Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 16 (30.5.1924)
- Date
- 1924-05-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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AN dieser natürlichen, aus Anlage und licher Erziehung entstandenen Eignung deS Juden -um Bühnenkünstler traten bisweilen Vorurteile und Widerstünde der Volksgemeinschaft entgegen, Widerstände, die ihre Hauptqnelle in vskigiosen UeSerliekerungen und Vorstellungen hatten. Die Juden waren — rote schon betont — ein Volk des Geistes, ein Volk kühler und reiner Abstraktion. Dieses Volk, dem sein Gesetz verwehrte, sich ein Bild seines Gottes zu machen, wurde durch dieses aphoristische Gebot zur Bildverachtung an sich erzogen. Der Begriff ist fast immer der Anschauung feino. Die Juden aber brachten höchste Ehrenopfev immer auf dem Altar des gedanklichen Begriffes dar und entfremdeten sich dadurch hie und da der Form, der Grundlage aller Kunst. Es mutzte sich also naturgemäß eine Geringschätzung der Mehrheit füv den Einzelnen ergeben, der sich selbst zum Bild erniedrigen, seine eigene Person als Schaugegenstand ausstellen wollte. Dazu kam, daß, seit das Volk Israel aufgehürt hatte, eine nationale Einheit zu sein und seine unbezrmngliche Stärke fortab nur noch in seiner religiösen Einheit beruhte; daß eben diese religiöse Einheit von ihren eingesetzten Wächtern, Priestern und Schriftgelehrten, als das Siwsonsgiurnis des Volkes leidenschaftlich gehütet wurde, e freiwillige Annäherung an fremde Sprachen und turen wurde deswegen von der religiösen Orthod v x i e des Judentums jederzeit schwer geahndet. Uud manch einer, den der innere Ruf zur Kunst trieb, verfiel dem großen Bann, weil er diese Kunst nur in der Spvache des jeweiligen Wirtsvolkes, dessen Gapbürger er war, ausüben zu können glaubte. Besonders im rnfftschen und polnischen Osten, wo der Rabbiner im Seelischen gleichsam noch Herr über Leben und Sterben seiner Geweindemitglieder ist, und wo der westeuropäische Liberalismus des Judentums unbekannt ist oder wo er anrüchig wurde, als Abtrünnigkeit verdammt und verachtet wird; besonders in diesen Gegenden, wo so viel starke und fruchtbare Kräfte der jüdischen Raffe gebunden liegen, haben jene, die sich „auserwählt" fühlten, fast immer grausame und unerbittliche Kämpfe mit dem Glauben und Werglauben ihrer Stammesbrüder führen müssen, ehe fie ihre Sendung erfüllen durften. Und doch haben gerade Rußland und Polen der Kunst, und besonders der Bühnenkunst Westeuropas, unerreichte Meister geschenkt. Und immer breiter und fruchtbarer rauscht der gewaltige Strom der Talente aus dem Osten: dem Osten Europas, der gespeist wird von der großen Bölkerhermat Asien. Mögen die Mauern, die inbrünstiger Fanatismus um Häuser, Hirne und Herzen zieht, auch noch so stark sein, es dringt doch zuweilen ein Ton hinein von dem Ruhm und der Ehre Eines, der vielleicht ehedem als Sohn des Spottes und Hasses aus diesen Mauern hinauszog in die weite Welt, und dessen Größe nun das eigene Volk erhöht. Und just dieser Ton stiehlt sich vielleicht mit allen Lockungen der Sehnsucht und Verftihrug in das eines armen, über die heiligen Schriften gebückt sitzenden Talmudbochers, der auch schon in seiner eigenen Brust die Stimme der Berufung vernahm und ihr nur nicht zu folgen