Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 16 (30.5.1924)
- Date
- 1924-05-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IWchGeraleZejtunL Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle lU jährlich M. 1,60 Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung i. Inland 0,25 Air die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis u « rr im Mitgliedsbettrage enthalten, rr rr « Lhefredakteur: Dipl..Ing. Bruno Doyda. Die „Jüdisch - liberale - Settung" erscheint jeden Krettag. Schrittleilung und SsschüttssteNer Veriln,Mauerstratze22. fern ruf: Amt Olerhur Nr. 8725 poWcfcetfcfeontot Berlin nW 1 Nr.INVSS (Vereinigung für Das liberal« Judentum) Nachdruck sämtlicher Orlglnal-Beltrflge nur mtt vorheriger Genehmigung der Redaktion geftattetl Anzeigenpreise: «r «duparMezeUe MB Voldmark. die »eklamezeile L.00 Goldmark n rr « bet Wiederholungen «abatt. » n : Auzetgeuauuahmer Dr. Richter 8 Lo„ G.M.V.H, Berlin S 4L, Alexandrineustrahr (Fernsprecher Dönhoff 7285). sowie sämtliche Annonern-Eppeditionen. Nr. 16 Berlin, 30. Mai 1924 4. Jahrgang Kunst und Religion. Die jüdische Religion und die Kunst. Bon Rabbiner Dr. Georg Wilde- Magdeburg. I In seinem Zimmer stand ein Beter. Der Raum tvaL ärmlich, die Wände kahl, der Blick durch das Asüster führte in eine dunkle Gasse. Nur über eine Mauer hinweg schauten die grünen Zweige eines verkümmerten Baumes. Der Mann hatte den Gebetmantel über den Kopf gezogen, um nicht einmal diese ärmliche Umgebung zu schauen. Nichts sollte ihn von seinem Gebet ablenken. Unter dem Mantel hielt er »och die Augen geschlossen, um sich ganz in sein Gebet versenken zu können. Neun andere Männer kamen «och ins Zimmer. Ein gemeinsamer Gottesdienst sollte es sei«. Jeder aber stand unter seinem Gebetmantel. Nur die murmelnde Stimme des Borbetenden war hin und wieder zu hören. Gleichgültig war diesen Betern btt Raum. Sie verlangten nicht nach Säulen, die gen Himmel ragen, die Sehnsucht des Menschen nach oben tragend. Sie brauchten keine Farben: nicht rote und bunte Farben, die frohe Gefühle wecken, nicht das Blau -es Himmels, das friedliche Stimmung ruft, nicht das Grün der Bäume und Wiesen, das die Lebenswärme steigert. Keine innere Unsicherheit brauchte ausgeglichen zu werden durch harmonische Formen in Fi- Mkren und Bildern. Keine Musik brauchte ihre Stimmung zu wecken, zu tragen, zu dämpfen und zu steigern. Poetische Gebete wirkten ans ste nicht stärker, wie unbeholfene, immer sich wiederholende Gebetesworte. Diese Beterbrauchten nicht die Kunst, ja verhüllten absichtlich ibr Haupt vor ibr. ^Jst dies dasBerhältnisvon jüdischer Religion und Kunst? Kein Bild der Außenwelt dringt zu dem Beter. Er aber betet mit heißer Inbrunst: „erbaue bald wieder deinen heiligen Tempel". Sein verhülltes Auge schaut auf hohem Berg den Tempel zu Jerusalem. Er sieht Säulen ragen wie die Bäume des Libanon, steht Gold und Elfenbein glänzen wie Sonne und Mond. Im tos den Altar, mit Erzplatten überzogen, Gestelle von upfer mit Löwen-, Stier- und Cherubim-Figuten, kunstvoll verziert,' das eherne Meer, ein gewaltiger Kessel zur Reinigung der Priester, auf zwölf ehernen Rindern stehend. Im inneren Raum den goldenen Tisch für die Schaubrote, den siebenarmigen Leuchter im strahlenden Glanz. Die Tür zum Allerheiligsten mit Engelsgestalten, Palmen und ausgebrochenen Blumen verziert. Drinnen, kaum wagt eres zu denken, zwei Cherubim, in gewaltiger Größe,, die heilige