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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-05-16 · 14 (16.5.1924) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
14 (16.5.1924)
Date
1924-05-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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]civ;n, scudcrn vor nllcnt die geschichtlich gewordenen jüdc scheu Gel'ueiuden, die den religiösen Gcmeinschaftswillen verkörpern. Die Weiterentwicklung der jüdischen Religion ist an das Schicksal der Mischen Gemeinden als solcher geknüpft. Es gibt keine religiöse Erneuerung des Judentums, sofern nicht gleichzeitig LaS religiöse Leben unserer jüdischen Gemeinden dortentwickelt wird. Infolgedessen ist die Gewinnung der liberalen Herrschaft in unseren Gemeinden die erste Bedingung für die Erfüllung unserer religiös-liberalen Aufgabe. Geht von Ser Verwaltung und Vertretung unserer jüdischen Gemeinden ein lebendiges Judentum hinaus in die Welt, so reifen damit die Früchte unserer liberalen Arbeit. Erstirbt dagegen der Liberalismus ip den Gemeindeverwaltungen, so wird in den Amtsstuben unter Aktenstaub und unter dem Wust überlebter Einrichtungen die Quelle der religiösen Erneuerung versiegen. Gilt dies bereits grundsätzlich, so eM recht, wenu man unsere gegenwärtigen jüdischen ParteiverhLltnisse ins Auge faßt. Den Liberalen stehen in der Regel Orthodoxe und Zionisten gegenüber. Für letztere ist unsere jüdisch-deutsche Gemeinde in erster Beziehung nicht Trägerin des religiösen Gemeinschaftsgedankens, sondern der Grundstock der aufzubauenden Volksgemeinschaft. Mit unserer Auffassung von dem religiösen Marakter deS Judentums, vo» seiner Bestimmung, Weltreligton zu werden, ist die heutige zionistische Auffassung schlechterdings unvereinbar. Jede Abwehr dieser Bestrebungen ermöglicht auch in religiöser Beziehung unserer Vereinigung erst ihre Arbeit. In dieser Bekämpfung des national-jüdischen Gedankens, in welchem wir ein Abirren von den Wegen des wahren Judentums sehen, wissen wir uns mit der Orthodoxie einig. Aber auch diese darf um der Zukunft des religiösen Liberalismus willen in unseren Gemeindeverwaltungen und -Vertretungen nicht herrschen. Jeder, der die Politik unserer Gemeinden in letzter Zeit verfolgt hat, weiß, daß oie Herrschaft der Orthodoxie das Ende des liberalen Judentums bedeuten würde. Ist für uns Liberale Duldsamkeit ein heiliges Gebot, so ist Intoleranz die Losung der Orthodoxen. Die Verdrängung der Orgel aus den Gotteshäusern, der deutschen Sprache aus den Gebeten, die Wiedereinführung längst veralteter Gebräuche, die dem Wesen des modernen Judentums widerstreiten, würden die unausbleibliche Folge der orthodoxen terrschaft sein. Wenn bereits in der größten deutschen emeinde, in Berlin, wo die Liberalen in der Verwaltung noch über eine knappe Majorität verfügen, die Orthodoxen neuerdings sogar für sich eine Teilung des Friedhofes beanspriuchen, wenn zu Pessach im Berliner jüdischen Krankenhaus der längst abgeschaffte verwerfliche Verkauf des Chomoz wieder eingeführt wird, wenn es in Fragen der Beschneidung zu mittelalterlich anmutendem Zwange auf Seele und Körper bereits gekommen ist, dann kann sich jeder eine Vorstellung von dem machen, was bei einer Herrschaft der Orthodoxie dem liberalen Judentum beschioden sein würde. Wer dagegen einen Damm aufivirst, wer in tatkräftigster Weise auch in unseren Gemeindeverwaltungen oem liberalen Judentum zur Herrschaft ver- Rlft, der dient wahrhaft den religiösen Zielen unserer Vereinigung, der sittlichen Erneuerung eines lebendigen Judentums. