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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-05-30 · 16 (30.5.1924) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
16 (30.5.1924)
Date
1924-05-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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oder symbolisierenden Bildern begleitet. Der | Sündenbock wird in einen Abgrund gestürzt, Jona sitzt im Mönchsgewande unter dem Wundervamn. Abraham sitzt am Eingang feines Zeltes. Der Posaunenbläser am Neujahrstage, der Feststraußschrvtirger am Hüttenfeste, die Hütte selbst sind -argestellt. Die „Rolle Esther" oft mit bunten Bildern ist wobl noch jetzt in vielen Häusern zu finden. Der Brauch, die Kethubba, den Traubrief, mit innigen Bildern zu schmücken ist südeuropäische Sitte. Die mit Bildern geschmückte Hagadah aber das verbreitest« und alle Zeit beliebteste illustrierte Gebetbuch Thorarollenschmuck, „Gewürzbüchsen", Chanukaleuchter und andere Kultusgegenstänöe haben das -un st Handwerk unter den Juden lebendig erhalten. Die jüdische Friedhofskuvst hat fast die gleiche Entwicklung genommen wie der, Synagogenban. In alter Zeit oft große, auch kunstvolle Bauten: Das sogenannte Grab des Absalom im Ktdrontal bei Jerusalem aus dem dritten oder zweiten vorchristlichen Jahrhundert, ein tempelartiger 3km; das „Grab Rahels?, ein einfacher Kuppelbau zwischen Jerusalem und Bethlehem. Zunehmender Ernst und zunehmende Not führen nach der Zerstörung des Tempels zur Bestimmung Gamaliels, Arm und Reich gleichmäßig z« begraben. Möglichst schnelles Bestatten, gleichmäßige Särge, im Orient noch heute nur ein Brett, machten kunstvolle Sarkophage unmöglich. Häufiges ruchloses Zerstören der Friedhöfe ließ den Gedanken an große Grabdenkmäler nicht aufkommen. Das Wanderschicksal der Juden, die Unterdrückung ließ sie zufrieden sein, wenn ihre Toten nur ungestört in der Erde ruhen konnten und ein schlichter Stein das Grab kenntlich machte. Noch heute zeigen die Friedhöfe mancher Gemeinden bei allen Gräbern die gleichen, schmucklosen Steine. Abbildungen auf Grabsteinen waren aber deswegen nicht verboten. Segnende Hände kennzeichnen noch heute den Abkömmling des Priesterstammes, Schüssel und Kanne den Nachkommen der Leviten. Grabsteine, die man auf der Halbinsel Kriwm gefunden, tragen die Zeichnunße» vom siebenarmigen Leuchter, von Bulaw und Schofar. Ein Stein aus der Türkei läßt einen Löwen erkennen. Darstellungen anderer Tiere, wohl dem Namen des Toten entsprechend, zeigen Steine auf dem berühmten Prager Judenfriedhof. Erst die Neuzeit hat hier, weniger begrüßenswert als bei den Synagogen, die alte, einfache Sitte durchbrochen. Bauten und Steine jeder Art erheben sich jetzt auf unseren Friedhöfen. Nur die bildliche und körperliche Darstellung des Toten wird wohl überall vermieden. Der im Gebetmantel verhüllte Jude zeigt uns die Verinnerlichung der jüdischen Religion, die, wenn es sein müßte, sich allein mit ihren geistigen und sittlichen Kräften behaupten kann. Die lebensbejahende Grundanschauung des Judentums aber erlaubt dem Beter gern, die Augen zu öffnen, um die Welt der Kunst in den Dienst der Religion zu stellen. Aus dem Wort des Sieaesliedes am Roten Meer: „Dies ist mein Gott, laß mich ihn schmücken", haben die Rabbiner die Pflicht abgeleitet, mit Schönheit und Schmuck den Gottesdienst zu umgeben. Nur eins haben wir vermieden: Darstellung schöner Frauen ist der jüdischen religiösen Kunst fremd geblieben. Die Religion, die in ihrer Sprache das Wort „Göttin" nicht bilden kann, hat auch auf die künstlerische Ausnutzung des sinnlichen Reizes verzichtet. Werbt neue Leser für die «Jüdisch-liberale Zeitung" Der Jude auf der Bühne. Bon Doris Wittner. Karl Emil Franzos, der dichterische Herold des Ostjudentums, hat in seinem großen Roman: »Der