Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 13 (9.5.1924)
- Date
- 1924-05-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IödMÄeraleZeilML Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. y. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle ^4 jährlich M. IM Einzelnummer 9,20. Bei freier Zusendung i. Inland 0,28 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis rr :: :: im Mitgliedsbeilrage enthüllen, r: :: :: Chefredakteur: Dipl.-Ing. Bruno Doyda. Die „Jüdisch - liberale - Leitung" erscheint jeden Sreitag. Schrittleilung uyd Geschäftsstelle: Berlin, (Dauerftrabe 22. Sernruf: Amt Merkur tlr. 8125 poftfd)ecfckonto: Berlin ItW 7 tlr.l3TOW (Vereinigung für Das liberale Judentum) f)ad)5ni4t fftmtidyer Ortglnat-Settrftge nur mit vorljerlger Genehmigung Der ReDaHtlon gestatten Anzeigenpreise: Die ISgespaltene Nonpareillezeile 0.48 Goldmark, die Reklamezeile 3,00 Goldmark rr :: :: bet Wiederholungen Rabatt. :r :: : Anzeigenannahme: Dr. Richter & €&, G.m.b.H, Berlin 6 42, Alepandrinmftraße 05/06, (Fernsprecher: DSnhoff 438), sowie sämtliche Ännoneen-Expedttionen. Rr. IS Berlin. 0. Mai 1024 4. Jahrgang V '' oder Volbreligion. Die fehl viel genannte «Volksreligion- Israels. Bon Geheimrat Ed. Könia (in Bonn). Bis vor nicht langer Zeit konnte man viele ausführliche Werke Wer die israelitische Religion öurchlesen und fand, Latz in ihnen gar nicht von „Volksreligion" gesprochen wurde. Aber seit kurzem wird -der Ausdruck „die Volksreligion Israels" sehr häufig gebraucht, wie z. V. in K. Martis Geschichte der israelitischen Religion. 5. Ausl. (1907). Wenn manche Israeliten sich bei Wahrsagern Rat holten, wie es leider Saul in der Verzweiflung seiner letzten Tage tat (1. Sam. 28,7 ff.) oder wenn andere sich dem Kult des kanaanitischen Sonnengottes Baal zuwendeten (Nicht. 2,13 «sto.). dann ikt bei vielen neueren Darstellern der ReligionSgefchichte Israels die stehende Ausörucksweise. daß Liese Israeliten der Bolksreligion gehuldigt haben. eS nun gerechtfertigt, diesen modernen Sprachgebrauch uachzuahmen? Die richtige Beantwortung dieser Frage kann nur auf folgendem Untersuchungsgange gefunden «erben. I. Nach den Quellen, die allein für die Darstellung der ReügiouSgoschichte Israels maßgebend find, gab es in diesem Botte etue Religion, in deren Pflege man sich mit den anerkannt beste» Vorfahren der Nation einig wußte und bet deren Verleugnung man sich der Preisgabe des köstlichen Erbgutes anklagen mußte. Das war die Religion, die zu Gbradams Zeit begründet worden war (1. Mos. 13,1—3/ Jos. 34L i.). Den» obgleich die mosaische Epoche gleichsam i« volle« Mittagsglanze vor den Augen der israelitischen Erinnerung lag. hatte diese doch nicht das Aufdämmern des LageS vergesse». an dem der erste Vertreter der kulturellen Eigenart Israels in das Licht der Geschichte getreten ist. DaS Wesen dieser Religion lag aber in der von den ältesten Quellen einhellig bezeugten Tatsache, Saß Abraham in ein« besondere Verbindung mit der Gottheit treten durste, und daß diese Verbindung zur Segnung der ganzen Menschheit dienen sollte (1. Mos. 12.3b und so fünfmal im ersten biblischen Buche). Als einzelne Charakter züge dieser Religion spiegeln sich aber in allen Quelle» di« folgenden wider: erstens die Gewißheit, ein w a h r e s Prophetentum zu besitzen, also dauernd im Verkehr mit dem Berufer Abrahams zu stehen: zweitens die Ueberzeugung vom Dasein eines Geisttvesens, das im Unterschied von den babylonischen Göttern nicht aus dem Weltprozetz hervorgegangen war: drittens der Gedanke von der Geistigkeit Gottes, die ihn über jede bildliche Darstellung hinaus he bt: viertens die Anschauung, daß die Gottheit nicht nur über geschlechtliche Differenzierung, sondern auch über alles Profane und insbesondere über alles Unmoralische erhaben.