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden. Bo» Felix Makower. Im Jmvi 1982 wurde der Preußische Mffcher Eemeiude» aegvüudet. «och Inhalt fctoet Verfassung find seine Behörde« «tu BeAwdsta«. der «* w* mittelbare« «achle» aller BoULHoiae», eine« verband», gemeinde angehörtgen Jude» und Jüdinnen heroorgod» und ei« Rat. der zum größten Teil aus Vertreter» der Eemeindeoerwaltttnve» vmd M einem kleinere» m§ Rabbiner», Lehrer« «»d einige» vom VevbaudAtag gewählte» Mitglieder» besteht. Da die Btlimug dieser Behörde» ettre Reihe vo» vordereitunge» erfordert, so wurde <*» HebergangSbeMmmung festgesetzt: „Bl»-um Zusammentritt d«S R-atS führt der Vorstand der jüdische» Gevretnde zu Berlin die Geschäfte de» Verbände». Er wird ermächtigt, sofern eine staatliche Laevkemmng des Verbandes al» Körperschaft de» öffentliche» Recht» erforderlich sei« sollte, die verhandlamge» zu führe» und diejenige» «eudenmge» der Verfassung vor-unehme», die etwa al» Vorbedingung für die Genehmigung der Beroo« fetten der Staatsbehörde» gefordert werden Seit jener Eründun» de» Verbandes hat die Oeffeuiltchkett wenig von ihm gehört. Zwar blühte da- Veilchen bereits, aber -och mx im Verborgenen. Namens des LanLeSvertzandewurde« Verhandln»-«« mit der Regierung geführt. Zunächst über die Anerkerwnung alS Körperschaft de» öffentlichen Rechts. Diese Ber-audlungen habe« -iSher nicht den Erfolg gebracht. In Aussicht steht, daß demnächst die Regierung ein Gesetz einbvingen wir-, daS die Wege weist, auf denen die Anerkennung erlangt werden kann. Da jedoch jenes Gesetz allgemein für alle Religionsgesellschaften gelten soll, die noch keine alS öffentliche Körperschaft anerkannten Verbände haben, so ist nicht voraussehbar, ob es bald zustandekommen wird, oder ob es durch irgendwelche Einflüsse innerhalb der Regierung oder im Landtag, die sich gar nicht aus Mische Angelegenheiten -ü beziehen brauchen, noch auf kürzere oder längere Zeit hinausgeschoben wird. Ferner ist verhandelt worden über ReichSzuschüfse, die aus Anlaß der Geldentwertung den einzelnen Roligionsgeseüschaften bewilligt wurden. In dieser Beziehung wurde eine Gleichstellung mit Sen christlichen Kirchen erzielt. Diese Bewilligung wird aber keine dauernden Spuren hinterlassen, weil inzwischen insolge allgemeiner Einstellmrg solcher Zuschüsse auch die den jüdischen Gemeinden vorübergehend zur Verfügung gestellten ausgehört haben. Endlich hat der Landesverband die vom Verband der Deutschen Inden lange Jahre hindurch mit allmählich sich bessernden Aussichten unternommenen Bestrebungen fortgeführt, die Aufnahme eines Postens in den preußischen Haushaltsvoranschlag zu erwirken, durch den — ähnlich den Zuschüssen des preußischen Staates an die evangelische und an die katholische Kirche — auch ein entsprechender Zuschuß für leistungsunfähige jüdische Religionsgemeinden und deren Kultusbeamte erstrebt wurde. Gemäß der ausdrücklichen Anweisung an die Regierung, die vom Verfassunggebenden Landtag erteilt war, wurde ein solcher Haushaltsposten in den preußischen Haushalt für 1923 seitens der Negierung zum ersten Mal eingestellt und vom Landtag bewilligt. Das preußische Finanzministerium hat dann aber gern einen Vorwand gesucht, um aus dem Entwurf eines HaushaltA- Boranschlags für 1624 diesen Posten wieder verschwinden zu lassen. So wird es Aufgabe des Landesverbandes sein, darauf hinzuartbeiten, daß der Landtag diesen Posten wiederherstellt. Schon jetzt seien unsere Freunde auf die Notwendigkeit aufmerksam gemacht, die» Vorgehen z« nnterstützen, indem sie in de« einzelnen Wahlkreisen die dort gewählte» Landtagsabgeordnete« hierfür ge- »l»»«.