Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 14 (16.5.1924)
- Date
- 1924-05-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IMchLeraleZMinz Organ der Vereinigung für das Merale Judentum e. v. durch die GeschLf^stelle '/.jährlich Sk. USO ENchelmmrmer o^o. Lei freier Zusendung i. bnland 0LS $fe die Mitglieder der Verelulgmig ist der Dezugepret» x rr :: im Svttgttedebettrage enthalte«. rr rr s Chefredakteur: Dtpl.F«g. Bruno Doyda. Die „Jflöifd) - liberale - Zeitung" erscheint jeden ffrettag. SchriMeitnng und Seschüktesleller Berti«, (Dauerttraft #22. Sernnifs Amt (DcrKur Nr. 8728 po1tfd)««kkontot Berlin nw 7 nr.l3TOM (Vereinigung fflrOae liberal« Judentum) nacbbnsdt fam«ild>«r Ortglnat-Beltfflae "" m“ JS&SftS SSSSBff*"* «u»eiße»»reife: 9k Nt gespaltene Sronparetllezeill MB vBNmark, die AleKl««eretle 3,00 voldmark :r rr « det Viederholuuge» Rabatt, rr Aureigeua»»ad»er Dr. Richter 8 Co^ V.M.H.H Berlin - 41» Alepaudrtnenftrahe 98/00, Fernsprecher Dönhoff 438), sowie sLmtliche Annoneen-Lxpedttionen Rr.14 Berlin. IS. Mai 1924 4. Jahrgang Gemeiudepoliksche Probleme. »Vereinigung" undGemeMdepotttik Bott Rechtsanwalt Dr. Julius L. S e l i g s o h n, Vorstandsmitglied -ex Vereinigung für das lib. Judentum, Vorsitzender des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüd. Gemeinde zu Berlin. Auf -er letzten erweiterten Vorstanössitzung der Vereinigung für das liberale Judentum wurde von dem Vertreter einer größeren Ortsgruppe die Frage gestellt, ob lediglich der religiöse Liberalismus zum Aufgabenkreis der Ortsgruppen gehöre, oder ob diese als Glieder der Vereinigung auch gemeindepolitisch tätig zu sein hätten und insbesondere an den Wahlen zu den Gemeindeorganen aktiv teilnehmen sollten. Die Frage rief das Erstaunen eines Teiles der Anwesenden hervor. Als ihre unbedingte Bejahung erfolgte, war die Verwunderung auf der anderen Seite nicht minder groß. Der Zwiespalt der Meinungen wird erklärlich, wenn man oie Organisation unserer „Vereinigung" ins Auge faßt. Die Vereinigung, welche den Spitzenverband des organisierten deutschen liberalen Judentums darstellt, gliedert sich nach den örtlichen Verhältnissen in drei Gruppen: in selbständige liberale Ortsvereine, in organisierte Ortsgruppen und in Vertrauensleute. Selbständige liberale Ortsvereine gibt es in den größten deutschen Gemeinden: Berlin, Breslau, Frankfurt a. M., München, Nürnberg, Augsburg usw. Sie bestanden hier schon bevor die Bereinigung für das liberale Judentum geschaffen wurde. Sie sind hervorgvgangen aus dem Wunsche der liberalen jüdischen BürgerDHaft, an der Verwaltung ihrer Gemeinden aktiven Anteil zu nehmen. Feste Formen mußte dies Bestreben insbesondere bei den Wahlen zu den Gemeindevertretungen gewinnen, wo die Anfstellung der Kandidaten, die Vorbereitung des Wahlganges, etwaige Listenverbindungen mit anderen jüdischen Richtungen eine straffere Organisation der liberalen Wählerschaft erforderte. So waren diese liberalen Ortsvereine in erster Hinsicht Wahlverbänöe. Um indessen für die nächste Wahl jeweils gerüstet zu sein, wurde die Organisation von einem Wahlkampf zum anderen, wenn auch häufig unter Mühen, durchgehalten,' auch ging das Bestreben der Vereinsleitungen bereits seit Jahrzehnten dahin, die Verbände aus dem Rahmen einer Wahlorganisation herauszuheben und zu vollwertigen Faktoren des jüdischen Lebens auch in der Zwischenzeit auszubilden. Die genaue