-, h. heilig, ist. und wie die Religion weiter gekennzeichnet werden könnte, die in allen Quellen der Religionsgeschichte Israels als die zu Recht bestehende anerkannt und wegen deren Vertretung niemand in ihnen getadelt wird. Aber gab es neben dieser legitimen Religion Israels nicht auch noch eine andere Religion in Israel? Diese Frage haben die Geschichtsschreiber Israels, wen« anch mit Schmerz, so doch mit Freimut bejaht. Den» sie haben überhaupt nicht, wie neuerdings ost gesagt worden ist, ihre Bilder „ans Goldgrund gemalt. Fm Gegenteil ist es ein höchst intereffanter Charakterzug der hebräischen Geschichtsschreibung, daß sic auch bei Persönlichkeiten, die, wie z. B. David und Salomo, im allgemeine» hoch zu rühmen waren, doch etwaige Fehler nicht verschwiegen hat. Diese Wahrheitsliebe der hebräischen Geschichtsbücher zeigt sich nun auch darin, daß sie ausdrücklich über eine längere Reihe vo» religiösen Vorstellungen und Gebräuchen berichten, denen kleinere oder größere Kreise Israels in Abweichung von der legitime» Religion ihres Volkes gehuldigt haben. Diese Abirrungen können kurz als Wahrsagerei, Zauberei, Götzendienst, Bilderdienst. Ausartung des Kultus in Kinderopfern und Tempelprostitution. endlich eine frische Zukunstserwartung aufgezählt werden, die hauptsächlich in dem „Friede, Friede- Rufe^ der falschen Propheten sich ausprägte, die den notwendigen Strasernst der Gottheit vergaßen und deshalb den Horizont der Zukunft gern mit rosigen Farben malten. Ueber diese sechs Punkte als Verletzungen der besonderen Religion Israels sind alle anerkannten Quellen der Geschichte Israels einig. Gegen diese sechs Arten von Anschauungen und Hebungen wirb in alle« Gesetzbüchern Israels nicht bloß protestiert, sonder» auch mit Bestrafung durch die Gemeinde gedroht (8. Mos. 131 ff. usw.). Und gibt es auch eine gemeinsame Bezeichnung für diese sechs Richtungen des Denkens und Handelns? Aus den Quellen könnten nur diese zusammenfaffenden Bezeichnungen geschöpft werden: Ungehorsam gegen die Stimme des Ewigen (2. Mos. 19,5 usw.) oder Untreue gegen ihn (6. Mos. 32,20) oder Abfall von dem heiligen Gotte Israels (Fes. 1,2b usw.). Den Quellen entsprechend könnten jene sechs Richtungen des religiösen Denkens und Handelns nur als „verbotene Religion" oder „falsche Religion" bezeichnet werden. SflKnmnAn!irä4bu«jwiAiimät4kwiidhunua9KnüSAaaai(2*anHin4fcmmii4ft9m)aBSMnKfR!wnuAnmmAwnwff^^nftZ I Aus dem Inhalt: Geheimrat Eduard König-Bonn: Die jetzt vielgenannte Volksvcligion Israels. — Hedwig Rietz-Nikolassee: Das Wunder unserer Erhaltung. * Ernst Lissauer-Wien: Moses. — Dr. Ernst Emil Schweitzer-Berlin: Gedanken über liberales Judentum. — Julius Falk-Köln: Das Studium m der Kabbala. — Maria Reuse Danmas: Der Jüngling. Die jüdische Gegenwart. — Ans de« Gemeinde«. — Kalendarium. Jüdische Drückebergerei? Wie jetzt bekannt wirb, haben vor kurzem im vierten Unterausschuß des nach dem Zusammenbruch eingesetzten parlamentarischen Untersuchungs-Ausschusses Verhandln» gen über die Teilnahme der deutschen Juden am Kriege stattgefunden. In diesen Verhandlungen brachte der deutschnationale Abgeordnete Dr. Philipp eitrige persönliche Erlebtrille vor, aus denen die besondere Feigheit und militärische Unfähigkeit der jüdischen Soldaten hevvorgehen sollt«. Demgegenüber erklärte der Sachverständige General v. Kühl, der Generalstabschef der Heeresgruppe Kronprinnz Rupprecht. der auch Ludendorff besonders nahestand, unter seinem Eid: „Meine persönlichen Erfahrungen und die Erfahrungen, die mir von anderen übermittelt worden sind, laffen er kennnen. daß die Jude» au der Front ebenso gut ihre Schuldigkeit getan halbe» wie die anderen auch." Der zweite Sachverständige, Oberstleutnant v. Stülpnagel, erklärte: ,^ch möchte scharf unterstreiche», was Exzellenz v. Kühl eben sagte. Ich habe als junger Generalstabsoffizier bet der 6. preußischen Division di« Erfahrung gemacht, -atz