Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-05-23 · 15 (23.5.1924) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
15 (23.5.1924)
Date
1924-05-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2613366-2613741-2613756--0815-2618117
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

vorlegen zu lassen. Sie waren natürlich vor« Händen. Als ihn rnern Freund deshalb zur Rede stellte, erwiderte er gemütlich: „Wenn ich etwas nicht beweisen kann, behaupte ich es eben." Damit war Herr Ahlwardt sür mich Natürlich erledigt. Für die Oeffentlichkett war er eS erst dann, als er mit einer zerrissenen Hose im Reichstag erschien und dadurch offenbar mehr diskreditiert erschien als durch seine gerichtlich festgestellte Lügenhaftigkeit. In der Mitte zwischen den beiden Polen Stöcker und Alrlwardt stehen zwei antisemitische Führer, mit denen ich besonders viel zu tun gehabt habe, Liebermann von Sonnenbcrg und Böckel. L ie b c r m a n n v o n S o n n e n b e r g war in der Osfizierskarriere ansgerutscht, weil er> sein Leben laug - mehr Bedürfnisse als Geld hatte. Sein Germanentum bekundete sich vor allem darin, daß er immer noch eins trank. Aber ev war nicht nur ein feuchter, sondern auch ein fröhlicher Geselle mit herzerfrischendem Humor. Am Biertisch oder beim Wein ist mir selten ein netterer Kamerad begegnet. Dazu war er ein Redner, der mit hohem Pathos witzigste Absnhr von Zwischenrufen verband. Eine Szene aus dem Reichstag ist mir unvergeßlich. Der demokratische Abgeordnete Freiherr, von Münch aus Württemberg hielt seine Jungfernrede zur Verteidigung seines arrgefochtenen Mandates. Er war beschuldigt, seine Wahl durch Unmcngerr Freibier erkauft zu haben. Bor Münch hatte Liebermann gegen ihn gesprochen und sein Glas Wasser, halb ansqetrnnken stehen lassen. Der Reichstagsdiener hatte vergessen, dem neuen Redner ein neues Glas hinzusetzen. Münch, sehr verlegen, stammelte ein paar Sätze, ergriff dann das von Lieber- - mann halb geleerte Glas und stürzte es hinunter, worauf Liebermann ries: „Das war F r e i w a s s e r!" Stürmische Heiterkeit. Münch verlor daun die Contenanie, brach seine Rede ab und verschwand für, immer aus dem Reichstag. Was mir Liebermann entfremdete, das war seine Verachtung des Wissens, die ich allmählich bei ihm seststellte. Als ich einmal die Unwissenschaftlichkeit dev antisemitischen Propaganda ihm gegenüber kritisierte, erwiderte er, von oben herab lächelnd: „Lieber Freund, erst wollen wir eine Macht werden und dann uns eine wissenschaftliche Grundlage anschafsen." Liebevmann von Sonnenberg, der Führer der deutschsozialen Antisemiten, war eben nichts als Rhetor und Agitator. Ein Ruch zu lesen schien ihm Zeitverlust. Ganz anders war Dr. Böckel. Der Marburgcr Archivar hatte 1887 mit 27 Jahren auf Anhieb den alten konservativen Wahlkreis Marburg erobert. Die Bauern ObxrhessenS, politisch und wirtschaftlich noch in den Kinderschuhen steckend, waren von den Konservativen einfach als Stimmvieh behandelt worden. Da kam Böckel und kümmerte sich um ihre Nöte. Er ging in jedes Dorf nnd rief überall Darlehnskassen und Konsumvereine ins Leben, um die Bauern von jüdi- •i! scheu Geldverleihern und vom jüdischen Viehhändler * ünabhängsg zu machen.' Ebenso primitiv in seinem ft-t vÄlkswirtschaftlichen Denken wie die hessischen Bauern " ' faßte er seine ganze Predigt in die zwei Sätze zusammen: „Bauern, macht euch frei vom Juden! Bauern, helft euch selbst!" Die Bauern hingen mit schwärmerischen Liebe an ihm. Wieder und wieder schickten sie ihn in den Reichstag, und in den Nachbarkreisen seine Anhänger dazu. Wre sic an ihm hingen, das habe ich selbst 1898 