wagte, oder eines Vorsängers, aus dessen Kehle alle Gnaden der Kunst als der höchsten Menschenbeglückung schmettern, und der doch noch niemals über die «Schul" hinausgekommen ist. Und dann kämpft wieder einmal einer den Kampf des Sender Glatteis. Aber vielleicht unterliegt er nicht. Und die Welt draußen horcht wieder einmal auf, weil wieder einmal ein Bogumil Dawison oder ein Wolph Sonnenthal oder (wie wir es erlebt haben), ein Jadlywker oder ei« Joseph Schwarz ihre Schwelle überschreitet, sie schöner und edler zu machen. Für die geistige Entwicklung dev Menschheit ist das Judentum eine üppige Nährkammer gewesen, die schier nie versiegende Frucht hergab. Aber auch die Künste, die schöpferischen, wie die nachschassenden, danken dem Judentum Bereicherung und Anregung. Wo darum der göttliche Funke glimmt, sollte er immer mehr — auch im Vesten Glauben nicht — erstickt, sondern zur lodernden Flamme angefackt werden. Atem» und Ellbogenraum für den Einzelnen, damit der wirke zum Heil der Gesamtheit! Aus den Gemeinden. Ahlem. Am 21. Mai verstarb nach kurzem schwere« Krankenlager die Direktorin der israelitische« Gartenbauschule Ahlem. Frau Else Stlverberg. Tief betrauert von ihren Beamten und Schülern. Wenn die Schule tu jüdischen Menschen die Liebe zur Natur wieder geweckt hat. so ist das nicht zuletzt bas Verdienst der Verstorbenen. Berlin. Der Generalsekretär der Bereinigung für daS liberale Judentum e. B.. Herr Egon Dickmau», zeigt seine Vermählung mit Fräulein Eva Meyerstetn-BreSlau au. Die Vereinigung für das liberale Judentum und die Redaktion diese? Blattes wünscht dem iungvermählten Paare auch an ' - eser Stelle von Herzen Glück. Berlin. Am ip. Mai wurde Justizrat Leopold Dorn in Wettzensee zu Grabe getragen. Er gehörte seit der Gründung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Ende März 1898. dem Verein an leitender Stelle an und hatte zusammen mit Eugen Fuchs und Maximilian Horwitz, den Vorsitz darin tnne. An der Bahre des Entschlafenen feierte der erste Vorsitzende des CentralvereinS Justtzrat Dr. Julius Broönitz. dte Verdienste des stillen Denkers, der durch zahlreiche Gutachten dte Arbeiten deS CentralvereinS gefördert hat und dem Deutschtum und Judentum nicht ein aus KlugheitSerwägungen resultierendes Programm, sondern innere LebenSnotwenLigkeit waren. Breslau. Am 2i. Mai beging Justiz rat Salomo« Kalt sch mit seiner Gattin das Fest -er silbernen Hochzeit. Justizrat Kalisch ist seit vielen Jahren Repräsentant der Synagogen-Gemeinde. seit 1921 stellvertretender Vorsitzender des Kollegiums. Ebenso gehört er führend dem Liberalen Verein der Synagogen-Gemeinde an. Den vielfachen Glückwünschen schließt sich Sie Vereinigung für das liberale Judentum mit besonderer Herzlichkeit an. — Am gleichen Tage feiert Kaufmann Martin Frankel mit feiner Gattin das gleiche Fest. Herr Frankel hat sich in seiner Arbeit in der Reprüsentanten-Versammlung, deren rechtem Flügel er angehört, sowie im Vorstände deS Israelitischen KrawkenhanfeS und zahlreichen anderen Ehrenämtern große Verdienste erworben. Laudsbera a. W. Vor kurzem ist hier die Gründung eines Kreisverbandes der kleineren Synagogen unserer Umgegend mit Landsberg als Vorort beschlossen worden. Au dieser Organisation gehören: Friedeberg, Wolöenberg, Schwerin, Meseritz. Berlinchen