Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 17 (6.6.1924)
- Date
- 1924-06-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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i », i n ji n!.t.i7ii',nmp 4. Fahrgang Nummer 17 BeUage 6. Juni 1924 Freiheit und Gesetz. (Zwischen Mizrajim und Sinai.) - Bon HanS Adolf MargoliuS. Der höchste Wert aller Religion und Philosophie liegt lenseits von Riten und Zeremonien, jenseits von Dedukttone» und Beweisen: in der Schöpfung der großen Symbole und Begriffe von Welt und Leben. ES wäre unrecht, Sinn und Bedeutung der religiösen Zeremonien, der philosophischen Deduktionen gering zu schätzen. In ihnen ist die unendliche Fülle des Lebens, der Reichtum des Menschlichen, die zarte Feinheit innigen .Gefühl-, der Stolz sich selbst bewußten Geistes. Das Licht -es Sabbats, das am Freitagabend im jüdischen Hause den Ruhetag begrüßt, bringt die Feier des Tages lebendig nah und stimmt uns selbst festlich und licht. Im mathematischen Aufbau sptuozistischer Ethik pulsiert der Rhythmus vorwärtsdrängenden Intellekts und fordert Satz «m Satz Echo und Antwort aus uns. — Wie mit schönen und Ssten Menschen verkehrt unser Geist mit den vielfältigen räuchen der Religion; wie Rede und Gegenrede verbindet es uns mit den Werke» dbrr Philosophie. Aber über Menschen und menschliches Reden hinaus hebt sich ein Ewigeempor: über die Felder herzlich nahen Lebens — von fernher leuchtend — die hohen Gipfel -er großen Ideen »nd Werte, die dem Leben im Tal Weg und Richtung sagen! Mag auch irgendwann oder irgendwo nicht mehr ein festliches Licht die Abendfeier des Sabbats begrüßen, das große Symbol des Sabbats als Ruhetag, als Rückschau und talt im fließenden Strom der Arbeitswoche bleibt über eiten und wechselnde Sitten hinweg als ewiger Wert, seitdem ihn einmal ein religiöses Empfinden erschuf! — Mag auch immer einer späteren Zeit die philosophische Methode eines Spinoza dürftig und nichtssagend werden, sein Begriff vom amor dei intellectualis als der liebenden Erkenntnis aller Dinge im göttlichen Urgrund bleibt als ein ewiger Standpunkt zur Welt, über den Wandel der Methoden hinweg, als eine stete Möglichkeit, das Geschehen des Kosmos in frommer Demut hinzunvhmen. Die großen Symbole der Religion, die so ihr Höchstes und Ewigstes bedeuten, sind vor allem anderen in der Reihe ihrer Fe sie deutlich. Im, jüdischen Festjahr sind vielleicht nur zwei Feste in ihrer geschichtlichen Grundlegung so eng miteinander verbunden wie Peßach undSchewuautz, das Fest der Ueberschrettung und das Fest der Offenbarung. Das mag zunächst fast wie ein Widerspruch erscheinen. Wie sind ein Fest der Freiheit und ein Fest der Gesetzgebung innerlich miteinander verbunden? Scheinen nicht vielmehr Freiheit und Gesetz Gegensätze zu sein? Gewiß leuchtet auf den ersten Blick der Unterschied ein, der zwischen den Sklavcngesetzen ägyptischer Knechtschaft und den Offenbarungsgesetzen Gottes besteht. Aber ist es nicht doch sehr sonderbar, daß das Volk Israel, ans dem Lande der Knechtschaft herausgeführt, noch gerade der eben errungenen Freiheit frvh, nun schon ein neues Gesetz, eine neue Bändigung der Freiheit empfangen soll? ES ist ohne Zweifel sonderbar, aber nicht als Widerspruch, sondern bei näherer Betrachtung alS höheres Zusammen begreiflich. Mit starker Hand führt Gott seine Kinder auS dem Lande -es FronS und der Knechtschaft. Befreiung von den Lasten niederen Dienstes, in hingebendem Vertrauen an die Gottheit: Befreiung vom sklavisch-alltäglichen Geschäft, das ist -er Sinn des Petzachfestes. Schewuautz aber zeigt, wort« diese Freiheit bestehen tzoll. Frei vom Dienst Aegyptens sehen mir das Volk Israel am Berge Sinai, dort daS Gebot göttlicher Dinge zu empfangen. Bon Mizralim zum Sinai, damit ist ein ersitze r Weg des Mensche« befohlen!: