Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 14 (16.5.1924)
- Date
- 1924-05-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2613366-2613741-2613755--0807-2618108- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4. Jahrgang Nummer 14 2. Beilage 10. Mai 1924 IWchÄerlckZeilimg g Die jüdische Gegenwart.!f| Jüdische Hilfe für den Antisemitismus. Zugleich eine Anfrage an den Verband national-deutscher Inden. Die deutschen Juden stehen zur Zeit in einem Kampf wn ihre äußere Stellung in Deutschland, wie er heftiger kaum sein kann. Auch wenn man nicht daran glaubt, daß es den beutfchnationalen und deutschvölkischen Hetzern auf die Dauer gelingen wird, das deutsche Volk zu betören, so ist die Situation Loch ernst genug, um die Sammlung aller Kräfte zur Abwehr sowie äußerste Disziplin in unseren Reihen erforderlich zu machen. Zum mindesten sollte es als selbstverständlich erscheinen, daß von jüdischer Seite nichts geschieht, um die antisemitischen Gruppen im deutschen Volk zu fördern. Jedoch — so unglaublich das klingen mag — scheint diese Selbstverständlichkeit nicht für alle deutschen Juden -u gelten. Jedenfalls nicht für Herrn Dr. Breslauer, den jüdischen politischen Redakteur des „Berliner Lokalanzeiger" (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Rechtsanwalt Dr. Breslauer, dem verdienten Schriftführer des Berliner Liberalen Vereins). Verfolgt man nämlich die politische Haltung dieses Blattes, an dessen politischer Leitung Herr Dr. Breslauer zum mindesten mitwirkt, etwa während der sechs letzten Wochen vor den Reichstagswahlen. so ergibt sich, daß seine ganze Wahlpropaganda eine solche für die durch und durch antisemitische üeutschnationale Volkspartci war. Zwar trat das Blatt bts zum 3 Mai, dem Tag vor den Wahlen, keineswegs ausdrücklich für diese Partei ein, aber die Politik, die es trieb, und deren Befolgung es von dem neuen Reichstag verlangte, sowie die Art der Berichterstattung über das politische Leben mußte diejenigen Leser, die ihre politische Bildung ausschließlich aus dem „Lokalanzeiger" beziehen, unbedingt der deutschnationalen Volkspartei zuführen. Von allen Wahlaufrufen, um nur einige Proben zu geben, wurde nur der deutschnationale im vollen Wortlaut abgedruckt, von allen in dieser Zeit abgehaltencn Parteitagen über den deutschnationalen bei weitem am ausführlichsten berichtet (und zwar durchaus in dem Sinne, daß es sich hier um eine gar herrliche Partei handele),- und überhaupt wurde allen deutschnationalen Veranstaltungen eine besonders sorgfältige Berichterstattung gc-v'.-'wei. Die Besprechungen über den Münchener Hitlerprozetz, um anch ein Beispiel für die eigene Politik des Blattes anzusühreu, wußten nichts zu beklagen als den Umstand, daß dieser Prozeß Verwirrung und dauernde Feindschaft in die nationalen Kreise trage und die Geschlossenheit der Rechten zerstöre, das heißt, die Reaktionäre und Antisemiten Kahr und Hitler für immer entzweie. Wer aber trotz allem noch im Zweifel war, daß die Werbung von Stimmen für die öentschnationale Vvlkspartei der Zweck der Uebung dieser ganzen Wochen war, der wurde eines besseren belehrt durch den Ausruf, den das Blatt am Wahltag selbst an der Spitze der betreffenden Nummer veröffentlichte. Das war klar und deutlich zu lesen: ,L(ede Ueberlegung drängt hier