Kenntnis der örtlichen Verhältnisse, die persönlichen Beziehungen zu dem von ihnen selber aufgestellten nnd gewählten Gemeindevertretern befähigten die Vereine, eine fruchtbringende öffentliche Kontrolle der Gemeindeverwaltungen auszuüben und die liberale Judenschaft zur tätigen Anteilnahme an der Gemeindepolitik zu erziehen. Diese Ortsvereine, mit selbständig ausgebildetew Vereinsleben fand die Vereinigung für das liberale Judentum bei ihrer Gründung bereits vor. Es war naturgemäß, daß diese Ortsvereine sich nunmehr in die deutsche Gesamtorganisation, in die „Vereinigung" einfügten und in der Folgezeit vielfach sogar die Hauptpfeiler dieser Organisation wurden. Besonders innig wurde diese Verbindung in Berlin, wo der Berliner Liberale Verein und die „Vereinigung" Büroräume und Angestellte gemeinsam hatten, und wo auch vielfach in den Vorständen der beiden Organisationen eine gewisse Personalunion waltete. Stellten so die Ortsvereine in dieser Weise Persönlichkeiten, Material und finanzielle Mittel dem Spitzenverbande zur Verfügung, so war das doch schließlich nur ein geringes Entgelt für die vielfache Anregung und Befruchtung, welche sie von der „Vereinigung" erhielten. Dies geschah vor allem auf geistigem, auf religiösem Gebiete. Drohten die O^tsvereine manchmal über der täglichen Kleinarbeit in der Gemeinde, über Kämpfen und Auseinandersetzungen mit den anderen Richtungen die großen Gesichtspunkte der liberalen Bewegung aus den Augen zu verlieren, so sorgte die Zentrale dafür, daß den Liberalen immer wieder erneut die geistigen Ziele ihrer Bewegung vor Augen geführt wurden. Hohes Lob gebührt in dieser Beziehung der bahnbrechenden Seligmannschen Zeitschrift „Liberales Judentum", und volle Anerkennung muß auch der „Jüdisch-liberalen Zeitung" gezollt werden, welche ebenso wie ihre Vorgängerin die Fahne der Idee hochhält. So kam es allmählich dazu, daß das Schwergewicht des geweinöepolitischen Elements bei den Ortsvereinen, die Betonung Aus dem Inhalt: Dr. Julius L. Seligsohn-Berlin: „Vereinigung" und Gemeindepolitik. — Jnstizrat Felix Makower- Berliu: Der preußische Landesverband jüdischer Gemeinden. — Ministerialrat Dr. Hirsch-Stuttgart: Die neue Verfassung der israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs. — Leitsätze liberaler Gemeindepolitik. * Dr. Earl Hauptmann: Judentum. — I. Landau- Berlin: Die Gseire-Hochzeiten. — Botho Laserstern: Ewige Lampe, leuchte! — Kurt Doerry- Berlin: Jüdische Boxer. — Maria Re»6e Daumas: Der Jüngling. * Die jüdische Gegenwart. — Aus den Gemeinden. — Ans der Bewegung. — Versammluugskalender. — Der jüdische Sprechsaal. — Kalendarium. — Bücherscha«. Ein Ritualmord in Bremen — und seine Ausklärung. In der Nacht vor Sen Wahlen verschrvatt-ö ans Bremen der Parteisekretär des dortigen völkisch-sozialen Blocks, Karl Hermann. Die Deutschvölkischen Bremens verbreitete» daraufhin das Gerücht, Satz Hermann, der sich in Ser Judenhetze besonders hervorgetan hat, aus Rache von den Inden ermordet worden sei. Später ergänzten sie diese Mitteilung dahin, daß es sich um einen reinen Rttualmord handelt. Es herrschte darüber grotze Aufregung. Nunmehr erläßt die Bremer Polizei eine Mitteilung, wonach amtlich sestgestellt worden sei. daß Hermann nicht ermordet wurde, sondern einfach unter Mitnahme von Parteigeldern der Deutschvölkischen verschwunden sei. Wie man jetzt erfährt, handelt es sich bei Hermann um einen 