erlebt, als ich gegen ihn kandidierte. Gecken die Suggestivkraft seines Namens kam kein politisches Argument auf idvckel brach an seiner eigenen Brüchigkeit zusammen. Gr war ein Mann, dem gewisse Ideale nicht abzusprechen sind, der aber jeden moralischen Haltes entbehrte. Lieb er mir, dem Todfeind des Antisemitismus, doch später durch einen Mittelsmann anbieten, daß er mich, gegen entsprechende Schadloshaltung natürlich, bei meiner Kandidatur zu unterstützen bereit sei. Im Reichstag hat Böckel ebensowenig etwas geleistet wie irgendein anderer Antisemit. Wie sie da alle saßen, die Liebermann, die Zimmermann, die Ahlwardt, die Kühlen, die Förster, so ritt jeder sein Spezialsteckerrpferd, und so Hatzte jeder den antisemitischen Konkurrenten noch viel grimmiger als alle Juden zusammengenommen. Bei den Abstimmungen zerfiel die antisemitische Fraktion meistens in drei Teile: ein Teil fiir, ein Teil gegen, ein Teil enthielt sich. Ihr spezifisch antisemitisches Programm war ihnen selbst so unklar, daß sie nicht einmal wagten, wirklich antisemitische Anträge einzubringen, sondern sich auf allgemeine Zünftleret und Mittelftandsretterei beschränkten. Ich habe in meinem Lebe:: auch einige ehrliche, idealgesinnte Antisemiten kennen gelernt. Aber die zogen sich fast immer vom politischen Leben zurück, sobald sie im Reichstag den antisemitischen Führerklüngel kennen gelernt hatten, oder sie wurden direkt zu Feinden des Antisemitismus, wie mein friih verstorbener Freund Hans Leuß. Im ganzen genommen kann ich über die Antisemiten, die ich wirklich von innen her kenne, nur das Urteil füllen: sie sind so hohl wie ihr Programm. Erfahrungen im Kampf mit den Antis. Plauderei von Emil Felder:-Bremen. Wenn Mephistopheles in unserer Zeit durch Deutschland reiste, würde sein Herz hüpfen und lachen. Denn er hätte eine ungetrübte Freude an seinen gelehrigen Schülern, den Antis in ihrer verschiedensten Gewandung als Deutsch-Völkische, National-Soziale und wie sie alle heißen mögen, die judensresserischen Jünglirrge und senilgeistigen Kraftmeier, deren Gehirn in entgegengesetztem Verhältnis zum Umfange ihres Mundwerks steht. Freudig würde er ihnen die Hand drücken. „Ich bin . . . ein Teil der Finsternis," sagt er im Faust. Und zu den Antis würde er sagen: „Geist von meinem Geiste seid ihr! Beweist ihr nicht klar und deutlich, wie richtig meine Behauptung „dem Herrn" gegenüber war: „Der kleine Gott der Welt bleibt stets vom gleichen sSchlag Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag. Ein wenig besser würd' er leben, Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts (gegeben. . Er nennt's Vernunft und braucht s allein,; Um tierischer als jedes Tier zu sein." Ja, so würde Mephisto sprechen und jedem Antiredner begeistert Beifall klatschen. Mit vollem Recht! Denn wenn Kultur Pflege des Menschentums bedeutet, das Wandern der Menschheit auf größere sittliche Höhe hinauf, so bedeutet Antisemitismus Unkultur, das Wecken aller, bösen Instinkte im Menschen, das Hermiterdrücken der Kultur auf eine tiefere Stufe, die allein einem „Herrn der Ratten und der Mäuse, der Fliegen, Frösche, Wanzen. Läuse" gefallen kann. - DaS ist das Ergebnis der Erfahrungen, die man in jahrelangem Kampfe mit den Antis sammelt. Erbend sind ste nicht, diese Erfahrungen. Im Gegenteil, sie könnten einen an der Menschheit verzweifeln lassen, wenn man nicht fest an das Gute in ihr, an den endlichen Sieg des Menschentums glauben würde. . Von „teutscher Mannhaftigkeit" sprechen sie sehr viel, die Antis. Doch sie betätigen sie nur dann, wenn sie rudelweise anftreten können. In Versammlungslokalen ballen sic sich am liebsten in