zur deutschnationalen Volkspartei. Sie muß hier vor allen anderen genannt werben, — um des Vaterlandes, nicht um der Partei willen. Sie bietet die sicherste Gewähr dafür, daß der Sinn des Vaterlandes nicht verloren gehe, sondern segensreich zur Geltung kommt in unserer Haltung nach außen, in der Gestaltung unseres nationalen Lebens nach innen." . Jüdische Boxer. Von Kurt Doerry. Wir entnehmen diesen Aufsatz deS bekannten Box- Schiedsrichters mit freundlicher Genehmigung deS Verlages dem „Box-Sport", dem Organ des Verbandes Deutscher Faustkämtzser e. V., Berlin, und des Deutschen Rcichs-Vcrbanded für Amateur-Boxen, Berlin. Tie Redaktion. Iw „Cirque de Paris“ zu Paris fand vor kurzem ein denkwürdiger Kampf statt. Ted Kid Lewis kämpfte gegen den französischen Mittelgewichtsmeister Francis Charles und schlug ihn über 1ü Runden nach Punkten. Dies ist jedoch nicht das Denkwürdige, sondern die Tatsache, daß nicht nur die beiden Boxer Juden waren, sondern auch der Ringrichter und schließlich auch der Veranstalter, Monsieur David Solal. Der Pariser.Korrespondent der Zeitschrift „Boxing", dem ich die Kenntnis dieser Tatsache verdanke, schreibt dazu, daß es in London viele jüdische Boxer gebe, daß er in Frankreich aber nur einen kenne, nämlich eben diesen Francis Charles. In der Tat gibt es in London und in ganz England zahlreiche jüdische Boxer, und es ist eine interessante und bisher noch niemals gewürdigte Tatsache, daß das jüdische Element unter den Boxern verhältnismäßig stark vertreten ist. Die beiden Bloomfielbs, das hervorragende Schwergewicht Jack Blommfielö sder nordische Schwergewichtsmeister oyn England) und sein Bruder Joe Bloomfield, ein guter Mittelgeivichtsboxer, sind jüdischer Abstammung, und es gibt in der englischen Metropole sogar einen jüdischen Boxclub, den „Judean Club" in Ostend (East End of London), in dem kein Geringerex als Ted Kid Lewis seine ersten Lorbeeren pflückte. Die Geschichte des Boxsports weist eine ganze Anzahl von Boxern auf. die israelitischer Abstammung waren. Vor allen anderen ist da Daniel Maudoza zu nennen, der im Jahre 1792 Meister von England wurde und von seinen Zeitgenossen nicht anders als „Mendoza, the Jew" genannt wurde. Er war überhaupt der erste jüdische Boxer von Ruf und. im Lichte seiner Zeit betrachtet, ein gewaltiger Kämpfer. Der bekannte englische Autor Trevor C. Wignall widmet ihm in seinem Buche „The story of Boxing" ein umfangreiches Kapitel. Mendoza wird dort als ein Genie geschildert, das. soweit Boxen in Frage kam, Kunstfertigkeit mit Kraft verband. „Er studierte" — so schreibt Wignall — „die Kunst der Selbstverteidigung mit der Beharrlichkeit eines Enthusiasten und erreichte in ihr schließlich einen solchen Grad von Vollkommenheit, daß er allen seinen Rivalen weit überlegen war." Mendoza hat zahllose Kämpfe ausaefochten; einer von diesen, gegen „kiarry the Coalheaver , ging über nicht weniger als 118 Runden. Die meisten seiner Begegnungen gewann Mendoza. Entsprechend seiner genialen Natur war Mendoza in seinem Privatleben nicht allzu korrekt. Wignall schreibt: „Ein Drittel seines Lebens verbrachte er mit Kämpfen, ein weiters Drittel mit dem Schreiben von Bri§- fen an seinen Hauptrivalcn HumpHries oder an die Presse und das letzte Drittel brachte er im Gefängnis zu." Hierzu ist zu