Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 15 (23.5.1924)
- Date
- 1924-05-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IMchOemleZeidmg Grgan der Vereinigung für das liberale Judentum e. S. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle jährlich M. 1,50 Einzelnummer 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0,25 5ür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: :: im Milgliedsbeilrage enthalten. :: :: :: Chefredakteur: Dipl..Ing. Bruno Doyda. vis „Jüdisch - liberale - 3ettung‘v erscheint jeden Srettag. Scbrlftleltung und Geschäftsstelle: Berlin, (T)auerftra&e22. Sernruf: Amt Merkur Nr. 8725 poftfcDeckkontOi Berlin tlW 7 tlr.137069 (Vereinigung für Das liberale Judentum) Nachdruck fämtlcher Original Beitrüge. nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet! -Anzeigenpreise: Die l2gespaltene Nonpareillezeile 0.45 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmark :: :: :: bei Wiederholungen Rabatt. :: :: : Anzeigenannahme: Dr. Richter & Co.. G.m.b.H, Berlin S 42. Alexandrinenstrahe 95/06. (Fernsprecher Dönhoff 7255), sowie sämtliche Annoncen-Expeditionen. Nr. 15 Berlin, 23. Mai 1924 4. Jahrgang von Stöller bis Sinter. Meine Erfahrungen mit Antisemiten. Von Hellmuth von Gerlach. Als Sohn eines schlesischen Großgrundbesitzers geboren, bin ich als Antisemit erzogen und ausgewachsen. Mit Juden bin ich bis kurz vor meinem dreißigsten Lebensjahr überhaupt kaum in Berührung gekommen. Aber die Erfahrungen, die ich mit den Antisemiten gemacht habe, genügen völlig, um mich gründlichst vom Antisemitismus zu bekehren. Ich kann wohl sagen, daß ich alle antisemitischen Führer in den achtziger und neunziger Jahren genau gekannt, einzelnen sogar persönlich sehr nahe gestanden habe. Wenn ich selbst über sie schreibe, so liegt es schon in der Natur der zeitlichen Distanz, daß mein Urteil einigermaßen objektiv sein kann. Weitaus der bedeutendste Antisemit, mit dem mich das Leben in Berührung gebracht bat, war der Hofpreöigcr Adolf Stöcker. Er war ivirklich ein Volksredner von Gottesgnaden. Als er feinem und meinem jung verstorbenen Freunde, dem 25jährigen Pastor Walter Burckhardt, in der Sophienkirche die Toteurede hielt und zu der Stelle kam: „er war meine rechte Hand, die ist nun abgehauen", da brach ihm nicht nur selbst die Stimme, da gab cs unter der ganzen gewaltigen Hörerschar nickt ein trockenes Auge. Stöcker, aus ganz kleinen Verhältnissen hcrvorgegangen und durch eigene Kraft bis zu dem Range eines Hofpredigers emporgestiegen, war ein Mann von grenzenlosem Ehrgeiz. Aber daß er, der Gründer der christlich-sozialen Partei, es mit seinen sozialen Bestrebungen ernst meinte, daran zu zweifeln habe ich leinen Grund. Er wollte die Kirche sozial machen und dadurch die Massen siir die Kirche gewinnen. Daß er sich selbst au der Spitze dieser sozial gewordenen Kirche wie dieser kirchlich gewordenen Massen zu sehen wünschte, ist selbstverständlich. Im Anfang seines öffentlichen Auftretens Ende der siebziger Jahre war Stöcker gar nicht antisemitisch interessiert. Erst der scharfe Widerspruch, den seine ursprünglich sehr radikal soziale, man muß beinah schon sagen: sozialistische, Tätigkeit bei der liberalen Presse fand, brachte ihn zu antisemitischen Aeußeruugen, da die einflußreichsten liberalen Journalisten Inden waren. Grade diese ersten antisemitischen Aeußcrungen, die für ihn nur rednerisches Beiwerk waren, brachten