* « doEev.stch um di« Höhe de» etn- REellende» Betrages, al» um die grundsätzliche Beseitigung der Uagerechttgkett. daß der prevßtsche Staat an» de» auch Ä-i** «ttmffgedrachten allgemeinen Steuern erh«che vetröye -«r Unberstütz-mrg der christlichen Kirchen, -et« jedoch fm Zwecke der jüdische» Gemeinden leistet. Der LandeAvettdand hat hteraach schon in dev verch«ge»e» Me» Jahre» gearbeitet, wenngleich, infolge der entaegeusteheude» Schwierigkeiten» die Ergebnisse gering «edbe» »mtzten. Dieser Zweig der künftigen Arbeit des Lande-verdande» wird auch durch die Schaffung seiner endgtttttge» vehörde» »tcht wesentt^ gefördert werden können. De»» ebenso, wie diplomatische Verhandlungen ihrer Natur «ach stet» «» eine« großen Teil vertraulich bleiben werden, auch »vm Parlamentsbeschlüsie und Regierungserklärungen «och so oft bestimmen, daß fie i« aller Oeffentlichkeit zu führe« seien, «erden auch die Verhandlungen de» Landesverband«» nrtt dev Regi«u«gsbehürdeu und mit einzelnen Abgeordneten der Parlamente nie durch die Gesamtbehörden de» Lande»verba»deS. sonder» auch künftig immer nur durch wenige Bertrauenspersouen und zum großen Teil vertraulich geführt «erden können. Der Zweck, zu welchem der Landesverband gegründet wurde, erschöpft sich aber nicht in derartige» Verhandlungen mit der Regierung über Staatsgesetze und staatliche Anordnungen. Die Verfassung des Landesverbandes stellt vielmehr als seine Aufgaben an die Spitze: die Hebung des religiösen Lebens, die finanzielle Unterstützung leistungsschwacher Gemeinden und die Schaffung und Unterhaltung oder Unterstützung gemeinsamer Einrichtungen und Anstalten. Alle diese Zwecke können aber nicht erfüllt werden, solange nnr in engen Grenzen eine vorläufige Verwaltung der Angelegenheiten des Landesverbands durch die Berliner Jüdische Gemeinde stattfindet. Um sie z« fördern, ist es vielmehr unbedingt erforderlich, daß der LandeSverbaNd endlich aus seiner bisherigen Verborgenheit heraus- »nd an daS Licht der Oeffentlichkeit tritt. Man braucht keineswegs ein Verfechter des demokratischen Prinzips zu sein und wird dennoch anerkennen müssen, daß allgemeine jüdisch-kirchliche Wahlen mit ihren BKeiterscheinungen ein Mittel sein können, größeres Interesse für die wichtigeren Fragen des Judentums zu erwecken und damit auch die Mittel flüssig zu machen, die zur Erhaltung der jüdisch-religiösen Anschauungen im Kreis der bisherigen Bekenner und möglichst auch zu ihrer Htnaustragung auf andere Kreise erforderlich sind. Aus diesem Grunde sind bereits vor Jahren, lange ehe der Entwurf des Deutsch- Israelitischen Gemeindebunds und der zionistische Entwurf an die Oeffentlichkeit kamen, im Verband der Deutschen Inden Anträge gestellt worden, die bezweckten, diesen Verband durch Entsendung von Vertretern seitens der Gemeinden und Ernennung dieser Vertreter durch allgemeine Wahlen ausznbauen und so jenem Verband die Mitwirkung noch weiterer Kreise zu gewinnen. Leider wuvöGn damals diese Anträge abgelehnt, auffälligerweise in erster Reihe gerade auf Veranlassung von Herren, die in politischer Beziehung sich zu Vertretern der Demokratie zählten. Parteierwägungen dürfen nicht maßgebend sein für die Entscheidung, ob man nunmehr endlich die vor zwei Jahren in Aussicht genommenen und durch Annahme der Landesverbandsverfassnng beschlossenen Wahlen tatsächlich vornehmen lassen will. Falls etwa die Liberalen im Lande gegenwärtig nicht so gut wie andere Parteien organisiert sind, um den Wahlkampf mit guter Aussicht aus Erfolg aufnehmen zu können, so wird die Ausschreibung der Wahl zum Ansporn dienen müssen, etwa Versäumtes schleunigst nachzuholen. Ueberhaupt ist nicht die Hauptsache, daß die Liberalen im Wahlkampf siegen, sondern daß die Gesamtbehörden in Wirksamkeit treten. Ist dies erst einmal geschehen. so mögen dann auch künftig die Parteien um das Aiaß ihres Einflusses in der Gesamtvertretung ringen. Auch ist durch die Verfassung des Landesverbands dafür gesorgt, daß extreme Anschauungen der einen oder anderen Judentum. Von Dr. Carl H a u p t m a n n.