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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-05-09 · 13 (9.5.1924) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
13 (9.5.1924)
Date
1924-05-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Schamgefühl ertöten mußte, daher schon von Herodot (1,190) ,Lie schändlichste Sitte" der Babylonier genannt wurde. Dagegen die besondere Religion Israels bezeichnet auch einen Sieg der Menschheit über Vielgötterei und Bilderdienst, sexuelle Differenzierung der Gottheit und Götterzank, wie das alles aus der Umwelt Israels entgegen-bltckt und entgegenschallt. Und wie könnte ein Streit darüber sein, daß dieser Steg das Emvorstetgen zu einer höheren Stufe der menschlichen Kultur bedeutet? Die Geringschätzung der religiösen Stufe, welche von der prophetischen Religion Israels repräsentiert wird, ist aber ein um so größeres Unrecht, weil sie dem Urteile widerspricht, das von oben denselben Geistern der Neuzeit z. B. Über die religiöse Leistung Zarathustras gefällt wird. Denn wie sehr wird dieser anerkannt, weil er „die Gedanken der altiranischen Religion geklärt, zu allumfassendem Zusammenhang erweitert, vor allem sie ethisch verinnerlicht und vertieft hat" lH. Oldenberg in »Die Kultur der Gegenwart I, III, 1. S. 81)! Nun. so möge man auch den geistigen Führern Israels, die als Gottes Herolde noch viel mehr auf dem religiösen Gebiete geleistet haben, zugesteheu, daß sie ihr Volk auf der Freitreppe des Geistes emporletten wollte». Man möge ihnen nicht die Ehre nehmen wollen, daß ste z. B. über die Astrologie lJer. 10, 2 ufw.), die Vergötterung der Könige lEsth. 8. 3), die Tempelproftttutio» erhaben waren, und man möge aufhören, die Partei derer zu ergreifen, die auf ein Niveau der Religiosität hinabsanken. das man außerhalb Israels verurteilt! III. Aber auch mit dieser Bevorzugung der sogenannten Bolksreltgton Israels war noch nicht die Rolle auSgespielt, die in unfern Tagen dem Ausdruck „Bolksreligion Israels" zuerteilt worden ist. Nein, man hat sich vor kurzem noch eine neue Art von Bolksreltgton Israels geschaffen (z. B. Kittel. Geschichte des Volkes Israel. Bd. H. 128. 296 f.). AIS erster Bestandteil dieser neugeschaffenen „Bolksreligion Israels" wird dies angeführt, daß Jahwe als „Landes- und Bolksgott, Nationalgott Israels gelte, der alS solcher nach dem Grundsatz cuius regio, eins religio feine Macht mit den Göttern der Nachbarn draußen teile". Zum Beweis beruft man sich auf die Worte aus der Erzählung vom Richter Jevhtah. in denen gefragt wird, ob die Ammoniter nicht dasjenige Gebiet besetzen würden, das ihr Gott Kemöfch sie werde in Besitz nehmen lassen Wicht. 11. 24). Aber dabei hat Kittel nicht auf B. 27 geachtet. Da steht aber ja: „Es beurteile Jahwe, der Richter, heute die zwischen den Israeliten und den Ammonitern schwebende Streitfrage!" Also danach ist der dem Bolle Israel in besonderer Weise enthüllte Gott „der Richter" und hat auch über die Ansprüche der Ammoniter zu entscheiden. Folglich wird in 11, 27 die lieberragend heit, ja. die Weltrichterstellung des Gottes auSgefagt. den der Erzähler der Jephtahgeschichte verehrte lvgl. weiter meine Theologie A. Ts. 8 38). Folglich ist gleich das erste Moment. daS zu einer neuen Art von „Bolksreligton Israels" gerechnet wird, in der Stelle, die man zum Beleg dafür angeführt hat. gar nicht enthalten. Ferner wird diese neue Art „israelitischer Bolksveligion" entweder „der großen Menge" lKittel. Judenfrindschaft. oder Gotteslästerung? 