ihm die stärksten rednerischen Erfolge ein. Mit dem Instinkt für Demagogie, dev ihm inuewohnte, erfaßte er die Zugkraft des antisemitischen Gedankens. Er wies dem, was ftir ihn selbst immer nur sekundär blieb, in seinem rednerischen Auftreten einen ersten Platz ein und wurde gerade dadurch der Abgott eines ansehnlichen Teiles jenes Mittelstandes, der einen Sündenbock für seine wirtschaftlichen Nöte suchte. Stöcker war zu klug, um so plump wie Otto Glagan zu erklären: „Die soziale Frage ist die I u d e n s r a g e". Aber er hielt es für schlau, immer mit dem angeblich schlechten sozialen Einfluß des Judentums zu operieren, ohne doch je klar erkennen zu lassen, was er eigentlich an positiven Maßnahmen gegen die Juden vorzuschlagen habe. Was mich persönlich, der ich Jahre hindurch als der „Adjutant Stöckers" bezeichnet wurde, während meines Zusammenarbeitcns mit ihm immer mehr von ihm entfernte, das waren die Beobachtungen, die ich über seinen Maugel an Wahrhaftigkeit machen mußte. Seine ganze Natur neigte dem Grundsatz zu, daß der Zwecke das Mittel heilige. Eine persönliche Erfahrung bekrüstigte meine bisher an andern gemachte u Beobachtungen. Es war im Jahre 1896. Ich weilte auf dem Balkan. Da traf mich, der ich seit drei Jahren Redakteur bei dem Stöckerschen Organ „Das Volk" war, die Kündigung des Verlegers, meines persönlichen Freundes Bresges. Er motivierte sie mit meiner zu antikonservativen Haltung. Gleich darauf erhielt ich einen Brief Stöckers, worin er mir mitteilte, daß ev die Kündigung die ganz ohne seinen Willen erfolgt sei, sehr bedauere. Als ich ein paar Monate später wieder in Berlin war, traf ich zufällig mit einem mir gut bekannten Herrn aus dem Stadtmissionskomitee zusammen. Der Herr, der nicht gerade Diplomat war, erzählte mir ganz naiv, vor etwa 6 Monaten habe Stöcker den Mitgliedern des Stadtmissionskomitees, unter denen sich stramme Konservative befanden, feierlich zugesagt, ev Aus dem Inhalt: Helmnth v. Gerlach-Bcrlm: Meine Erfabrungcn mit Antisemiten. — Pastor prim. Emil Felden- Brcmeu: Erfabrunaen im Kampf mit den Antis. — Geheimrat Eduard König-Bonn: Ein neuester Schachzug des Antisemitismus. — Dr. Ernst Emil Schweitzer-Berlin: Antisemitismus und Rechtspflege. Rrno Nadel-Berlin: Musik der Gerechtigkeit. — Dr. James Simon-Berlin: Zum 125. Geburtstag Halövns. — Emil Werßstock-Brcslau: Ans dem jüdischen Ehrenfriedhvf zu Brcslan-Eosel. — Maria Rcn^e Daumas: Der Jüngling. Die jüdische Gegenwart. — Ans den Gemeinden. — Aus der Bewegung. — Der jüdische Sprechsaal. — Bücherscha«. — Bersammlnngskalender. — Kalendarinm. L Schwere Ausschreitungen in Siebenbürgen. Ans Siebenbürgen trcssen haarsträubende Nachrichten über dort an Juden verübte Grausamkeiten, die sogar Todesopfer forderten, ein. In Balassalva fand am letzten Sonntag eine Nationalfeier statt, zu der sich .Mtreiche rumänische Studenten aus Bukarest und Klanscnlmrg, sowie zwei rumänische Minister einfanden. In demselben Zug, in welchem die Minister reisten, wurden die Mitreisenden Juden von den Studenten schwer gequält und mit dem Tode bedroht. An jeder Haltestelle und auch aus dem fahrenden Zuge wurden jüdische Mitreisende unter brutalen Mißhandlungen aus denk Zuge gestoßen, mehrere aus dem Kupeefenster geworfen. Biele derselben wurden spater mit gebrochenen Gliedern, oder mit Schädelbrüchcn ausgefunden. Zwei von den Verwundeten erlagen ihren Verletzungen, während andere mit dem