Lade haltend. Der verhüllte Beter sieht dte Scharen der Priester. Sie alle überragt der, Hohepriester, im goldöurchrviHten, purpurblauen und purpurroten Mantel, den Brustschild mit kostbaren Edelsteinen tragend, einen goldenen Reif um die Stirn. Er hört die Chöre der Priester: Lobet Gott in seinem Heiligtum, lobt ihn mit Posaunenschall, lobt ihn mit Psalter und Zither. Lobt ihn mit Pauken und Reigen, lobt ihn mit Saitenspiel und Flöten, lobt ihn mit Cymbeln und Schalmeien." So schaut der Beter die Vergangenheit, so schaut er auch die Zukunft, die leidenschaftlich ersehnte messianische Zeit. — Wer kennzeichnet das Verhältnis von jüdischer Religion und Kunst? — Der verhüllte Beter oder sein aus der Vergangenheit geborener Zukunftstraum? Im Tempel zu Jerusalem diente die Kunst der Religion. Die Baukunst, die hier wohl ohne Eigenart durch den Kontrast der Größe und durch kostbares Material staunende Ehrfurcht zu erwecken sucht. Die Bildhauerkunst, ausgeschlossen allerdings durch biblisches Gebot von ihrer edelsten Aufgabe, der Darstellung des Menschen, — oder trugen die Cherubim Menschenantlitz? — Die Malerei den Tempel schmückend, die Musik den Gottesdienst verschönend,' die Poesie den Gebetworten Rhythmus und Schwung verleihend. Ist aber mit der Zerstörung des Tempels von Jerusalem auch der Zusammenhang zwischen der jüdischen Religion und der Kunst zerstört worden? Fast scheint es so. Menschen, die flüchtig über die Erde ziehen, müssen die Religion im Herzen tragen und ihr überall sofort, wo sie gerade weilen, dienen können, dürfen nicht auf Kunst und Künstler warten. Wer unter Vilöeranbetern wohnt, muß ängstlich die Bilder meiden. Wer von Vergangenheit und Zukunft lebt, kann unter dem Gebetmantel seine Welt finden. Wer in enge Gaffen gesperrt wird, darf auch keine hohen Gotteshäuser bauen. Aus dem Inhalt: Dr. Wilde-Magdeburg: Die jüdische Religion und die Kunst. — Doris Wittner: Der Jude auf der Bühne. Dr.- Gottschalk: Glaube an Dich! — Frank Thietz: Der rettglöse Tanz. — Maria Ren^e Danmas: Der Jüngling. Die jüdische Gegenwart. — Aus de« Gemeinde«. —■ Ans der Bewegung. — Der jüdische Sprechfaul. — Versammlungskalender— Kalendarium. Die Pogrome in Siebenbürgen. Die antisemitischen Ausschreitungen in Siebenbürgen, über die wir bereits in unserer letzten Nummer eingehend berichtet haben, dauern an. Seit dem Tage des rumänischen Nationalsestes in Bnlassalva. wo aus den Eisenbahnzügen »wischen Balasfalva und Klauseniburg zahlreiche jüdische Passagiere schwer mißhandelt und zum Teil aus den Coupsfenstern der fahrenden Züge hinausgeworfen worden sind, geht eine starke Welle von antijüdischen Exzessen durch große Teile Siebenbürgens. Es macht den Eindruck einer planvoll organisierten Verfolgung, zu der das Fest in Balasfalva das Signal gegeben hat. Die rumänischen Zeitungen deuten an, daß während der Exzesse in verschiedenen Orten haarsträubende Dinge vorgekommen sind, doch ist es ihnen wegen des Bestehens d-es Belagerungszustandes verboten, Einzelheiten witzuteilen. Es wird berichtet, daß auch in den Dörfern die Bauern Judenexzesse veranstalten. Die Wiener Blatter geben furchtbare Einzelheiten über die Vorkommnisse auf der Strecke Balasfalva—Klausenburg. Laut Liesen Meldungen wurden hundert jüdische Passagiere mehr oder weniger schwer vewundet. Mehrere durch mörderische Schläge und viele auch dadurch, daß sie ans CoupSsenstern der fahrenden Züge hinausgeschleudert worden