Pvjaz" die erschütternden Schicksale des armen Schnorrersohns „Sender Glatteis" gemalt, der ein großer „Spieler" hatte werden wollen, und Lew die chasstdische Orthodoxie den Weg zur deutschen Sprache, zur westeuropäischen Kultur und zur weltbürgerlichen Kunst verwehrte, weil dieser Weg den Augen der frommen Eiferer als Pfad der Mtrttnnigkeit und des Abtrünnigen erschien. Gleiche Kämpfe wie Sender Glatteis haben viele derer zu bestehen gehabt, die späterhin in zwei Welten Ruhm und Ehre gewannen. So ftarf war oft der Drang der Juden — und zwar vielfach des östlichen Inden — zur Schaubühne, für die vielleicht gerade er sich, dank der genialen Beweglichkeit seine- Geistes, insbesondere eignet. Die Theatergeschichte der Kulturvölker flicht dem jüdischen Darsteller Kränze unvevwelklichen Lorbeers. Künstler wie Bogumil Dann son„ Ludwig Dessoir, Adolph Sonnenthal, Ernst von Possart, Siegwart Friedmann, John Braham, Nikolaus Nothmühl, Leopold Demuth, Conrad Löwe, Ludwig Barnay, Alexander Strakosch, Emanuel Reicher, Emil Thomas, Gustav Kadelburg, Schildkraut und Julius Lieban; Künstlerinnen wie die Rachel, Pauline Lucca, Giuditta und Giulia Grisi, Friederike Bogner, Sarah Bernhardt, Hermine Delia, Irene Tviesch, Jenny Groß, Therese Rothhauser, Lola Beeil) und viele andere haben ihre Namen in die Annalen Thaliens mit unvergänglichen Buchstaben eingegraben. Aber auch als Theaterleiter, als Revolutionäre und Reformatoren der Schaubühne, haben Männer jüdischer Abkunft eine wesentliche, ja, man darf wohl sagen, eine überragende Rolle gespielt. Es genügt, Namen zu nennen wie Bernhard Pollini, Jules Claretie, Raphael Löwenfeld, Angelo Neumann, Gustav Arnberg, H. Conried, H. Movwitz, Max Bachur, Dr. Th. Loewe, Otto Brahm, Siegmnnd Lautenburg, Max Reinhardt, Leopold Jeßner u. a. mehr, um zu wissen, daß fast jeder neue, wahrhaft große und aufrührerische Gedanke im Kulturstreben der Bühne jüdischem Geist entsprossen ist, und daß fast jede umwälzende, neue Maßstäbe schaffende Bühnentat von jüdischen Händen vollbracht ward. Wieso gerade der Jude so viel natürliche Veranlagung zur Bühnenkunst und so viel leidenschaftliche Neigung für den Berns des Schauspielers ins Leben mitbringt? Die gewissenhafte Erforschung dieses Problems greift tief hinein in das Leben und Leiden des jüdischen Volkstums, in seine Rasseneigenschaften unfeine — immer von fremden Machthabern diktierten — Daseinsbedingungen, aber auch in seine Gewohnheitsrechte und Sittengebräuche. Es ist ein historisches unpsychologisches Problem zugleich. Dem ackerbauenden Juden Palästinas war das Wesen der Schaustellung naturgemäß fremd. Aber auch der exilierte Jude des Altertums, der Sklave Aegyptens und Roms, hatte noch keine innere Fühlung zu mimischen und musikalischen Künsten. Im Gegenteil, er hegte einen durch seine religiösen Gesetze unterstützten Abscheu vor dem' dazumal in hoher Pflege stehenden Schauspiel. Höchstens wurde er von seinen Tyrannen und Bedrückern zur tätigen Teilnahme gezwungen, indem er sich in der Arena alleruntertänigst zur höheren Ehre eines Schaupöbels aus fremdem Stamm von wilden Tieren zerfleischen laffen durfte. Oft genug donnerte ihm dev Applaus schöner Römerinnen. Aber der Beifall galt dann immer seinem Todnie seinem Leben. Ueberall, wv der Jude im Altertum als Gaukler auftrat, geschah es mehr oder wenigerunter Zwang, fast nie aus freiem Willen. Je weiter sich jedoch die Diaspora über die Erde breitete, mn so häufiger und unvermeidlicher wurden die Berührungen zwischen jüdischen und fremdländischen Sitten. Und besonders der Jude, der sich in Europa ansieöelte; der da aufhörte, in des Wortes engstem Bedacht ein Orientale zu sein, und dem -er Begriff salem an Stell« eine» praöAev. VebenHi^xuA ein Gegeutzlud idealer SeMncht ward, Aie-erte sich -er LarvdeSbräuchlichkeit so wett