bemerken, daß Mendoza nicht etwa wegen verbrecheri- Der jüdische Spredisaal. Der Religionsunterricht itt de« Berliner Vororte«. Unter der Spitzmarke: „Der Religionsunterricht in den Berliner Vororten" drucken Sie einen Brief ab, in dem sich eine Dame darüber beklagt, daß für die Kinder von Wannsee. Nikolassee und Schlachtrnsee durch die jüdische Gemeinde kein Religionsunterricht eingerichtet ist. Da ich mich mit der Angelegenheit seit einiger Zeit beschäftige, möchte ich folgenhatte zum 27. Januar d. I. in eine Prtvatwohnung in des feststellen: Die Schulverwaltung der Jüdischen Gemeinde Nikolassee alle steuerzahlenden Mitglieder aus Wannsee, Nikolassee und Schlachtensee zu einer Besprechung wegen des Religionsunterrichtes eingeladen. Von den ungefähr 160 Geladenen waren etwa 20 erschienen (darunter einige Ehepaare), die Briefschreiberin nicht. Es wurde angeregt, Religionsunterricht in dem Hause der einzigen Privatschule in Nikolassee einzurichten Die Verhandlungen mit der Schulvorstcherin dauerten ziemlich lange und verliefen ergebnislos, da die Dame ihre Räume, auch gegen Bezahlung, nicht zur Verfügung stellen wollte. Dieser Tage hat sich ein Villenbesitzer in Nikolassee bereit erklärt, einen Raum für den Religionsunterricht herzugcben und es wird nun schnellstens davon Gebrauch gemacht werden. Aus der obigen Darstellung wird die Redaktion wohl ersehen haben, daß die Schulverwaltung alles getan hat. was zu tun war, daß aber auch in diesem Falle ein großer Teil der Eltern versagt hat. So wie in Nikolassee liegen die Verhältnisse noch in manchen anderen Vororten Die erst vor kurzem neu eingesetzte Leitung unserer Schulverwaltung steht auf dem Standpunkte, daß die jüdische Gemeinde vor allem für den Religionsunterricht zu sorgen habe, das koste: aber, wenn nur für eine kleine Anzahl von Kindern UnterrichtSgelcgenheiten geschaffen werden, unverhältnismäßig viel Geld. Ich hoffe, daß die Steuerzahler, d. h. die Eltern unserer Kinder nicht versagen werden, wenn die Steuerschraube deshalb etwas angezogen wird. Mit freundlichem Gruß Ihr Robert Hirschfeld. * Zum Ideenaustausch liberaler Rabbiner . Der Bericht über diesen in Nr. 12 d. Bl. v. 2. Mai gibt dem Laien mannigfach zu denken. — Zunächst die Bemerkung des Herrn Referenten, daß „christliche Redner freierer Richtung, wie Pastor Möhring. auch auf jüdische Kreise einen verwirrenden Einfluß a u s ü b e n". Gemeint ist offenbar ein im Jüdischliberalen Verein zu Breslau von Herrn Pastor Möhring gehaltener Vortrag, auf den Herr Dr. Hcrnemann-Vreslau in der Diskussion ungefähr in gleichem Sinne erwiderte, wie Herr Dr. Sänger auf der Rabbinertagung berichtete. Die Herren scheinen doch die Wirkung solcher Vorträge auf das sich ernstlich für religiöse Probleme interessierende Laienpnblikum nicht richtig einzuschätzen. Pastor Möhring hatte in dem erwähnten Vortrag mit meisterhafter Redekunst geschildert, wie die moderne Religionswissenschaft unter Umständen wohl manches zerstören, aber dann erst recht zum Wiederaufbau religiösen Gefühles antreiben kann. SS ist <m beirr Abenb von dritter Seite schon darauf hingewiesen worden, -ab vom Juden gar nicht blinder Glaube, sondern Erkenntnis verlangt wird, daß also gerade für ihn selbst der Zweifel nicht „destruktive" ist (wie von Dr. Heinemann und Dr. Sänger