sind. Einem jüdischen Passagier wurde die Kehle durchgeschnitten. Auch aus Bukarest treffen Meldungen ein, daß dort anttjirdische Exzeße schwerer Art stattgeftvnden haben. Aus Klausenburg eingetroffene Personen melden, daß seit mehreren Tagen eine ununterbrochene Pogromwelle durch ganz Siebenbürgen geht. Fast alle Städte Siebenbürgens sind jetzt der Schauplatz von schweren anttjüdischen A schreituugen. Man zählt bis jetzt zwölf Tote. Im Städtchen Tejus wurden die Mische« Geschäfte aarsgeplündert und einige jüdische.Häuser angezündet. Bon Studenten geführte aufgehetzte Horden demolieren die Wohnungen. Jüdische Frauen wurden nackt auf den Markt getrieben In Szatma wurde der jüdische Student Heinrich Kugler an einem Laternenpfahl aufgehängt, seine Mutter mit Petroleum übergossen und lebendig verbrannt. Es steht nunmehr fest, daß sich in Klausenburg sowohl Offiziere als auch Agenten der politischen Polizei an den Pogromen beteiligt Haben. Die Horden, die sich in den Exzeßen hervorgetan haben, huldigten einen Tag später dem in Klausenburg eingetroffenen Kronprinzen Carol. Ein einigermaßen energisches Eingreifen der Behörden gegen dieses schändliche, an mittelalterliche Vorgänge erinnernde Treiben ist bisher nicht erfolgt. Die Weisen von Zion wieder beim (^aatsanwalt. Der Geschäftsmann und Abgeordnete Fritsch hat jetzt die „Weisen von Zion" unter dem Titel „Dte ziosiistischen Protokolle. Das Programm der internationalen Geheimregicrung" in seinen Verlag ausgenommen. In einem Vorwort sagt Fritsch, der mit Verleumdungen stets schnell zur Hand ist. daß ,-allem Anschein nach der Inhalt der Protokolle auf dem ersten Zionistenkongretz vorgetragen sei" und daß „die Gedanken des Buches durchaus im Rahmen der zionistischen Bestrebungen liegen." Dagegen wendet sich der Land-esvorstand der Zionisttschen Vereinigung für Deutschland in einer Erklärung, die auf das Ziel der zionisttschen Bewegung hinweist, die betont, daß sich die Arbeiten der Zionisten vor den Augen der gesamten Kulwvwelt vollziehe« und in dem Satz gipfeln „Die zionistische Organisation hat mit den in den „Zionisttschen Protokollen" ihr untergeschobenen verbrecherischen, gegen das Wohl anderer Völker gerichteten Bestrebungen nicht das geringste zu tun". Außerdem hat Ser Landesvorstand der Zionistischen Bereinigung für Deutschland gegen Fritsch und die Vertreter des Buches Strafanzeige erstattet. Herr Fritsch, den die Reichstagsimmunität deckt, wird aber wohl kaum den Mut aufbringen, seine verleumderischen Ausstreuungen vor Gericht zu vertreten. Jeder Raum kannte zum Gottesdienst diene», jede« Mann konnte Borbeter, sein. War er aber ein S ä n g e r, so schätzte man überall und zu allen Zeiten seine Kunst, des Vibelwortes eingedenk: „Singen will ich dem Ewigen". Sagte man auch die alten streng festgelegten Gebete, so fanden im Mittelalter, leichter vielleicht wie jetzt, neue Poesien Eingang in das Gebetbuch. Wer möchte jetzt „Sectio daudi“ am Freitag abend, „moaus zur“ amChanukafest, „adaun auilom“ im Gebetbuch missen? Alle Feste kann man in Melodien darstellen. Gesangs¬ und Dichtkunst gehören eng zur jüdischen Religion. Die Baukunst war uns durch unser äußeres Geschick lange entfremdet. Als ich wich der Küste von Palästina näherte, hat es mich schmerzlich berührt, nicht einmal dort eine Synagoge als weithin ragendes Zeichen unseres Glaubens zu sehen. Die Ostjuoen, das unbewußte Gefühl des Wanderers tragend, beten überall