*1 «Opfert mit mir ehrerbietig eine Locke den Manen des heiligen, verstoßenen Spinoza! Ihn durchdrang der hohe Weltgeist. Das Unendliche war sein Anfang und Ende. Das Universum seine einzige und ewige Liebe. In heiliger Unschuld und tiefer* Demut spiegelte Er sich in der ewigen Welt und sah zu, wie auch Er ihr liebenswürdigster Spiegel war. Voller Religion war Er und voll heiligen Geistes. Und darum steht er auch da, allein und unerreicht, Meister in seiner Kunst. Aber erhaben über die profane Zunft. Ohne Jünger und ohne Bürgerrecht." Ein Theologe selbst mußte so sprechen: Schleierwacher. Ich meine, über die Frage, was die jüdische Kultur für die Kultur der Menschheit bedeutet, sollte man sich klar sein. Aus ihr stieg die Idee des unsichtbaren Gottes, der einzigen wahren Autorität aus Erden, der i n n e r e n Stimme. Aus ihr ging die Idee hervor: „aus deiner inneren Stimme gebiert sich Gott in die Welt" (Christus). Und aus ihr ist in Spinoza die Idee des Allgotts aufgestiegen. Welches Volk sonst hat solche Säulen des Denkens und der sittlichen Richtung des Menschendafeins aufgerichtet? Der Geist des Judentums, soweit ihn die Entwürdigung durch andere Völker nicht herabzog, gehört unter die würdigsten Mächte, die die Menschheit Hochhalten. Könnte die Welt ohne Psalmen sein? Es ist so viel Quelltum unter dem Judenvolke gewesen. Und nur der Fluch des Ghettos hat das Volk einst in sich entzündlich gemacht und in Abkehr von den großen Kulturidealen gebracht, zu denen sie sich bei ihrer neuen Befreiung von neuem mit Inbrunst wenden. *) Aus dem in der BÄcherscha* Le»«»»«» Heft: KUMtttx« «»ec de« Kulturwert des Judentum». Die Aufgabe, dem Judentum innerste Einheit und Reinheit zurückzuerobern und ihm in seiner religiösen Urbegabung eine feste Stellung im Rat der Völker anzuweisen, die — irrsinnig geworden — allen religiösen Haltes entbehren, ist eine höchste. Die Gseire-Hochzeiten. Habent sua fata libclli — „Bücher haben ihr Erlebtes" so übersetzt Goethe das Wort des Terentianus Maurus. Doch nicht nur Bücher, auch Wörter haben ihre Schicksale. Und sogar ganz romantische mitunter. Daß aber ein Stückchen altjüdischer Kulturgeschichte, ein düsteres Kapitel freilich, in unserer eigensten' Gemeinschaft längst vergessen, uns nur noch durch die gallige Judenfeindlichkeit im Gedächtnis erhalten wird, das ist doch wohl eine der wunderlichsten Erscheinungen auf dem immer reizvollen und oft überraschungsreichen Gebiete der Sprachverzmeigung und der Wörter-Wanderung. In diesem Betracht ist die Judenfeindltchkeit wieder einmal „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und — oft das Gute schafft." „Wieder einmal" sagen wir. Denn wie manches Gute haben wir nicht schon dem Antisemitismus zu danken! Er hat das Verantwortungsgefühl tm Judentum gesteigert, er hat zur Erhöhung der schassenden Kräfte und der Leistungen im Dienste der Allgemeinheit angespornt, und er hat das Zusammengehörigkeits-Bewußtsein innerhalb der Religionsgemeinschaft gestärkt. Er hat schneller abfatten lassen was etwa schon innerlich angefault war am Baume des Judentum-, und