die jenigen Juden, die an -er Front waren, ihre vollste Pflicht und Schuldigkeit getan haben. Ich will erwähnen, -atz es mir eine Freude war. als unter den ersten auch einem Juden das Eiserne Kreuz verliehen <w«rde." Der dritte Sachverständige. Oberst Schwertfoger. sagte aus: „Ich habe im Kriege jahrelang Gelegenheit gehabt, die Berhältnisie im Generalgouvernement Belgien kennenzu lernen, das als Etappe anzusehen ist. Im Bereiche des Ge neralgotvvernements Belgien waren natürlich an verschiedenen Stellen bssonders der politische» Verwaltung und der wirtschaftliche» Behörden Angehörige der jüdischen Religion und es ist damals auch verschiedentlich au -aS Generalgouvernement mit dem Wunsche herangetreten worden, da eine stärkere Auskämmumr im Sinne der Abgabe a« die Front vorzunehmen. ES stellt« sich -an» aber in de» meisten Fälle» heraus, -atz diese Herren auf dem Posten, auf dem sie waren, wirklich unentbehrlich waren und durch besiere und eingearbeitetere Persönlichkeiten nicht ersetzt werden konnten, so datz sich auch die Mihstimmung, die gelegentlich darüber auch in Offizierskreisen geherrscht hat. Verhältnis mäßig bald gab. weil im einzelnen nachgewiefe» werben konnte, -atz man nicht in -er Lage war, diese Leute auS ihrer Stellung zu entferne« und durch gleichwertige zu ersetzen" Ein Interview mit Maxim Gorki. Die Zeitung „Mezzvgiorno" in Neapel veröffentlicht ei» Interview mit Maxim Gorki, der sich -ur Zeit in Sorrento aufhält. Der ruffische Gchttststeller äußerte sich, die in Europa verbreitet« Meinung, -ab die ruffische Revolution von Juden vorbereitet und durchgeführt worden sei. beruhe aus Umviffenihett. Die Revolution ist von echten Russen, wie Bakuni» Krapotki» und Dostojewski vorbereitet worden. Die „Protokolle der Weise» von Zion", sagte er, feien idiotische Phantasien. Der Prozentsatz der Juden in hohe» Staatsämtern und im Staatsdienst stimmt nicht mit dem überein, wadarüber in Europa gesagt wirb. Unter den 14 Volkskommissaren find 11 Ruffe«, 1 Georgier und 2 Juden. Der Mezzvgiorno" wird vo» de» antisemitischen Publtkanten Do» Prezioso geleitet, der die berüchtigten „Protokolle" in Italien vorbereitet hat und dafür mit Gefängnis bestraft wurde. KomponiflmjubttLum. Der jüdische Komponist Israel I. Olman feierte jüngst sein Söjähriges Jubiläum. Olman hat n. a. eine Reihe syna gogaler Gesänge verfaßt, welche in holländische» und ausländischen Synagogen großen Beifall gefunden haben. Olman ist auch in der nichtjüdischen Musikwelt populär. An seinem Jubiläumstage wurde ihm von 28 Amsterdamer Gesangvereinen eine Serena-e gebracht. Darf auf diese Größe nun auch der Ausdruck „die Bolksreligion Israels" angewendet werben? Nun aus Jes. 20.10. 14 ist zu entnehmen, datz Dieses Volk" die von Jesaja fünfmal (3.2: 0.14 usm.) bekämpften Propheten „seine Weisen" genannt hat. Sodann wird die große Mehrheit Israels oft (Jer. 2.13 usw.) der Untreue gegen ihren Gott angeklagt und dabet in natürlich verallgemeinernder Ansdrucksweis« einfach „mein Volk" gesagt, wie in „Mein Volk befragt sein Holz" (hölzernes Götzenbild: Hof. 4,12). Aber diese Aussagen geben nur ein unsicheres Recht, jene sechs Richtungen des religiösen Denkens und Handelns als „die israelitische Bolksreligion" zu bezeichnen: denn sie sprechen keineswegs vom ganzen Volke des Ewigen. Außerdem ist diese Bezeichnung sehr mißverständlich, weil sie leicht den Gedanken ayregt, datz diese Religion nur von der breiten, nledriaen Bolksmasse bevorzugt worden sei. während doch Personen aus den vornehmsten Schichten der Nation oft ihre Gönner gewesen sind. Wer dächte nicht sofort z. B. an Salomo. Jerobeam I.. Ahab und Manaffe? Endlich ist diese moderne Bezeichnung jener sechs Arten von Anschauungen und Uevungen geradezu falsch, weil sie den Hauptzug tm Charakter jener sechs Richtungen des religiösen Denkens und Handelns vertuscht. Dieser Hauptzug aber liegt darin, datz sie auf Treulosigkeit ihrer Freunde gegenüber der Religion der Väter und auf Undankbarkeit gegenüber dem alten Nettergott beruhte, der sein Volk einst aus Not und Tob erlöst hat (2. Moses. 