dichten Haufen zusammen, ans denen heraus dann blöde Zwischenrufe kommen, die alles als „verjudet" erklären, oder wundersame Weisen' ertönen lassen, wie das „Ehrhardtlied" das seinem Titelhelden alle Ehre macht. Auch die antisemitische Hauptmasse, der Skandal, wird aus diesen Rudeln heraus in genial-flegelhafter Weise angewandt. Sogar vierzehnjährige Bengel, wie die bunten Mützen zeigen, meist aus höheren Schulen, beweisen dann ihren „Mauncsmut", der ein Antiherz ebenso erhebt wie es jeden anständigen Menschen betrüben muß, indem sie den Redner „weißer Jude" nennen, ihn „bezahltes Subjekt" schelten und ihn fragen: „Wieviel bekommen Sie dafür, daß Sie hier für die Juden reden?" Sie sind so mammonistisch eingestellt, daß sic anders, gar nicht mehr denken können. Wohlgemerkt — nur in Rudeln sind sie so mutig, sonst sind sic kleinlaut, wenn auch hie nnd da ein ganz Frecher was riskiert. Obwohl sie ihren Manncsmnt auf Gummiknüppel, Messer und Schlagringe stützen. Auch sonst sind sie ein schlagender Beweis für die Heerdennatur, die sich beim zurückgebliebenen Menschen so deutlich geltend macht. Niemals ist es mir in den zahlreichen Versammlungen vorgekommen, daß ein Gegner mit eigenen Gedanken ausgetreten ist. Oft will es dem objektiven Beurteiler Vorkommen, als würden zu Diskussionsrednern die Dümmsten ausgesucht, weil Gescheitere sich zu einer Blamage, wie ste sie jedesmal erleben müssen, nicht hergeben wollten. Aber nein, es sind tatsächlich die Gcisteslenchten, die anftreten und von den anderen, vom „Gros" begeistert beklatscht, also' anerkannt werden. Selbst Führer haben keine eigenen Gedanken. Bei ihrer Beweisführung fiir die „Minderwertigkeit" der jüdischen Sittcnlehre benutzen sie stets die gleichen Bücher, die offenkundigen Fälschungen eines Dr. Eckert und eines von Deutschlands größten Gelehrten — z. B. dem protestantischen, nationalen Theoloaieprofcssor Strack — des Meineids beschuldigten Rohling, der seine Beweisstellen aus Eisenmenger zusammcngestohlen hat — also aus einem vor 212 Jahren erschienenen Buche — so modern ist man dort! Sie.beweisen ihre geistige Unselbständigkeit auch durch das Zitieren von Urteilen bekannter Geistesgrößen, die zudem in ein paar antisemitische!: Schriften zusammengestellt sind. Damit treten sie so regelmäßig auf, daß man als Redner genau weiß, was konrnrt! Zunächst muß Goethe dran glauben. Aus dem „Jahrmarkt zu Plnndersweiler" zitieren sie den einen Teil: „Der Jude liebt das Geld" usw. Weil sie aber dies Poem nicht kennen, sondern nur etwas anN dem Buche des antisemitischen Altmeisters Fritsch „Der falsche Gott" von ihn: wissen, so wissen sic auch nicht, daß der gute Fritsch dadurch gefälscht hat, daß er die Fortsetzung ausließ: „Ich weiß das nur zu gut, mein Freund, ich bin nicht blind, doch das tun andere auch, die nicht beschnitten sind. „Was braucht der „teutsche Mann" auch Goethe zu kennen, wenn er Musik der Gerechtigkeit. Bon Arno Nadel. Großer, allgütiger Gott! Du allein weißt, was Gerechtigkeit ist. Du schimmerst in Natur und Lüften nnd blickst ans allem, was ist, heiter und lieblich, 'V Ja, du — Gott. Denn wir sind jung, Ach, wie jung! Und böse. Wir kennen die Weise deines himmlischen Gefühls jnoch nicht. Wir sind dumme Kinder. Wir glauben: nur, wer viel besitzt, Sei wahrhaft glücklich. Aber das Glück — O, wie ist cs anders, Und schöner! Da wollen wir einer gegen den andern schlecht sein. Dann aber, wenn cs so geschieht, Weinen wir Tränen ocr Reue, Nur vor dir und deinem himmlischen Geiste. Auf vielfache Art glauben wir an dich. Das kommt nur daher, Vater, Weil wir jung sind. Was wissen wir von den großen Dingen, Die hinter