1914. S. 31) oder ,bem gemeinen Manne aus dem Volke" (S. 33) oder „minder erhabenen Geistern und der großen Masse" lS. 86) zuaeschrieben. Aber in den Geschichtsbüchern Israel-, welche doch allein die Grundlage für die Beurteilung der israelitischen Religionsverhältnisse darbieten können, tritt niemals §bei> gemeine Mann aus dem Volke" usw. als Vertreter der neuen Art von Bolksreligion Israels auf. deren erstes angebliches Dogma soeben beurteilt worden ist. Vielmehr wird dieses und die andern Momente, aus denen man diese neue Art von „Bolksreligion" Israels zusammengesetzt sein läßt lvgl. .LZollsreligion" im Sachregister meines zitierten Buches!), von den Geschichtsschreibern Israels vertreten, und diese gehörten schon wogen ihrer schriftstellerischen Fähigkeiten zur geistigen Elite de- Volkes Israel. Sie haben die Berufung Abrahams und -ie Gesetzesenthüllung Gottes an Mose als Tatsachen gefeiert, sind also Anhänger und Verkündiger der prophetischen Neligton ihres Volkes gewesen. Demnach u n g e t a d elte Bestandteile -es althebräischen Schrifttums will man neuestens zur .^VolkSreligion Israels" machen. Folglich muß diese neugeschasfene bolksreligion Israels" aus inhaltlichen und formellen Gesichtspunkten eine Mißbildung genannt werden. IV. Diese Erörterung des Themas „Tie Bolksreligion Israels" würde aber an unbefriedigender Unvollständigkeit leiden, wenn nicht endlich noch ein letzter Weg. auf dem man die Religion Israels in das Lager -er „Bolksreligion" überführen möchte, nach seiner Richtigkeit befragt würde. Dieser letzte Weg tst allerneuestens in folgenden Sätzen beschrieben worden: „Sm Gegensatz zu Weltreltgionen kann ohne Zweifel die alttsraelttische eine Bolksreligion heißen, weil sie sich Staats- und Sprachgrenzen gezogen sah" (W. Easpari, Die Gottesgemeinde am Sinai ufw. 1922. 85). Aber wie denn soll dies behauptet werden dürfen? Besteht denn die in einer ältesten Quelle enthaltene Verheißung an Abraham: „$tt dtr sollen gesegnet werben alle Geschlechter auf Erden" ll. Mos. 13. 8 usw.) nicht mehr zurecht? Ober kennt man utcht mehr EliaS gottbefohlene Einkehr bet der Witwe im phöntzifchen Zarpath (1. Kön. 17, 9 ff.) und EliaS' Verhalte» gegenüber dem Syrer Naeman (3. Kvu. 5, 8 ff.)? Sind die Weissagungen vom Hinaufwallen aller Nationen zum Tempelberge des Ewigen lIef. 3. 2—4) und „daß du. Israel, der Vermittler meines Heiles feiest bis an die Endpunkte der Erbe" (49, 6b) aus den Quellen gestrichen? Und Sprachgrenzen sab sich die prophetische Religion Israels gezogen? Schon in den Noah-Sprüchen (1. Mos. 9. 25—27) ist doch verkündigt, daß Iaphet (also der Urahne der Indogermanen) in den Zelten Sems wohnen soll, und bereits das Targüm Jeruschalmt bat dies richtig so gedeutelt: „Und es werden Proselyten werden seine lJaphets) Söhne und im Lehrhause Sems wohnen". Und welche großartige neue Bewahrhettung hat iener Noah- Spruch gefunden, als die hebräische Bibel in die Sprache derjenigen Israeliten übersetzt wurde, die im «riechtschen Sprachgebiet eine neue Heimat gesunden hatten! Jdoch dies ist schon genug und übergenug zur Beleuchtung jener Sätze, zu deren Aufstellung stch leider ein Professor der alttestamentlichen Forschung verirrt hat. Es bedarf keiner weiteren Beweise dafür, daß die mit Abrahams Berufuna begründete Religion eine allgemeinmenschliche Bestimmung hatte und nur in ihrer vorübergehenden Form aus erzieherischen Gründen göttlicher Weisheit lmeine Theologie A. TS. 8 77!) national, aber zugleich über, national war. Das ist der e r st e Grund, weshalb bet der Bezeichnung der zu Recht bestehenden oder legitimen Religion Israels der Ausdruck „Bolksreligion" zu vermeiden ist. Der zweite Grund liegt in folgenden Tatsachen: Neuerdings ist nämlich auch dies gemeint worden, daß die wahre Religion Israels das Erzeugnis einer besonderen Naturanlage dieses Volkes gewesen sei. Denn wie die Griechen die Anlage besessen hätten, das Kunsttdeal auszubilden, so sei es die eigenartige Befähigung der Hebräer gewesen, die religiöse Idee aufs vollkommenste auszugestalten. Aber erstens entspricht es gar wohl einem natürlichen Triebe deS Menschen, die Umgebuna seines Lebens