noch gern in kleinen „Schulen". Und doch war nicht etwa der alte Tempel in Jerusalem das einzige Kunstwerk. Der Talmud (Sukka 51d) preist die Synagoge in Alexandrien wegen ihrer Größe, künstlerischen Bauart und prunkvollen Ausstattung. In Kirchen verwandelte Synagogen zeigen noch heute die Baukunst der spanischen Juden. Die „Ält-Neuschul" in Prag und manche alte Holzsynagoge in Polen beweist, daß auch diese Gegenden Kunstbauten kannten. Kaum hatten die Juden die erste wirkliche Freistätte in Holland gesunden, da Lauten sie die noch heute ansehnliche portugiesische Synagoge in Amsterdam. Die in den letzten hundert Jahren erbauten Synagogen zeigen wohl überall das Bestreben, durch die Baukunst die Würde der Religion zum Ausdruck zu bringen und die Stimmung des Besuchers zu heben. Malerei und Bildhauevkunst in der Synagoge waren lange umstritten. Maiwonides erzählt, Latz er vor jedem mtt Mlderschmuck versehenen Gewebe, aus Furcht vor Ablenkung und Zerstreuung die Augen geschloffen habe. Josef Karo, der Verfasser des Schulchan Aruch, beruft sich auf diesen Entscheid, den Gegnern bildlicher Ausschmückung der Synagoge eine Waffe damit gebend . Rabbi Meir von Rothenburg wendet sich selbst gegen die Ausschmückung der Machsor-Handschriften Mt Tier- und Vogelbildern, obzwar er sie religionsgesetzlich für unbedenklich erklären mußte (vgl. David Kaufmann. Gesammelte Schriften, Band 3: Zur Geschichte der jüdischen Handschriften. — Illustration, und weiterhin Band 1, Seite 83 u. solM. Dennoch fand Mal- und Bildhauerkunst in Synagoge und Kultus immer Meder liebevolle Pflege. Der Löwe, das alte Wappentier von Juda, schmückte zu allen Zeiten die Synagoge und die gottesdienstlichen Geräte, oft sogar in voller plastischer Ausführung. „Der Schrein für die Gesetzesrollen in der Synagoge zu Pesaro (in dev ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts) war ganz aus Nußholz geschnitzt und vergoldeter ruhte auf zwei in voller Plastik aus dem gleichen Holze herausgearbeiteten kauernden Löwen, die mit ihren brüllend geöffneten Mäulern und ihrer treu der Natur nachgebildeten Behaarung den Eindruck des Lebens hervorriefen." „$» dem frommen Worms hieß die Ostseite der Synagoge die Löwenseite, von dem plastischen Bildwerke her, an dem bei jeder Hochzeitsfeier das Glas zerschellt wurde, aus dem das Brautpaar „den Segen" getrunken hatte." Für Bilöerschmuck nur dieses Beispiel: Die zwischen 1650—70 entstandene Synagoge von Jablonow. „Von den zu beiden Seiten des Gesetzesschreins sich ausbreitenöen vier Feldern sind zwei mit allerlei Vögeln und Tieren bemalt. Voaelbilder und phantastische Tiergestalten umgeben auch die Kartouchen . . . Als Mittelstück der Süöwand ist das Bild des siebenarmigen Leuchters ausersehen. Löwen, die ihre rechte Vordertatze auf ein doppelt gehenkeltes Gefäß legen, halten unterhalb des Leuchters rechts und links an seinem Fuße Wacht. An der Westwand klimmen zwei Bären den Baumstamm hinan... Raubvögel, die ihre Schnäbel nach einem Häschen aufreißen. An einer anderen Stelle steht Mt Illustrationen der Satz aus den Sprüchen der Vätev: „Sei stark wie der Panther, leichtbeschwingt wie der Adler, schnellaufend wie der Hirsch, gewaltig wie der Löwe,, um den Willen deines Vaters im Himmel zu vollstrecken." Die Ausschmückung von Gebetbüchern Mt Bildern hat in unserer Zeit fast ganz aufgehört, war im Mittelalter aber sehr beliebt. Der Text der Gebetstücke wird von illustrierende»