befürchtet), sondern aufbauende Wirkung haben mutz. Deshalb ist nicht gesagt, daß man jede Einzelheit eines Vortrages oder eines Buches unterschreibt. Eine solche Einzelheit wurde ja in der Peffach — Nr. d. Bl. (Isaaks Opferung . . .) besprochen. Aber es erscheint uns doch sehr wichtig, daß der gebildete jüdische Laie seine Bibel nicht nur von dem ihm durch seine Geburt zugewiesenen Standpunkt am Fuße des Sinai kennen lernt, sondern daß er auch erfährt, wie man ihre Worte von Golgatha aus liest und hört, was der Historiker in der Stubierstube. der Affyriologe bei seinen Ausgrabungen. ja der Naturforscher und Geograph ans Grund ihrer Forschungen und Entdeckungen über ihren Inhalt denken. Bisher konnten wir stets finden, daß das Fundament, auf dem das Judentum steht, nicht erschüttert wurde, daß in ihm Bausteine vorhanden sind, die in keiner anderen früheren und gleichzeitigen Welt- und Gottesanschauung gefunden wurden. Und selbst wenn das Gegenteil eimnal durch unwiderlegbare historische Dokumente bewiesen werden sollte, bliebe uns immer der Ruhm, das Gebäude für die Nachwelt erhalten zu haben. Deshalb würde die Furcht vor einer auch noch so radikalen Zieligionswisienschast und Forschung, sowie deren Aenßernngcn und Ergebnissen bei uns ganz unbegründet und unzweckmäßig sein. — Ein weiterer Punkt ist das Bekenntnis des vierten Diskussionsredners, dessen Anschauungen sich durch den starken ostjüdischen Zuzug in seiner Gemeinde gewandelt haben und der nun glaubt, daß liberale Gemeinden konservativ geführt werden wollen. Das ehrliche Bekenntnis dieses Herrn verdient hohe Anerkennung, aber seine Schlußfolgerung erscheint doch wenig einwandsfrei. Es gibt allerdings nur sehr wenig rein liberale Gemeinden, aber diese wollen anch liberal geführt werden und haben erst recht vor d e m Rabbiner Achtung, der auch im äußeren Leben Bekennermnt zeigt. — Und wenn nun der fünfte Diskussionsredner „die Zucht der c e l i g i ö s e n dl s k e s e n i rh t e n t b e h r e n m ö ch t e, w e i l ö e r K a t h o l i z i s m u s dieser seine g r o ß e Macht verdanke", so wäre deck, die Frage aufzuwerfen, ob diese Macht nicht das gerade Gegenteil von derjenigen ist. die das Judentum über' seine Bekenner ausüben will, ob die letztere überhaupt auf einem religiös-technischen Wege ansgeübt werden kann — Alles in allem scheint sich (wenigstens dem kurzen Bericht nach) wieder einmal gezeigt zn haben, daß. wie unter den sich liberal nennenden Laien der größte Teil religiös indifferent, so unter den liberalen Rabbinern nur wenige liberal sind oder doch mit Rücksicht auf ihre Gemeinden gemischter Richtung sich liberal betätigen und liberal leben zn können glauben. Der Augenblick für eine entschieden? Trennung zwischen Liberalismus und „mittlerer Richtung" ist noch nicht gekommen, aber erst, wenn diese Trennung erfolgt ist. wird sich das Judentum in W°HrHc>t r n -»- r x" Hirnen. - A Brcskaii. Die Partei des „Lokalanzeigers" ist also jene Partei, die in der auch von uns in unserer NumMer lO vom 18. April 1921 abgedruckten Entschließung ihres völkischen Neichsausschusses fordert: die „bewußte Ablehnung alles Fremdblütigen. Jüdischen und Fremdartigen in Politik, Kultur und Wirtschaft", den Ausschluß der Juden aus der öffentlichen Verwaltung, ans dem Heerwesen, der Rechtsprechung