Aus dem Parche der Knechtschaft, vom Sklavendienst im Solde täglich- «enschttcher Geschäfte zum Berg der Offenbarung, zmn Dienste ewig-göttlicher Gesetze! DaS aber ist das Gleiche wie daS. was Immanuel Rn nt in de» großen Begriffen seiner ethischen Lehre formuliert — fast wie nichts anderes als vertiefende Deut«tt6 des Symbols unserer Feste. AuS der Abhängigkeit von den sinnlichen Dingen der Empirie weist er dem Menschen den Weg zur Freiheit als zum Selbst-stch-Gesetze-geben. von der Heteronomie deS Naturgefchöpfes znr Zürtonomie der sittlichen Persönlichkeit. Autonomie, daS ist: Unabhängigkeit von äußeren Dingen, von der Sklaverei der sinnlichen Welt, derWille, der nur sich dülhst, seinem eigensten, sittlichen Wesen gehorcht. Freiheit. das ist: nicht zügellose Willkür, sondern gerade «mgekehrt Dienst am sittlichen Gesetz'.' am Ueber-Empirischen. Ewigen, am Gott in uns . . . Vom Sklaventum. Mizrajims'führt der Weg zum heiligen Berge: zur Offenbarung des göttlich-sittlichen Gesetzes. Unterwerfung unter seine Worte ist die Freiheit, die in den Symbolen Peßach—Sinai gezeichnet ist. Aus der Bewegung. Für den liberalen Gottesdienst. Zu einem großen Erfolg für.die jüdisch-liberale Bewegung in Berlin gestaltete sich die Protestversammlung gegen die Entfernung der Orgel aus der Synagoge Levetzowstraße, die von der Noröwestgruppe des Liberalen Vereins gemeinsam mit dem Synagogenverein Levetzowstraße am 2. Juni stattsand. Etwa 700 Besucher der Synagoge Levetzowstraße waren der Einladung gefolgt und bewiesen dadurch, welche Bedeutung sie dem liberalen Ritus in ihrem Gotteshause beilegen und wie stark ihr jüdisches Interesse ist. Aicherdem erblickte man unter den Anwesenden viele Vorstandsmitglieder und Repräsentanten der jüdischen Gemeinde. Gewerberat Plotke, der die Leitung der Versammlung übernommen hatte, führte in den einleitenden Worten aus, daß bereits bei -er in -ie Wege geleiteten Aktion ungefähr 1600 Synagogenbesucher schriftlich gegen die geplante Aenderungprote stiert hätten. Er schilderte dann kurz die bestehenden Pläne und erteilte Herrn Rabbiner Dr. Lewkowitz das Wort. Dieser führte etwa aus: Wenn der Plan, konservativen unorthodoxen Wünschen entsprechenden RituS der Synagoge Levetzowstraße zu ändern, einen Sinn haben soll, so sei dieser nur verständlich, wenn man gleichzeitig auch den liberalen Synagogenbesuchern zum Teil ihre Plätze nähme. Die liberalen Rabbiner hätten dann nicht mehr die Möglichkeit, zu Ahnen zu sprechen und für Sie zu wirken. Dasselbe gilt auch für die in der Levetzowstraße amtierenden Kantoren. Er schildert dann eingehend den Plan, die Orgel der Synagoge Levetzowstraße in die Synagoge Kottbusser Ufer einzuvauen, und schildert die Widersprüche, die dieser Plan in sich birgt. Anscheinenglauben die Herren, von denen dieses Projekt stammt, wir seien auf der einen Seite weiß nud auf -er anderen Seite schwarz. Jetzt hätten wir zehn Jahre nach neuem Ritus gebetet, nun könnten wir uns einen Ruck geben und verfielen wieder in -ie Orthodoxie. Die beiden Fragen, die beantwortet werden müssen, lauten: Sind Sie bereit, einen Teil -er Plätze in unseW Synagoge den Konservativen 'M räumen? (Entrüstetes Nein. Zurufe: Wozu zahlen wir Steuern, warum baut -ie Gemeinde nicht? usw), und -ie zweite Frage: Ist es Ihnen gleichgültig, ob in Ihrem Gotteshaus der alte Ritus besteht, oderverllangen Sie einen modernenGottesdienst, der Ihren Anschauungen entspricht? (Stürmische Zurufe.) Wenn ein Jude überzeugter Jude sein will, muß er wißen, welches Judentum er meint, ob liberales oder konservatives. (Lebhafter Beifall.) Die folgende Aussprache zeigte, wie groß die Entrüstung über den völlig verfehlten Plan des Gemeindevorstanües ist. Als ein konservativer Redner für diesen Verständnis zu erwecken versuchte, brach unter den