Bernstein Soldin. Arnswalde, Metz Zielenzig u. a. Bei der VorstanöSwahl wurde Herr Li eb er t. der bereits seit 16 Jahren der Repräsentanz als stellvertretender Vorsitzender angehört und sich stets für die Interessen der liberalen Bewegung eingesetzt hat. tu den Vorstand der Gemeinde Landsberg gewählt. München. Auf Grund des Beamtenabbau-GesetzeS wurden die bestehenden jüdischen Volksschulen in Ansbach, Treuchtlingen, Altenstadt, Berolzherm und Scheinfeld aufgelöst. Nürnberg. Eines der tätigsten und beliebtesten Mitglieder der hiesigen Gemeinde, Herr Siegfried Weiuberger, wurde am 21. Mai unter großer Beteiligung zu Grabe getragen. Der Verstorbene, ein bescheidener, schlichter und selbstloser Mann, suchte nie «ach außen zu glänzen, um desto mehr nach innen zu wirken und zu schaffen. Er war Mitglieder Kultusverwaltung und eines der tätigsten Mitglieder der Verwaltung des Israelitische» WohltatigkeitSvereinS, sowie Schatzmeister des KindererholungshetmS Förth. Herr Rabbiner Dr. Freuöenthal betonte in seiner zu Herzen gehenden Grabrede, daß Siegfried Weinberger der letzteren Anstalt seine besten Kräfte Dag für Dag widmete und sich um alle Einzelheiten des Betriebes mit unermüdlicher Sorgfalt bekümmerte. Für di« Gemeindeverwaltung sprach Herr Geheimrat Dr. Held, für die Madmonibes-Loge Herr Dr.Bamherger. für den WohltätigkeitSverein Herr Hugo Baermann ehrende Worte des E>edenkens. Der Verlebte hat sich durch sein liebenswürdiges, herzliches und gefälliges Wesen so viele Freunde in allen Kreisen erworben, daß sein Andenken noch lange fortleben wird. Der Religionslehrcr der Kultusgemcinde Nürnberg, Bern h ei m. wurde in dieser Eigenschaft vom Stadtrat zum Oberlehrer an den hiesigen städtischen Mittelschulen ernannt. Lu« 8eLr«r und Jtaftift an der KrrlkuSgemelirbe wurde Kantor I. Kauf«au« au» Wiesbaden gervählt. WieSbabe». (Soziale Arbeit). Wiesbaden war früher als Stadt der Rentner bekannt. Alle Not. dte den Rentner« -er Krieg «nd -te NachkriegStahre und ganz besonders dte Inflation deS letzten Jahres gebracht bat. ist in Wiesbaden mit aller Schärfe bervorgftreteu mrdie jüdischen Rentner, wie überhaupt alle nicht «ehr im Erwerbsleben stehenden Slanben-genosse» find von ihr in gleicher Weife betroffen worbe». Um dieser Not zu steuern sind in Wiesbaden zwei Einrichtungen von jüdischer Seite geschaffen worden: «itneller Mtttagsttsch und bas jüdische Alter-Heim. Die Rituelle Küche geht auf eine Anregung zurück, die von Frau Löwenstet« auSgegangen, von -er Arbeitsgemeinschaft der jüdischen WohlsahrtSorganisationen in Wiesbaden bereitwillig ausgenommen und sofort in die Tat umgesetzt wurde, nachdem eine Anzahl opferwilliger Gemeindemitglteder sich zur Unterstützung durch Geldmittel und Waren bereit erklärt haben. Am 11. April 1923 erfolgte die Eröffnung zunächst in 8«r Verfügung gestellte» privaten Räume». Da die Teilnehmerzahl stark anwuchS, genügten diese Räume bald nicht mehr. GS wurde möglich, sie in. ein eigenes Heim. Faulbrunncnstraße Ecke Schwalbacher Straße, zu verlegen. Die Räume tu dem ueue» Heim bestehen aus einem großen, hellen Spetfeiaal und einem zweiten, gemütlich ausgestatteten Zimmer. daS de« Gästen auch an den Nachmittage« zur Verfügung siebt, eine Einrichtung, -te , während deS letzten langen Winters besonderdankbar