und der Jugenderziehung sowie die Reinigung von „Rechtslebcn, Wissenschaft, Literatur, Presse (die dann ja nwhl anch von Herrn Dr. BreSlauer gereinigt werden müßte) und .Kunst". An der Verwirklichung dieser Forderung also arbeitet Herr Dr. Breslauer durch seine Tätigkeit am „Lokälanzeiger", da dieser ja der Deutschnationalen Volkspartei Stimmen zuführt, mit. Der harmlose Leser des „Lokalanzeigers" allerdings dürfte sich kaum vollständig darüber klar sein, welch famoser scher Handlungen ins Gefängnis kam, cs handelt sich hei ihm vielmehr um Haft im Schuldgefängnis. in jenem „Kings Bench Prison", das durch Charles Dickens („The Pickwickier“) als verabschennngswürdige Zeiterscheinung unvergängliche Schande gewonnen hat. Mendoza hatte sich ans allerlei Geschäfte eingelassen, geriet jedoch in Schulden und wurde von seinen Gläubigern unbarmherzig verfolgt. G'gen Ende seines Lebens — er starb, 73 Jahre alt, in London — ging es ihm nicht besonders. Eine Erinnerung, von der Mendoza noch bis an sein Lebensende zehrte, war eine längere Unterhaltung, die er einst bei einem Spaziergänge in Windsor mit dem König von England hatte, der sich den berühmten Faustkämpfer durch einen Herrn seines Hofes vorstellen ließ. Ein Vetter Menöozas, Aaron Mendoza, war gleichfalls ein bekannter Pngiltst, wenn er auch den Ruhm des anderen niemals erreichte. Auch die anderen jüdischen Boxer, deren Namen in der Geschichte des Boxsports verzeichnet sind, stehen Mendoza an Bedeutung erheblich nach, obwohl verschiedene von ihnen Bemerkenswertes in ihrer Kunst geleistet haben. Dies letztere gilt unter anderem von Dutch Sam (1801—1814), dessen eigentlicher Name Samuel EliaS war. Das „israelitische Phänomen", wie er genannt wurde, war berühmt für seinen gewaltigen Schlag. In einem Bericht aus jener Zeit heißt es: „Was hartes Schlagen anbetrisft, so ist er jedem anderen Boxer überlegen. Weder Gully noch Cribb (beide Meister von England) schlugen mit größerer Kraft als Sam, dessen Hiebe einfach fürchterlich sind." Samuel Elias war in der Tiefe von Whitechapel ausgewachsen und galt als der „Champion of the Broadway" (eine Straße in Whitechapel). Seinen letzten Kamps focht Dutch Sam im Jahre 1814 aus,' er hatte ein ziemlich ausschweifendes Leben geführt, war ein starker Trinker — seine Parole war: drei Glas Gin, dreimal am Tag — und wurde leicht geschlagen. Von Dutch Sam wird die folgende Geschichte erzählt: Als er eines Abends in der Dunkelheit durch den Vorort Wapping kam, sah er einen Juden im Boxkampf mit einem Matrosen. Der körperlich schwächere Jude war von dem Seemann schon wiederholt zu Boden geschlagen worden, und als Sam beim nächsten Male hinzuspranq. um ihm wieder auf die Beine zu helfen, sagte der Gefallene, der den berühmten Boxer erkannte: „Hilf mir, Sam, ich kann nicht mehr." Geistesgegenwärtig ließ sich Dutch Sam zur Erde fallen, flüsterte dem Glaubensgenoffen ins Ohr: „Schweig, du Narr, tue so. als wenn du mir aufhilfst." Dies geschah. Dutch Sam erhob sich schwerfällig, stolperte mit gut gespielter Betäubung auf seinen Gegner zu, parierte ein paar seiner Hiebe schwerfällig und ließ dann einen geraden Rechten und hierauf einen linken Haken auf den Matrosen fliegen, daß dieser wie ein Sack zur Erde stürzte. Als der Seemann nach einiger Zeit wieder zu sich