Tode ringen. Die Mitreisenden Minister nahmen sich der bedrohten Juden nicht an. Auch auf der Rückreise von Balassalva nach Klausenburg wurden die jüdischen Mitreisenden im Schnellzuge schwer mißhandelt und mehrere ans dem Zuge geworfen. Das Eiscnbahnpcrsonal kam den Juden nicht zu Hilfe, sondern hielt den Zug immer dort an, wo cs den Studenten beliebte. Dieselben Studenten, die ans dem Wege nach Klanseuburg gegen die jüdischen Passagiere gewütet haben, veranstalteten, als sie in Klausenburg cintrafen, eine Hetzjagd auf die jüdischen Straßenpassanten. Besonders sahen sie cs ans die jüdischen Studenten ab. Mehrere Passanten und Studenten erlitten schwere Verletzungen. Zwei jüdische Studenten wurden zu dem Teich geschleppt und dort ins Wasser geworfen. Eine Nachricht besagt, daß die zwei Studenten ertranken. Diese Nachricht ist jedoch noch nicht bestätigt. Im übrigen dauern die Iudenexzesse in Klausenburg seit einer Woche fast nnnntcrbrochen an. Schon am 15. Mai wurden jüdische Studenten in den Stadlteich geworfen, sie konnten sich aber als gute Schwimmer retten. Der hebräische Unterricht an den höheren Schulen. Bezüglich des hebräischen Unterrichts ist ans wiederholtes Anfragen an das Provinzialschulkollegium die Mitteilung I ergangen, daß an der Rechtsstellung des Hebräischen als! eines fakultativen Lchrgcgcnstandes und Prüfungsfaches sich! durchaus nichts geändert hat. lieber die Bezahlung dieses »nach wie vor fakultativen Unterrichts, die auch den minder-! bemittelten Schichten durchaus tragbar fein wird, ergeht J demnächst ein besonderer Erlaß. Annahme der Imrnigratronsbill. Das Bereinigte Komitee für jüdische Auswanderung hat eine telegraphische Nachricht aus New-?)ork erhalten, wonach der amerikanische Kongreß die neue Immigrations- Bill, die die Immigration auf 2 Prozent nach dem Ecmüs von 1890 beschränkt, angenommen Hai. Das Gesetz sieht vor. daß Frauen und minderjährige Kinder Amerikanischer Bürger in der Quotenzahl nicht eingerechnet werden und außerhalb der Quote einwander» können. Eltern von Bürgern über 55 Jahre gehören zur ersten Kategorie. Außerdem ist eine neue Klausel angeführt worden, laut welcher Emigranten, die nicht direkt aus ihrem Geburtslande reisen, sich in dem Transitland mindestens zwei Jahre istatt früher ein Jahr) anfhalten müssen, bevor sie in Amexika einreisen können. Die Anahme der Bitz durch den Kongreß geschah auf Grund eines Kompromisses zwischen den betreffenden Kommissionen des Repräsentantenhauses und des Senats, laut welchem die abweichenden Bestimmungen in den von beiden Häusern getrennt angenommenen Vorlagen beseitigt worden sind. werde dafür sorgen, daß ich aus der Re« daktion des „Volks" verschwände. Wenn ich in Stöcker das Höchstwertige kennen lernte, was der politische Antisemitismus in Deutschland überhaupt hervorgebracht hat, so in Ahlwardt das Minderwertigste. Der „Rektor aller Deutschen" hatte sich durch die Veröffentlichung seines Buches „Der Verzweiflungskampf der arischen Völker mit dem Judentum" einen gewissen Namen gemacht. Dev allgemeine antisemitische Teil des Buches war kläglich konfuse. Aber was Ahlwardt über bestimmte Wucherer Berlins, über ihre Geschäfte mit dem späteren Kaiser Friedrich, über den Titel- und Ovdensschacher des Geheimen Hofrats Manche usw. sagte, das war interessant und sogar wahr. Hier sprach nämlich Ahlwardt als Fachmann. Er hatte selbst in seiner Schuldcnbeladenheit die Wucherer an