j empfunden wurde. Zeitungen, Bücher «nd Gviele sorgen für Unterhaltung. DaS Mittagessen besieht auS Suppe. Gemüse und Kartoffeln und wirb so reichlich aufgetragen, . -atz auch ein kräftiger Esser setueu Hunger stillen kau«.! Mehrmals iu -er Woche konnte» durch ftetwillige Spenden k auch Fleischgerichte gegeben werden. Die Zubereitung kann i alwirklich gut bezeichnet werbe». Als Entgelt wirgegen-! wärtig 1,60 Goldmark für eine Woche erhoben. Dieser . geringe Preis ist natürlich nur in Folge der vielen, der I Küche gespendeten Zuschüsse durchzuführeu. Einer recht er- , heblichen Anzahl der Gäste mutz übrigens auch dieser geringe ■, Preis erlassen werden. An de« Nachmittagen wird den : Gäste« kostenlos ein Glas Tee mit Brot verabreicht. Die : Besucherzahl ist von aufänglich 10 Personen auf 66—70 Persouen täglich gestiegen, obwohl der Zutritt der Zustimmung! einer besondere» Kommission bedarf. AlS Eigentümerin des : Hauses ist die Nassau-Loge eingetragen. die die Räumlich-! kette« bereitwillig auch für Versammlungen der anderen , jüdischen Vereine zur Verfügung stellt. Dte Leitung der i Küche untersteht einem von der Nassau-Loge eingesetzten ' Ausschuß, dessen Arbeiten fett Begründung der Küche Herr t Sally Herz leitet. - Die Notwenöigkeft der Errichtung eines jüdischen | AlterSheimS ist schon vor Jahren von Moritz Heimer- | dtnger, dem Nestor der jüdtschen Wohlfahrtspflege in Wie8-; baden, betont worden. Als die Not immer dringlicher wurde,; kam unerwartete Hilfe durch ein Vermächtnis des im Jahre 1922 verstorbenen Deutsch-AmerikanerS Moritz Archenholö. Dieses Vermächtnis wurde durch Verwandte des Verstorbenen weiter erhöht und nach langem Suchen war es möglich. daS Haus Walkmühlstratze 86 zu erwerben. Eine Neide weiterer Spenden ermöglichte» unS, daS HaiH von Grund auf zu renovieren. ES kann 12 Personen Aufnahme gewähren. Ein behaglich ausgestattetes Speisezimmer dient den Insassen zum gemeinschaftlichen Aufenthalt. Mitten im Grünen und in der Nähe prächtiger Anlagen und des Waldes gelegen, ist «S vorzüglich kür fettre Zwecke geeignet. Den Insassen wird außer der Wohnung volle Beköstigung in gut bürgerlichem Stll geboten. Die PeusionssStze sind äußerst niedrig bemessen, es ist bet ihnen in jedem einzelnen Falle auf die Leistungsfähigkett der Pensionäre oder ihrer Angehörigen Rücksicht genommen. Wegen der geringen zur Verfügnng stehenden Plätze find Neuaufnahmen augenblicklich nicht möglich. DaS Eigentum des HauseS ist wie bet der Rituelle» Küche der Nassau-Loge übertragen worden, die ein , Kuratorium für dte Verwaltung eingesetzt hat. an dessen! Spitze Herr Gustav Flörsheim steht, dessen Tatkraft die l Durchführung deS Planes in erster Linie zu danken ist. Am! Sonntag, den 11. Mai 1924, wurde das Heim mit einer \ Mli&teti Feier seiner Bestimmung übergeben. Nachdem l Herr Gustav FlörSheim den Spendern, insbesondere den! anwesenden Angehörigen der Familie Archenhold den herzj liche» Dank ausgesprochen und die Verwalterin des Hauses z in ihr Amt einaeführt hatte, hielt Herr Stadt- und Bezirks-; rabbiner die Weiberede. Ausgehend von dem Wort: „Wie j schön sind Deine Zelte, Jacob, wie herrlich Deine Wohnungen. Israel", weihte er das Haus als Denkmal der Liebe, als Haus des Friedens und als Stätte der Gottek-! furcht. >aw> wk? 