durch schöne Gebilde zu schmücken und das Leben selbst sich durch Ausübung von Künsten zu erheitern. Für das ästhetische Streben, das wir in Hellas finden, brauchen wir also nicht nach einem außergewöhnlichen Quellpnnkt zu suchen. Aber es kann nicht vorausgesetzt werden, daß ein Volk von Natur eine Idee erzeugen und ein Ideal zu verwirklichen streben sollte, die der natürlichen Neigung des Menschen widerstreben. Israels geistige Führer hatten nun dte Idee, daß Gott ein über alle sinnlichen Strebungen erhabenes — heiliaeS — Wosen sei. baß nicht Ehebrecherei im göttlichen Kreise geübt werde, wie aus dem griechischen Olymp, daß nicht Zank tn der göttlichen Sphäre erschalle, wie im babylonischen Pantheon. Solche Ideen sind nicht ebenso natürliche Produkte, wie die KnnslHestrebungen. Sodann zweitens zeigt sich folgende, ganz merkwürdige Erscheinung in der Geistesgeschichte Israels. Wir finden, daß dieses Volk tn der Periode des ungebrochenen religiösen Glaubens — nicht etwa erst in der Zeit der Zweifelsucht —, den Gott seiner Bäter oftmals verwarf und andern Kulten sich zuneigte. Folglich war di« Religion, von d«r weite Kreise des Volkes so oft « e g st r e b t e ». nicht das Produkt de- Bolksgeistes. Sie kann nicht als die feinste Blüte deS VolkSgentuS von Israel angesehen werden. Also aus zwei Gruppen von klaren Gründen muß der Geschichtsforscher, der, wie eS seine Aufgabe ist, bloß die in den Quellen sich widersptegelnöe geschichtliche Wirklichkeit nachzuzeichnen strebt, sich davor hüten, den Ausdruck „Volksreligton" auf di« wahre ober legitime Religion Israels anzuwende«. Haben doch auch die prophetischen Bertreier dieser Religion tn einem Geisteskampfe sondergleichen den Propheten gegenübergestanden. die das Volk „feine Weisen" nannte lJes. 29, 14). und hat k-)ch auch ein Mann, der sanft sehr der modern-darwinistische:. Auffassung der Religions-- geschlchle Israels zuneigte, ge^ t: Die Religion der Propheten kann „keineswegs national heilen: sie ist viel mehr als das. nicht aus Israel, sondern an-., M. Knenen, Bolksreligion und Weltreligion 1883, S. 921. In einem dreifachen Sinne also wird gegenwärUa von vielen die Religionsgeschichte Israels mit dem Begriff „Bolksreligion" zusammengebracht. Aber es ist eine der wichtigsten Aufgaben der Geschichtswissenschaft unserer Zeit, die neuestens weithin geübte Vermengung der legitimen Religion Israels mit dem Begriffe „Voltt'religton" klar zu durchschauen und wieder aus der Darstellung der israelitischen Religion scharf ausznschneidcn. Möge der vorstehende Aussatz ein geeigneter Beitrag zur Lösung dieser Aufgabe sein! Das Wunder unserer Erhaltung. Von Hedwig Ries. Etn Gang durch die Geschichte der Menschheit lehrt uns, daß große Völker untergegangen sind, nachdem ihre Machtstellung und geschichtliche Bedeutung den Gipfelpunkt überschritten, ihre Eigenart sich in ihren Kulturleistungen ausgewirkt hatte, die nunmehr der Menschheit als unvergüng-- liches Gut angehören. Diesem sich stets wiederholenden, logischen Prozeß des Werdens und Vergehens im Völkerleben steht als scheinbar unlogisches Gegenstück die jüdische Volksgemeinschaft gegenüber. Das jüdische Volk hat als Nation Aufstieg. Blüte und Verfall erlebt wie alle anderen Völker deS dlltertumS. ES ist tn feiner politischen Existenz viel gründlicher und grausamer vernichtet worden, hingemordet. vertrieben, in alle Welt zerstreut, ist in den Exilszeiten durch beispiellose Verfolgungen, tausendfache Vcrnichtungs- und Auflösungsversuche, durch tiefgreifendste Entwurzelungen, ein unbeschreibliches Märtyrertum hindurchgegangen! Und trotzdem lebt es! Lebt nicht nur in seinen Kulturleistungen, sondern in Millionen atmender, schaffender Individuen gleichen Bekenntnisses und gleicher Abstammung: eS lebt in fortgesetzten Kulturleistnngen und ihren Auswirkungen. in