hier aber an einer Stelle, die vor Beschmutzung kaum zu schützen ist. eine verhältnismäßig große Wunde künstlich gesetzt wird, so müßte -sich jeder denkende Mensch eigentlich wundern, daß solch trauriges Ereignis nicht öfter vorkommt. ES handelt sich tatsächlich leider auch nicht um eine» Einzelfall, der unerwünschte Ausgang" kommt viel häufiger vor alS iu der Oeffentltchkeit bekannt ist. Auch unter de« Aerzte« ist di« Kenntnis solcher Fälle wenig verbreitet, um der sogenannten »guten Sache" willen wurden sie bisher nicht publiziert, im Gegenteil man suchte sie zu vertuschen oder den Grnnd für den unglücklichen Ausgang iu irgend etwas anderem S« suchen. Mir war bis zu der selbst gemachten traurigen Erfahrung auch nichts ähnliches bekannt nachher habe ich aber in vielen Unterhaltungen unter der Hand von recht zahlreichen unglücklichen Ausgängen der Beschneiduna gehört, bei denen der ursächliche Zusammenhang festgestellt war; «. a. erzählte mir der bekannte Marienbader Arzt, der verstorbene Profesior Kisch, daß in seiner eigenen Familie zwei solcher Fälle vorgekommen seien und er auch sonst von mehreren gehört habe. Da auch ich mich s. Zt. nicht entschließen konnte, das traurige Erlebnis zu veröffentlichen» so habe ich mir leider die nur im Laufe der Jahre bekannt gewordenen Fälle nicht im einzelnen gemerkt. Bisher habe ich nur da, wo ich tm Familien- und Freundeskreis oder in Sprechsaal, meiner ärztlichen Praxis naA Wefeev Anficht Wer die Beschneid,ina gefragt wurde, mei»e Bedenken geäußert. Nachdem jetzt aber in zwei vielgelesene« Zeitungen eine m. E. irreführende Darstellung erfolgt ist, fühle ich mich verpflichtet, dieser im Jnterefie btt objektiven Wahrheit entgegcnzutreten denn die vornehmste Aufgabe deS Arztes besteht in der Verhütung von Krankheiten. Selbstverständlich werben sich alle diejenigen, die auS religiöser Ueberzeugung an der Beschneiduna sesthalten. durch meine Ausführungen nicht bestimmen lasten, auf sie zu verzichten, sie werden eben die geschilderten Gefahren in Kauf nehmen müssen, meine Absicht ist es, die vielen anderen aufzuklären, welche die Beschneidung aus »alter Gewohnheit", ohne sich viel dabei zu denken, vornehmen lasten, denen sie auch kein religiöses Bedürfnis ist. oder welche glauben, durch sie ihr Kind vor späteren Gefahren zu schlitzen. All diesen, die jetzt durch die Ausführungen des Herrn Sanitätsrat Leibholz noch mehr als bisher in Sicherheit gewiegt wurden, wollte ich zeigen, daß die Beschneidung kein so ganz harmloser Eingriff ist, sondern daß mit ihr auch große Gefahren verbunden sein können. Es soll zugegeben werden, baß die Zahl der unglücklichen Ausgänge eine verhältnismäßig geringe ist. aber der Umstand, daß eine Gefahr eben doch nicht ausgeschlossen ist und im allgemeinen Operationen, die nicht notwendig sind, nicht gemacht werden sollen, zwingt den gewissenhaften Arzt, wenigstens darauf hinzuweisen. Man macht heute auch keine prophylaktische Blinddarmvyeraiivn mehr, dieser Vergleich erscheint umso notwendiger, als im .Montaa Morgen" geradezu behauptet wird, daß sich jeder sicherlich der (prophylaktischen) Blinddarm operativ« unterziehen würde, wenn dies ebenso bequem und harmlos wie die Beschneiduna wäre. Ueber die Frage, ob durch die Beschneidung auch im Gitteren Leben eine Anzahl von Erkrankungen der entsprechenden Körperteile verhütet werden kann, sind die Meinungen zum mindesten geteilt. Es ist sehr schwierig, statistisch mit Sicherheit festzustellen. o>b der Anteil der Inden an diesen Erkrankungen ein verhältnismäßig geringerer als der der Nichtjudcn ist, aber selbst wenn dies der Fall sein sollte, so müßte erst bewiesen werden, daß dies auf die Beschneidung zurückzuführen ist und nicht andere Gründe (sozialer, familiärer. sexualethischer Natur) dafür maßgebend sind. Das Gutachten eines „bekannten Wiffenschaftlers und Praktikers" auf