7ÜV”5' - fierten Lebensfreude hinauszugehen und in die flimmernden Bezirke der Lust wie in die geweihten der Andacht zu greifen. Sent M'ahesa löste die noch zu historisch eingestellte Ruth St. Denis nrit der Reuschöpsung des phantastischen Tanzes ab, dessen eine Flanke ins Gebiet heißen Wüstenatems, dessen andere Flanke in den heiligen Raum der Sehnsucht nach Verbindung mit einem Göttlichen vorstieß. Die Front des Kunsttanzes war nun so groß wie die Front aller anderen Künste geworden: Die Verbindung vom Optimistischen zum Pessimistischen, von der Bejahung des Diesseits bis zur Ahnung des Jenseits war hergestellt. Denn da der Mensch nicht nur lebensbejahend, sondern auch lebensverneinend geschichtet, nach der Erde und nach dem Außerirdischen hin orientiert ist, ja, diese zwei gewaltigen Lebensgefühle durch sich selbst in immerwährende Verbindung und Kreuzung bringt, mußte eine Kunst, die im Bezirke des Heiteren begann, logischerweise eines Tages zum Tragischen gelangen. Sie mußte es, falls sie Kunst und nicht nur Sport, Spiel oder Gesellschastsübung war. Die junge Charlotte Bara, im Technischen noch unfertig, hat'mit besonders leidenschaftlicher Haltung sich in den Dienst des religiösen Tanzes gestellt. Wir finden es natürlich, daß sie nicht Darstellungen aus der Bibel, sondern, losgelöst von ehrwürdigen Ueberliefernngen, das Verhältnis des Menschen zum Göttlichen in Rhythmus und schwingend beseelte Haltung umsetzt. Die ewigen Gefühle der Sehnsucht nach Einssein mit dem Woher und Wohin unserer Existenz, also das Heilig-Pessinnstische, suchen bei ihr nicht mehr Worte, noch Musik, noch Farbenrausch, sondern nur belebte Geste. Der Tanz wird wieder — wie bei Sent M'ahesa oder Mary Wigmans abstrakten Studien — seinem anfänglichen Sinn zugeführt: durch sich selbst etwas zu bedeuten, durch sich selbst zu genügen, nicht mehr anzudeuten, nicht mehr zu illustrieren, sondern nur noch „Tanz" zu sein. Die Berechtigung des modernen Kunsttanzes war mit seiner revolutionären Emanzipierung vom alten Ballettstil nicht erwiesen. Sie besteht nun, seitdem schöpferische Tänzerinnen und Tänzer der Tiefe ihre Empfindungen die gemäße Ausörucksform gegeben haben. Damit ist der Radius dieser Kunst riesenhaft erweitert, ihre Möglichkeiten enorm, der Weg zur Gestaltung aller Inhalte durch Rhythmus und Geste offen. Nicht mehr Willkür ist die Parole, sondern mit den neuen Inhalten tun sich neue Formen und Gesetze auf. Jede Ausdruckssorm fordert ihren berechtigten Kontrapunkt. Max Terpis tanzt »religiös" iu der „Josefslogcnde" und im »Tänzer, unserer lieben Frau". Er tanzt aber auch den Ulk »Bums", und zwar nrit der gleichen Bravour und der gleichen Tiefe: Irgendwo ist der Punkt erreicht, wo das Komische sich mit dem Kosmischen verknüpfen wird, und auch das Sinnliche nur eine Station in dem großen Kreise des Seelischen oder Ewig-Menschlichen ist. E. M. Lilien. Von Botho Laserstei». Im Logerchaus. Kleiststraße. zeigt anläßlich deS 60. Geburtstages des jüdischen Graphikers Lilien die „LanöSberg Kunst- und Buchhandlung", Berlin W16, einen Ausschnitt aus dem Schaffen des Künstlers. Radierungen: orientalische und galizische Landschaft. Jerusalem. Judenköpfe, Persönliches, dazwischen deutsche Stabtvbtlder. DaS ist hier ohne System «nd. bedauerlich, nicht nach dem