kam, sagte er, mühsam aufstehenb: „Verdammt, das ist doch nicht der, mit dem ich geboxt habe; das is'n anderer. Der haut ja wie'n Pferd: ich Hab' genug." Mit diesen Worten schwankte er davon, während Dutch Sam und sein neuer Freund in den nächsten „Gyin-Shop" gingen und ihren erfolgreichen Trick begossen. Von Jsaae Bitton, der etwa um dieselbe Zeit lebte, berichtet der Gerichtsschreiber, daß er „ein Jude von riesiger Kraft, Geistesgegenwart und großer Geschicklichkeit im Stockfechten sowohl wie im Boxen war. Etwa ein Jahrzehnt machte ein -anderer jüdi'cher Boxer, namens Aby Belasco, viel von sich reden, Aby (Abkürzung von Abraham) war „ein Boxer von überragendem Talent, ein Meister der Kunst; von athletischer Gewalt, versagte er über ein durchdringendes Auge, beträchtliche Kraft und großen Mut und zeigte im Ring Lebhaftigkeit und Beweglichkeit." Bon einem anderen starken jüdischen Fanstlämpfer, der unter den: Rainen „siZcking Youssop (Joseph)" bekannt war, wird erzählt, daß er von seinen Glaubensgenossen als ein zweiter Mendoza angesehen wurde, diese Hoffnungen aber schließlich doch nicht zu erfüllen vermochte. Auch in neuerer Zeit haben sich jüdische Boxer viel such hervorgetan. Battling Levinsky, ehemaliger Weltmeister im Leichtschwergewicht, ist Jude, Benny Leonard, dessen eigentlicher 'Name Benjamin Leinert ist, der jetzige Leichtgewicht>- meister der Welt, ist gleichfalls Israelit. Daß ihn ein Fachmann, wie der hervorragende englische Trainer Jack Gvoö-win „den bedeutendsten Boxer der Welt, mit vielleicht alleiniger Ausnahme von Jimmy Wilde" nennt, spricht dafür, daß es der jüdischen Rasse keineswegs an Kampsesgeist, körperlicher Kraft, Mut und jener besonderen Intelligenz ermangelt, deren der erfolgreiche Boxer bedarf. Uebrigens soll anch Tommy Burns, der ehemalige Weltmeister im Schwergewicht und Vorgänger von Jack Johnson, ein Israelit sein: er ist französisch-kanadischer Abstammung und heißt mit richtigem Namen Noah Brusso. Beim Durchblättern der Rekordlistcn findet man zahlreiche Namen, die auf jüdische Abkunft Hinweisen, wie Bernstein. Sammy Biandell, Cohen, Lewis. Benjamin Newman, Kid Dawis, Jewey Smith, Ed. Salmon (Salomon), Jack Daniels, Rat. Brooks (der seinerzeit in Berlin kämpfte), Jack Greenstock (der in Berlin von Naujvks geschlagen wurde). Harry Greb (dessen eigentlicher Name Berg ist), und viele andere. Viele Boxer nehmen, wie bekannt, fremde Namen an, teils ihrer Familie wegen, teils um einen wohlklingenderen „Nom de guerre" zu führen. Der französische Mittelgewichtsmeister Francis Charles, der oben schon erwähnt wurde, heißt in seinem bürgerlichen Leben zum Beispiel Mauas (Manasse). Nur als Rassenfrage, nicht als eine Religivnsfrage betrachtet, wirb man auf Grund der vorliegenden Feststellungen, zu der Ueberzeugung gelangen, daß Sie Juden, die ja im Sport überhaupt vielfach Ausgezeichnete? leisten, sich im Boxsport den Angehörigen anderer st'ZTv i :r g ebenbürtig gezeigt haben. Auch im Kriege l Mt sich ja tapfer wie alle andern geschlagen, und es ist keineswegs erwiesen, daß sie sich mehr als Vertreter anberex Glaubensrichtungen hinter der Front aufgehalten haben. Und wenn dies tatsächlich der Fall gewesen ist, so geschah es vielleicht, weil jahrtausendlange Unterdrückung ihrer Raffe sie körperlich verweichlicht hatte.