nnd in den: Sternenhimmel sind, Was wissen wir von dir selber?! Das Schönste nnd tiefste ist, Daß wir dich trotz deiner Unsichtbarkeit gefunden, Daß wir von dir wissen. Das hast Du uns selbst gesagt. Du wolltest uns nicht als Tier umhergehen lassen. Und die Zweifler, ob klug, ob üunmr, Für sie ist noch mehr Gebet bei Engeln und gütigen Herzen ,,,,, , Als für die Guten und Wissenden. Fühlst du endlich, Herz, Daß Glück so gänzlich anders ist? Aber die Höhe, die um der Menschheit willen (wächst und wächst. Das geringere Leiden, Die grüne, unbeschreibliche Zukunft, Das Jünglingsalter und die Mädchenschaft der x! jMeuschheit ‘ V Sie hat sich angemeldet —! Neue späte Zeiten nahen, Im Frühlingsantlitz, Alles, was war, war böse, ungeheuer! Die Weisen träumten, ahnten, — Jetzt erst trifft der große Zug der Geister ein, Die Gegenwärtigen begreifen ihn nicht. Und doch —! Uns Kindern wird warm, Wir ängstigen uns nicht mehr. Die Worte verderben Und die Gefühle fangen zu blühen an. Die süße Liebe blüht auf wie ein indischer Baum In einer einzigen Stunde. . ,, >, Das, milde Menschen, Ist unsere Stunde. Nun töne, Herz, Lied, werde Handlung, Schicksal, verändere dein Wesen, Alles, alles geschehe, Himmlische Menschen, wahrhaftig: Alles, alles geschieht, Wie .versprochen ward, g ... y p 4: Nur im Dunkel > i;; Blinkt schwarz * v- Das hohe Totenmal, Die verworrene Schlacht, .... Das alte Leben. 1 Lebt wohl, Tote, Leb wohl, Schlacht, Leb wohl, altes Leben, Opfer, Opfer, Opfer! Wir steigen die neuen Stufen hinan Und wollen tief — tief: vergessen. Zum 123. Geburtstag Halövys. Bon Dr. I a m c S S i m o n. An: 27. Mai find 125 Jahre verstrichen, seit der Komponist Halövy ln Paris das Licht der Welt erblickte. Da scheint es gerechtfertigt, sich die Bedeutung eines Mannes zn vergegenwärtigen, der neben Ehernbini, Spontini, Anbei', Meyerbcer lange Zeit die große historische, speziell heroische Oper repräsentierte. Hat doch kein Geringerer als Gustav Mahler die als sein Hauptwerk geltende „Jüdin" "einer Neueinstudierung an der Wiener Hosoper (1903) für wert gehalten! Hal^vys äußerer LebcnSgang, den unS sein Bruder Leon in allen Einzelheiten liebevoll geschildert hat, entbehrt der besonderen Sensationen. Jacgnes Fromental, Elie Halövy war jüdischer Abkunft. Sein Vater, ein angesehener hebräischer Dichter und Gelehrter, im Talmud sehr bewandert, stammte aus dem bayerischen Fürth und erweiterte, als er nach Frankreich kam, infolge des Gesetzes von 1807 über die Familiennamen der Juden seinen eigentlichen Namen Levy in Halr'vyseine Mutter war ans Lothringen gebürtig. Früh begabt, kommt der Knabe 1809 aufs Pariser Konservatorium, wo namentlich Ehernbini entscheidenden Einfluß auf ihn gewinnt. Die Frucht dieser kompositorischen Studien war das unter Eherubinis Namen gehende Lehrbuch des Kontrapunkts und der Fuge. Zu seinen frühesten Arbeiten gehört ein hebräisches ,,Oe prokunckis". womit cr zur Totenfeier des Herzogs von Berry betraut wurde. Er erlangt den Nompreis, bringt drei ebenso vorschriftsmäßige wie unergiebige Jahre in der Ewigen Stadt zu. arbeitet aber desto emsiger ans der Rückreise in Wien. Sein komischer Einakter „l'artisan" wird im theätre Feydean gegeben. Mit 30 Jahren erntet er die ersten Bühnenerfolge mit Ballet! - stücken und konrischen Opern. Aus einer derselben „Ludovie", die Hdrold als Fragment hinterlietz und Halövy geschickt vervollständigte, entlehnte der junge Chopin das Rondothcma zu seiner Variationenrcthc op 12. Seinen Weltruf aber be- AUSSTELLUNG: UNTER DEN LINDEN 3 WERK: REINICKENDORF AUTOMOBIL- UND KAROSSERIEFABRIK A. G.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.