der Quelle studieren können. Bei ein paar Prozessen, die sich an das Buch schlossen, schnitt er gut ab. Er kam in den Ruf eines Mannes, der hinter die Kulissen zu schauen verstehe. Mein erstes persönliches Zusammentreffen mit ihm fand in Magdeburg statt, wo ich Regierungsreferendar war. Er hatte eine Versammlung nach dem größten Saal einberufen, der bis auf den letzten Platz besetzt war. Zahlreiche Offiziere in Zivil, höhere Beamte, kurz, ein sehr „gutes" Publikum war anwesend. Im Verlauf seiner Rede erklärte Ahlwardt: „Ich beschuldige den früheren Polizeipräsidenten von M a - d a i der Amtsverletzung, der Vernichtung von Urkunden, dev Begünstigung eines Verbrechers. Ich klage den Minister v o n M i q u e k an, daß er usw...." immer so fort im Zolaschcn j'accüse-Stil. Das Publikum dachte bei sich: ist der Kerl aber frech! Nachdem Ahlwardt eine Weile so geredet hatte, schlug er plötzlich eine andere Tonart an und sagte: „Nun denkt gewiß jeder, da haben wiv den richtigen Ahlwardt. Lügen und verleumden, ja, das kann er. Ja, meine Herrschaften, glauben Sie denn, daß der Herr Polizeileutnant, der hier neben mir sitzt, mich anch nur eine Sekunde hätte weiter reden lassen, wenn nicht jedes Wort wahr wäre? Er weiß genau so gut wie ich, daß ich die Wahrheit spreche. Sonst müßte er mich verhaften, müßte er die Versammlung auslösen. Er tut es nicht. Sein Schweigen ist mein bester Zeuge." Viertausend Augen richteten sich ans den unglücklichen Polizeibeamten, der puterrot geworden war und nicht wußte, was er tun sollte. Schmunzelnd sah ihn Ahlwardt an, heimste tosenden Beifall ein und fuhr dann mit unerschütterlicher'Seelenruhe fort. Er wußte, von nun an wav er seines Publikums sicher. Offiziere und Beamte klatschten nicht nur Beifall, sondern beteiligten sich auch an der Nachvcrsammlung, sangen dort die wüstesten Antisemitenlieder, brachten Hochs auf den Rektor aller Deutschen aus, subskribierten aus seine nächste Broschüre, kurz, vcrhalfen der „stimmungsvollen" Versammlung zu einem „stimmungsvollen" Nachspiel. Ahlwardt war der stärkste Demagoge, den Deutschland vor Adolf Hitler besessen hat. Mit seiner Demagogie gelang es ihm anch. gleich von zwei Wahlkreisen in den Reichstag geschickt zu werden, von Frieüebevg-Aruswalde und N e u st e t t i n. Originell war die Art und Weise, wie er sich die bäuerlichen Stimmen in Neustettin eroberte. Er zog mit einem sogenannten Sekretär von Dorf zu Dorf. Bon jedem Bauern ließ er sich in den Viebstall führen. Dort wurde der Bauer nach der Größe seines Besitzes, der Zahl seiner Kühe usw. examiniert. Gab er ihm Zahlen an, so sagte Ahlwardt zu seinem Sekretär: „Notieren Sie! Wussow hat dreißig Morgen, fünf Kühe, vier Schweine. Müßte haben: Sechzig Morgen, zwölf Kühe, zehn Schweine." Und so ging cs von Gehöft zu Gehöft. Die Bauern aber blieben in dem Glauben zurück, der mächtige Rektor aus Berlin werde im Reichstag dafür sorgen, daß ihr Besitz und Biehstand verdoppelt oder verdreifacht werde. Und wählten ihn. Worauf allein cs ja ankam. Anfang der neunziger Jahre stellte Ahlwardt alle andern Antisemiten in den Schatten. Seine Bücher über die „Judenflinten" (Ludwig Loewe sollte den Staat durch absichtliche Lieferung schlechter Flinten betrogen haben) und den „Eid eines Juden" (Bkeichvöder sollte einen Meineid geleistet haben) erregten ungeheures. Aufsehen. Nach Rücksprache mit mir ging ein Freund von mir zu Ahlwardt, um sich seine Beweise