30jährigen Schwindler und Hochstapler aus München. Er bot sich den Bremer Völkischen als Wahlhelfer und Propagandist an und wurde auf Grund der Phrasen, die er gegen Judentum und Marxismus in München auswendig gelernt hatte, mit offenen Armen ausgenommen. Alsdann ließ er sich Vertrauensposten übertragen, bei denen er mit der Kasse in Berührung kam. worauf er in der Wahlnacht verschwand. Tausende von Menschen in Bremen glaubten an einen Ritualmord. Viele Juden wurden mit Drohbriefen überhäuft. wenn sie nicht die Leiche des ermordeten völkischen Parteisekretärs herausgäben. Hitlerbanöen lieferten zusammen mit Brüdern im Polizeihaus das angeblich gefundene, blutbefleckte Seitengewehr ab, mit dem der völkische Parteisekretär ermordet sein sollte, während andere Hakenkreuzler den Anzug des Ermordeten vorlegten. Bayerische Rechtssprechung. Bor dem Schwurgericht der badischen Stadt Konstanz fand dieser Tage der Prozeß gegen den Urheber des Anschlags auf das Leben des Privatsekretärs des ehemaligen Reichskanzlers Prinz Max von Baden. Kurt Hahn, statt. Angeklagt waren der Ingenieur Ernst Holl aus Windsheim, der Arbeiter Paul Simon aus Breslau und der Schriftsteller Heinrich Huebli aus Romanshorn wegen planmäßiger Verabredung zum Mord, sowie wegen Vorgehens gegen das Gesetz zum Schutze der Republik. Den Angeklagten war zur Last gelegt, -atz sie am Morgen nach der Münchener Pukschnacht nach Ueberlingen kamen, wo sich das Schloß des Prinzen Max befindet, mn im Aufträge ihres Verbandes den Privatsekretär des Prinzen Max von Bähen, Kurt Hahn, lebend oder tot nach Bayern zu schaffen. Die Beseitigung des Hahn sollte deshalb ttattfinden, weil er Jude sei und als Privatsekretär des Prinzen Max von Baden während deffen Kanzlerschaft angeblich großen Einfluß auf die Politik und dann auch auf die FriedenSvevhandlungen in Versailles ausgeübt hat. Der Anschlag wurde in der folgenden Weise vorbereitet: Hahn sollte in seinem Auto fortgelockt werde«. Mit einem Drahtseil wollte man dann das Auto znm Stehen bringen. Hierauf sollte man Hahn durch einen Schlag aus den Kopf betäuben und ihn so nach München zur Hitlerischen Oberleitung bringen. Für den Fall des Mißlingens der Entführnng sollte Hahn an Ort und Stelle erschollen werden. Das Gericht nahm die vollkommen mißlungene Entführungsaktion nicht ganz ernst, sondern verurteilte die drei Angeklagten nur wegen Begünstigung der in Baden verboten gewesenen national-sozialistischen Partei, und . zwar Holl und Simon zu je drei Monaten Gefängnis, Huebgli zu vier Monaten Gefängnis. Die Strafe erscheint durch die Untersuchungshaft verbüßt. der religiösen Idee dagegen bei der Bereinigung lag. Und erst allmählich haben der Beeinflussung der Spitzenorganisatton und dem Zuge der Zeit folgen-, auch die Ortsvereine dem religiösen Liberalismus breiteren Raum in ihrem Vereinsleben gewidmet. So gliederten sich beispielsweise in Berlin die letzten Veranstaltungen des Liberalen Vereins fast regelmäßig in einen Vortrag über die religiösen Ideen und den geistigen Gehalt der liberalen Bewegung und in ein Referat über gemeindepolitische Angelegenheiten. Diese Gewichtsverteilung kam nun in der zweiten Organisationsform der Vereinigung, in den Ortsgruppen, zu einer etwas einseitigen Auswirkung. Die Ortsgruppen sind von der Vereinigung erst selber ins Leben gerufen worden. Selbständiges Vereinsleben, eigene gemeindepolitische Einstellung hatten