Millionen von Hirnen und Herzen, in einer nicht ausgeschöpften und. wie es scheint, nicht auszuschöpfenden Gedanken- und Gefühlswelt. Wie stellen wir selbst uns, wie stellt die nicht-jüdische Welt sich zu diesem Geschichtswunder? Das Mittelalter hat daS ewige Leben des Juden in der AhaSver-Legende als eine ihm auferlegte Strafe hingestellt. Und viele Juden stehen dieser Auffassung nicht ganz fern. Sie entrinnen dem Märtyrertum ihres jüdischen Daseins durch die Taufe und glauben, dadurch für stch irnd ihre Kinder die Judenfrage gelöst zu haben. Ist damit das Gvschichtswunder erklärt oder aus der Welt geschasst? Muß nicht endlich eine Zeit kommen, da denkende Christen gemeinsam mit bewußten und wissenden Juden dieses Wunder bewundern und seinem Ursprünge nachzugehen sich bemühen werden? Wir erklären dieses Wunder mit dem Bedeuten, daß wir eine Mission zn erfüllen haben. Das ist richtig. Aber jedes Kulturvolk hat eine solche zu erfüllen. Und es tritt vom Schauplatz ab. wenn es seine Mission in seinen Kulturleistungen erfüllt hat. Folglich ist unsere Mission noch nicht erfüllt. Auch das ist richtig. Wie aber war es möglich, daß wir eben dieser Mission erhalten bleiben konnten, über so viele, furchtbare Geschichtsereignisse hinweg? Woher kamen di« Kräfte, welche erhaltenden Momente haben dieses Wunder ermöglicht? Dies aufzuzeigen, will ich hierin versuchen. Das erste Moment, daS größte und unzerstörbarste, ist die Erkenntnis des einig-einzigen GottwesenS und die darntt in innigster Verbindung stehende Festsetzung der Moralgesetze. die daS Fundament für den Bau der menschlichen Gesellschaft aller Zeiten und Länder geworden sind und bleiben werden. Wir müssen uns vergegenwärtigen, was eS bedeutete, einem kleinen, versklavten Volke in den Nöten und Aengsten einer langen Wüstenwanderung die wunderbare Lehre von Gott und seinem Willen zu übermitteln. Nur einem Manne von dem seelischen Ausmaß Moses, nur einem genialen Führer und Gesetzgeber von ungeheurer geistiger Ueberlegenheit und staatsmännischem Weitblick konnte dieses riesenhafte Unterfangen gelingen. Mose kannte den Keim der Gotteserkenntnis, der als altes Erbteil in seinem zertretenen und erniedrigten, aber unverlorenen Volke schlummerte: und iu dem festen Glauben an die Unzerstörbarkeit dieses edlen Keimes, in dem unerschütterlichen Vertrauen zu seiner göttlichen Aufgabe gelang es ihm, den fast erloschenen Funken in der Seele des Moses. Bon Ernst Lissauer^ Iw Körbchen, aus Binsen und Blättern gebunden, An den Ufern des Nils ward MoseS gefunden. Wer hat ihn gezeugt? . Nilwässer haben ihn groß gesäugt. Schaffender Mann, du Enkel von Niles Stamme, Dein Blut ward getränkt mit dem nährenden Schlamme, ES strömt in dir des segnenden Flusses Born. ES schwillt deine Liebe, es schwillt dein Zorn. Du überflutest von der eigenen Schwere, Um deine Ufer Gesetz und Lehre In dichten Feldern wächst wie Korn. Gedanken über liberales Judentum. Von Rechtsanwalt Dr. Ernst Emil Schweitzer. Berlin. DaS Wesen deS religiösen Liberalismus sehe ich darin» daß er die Religion zur Aufgabe des einzelnen macht. Er gibt keine fertige Lösung, sondern eine Methode. Dem einzelnen bleibt alle religiöse Freiheit, aber damit wird ihm auch alle Verantwortuna auferlegt. Was er von der Gemeinschaft übernimmt, sind Satzungen. Gebräuche, Symbole; Leben kann ihnen nur der einzelne selbst geben, und jeder gibt ihnen ihr besonderes Leben. Jüdischer Liberalismus au-f religiösem Gebiet« ist t» erster Linie religiöser Liberalismus und erst in zrvetter Linie jüdischer Liberalismus. Dte Frage nach der Religio« steht im Mittelpunkt, nicht da- Abzeichen. Wir betrachte» Judentum und Christentum nicht als Feinde oder als Konkurrenten. sondern alS Weggenossen. „Aber wenn ihr so denkt, ruft man uns von fetten der Orthodoxie zu." verzichtet Ihr auf Euer Erstgeburtsrecht