dem Gebiet der Geschlechtskrankheiten, besten Name nicht genannt ist. ist im »Montag Morgen" nur ganz kurz und in der jüdisch-liberalen Zeitung überhaupt nicht erwähnt. Er gibt zu. daß die Beschneidung in den Tropen eine gewiste Bedeutung haben mag. glaubt aber nicht, daß ste in unseren irgendeine Rolle bei der Verhütung von Krankheiten spiele. Hiermit dürfte es auch zusammen hängen, daß tatsächlich schon seit einer Reihe von Jahren viele vornehme Engländer ihre Kinder beschneiden lassen, diese werden eben im allgemeinen viel häufiger als die westeuropäischen Juden einen Teil ihres Lebens in den Tropen verbringen. Jedenfalls darf m. E. die vage Hoffnung, ein Kind vor späteren Gefahren vielleicht zu bewahren, nicht dazu verleiten. es einer augenblickcklichen Gefahr auszusetzen. Will man trotzdem aus diesen „hygienischen" und nicht aus rein religiösen Gründen die Beschneidung vornehmen lasten, so bliebe noch zu erwägen, ob dies nicht zweckmäßiger iu einem etwas späteren Alter aeschieht. wenn -aS Kind leichter sauber zu halten ist und außerdem schon über gewiste Gchntzstoffe gegen Infektionen verfügt, die dem Neugeborenen fehlen. Ferner dürfte es sich empfehlen, die Art und Weise, in der die überlieferungsmäßige Beschneidung vvrgenommen wird, etwas zu modifizieren, selbst ftir die rituell vorgenommene ist dieS m. E. in gewissen Grenzen möglich, wie ich aus dem Beispiel anderer jüdischer Gemeinden weiß. Bisher entspricht die äußere Form des Altes iedensalls nicht den Gepflogenheiten, unter denen andere chirurgische Operationen vorgenommen werden. eS ist sonst üblich, daß — außer in Urniversitätshörsälen — bei einer Operation möglichst wenig Personen, und zwar nur Aerzte und ärztliches Hilfspersonal, beiwohnen, -atz all diese einen frischgewaschenen bzw. sterilisterten weißen Mantel anhaben. daß die Operation in einem eigens eingerichteten Raum vorgenommen wird, in dem möglichst wenig gesprochen und kein Staub aufgewirbelt wird, während die Beschneidung im allgemeinen in einem mit Teppichen und Polstermöbeln ausgestatteten Zimmer erfolgt, in welchem ihr zahlreiche Herren in schwarzem Anzug beiwohnen. Aus einem sicher nicht aseptischen Gebetbuch werden Gebete vorgelesen, selbst der Operateur pflegt keinen weißen Mantel anzuhaben. Vielleicht tragen diese Zeilen dazu bei, hier Wandel zu schaffen und wenigstens ein Gefahrenmoment auszuschalten. Schließlich muß — ganz besonderim Hinblick auf ein Vorkommnis in einem Waisenhaus der Berliner jüdischen Gemeinde vor zirka 2 Jahren — vom Standpunkt des religiös-liberalen Judentums betont werden, daß wir -ie Beschneiduna nicht als Kriterium -er Zugehörigkeit zum Judentum betrachte» können und daß fct «Her» Ame» We «ubeschnittenen Jude« keine schlechteren Juden als die andere« Sri, denn für uns ist das alle Jude« einigend« Band' nicht e auf primitivste Bräuche zurückaehende körperliche Zeichnung. sondern das Gemeingut der hoben geistigen und fittliehen Ideale unserer erhabenen Reltzfton. Die Organisation der jüdischen Wohlfahrtspflege. Bei aller Not. welche dte Nachkriegszeit den Anstalten und Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege gebracht hat, hat sie wenigstens das Gute gehabt, -ab der Wert der Organisation alle« Beteiligte« zum Bewußtsein gekommen ist. Die krisenhaften Jahre, -ie hinter «nS liegen, hätte die Wohlfahrtspflege nicht im entferntesten mit der Widerstandskraft, wie?s -er Fall war, überwinden können, wenn jede Anstalt, jeder Verein, jede Einrichtung auf sich selbst auaewiesen wäre. Sammlungen jeder Art, Abwehr gefahrbringender gesetzlicher Eingriffe und Verwaltungstechnischer Maßnahmen, Durchführung s-ozialreformerischer Gedanken und mirtschaftspolitischer Notwendigkeiten zur Selbsterhaltung, dies alles kann und konnte nur der organisierten, fest zusammengeschlossenen Wohlfahrtspflege gelingen. Die jüdische Wohlfahrtspflege