sie nicht. So wurden sie ganz Kinder des in der Vereinigung waltenden Geistes,' je mehr dieser sich auf das religiöse Element beschränkte, um nicht in die Bestrebungen der bereits vorhandenen Ortsvereine unnötig einzugreifen, um so mehr bekamen die Ortsgruppen einen fast rein religiös-liberalen Anstrich. Je mehr sich die Vereinigung ausbreitete, je mehr Ortsgruppen sie in den größeren deutschen Städten organisierte, um so schwerer siel es ihr, hier einen gewissen Ausgleich zu schassen. Die örtlichen Verhältnisse in gemeinöepolitischer Beziehung lagen und liegen allzu verschieden. Sie sind anders in Preußen als in den süddeutschen, Staaten und reichlich verschieden in den preußischen Lanöesteilen selbst. Einheitliche Richtlinien für die gemeindepolitische Praxis von Berlin aus sind nicht möglich. Was die Vereinigung an allgemeinen Grundsätzen hier auszustellen hatte, ist von ihrer gemeindepolitischen Kommission vor dem Kriege zu abgeschlossenem Ausdruck gebracht worden. Diese Kommission in der heutigen Zeit wieder aufleben zu lassen, wurde durch Beschluß der letzten Vorstandssitzung abgelehnt. In den Orten, in denen es bisher zur festen Organisation der liberalen Judenschaft noch nicht gekommen ist, sowie auf dem flachen Lande, bestellt die Vereinigung Vertrauensleute. Diese sammeln Beiträge ein, erstatten der Zentrale über die vorhandenen Bestrebungen Berichte und werden von ihr mit Werbematerial, Anregungen nnd Ratschlägen unterstützt. Auch hier liegt es auf der Hand, daß bei der loseren Form dieser Organisation die Beeinflussung nur in allgemeiner, religiöser und geistiger Beziehung erfolgen kann. Aktive Anteilnahme an der Gemeindepolitik kann von der Zentrale kaum angeregt, geschweige denn öurchgeführt werden, weil solche stets eine festere Zusammenfassung der liberalen Gemeindeangchörigen zur Voraussetzung hat. Betrachtet mau diese Verhältnisse in unserer Vereinigung, so wird die eingangs erwähnte Frage ohne weiteres verständlich. Die Ortsgruppen sehen in der Vereinigung lediglich das religiöse Moment, welches in den vergangenen Jahren besonders stark in den Vordergrund getreten ist. Umgekehrt wird auch die Verwunderung der selbständigen Ortsvereine über die Frage begreiflich» weil bei ihnen auch heute noch die gemeindepolitische Arbeit an erster Stelle steht. Unabhängig von dieser durch geschichtliche und lokale Berhältnisie bedingten verschiedenen Auffassungen bedarf aber die Frage der grundsätzlichen Beantwortung. Und diese muß dahin lauten: Es ist unbedingte Pflicht der Vereinigung selbst, ihrer Ortsvereine, Ortsgruppen und Vertrauensleute, sich mit größter Energie für die Erringung oder Erhaltung einer liberalen Majorität in den deutschen jüdischen Gemeindeneinzusetzen. Die Bereinigung für das liberale Judentum erstrebt die religiöse Erneuerung unseres Judentums in fortschrittlichem, modernem Sinne. Das Judentum ist nicht nur individuelle seelische Einstellung des einzelnen Menschen, sondern es ist ans Grund einer tausendjährigen Entwicklung Gesamtbesitz einer religiösen Bekennerschaft. Es ist, wenn man den Blick ans die Vergangenheit und die Gegenwart richtet, die Gemeinschaftsreligion des Stammes Israel. Es ist in Zukunft kraft der messianischen Idee dazu bestimmt, Deltreltgion zu werden. Träger dieser uns historisch gewordenen Mission, welche-die Gemeinschaft als solche verwirklichen muß, sind nicht nur die einzelnen Men- « <