15,1—18). Deshalb gebrauche ich höchstens die Ausdrucksweise i e sogenannte Bolksreligion Israels" und definiere sie als die Summe von religiös-sittlichen Anschauungen und Uebungen, gegen die in den Quellen stet- Protest erhoben wird. II. In der neuesten Zeit aber haben sich mehrere Darsteller der Religionsgeschichte Israels nicht damit begnügt, diesen mindestens mißverständlichen Ausdruck „die Volksreligion Israels" zu gebrauchen, sondern sie zeigen auch eine heimliche Neigung dazu, die kulturgeschichtliche Stellung dieser sogenannten Volksreligion Israels zu verteidigen und sogar zu erhöhen. Denn zunächst werden die Personen in Schub genommen, welche den oder jenen Bestandteil dieser bolksreligion" begünstigt haben. Oder wird nicht z B. der Entschluß Salomos, den in seinem unnötig erweiterten Harem aufgenommenen ausländischen Frauen Altäre ihrer Götter zu erbauen, als ursprünglich „unanstößig" üingestellt (bei Kautzsch. Bibl. Theologie des A. T. 1911. 751? Aber man entschuldigt nicht bloß solche Unterwühlung des Prinzips der Alleinverehrung des Ewigen, sondern schreibt sogar z. B. folgendes: ,^atte Jahwe sich auf die Dauer doch nicht mächtiger erwiesen als die Götter Assyriens, war es da nicht von selbst bas Richtige, ihm den Laufpaß zu geben?" (Kittel in der Prot. Real-Enzyklopädie, 3. Ausl., Bd. XII, 16). Nichtwahr, die Feder sträubt sich, derartige Aeußeruugen niederzuschreiben, aber sie müffen doch beurteilt werden. Um nun nicht vor allem wieder die Untreue zu betonen, die in dem Verhalten Manasses lag. so enthalten die angeführten Worte ein unerhört starkes Stück von Verkennung gegenüber dem höheren Ursprung der prophetische» Religion Israels und gegenüber dem darin enthüllten Wese» des ewigen Gottes. Solche Verkennung laa schon Männern wie Josua und Samuel fern. Auf Grund der religtonsgeschichtlichen Erfahrung Israels waren schon z. B. diese Männer über den Gedanken erhaben, daß eine nationale Notlage Israels aus der Schwäche des alten Rettergottes herzuleiten sei. Einen solchen Gedanken in die Welt zu setzen, das war einem Schriftgelehrten der auf ihre Erkenntnis so eingebildeten Neuzeit Vorbehalten. Aber schon jene alten Männer erkannten in UnglückSschlägen. die Wer ihr Bott hereinbrachen, vielmehr Strafe» und Erziehungsmaßnahmen der Gottheit (Jos. 38. 12ff.; 1. Sam. 7, Iss. usw.). Schon jene Männer urteilte», daß in diesen Unglücksschlägen stch ein gerechter Zorn des Gottes der Väter kundgab. und hielte« ihm deshalb auch tm Unglück die Treue. Aber nicht genug, daß neuerdings der Abfall zur sogenannten Bolksreligion Israels entschuldigt worden ist (wehr Belöge gibt meine Theol. A. Ts. 1923. 26). man hat es sogar gewagt, diese» Abfall als einen Fortschritt hinzustellen. Dies tritt ft. B. auf die folgende Weife zutage. Bei -er Evwähtmug von König Jofias Kampf gegen Manasses religiöse Maßnahmen wird mit spottendem Tone üervorgehobeu, datz Josia „als Knabe auf den Thron kam" (Ed. Meyer. Der PapyruSfund von Elephanttne 1912, 60). O, welche Kurftsichttgkett, «m nur das Geringste zu sagen! Oder hat Josia nicht erst in seinem achtzehnten RegierungSjahre feine Reformation unternommen? Außerdem hat die ln den zitierten Worten zum Ausdruck gebrachte höhere Einschätzung der „Bolksreligion" Israels auch Tatsachen der allgemeinen Kulturgeschichte gegen sich. Denn die Religionsart. die man gleich Manaffe mit jenen Worte« bevorzugt, wird schon dadurch als eine minderwertige Sorte von Religiosität erwiesen, daß ihre Freunde oft (Hof. 4, 10—13 usw.) einem orgiastisch ausartenden Kultus, ja, der Tempelprostitution zuneigten, welche auch dast \ * 758562