Gesichtspunkt der Entwicklung der künstlerischen Persönlichkeit zusammengestellt. Ueberdenkt man die Sammlung als Ganzes, so fallt auf. daß kein Stich so erschüttert wie einzelne Blätter der K o l lwitz, die man jüngst in der Akademie sah. Die Potenz Aliens liegt in der klaren Linie und der Kraft deS Ausdrucks. Gegenüber Struck fehlt diesen Arbeiten die malerische Tönung. »Zypressen auf dem Tempelplatz". „Felsendom in Jerusalem", das ergreifende „An den Wassern Babels" und ein ziseliertes Exlibris Henryk Bavös illustrieren den Gegensatz (die beiden letzten für mich, neben Braunschweiger Sttchen. dte bemerkenswertesten Stücke). Landschaft schaut Lilie» sicherer als Köpfe und Perionen. Seinen Juden fehlt manchmal das Typische l.,Galizische Juden"). Das Nebeneinander einer solche« Ausstellung macht Wiederholungen sichtbar (.Saulus" »Thoraschreiber") — das Jüdische ist aber nur Teilproblem des Menschlichen —; )<im die Starrheit der Leser aus dem sehr gesuchten „In der Bibliothek" nicht verkennen. Ein stehender, wm öl ich er Akt, völlig mißlungen, überhitzte Phantasie, sollte durch ander':' ersetzt werden. Manches in diesen Köpfen aber iss meisscrba.sk. Der Talmudisten brünstiges Lernen, das Gebet wird, der Shnkock an der Klagemauer, dieses bittere Leiden, ein spanivUj.ber Jude, der Levanttnist in seiner verschlagenen Ueberlcgeubeit über den Aschkenas. der Bocher, ahasverisch zerrissen, ltcrflih iu talmuüischen Distinktionen wühlend. Bei der Eröffnung der Sammlung war viel von jüdischer Kunst die Rede. Darum zum Schluß die für uns nicht unbedeutende Frage: was ist jüdisch an diesen Bildern? Einzig der Borwurf einzelner Stiche. Ätzer schafft Lilien, aus dem Ghetto gekommen, jüdische Kunstwerke? Tritt man ohne Voreingenommenheit vor seine Blätter, so mutz man das verneinen. Gewiß liebt Lilien die Glut orientalischer Landschaft, vertteft er seiner Glaubensbrüder Leiden. Seine Kunst fließt aus der Quelle jiidischer Religiosität. Aber er sieht alles mit westeuropäischen Augen. Liebt es, wie kein anderer, das Rot von Chorin und Tangernründe. Jeder Künstler mit der Ausdrucksfähigkeit LUicnS müßte das machen können (Nembrandts Juden!). Wie dieser Lilien — welch Ironie — ein kerndeutsches Städtebild zu erfassen und zu gestalten vermag: der Wollnrarkt in Braunschweig, allerdings ans der reifsten Zcit, ist Augenlabe. Fast so gekungen stnö galtzische Städte (Markt in Drohobycz) und die 3>üm galizischer Landschaft. Aber jüdisch? Wo ist das Grüblerische, Kritische? Oder positiv: Man vergleiche das .^Jerusalem vom Oelberg" mit deutschen Städtcknpsern. mit Sttchen im Märkischen Museum zu Berlin. Tritt man mit dem Willen Mr Kritik und mit dem nötigen Bergleichsmaterial vor diese Arbeiten wie vor and-re „jüdische" Werke (im völkischen Sinn), bann wird man ssch kaum noch von den zionistischen Schemen einer jüdischen Kunst irritieren lassen. Und wird finden: es ist zwar ein Unterschied zwischen einem französischen Volkslied und einem deutschen Bauernfang, wie sich in der V o l k s k u r. st überhaupt bedeutende Unterschiede schon von Provinz zu Provinz fefistellen lassen. Dabei wirkt der Boden. Im wesentlichen aber ist daS Kunstgebilde internationales Gut und Ausdruck der Persönlichkeit. Bet E. M. Lilien: einer, deren Hand unS etwas zu sagen hat. 1