als notwendig ein. In der Jahrhunderte langen Berührung mit andersgeartete« Völkern schliff sich -erm <m3> Me geistighochmüttge Verachtung des am BnchM>enhaw gendenum Buchstaben bangenden Volkes und deS Talmud für die gefälligen und bildhaften Künste des Gesanges, Spieles und Tanzes ab. Immerhin nahm die Mehchett der Juden lange Zeitläufte hindurch allen darstellerischen Künsten gegenübn: den Standpunkt des Fontanefchen Gedichtes ein: ^Mber — wir lassen eS andere machen". Und je frommer und starrsinniger in der Gesetzesbeachtung eine jüdische Gemeinde war, um so hoffärtiger blickte sie herab auf die Gestalt des „Pvjaz", als welche im polnischen Osten Bänkelsänger, Mimer und Fabulierer mit einem Sammelbegriff bezeichnet werden. Und doch einten sich innere Gaoen und äußeres Schicksal, um gerade dem Juden eine Sonderbefähigung für diese Künste zu verleihen. Das äußere Schicksal, ständig zur Fremde, häufig zur Knechtschaft verurteilt zu sein, schenkte dem Juden das Genie der Anpassung. Was im Reiche der Tiere und Pflanzen -as Gesetz der Schutzfärbung heißt, hat auch auf das Leben dev Juden in der Verbannung oft genug Anwendung finden müssen. Das will sagen, -aß ein Wesen die Farbe seiner Umgebung anrnmmt, um sich selbst vor Gefahr zu schützen. Daß gerade das jüdische Volkstum, trotz des häufigen Zwanges zu solcher äußeren Schutzfärbung, sein inneres Sein stolz und unversehrt, oft mit verbissenem Trotz, erhalten hat, gereicht ihm zur Ehre. Der Selbsterbaltungstrieb aber, der den Juden vielfach zur Verstellung und zur scheinbaren Unterwürfigkeit seinen Herren und Peinigern gegenüber nötigte, entwickelte in ihm auch natürliche schauspielerische Fähigkeiten, die sich organisch weiterbildeten. Dazu gesellte sich eine nicht unerhebliche optische Begabung des Volkes, d. h. die Gabe, Eindrücke -es Auges rasch und sicher einzusangen, den äußeren Eigentümlichkeiten von Menschen und Dingen kritische Achtung zu schenken; ferner eine traditionelle Freude am Wort sei es, dem erhabenen, sei es dem lächerlichen, und nicht zuletzt ein unbewußter Nachahmungstrieb, wiederum entstanden aus dem Zwang der Geschichte und des Schicksals, alles zu können, nichts unversucht zu lasten. Allzeit war es Schickung für jüdische Hirne und jüdische Hände, daß sie geschickt sein mußten zu vielen Dingen dieser Welt, mochten diese Dinge ihnen noch so sehr widerstreben. Daraus folgerte mit Notwendigkeit, daß das Vermögen zu diesen Dingen manchesmal unecht war, häufig nachgeahmt und „gemimt" wurde. Und also trat die Kunst der Nachahmung, der mimischen Verstellung in den Dienst der jüdischen Volksseele. Begabt mit dem scharfen Blick für die Gebärde der Dinge, gewöhnt, die Bräuche Fremder genau zu beobachten und abzulauschen, konnte der Jude als Bühnenkünstler noch eine bis zur höchsten Vollendung entwickelte Kraft seines Volkes sich untertan machen: das sübtile Einfühlungsvermögen des Juden in fremde Geistesart und Geistesschöpfungen. Der Jude ist der geborene Mittler des Geistes. Juden waren es, die griechische, ägyptische und arabische Wissenschaften interpretierten; die in den alten orientalischen Kulturnationen lehrten und Bildung verbreiteten. Es ist bezeichnend für das Judentum, daß es nur einen Adel kennt und anerkennt: nämlich den Mel des Geistes. Daher ist es vielleicht auch eben dem Juden gegeben, einem Dichtwerk, als dem Erzeugnis tiefsten und feinsten Geistes, bis in seine geheimsten Verästelungen nachzuspüren, psychologische Zusammenhänge aufzuöecken und den Absichten des Dichters auch überall dort nachzugehen, wo dieser Dichter für die Menge ohne dialektischen Tastsinn möglicherweise nicht klar und verständlich ist. Glaube an dich! Bon Rabbiner Dr. Gottschalk. Und wenn sie alle wider dich aussteh'n, Und wenn sie dir alle die Seele rauben — Glaub' an dich! Und wenn -eine Brüder wider dich eifern: Du wurzelst doch nicht in deiner Heimat, Du verzerrst nur dein Antlitz und verbirgst es vor Glaub' an dich! Und wenn die andern dich höhnen und schmähen: Du fühlst ihn nicht, den Hohen, Erhabenen, Ein Frevler nur bist du! Gottloser Zerstörer — Glaub' an dich! Und wenn die Feinde dich auch noch begeifern: Er erträgt dich nicht, der Boden der Mutter, Zum Fluch und Verderb nur gereichst du ihr — Glaub'an-ich! tu, dreimal glaub' an dich, kämpfende Seele! laub' an den Schrei deines Herzens nach Gott, Glaub' an dein gotttrunkenes Weltenentzücken! Glaub' an den Schauer in deiner Brust, Glaub' an den göttlichen Ruf: zur Tat! Glaub' an dein Versinken in liebende Arme, Glaub' an das Brausen des Ew'gen in dir! Und glaub' an den lodernden Brand -einer Seele, An die himmelhoch flammende jüdische Glnt! Glaub' an den jauchzenden Weckruf des Herzens, Wenn er als „Schma" von den Lippen dringt! Glaub' an die Tränen, die dir entperlen, Wenn dich des Sabbaths Friede umfängt... Glaub' der Begeisterung, die dich emporreißt, Rauscht um dich jüdisches Heldentum! Und glaub' an die Liebe zum Boden -er Mutter, Die dich empfing und so treulich genährt! Ob sie auch fluchen, sie segnet dich immer — Glaub' drum der inbrünst'gen Sehnsucht nach ihr! Glaub' an den Schmerz deines Heimverlangens, Glaub' an den Jubel, ruhst du dort aus! a, also glaube, jüdische Seele! nd zweifeln sie alle — du Glaube an dich! Der religiöse Tanz. Von Frank Ai« ß. (Nachdruck »Mfcoten.) Es wird Menschen geben, denen die Verbindung von Tanz und Religion unsinnig erscheint, vielleicht gar als Frevel oder Blasphemie. Und es wird andere Menschen geben, denen sie unbrauchbar erscheint, vielleicht gar lächerlich, weil sie vom Tanze lediglich sinnliche Reize erwarten und ihn nie ans -er Sphäre sexueller Simulierung zu lösen vermögen. Wenn es nun darauf ankäme, diese Menschen von dem Irrtum ihrer Meinung zu überzeugen, müßte man nach einigen tiefen Atemzügen eigentlich mit den Elementargesetzen aller Kunst beginnen, -as Grundsätzliche zu deuten suchen und dem Worte Religion" einen von aller AUSSTELLU NG: UNTER DEN LINDEN 3 AUTOMOBIL- UND KAROSSERIE FA BRI Dogmatik abgekehrten Sinn geben. Oder aber: man müßte lächeln und davongehen. Me soll ich also über den religiösen Tanz sprechen, ohne das Problem schon dort zu suchen, wo es kaum noch Verbindung mit dem Tanze hat? Und wie wäre dies in wenigen Zeitungsspalten möglich? Vielleicht ist es doch nicht nötig, „lächelnd davonzugehen". sondern in Aufreihung einiger Grundtatsachen den Bezirk des religiösen Tanzes wenigstens zu umschreiben und in seinem Sinn und Wert aufzuklärcu. Ich könnte etwa mit dem Historischen beginnen und sagen, daß bei den Völkern anderer Kulturen, den Indern, Aegyptern und Japanern, dem Tanze vorzugsweise der religiöse Charakter eigen ist. Ja, daß der Tanz dort von vornherein eine religiöse Uebung üarstelle. Einmal einen Ritualcharakter habe, ein andermal vom Volke als eine Ehrung Gottes oder -er Götter angelegt und über Inbrunst und Versunkenheit hin bis zur Ekstase gesteigert werde. Doch ist es vielleicht wichtiger zu wissen, weshalb auch bei uns dem religiösen Tanz Berechtigung zugesprochen werden muß, wie er aus unserem Vorstellungserlebnis von Kunst erwuchs und sich heute neben dem heiteren oder grotesken oder volklichen Tanze sicher behauptet und weiterhin behaupten wird. Eins voraus: Wenn es den übrigen Künsten erlaubt ist, alle Vorstellungsinhalte, von der tiefsten Trauer bis zum entfesselten Frohsinn in sich aufzunehmen, den Menschen in Sehnsucht, Liebe, Qual, Heiterkeit oder Anbetung zu zeigen, so muß es auck dem Kunsttänze erlaubt sein, über die zurzeit des seligen Balletts ihm gezogenen Grenzen einer sterili- WERK; REINICKENDORF K A. G

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