hat teils selbständig, teils in Gemeinschaft mit den anderen Konfessionen und den weltlich-humanitären Verbänden die Mittel und Wege der Hilfe gefunden und ansgebaut, die sie zur Milderung ihrer Notlage gebraucht hat. Im Gegensatz zu den genannten leidet aber die jüdische Organisation der jüdischen Wohlfahrt noch an einem Mangel, der -ringend der Abhilfe bedarf. Die Zentralwoblfahrtsstell« der deutschen Inden, deren segensreiche Tätigkeit in keiner Weise geschmälert werden soll, ist in ihrem Aufbau unhettlich, unorganisch. Nebeneinander gehören ihr als Mitglied der Deutsch-Israelitische Gemeindebund, die Großloge für Deutschland Vin U. O. B. B.. der jüdische Frauenbund, andere Wohlfahrtsverbittrie, einzelne Synagogengemeinden, Stiftungen, Anstalten und Vereine an. Die Mitglieder wählen einen ans 80 Personen bestehenden Berwaltungsrat und dieser einen nenngliederigen Vorstand, dessen Vorsitzender die Geschäfte führt. Neben dem Vorstand besteht noch ein Arbeitsausschuß von 10 Personen. Organe sind genug vorhanden. Woran es fehlt, kst dte sachliche Gliederung nach Zweigen der Wohlfahrt, als welche sich überall die Gesundheitspflege, die ErziehungS- und Wirtschaftsfürsorge Herauskristallisterl haben, und die fatzungSgemäße Heranziehung dieser drei Gruppen zur Arbeit innerhalb der Zentrale. Jetzt ist die ZentralwohlfahrtSstelle von oben nach unten organisiert und es ist dem Zufall überlassen, ob sie auch wirklich alle dazugehörigen Teile umfaßt. Manchmal stößt sie ins Leere, wenn z. B. Einrichtungen der Wirtschaftsfürsorge ihr überhaupt nicht angehören, andererseits sind Anstalten der Gesundheitsfürsorge doppelt vertreten, indem sie sowohl dem Bund der jüdischen Kranken- und Pfleaeanstalten wie der Zentralwohlfahrtsstelle selber, deren Mitglied der Bund ebenfalls ist. beigetreten sind. Auch die gesamte Arbeit lastet infolgedessen nur auf -er Spitze: es ist ein Zufall, ob die Fachgruppe, die naturgemäß einen kleineren Ausschnitt übersieht, diesen aber am besten kennt, zu wichtigen Fragen herangezogen wird oder vor vollendeten Tatsachen siebt. Die Stimmen aus dem Reich kommen nur vereinzelt und nicht so ausgeglichen und gesiebt zu Gehör, wie es nach Verarbeitung geschehen würde. Diese Mängel würden bei einem Aufbau von unten verschwinden. Für die drei genannten Zweige wären, so weit es noch nicht geschehen ist, Fachverbände zu bilden. Nur ihnen, nicht der Zentrale, haben sich d-te Anstalten und Einrichtungen als Dtttglieder anzuschließen. Die Fachverbänbe entsenden, entsprechend ihrer Stärke. Vertreter in die Zentrale und diese Vertreter sind die bearbeiter der ihren Zweig betreffenden Angelegenheiten. Außerdem wäre für eine sachgemäße Vertretung der Gemeinden in der Zentrale zu sorgen. Bei einer solchen, hier nur im Prinzip aufzuzeigenden Organisation, an deren Durchführung alle jüdischen Wohlfahrtsstellen und alle Parteien ohne Unterschied gleichmäßig interessiert sein dürsten, würde die jüdische Wohlfahrt nach außen und nach innen gewinnen, die Selbständigkeit der Anstalten und Einrichtungen mehr als bisher gewahrt, ihre Interessen am besten gefördert werden. Und diesem edlen Ziele wollen ja alle, die sich der jüdischen Wohlfahrt widmen, möglichst nahe kommen! Rechtsanwalt Alexander Philipsborn-Berlin, Vorsitzender des Bundes der jüdischen Kranken- und Pslegeanstalten Deutschlands. wmmmmmmmmmmmHmmmmmmmmammmmmmmmsmrmmmmmmtttKKM Werbt neue Mitglieder! MlUMHOu, SPS 111111111111111 > 11 Ile-.'.»mm. "ksskLl FREI HAUS BESTELLNUMMER MERKUR. 467 BAUMKUCHEN / PRALINEN BERLIN W 6 LEIPZIGER STR; 24 Liimmtmuiiiimmiii.iiiimiiiiiiuniiii.il iiimiinuumiiiiiiinnnimiiiiiiiiiiiiiimiin Ulli AA1AAAAW 'puf1 ■■ — 1 ■" 11 ' 1 l—— -— - F VOX MODERNE TÄNZE GESPIELT VON DER KAPELLE BERNARD ETft UND ANDEREN ERSTKLASSIGEN KÜNSTLERN NUR AUE VOX- MUSIKPLÄTTEN VOX-HAUS AM POTSDAMER PLATZ BERLIN W 9 POfSÖAMER STR• 4-