hat zu umso schönerer Blüte gebracht, was an seinen Früchten gesund und wertvoll ist. Heute beschäftigt uns ein Wort, das, aus dem Erinnern unserer letzten Generationen geschwunden, nur noch im argon der Judensemdlichkeii erhallen blieb. In diesem nttsemiten-Jargon, dessen giftige Seele die Scheelsucht ist» der niedrige Hatz, die Verfolgungswut. Im Unterschiede zum oft jüdischen Jargon, der so viel Goldkerne altdeutschen Sprachgutes mitführt, der ein Stückchen Letdervsgeschtchte, einen Niederschlag der Verfolgungen darstellt, denen die Juden durch Jahrhunderte auSgesetzt waren und der dabei eine so reiche Fülle tiefen Gemüts birgt, daß ans ihr eine mehr und mehr zur Anerkennung gelangende Poesie sich entwickeln konnte. Mit einem einzige» in de» Sprachschatz-ach «et», in die Giftmffchnng der Antisemiten verirrten Wort habe« wir es heute zu tun. Mit dem Wort „G e s e i r e", oder vielleicht weil man da ohne jede Ahnung von der Herkunft des Wortes, etwa an sauertöpfisches Wesen oder an „Säure" denkt. Aber hier handelt es sich nicht um die Erinnerung an Säure, sondern eher an Bitternis. Wie mancher in unseren Reihen mag sich schon, wenn ihm das durch seinen Gebrauch und seine Gebraucher verhätzlichte, verrohte Wort in antisemitischen Hetzschriften oder Reden begegnete, gefragt haben: „Was ist denn dieses „Gesäure?,, Woher stammt, was bedeutet das Wort, und wie kommt es in die Terminologie der niedrigsten Indenhetze? Nun denn — „Gscra" oder, je nach der Anssprache, Gseira oder „Gseire" ist ein hebräisches Wort und heißt „Gebot" oder Verordnung. Im Sprachgebrauch nahm das Wort mehr und mehr die Bedeutung von strenger Verordnung an, insbesondere von einer, die ihre Harte gegen die Juden richtet. Dieses Wort nun übte in den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts eine seltsame, eine rätselhafte Massen-Suggestion aus. Eine Sinnes- und Gemüts-Verwirrung, die 'ich zu einer rasch um sich greifenden, ansteckenden Seelentrankheit auöwuchs. Wie etwa das Flagellantentum im vierzehnten Jahrhundert. Als die Soldatenwerbung um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in einzelnen Teilen Rußlands, in Oesterreich, in Galizien, in Ungarn — eine heitere musUalische Erinnerung ist uns noch im „Zigenncrbaron" von Johann Strauß aufbewahrt — rücksichtslos und in recht grotesken Formen betrieben wurde, als. ahnungslose junge Burschen mit List und Gemalt zu Soldaten gepreßt wurden, da war der Aerger der gut bezahlten Werber darüber groß, daß ihnen Opfer aus den Reihen der jüdischen Bevölkerung nicht erreichbar waren. Nicht einen einzigen Juden hatten sie eingcfangen. Denen war eben mit den üblichen Lockmitteln nicht beizukommcn. In den Wirtshäusern spielten die Musikbanöen vom frühen Morgen an, der Schnaps floß in Strömen für jeden, der da mitmnfen wollte, und wenn die grölenden jungen Burschen endlich sternhagelvoll besoffen waren, da wurde ihnen das bescheidene „Handgeld" :n die Faust oder in die Tasche, die Soldatenmütze aus den Kopf gedrückt und sie waren angeworben. Alles Toben nach der katzenjämmerlichen Ernüchterung hals nichts mehr. Wie sollten da solch e Mittel bei den über ihrcnFolianten hockenden, wirtshausfremden, jüdischen, jungen Leuten verfangen? Da entstand eines Tages, vielleicht auf eine Redensart der verdrossenen Werber hin, — in der jüdischen Bevölkerung da» SchreckenSgerücht. es sei eine Verordnung ergangen, eine ^Gseire", nach der alle unverheirateten u AUSSTELLUNG: NTER DEN LINDEN 3 AUTOMOB IL- UND KAROSSERIEFABRIK A. G. WERK INICKENDORF

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