gegenüber dem Christentum. Wir antworten mit Shakespeare: 's ist toller Götzendienst, den Kultus höher als den Gott zu stellen. Hermann Cohen tn feiner Ethik des roiueu WillenS: «Aber auch abgesehen von dem Literarische« muß jede Reltgion so viel Ignorierungen, Deutungen und Idealisierungen an ihrem Worte Gottes vornehmen, daß es überall einer offenkundigen Korrektur unterzogen wtrd. Wenn dennoch die Theologie aus die geschichtlichen Tatsachen und auf di« literarischen Urkunden, in welche» die Tatsachen enthalten sind, alS ans Gottes Wort sich beruft, so muß diese Art von Theonomie als Heteronomie bezeichnet werden. Auch in der praktischen Moral nährt dieser Aberglaube vom Wort« Gottes alle Scheelsucht und alle Mißgunst, mit der schon die Nationen ln ihren Literaturen stch gegenseitig zu bespiegeln pflegen, geschweige alle die Intoleranz, Ungerechtigkeit und Gehässigkeit, welche die Selbstsucht tn den verschiedenen Religionen, ja in den Sekten und Parteien derselben Religion erregt und aufstachelt. Aber der Begriff der Literatur, menschlich und wissenschaftlich, wie er ist. hat auch hier Hilfe gebracht. Und unser Herder darf hier als sittlicher Befreier genannt werden. Der Sinn für die Weltltteratur hat di« Sympathie für die Böbkersttmmen erweckt, und damit dem Eigensinn und dem Eigendünkel entgegengewirkt. Dir vemleichende Literatur hat die Idee der Humanität neu belebt und ihr in der Poesie der Böller eine« reichen Inhalt erschlossen. Die vergleichende Literatur hat de» Sin» für vergleichende Religionswissenschaft erweckt; und ohne diesen lebendigen Din» der Toleranz, ja der Sympathie für alle-, was tu der Tendenz der Religion fich bewegt. für alle Religionen, ohne diesen Horizont der literarischen Humanität gibt eS für den gelehrten und gebildete» Menschen keine wehrhafte Religiosität. Dte Meinnng von der Absolutheit der eigenen Religion ist ans dem Standpunkt der wissenschaftlichen Bildung Aberglaube, da e» Mythos nicht fei« kann; und a«S dem Gesichtspunkte der Religion Eifersucht, Neid und Menschenhaß. di« alle Symptome deschlechten Gewissens sind." Diese Worte stehen im Zentrum des jüdischen Liberalismus. wie ste im Zentrum alles religiösen Liberalismus stehen. # Hermann Cohen wies in einer feiner letzten Schriften daraus hin, daß er sich Zeit seines Lebens bemüht habe, nachznweisen, -aß Christentum und Judentum in ihrem tiefsten Grunde wesenseins sind. Der Frage, warum denn nicht die Juden einfach zum Christentum übertreten sollten, begegnete er mit den Worten aus Goethes »LLestöstlichen Divan": „Frage nicht durch welche Pforte Du in Gottes Haus gekommen; Sondern bleibe an dem Orte. Wo du einmal Platz genommen." Gibt eS für unS jüdische Liberale Grenzen der Lehrfreiheit? Ich antworte mit ja. Bei aller Achtung vor der persönlichen Freiheit -es einzelnen, es gibt solche Grenzen. Wir wollen kein Jrrlehrengesetz wie den Protestantismus, aber die Grenzen liegen in der Ethik des Judentums, liegen in dem prophetischen Messianismus, nicht als Dogma, sondern alS ethischer Zielrichtung. Den Predigern des Hasses sollen dte Tempel des Judentums nicht offen stehen. Niemals. Und jüdische Religiosität klagte mit, wenn Werfel im Kriege schrie: „DaS einzige, worin wir einig lebten. DeS Brudertums in uns, das tiefe Fest. Wenn wir vor tausend Himmeln niederbebten. Ward nun -um Raub* für eine Natternvest." Dte völkischen verleumden die deutschen Juden, wenn sie Ihne« die Vaterlandsliebe absprechen. Allerdings die jüdischen Soldaten, -ie sich draußen eiserne Kreuze holten, standen -er Ethik de- Kreuzes näher als -er des Hakenkreuzes. Und dte teufende, dte gefallen sind, haben gekämpft aus Liebe, nicht aus Haß. u AUSSTELLUNG: NTER DEN LINDEN 3 WERK: R E I N I C K E N AUTOMOBIL- UND KAROSSERIEFABRIK A. G. DORF

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