Anwesenden ein solcher Sturm aus, daß er sich nur schwer verständlich machen konnte. Die von ihm vorgebrachten Argumente wurden von den weiteren Rednern wirkungsvoll widerlegt, so daß schließlich die Konservativen — in klarer Erkenntnis der Sachlage — ihren Mut sinken ließen und der konservative Repräsentant Magistratsvat Neumann die Erklärung abgab, daß er angesichts der Stimmung der Synagogenbesucher bei einer etwaigen Vorlage auf Entfernung der Orgel in der Repräftntantenversamwlung gegen eine solche Vorlage stimmen werde. Rabbiner Dr. Bergmann schilderte in humorvoller Weise, wie die Konservativen gegenwärtig den liberalen Gottesdienst in der Levetzowstraße besuchten, um dort statistische Erhebungen zu machen. Nicht nur, daß sie während des Gottesdienstes im Tempel Zählungen anstellten, hätten sie auch schon im Gebäude Messungen veranstaltet und schließlich Ueberlegunge» angestellt, ob nicht die liberalen Juden der Synagoge Levetzowstraße das Geld zum Bau eines besonderen konservativen Gotteshauses aufbringen könnten. So werden wir augenblicklich gezählt, gemessen und gewogen, was sicherlich, gleichviel ob man liberal oder konservativ sei, auch vom rein jüdischen Standpunkt verurteilt werden muß. Für den Liberalen Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin e. V. gab das Vorstandsmitglied, Dr. Arthur Mayer, die Erklärung ab, daß seine Organisation mit allen Mitteln die liberalen Synagogenbesucher in ihren Bemühungen unterstützen werde. Eine gleiche Erklärung gab namens der Vereinigung für das Liberale Judentum e. V. Dipl.-Jng. Woyöa ab, der auch eine wirksame Unterstützung im Kampf gegen den Rückschritt durch die „Jüdisch-liberale Zeitung" zusagte. An der weiteren Aussprache beteiligten sich u. a. das Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde, Moritz Rosenthal, die liberalen Repräsentanten Professor Türk und Dr. Lipschitz und der Vorsitzende des Liberalen Vereins, Dr. Julius L. Seligsohn. Zum Schluß wurde folgende Resolution mit allen gegen zwei Stimmen angenommen: Die im CafL Gärtner versammelten Platzinhaber und Besucher der Synagoge Levetzowstraße erheben gegen eine Entfernung der Orgel aus ihrem Gotteshause entschieden Einspruch. Sie verlangen, daß ihnen der Gottesdienst, der ihrer Stellung zum Judentum entspricht, erhalten bleibt, und daß ihre Rechte, die sie seit zehn Jahren besitzen, beachtet werden. BreSla«. (Jüdisch-liberaler Jugendverein „Abraham Geiger".) Am 25. -. M. fand der erste Ausflug unseres Jli in diesem Sommerhalbjahr nach Zobten-Ströbel statt. Trotz des anfangs regnerischen Wetters, hatten wir eine sehr rege Beteiligung und hatten sich diejenigen getrogen, die einen Mißerfolg vorausgesagt hatten. In Zobten erwartete uns Sonnenschein, und darf man den Ausflug soweit als gelungen betrachten. Unter der Führung unserer Herren Berger und Hamburger, die diesesmal einen neuen, wenn auch steinigen und steilen Weg ausfindig gemacht hatten, begann der Aufstieg auf den Zobten. dessen Spitze wir nach etwa dret Stunden erreichten. Die herrliche Aussicht aus 300 Meter Höhe belohnte den anstrengenden Weg. dem eine kleine Erholung und später der Abstieg nach Ströbel folgte. Leider vermißten wir die Jlis Brleg und Liegnitz, die trotz ' rechtzeitiger Einladung, nicht erschienen waren. — Am 15. Juni findet unser zweiter Ausflug nach Bad Salzbrunn, über Freiburg und den Fürstensteiner Grund statt. Alles Nähere ersehen unsere Mitglieder aus dem Versammlungskalender. Gebt uns Adressen von Arkannten! Die Geschäftsstelle, Berlin W. 8, Mauerftr. 22, versendet kostenlos Probenummern. In schwerster Zeit eröffnet das allseits bekannte Schuhhaus Arenstein, Centrale Cbarlottenstraße 7, das bereits acht Filialen in den Hauptstadtteilen besitzt, seine 9. 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