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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-05-02 · 12 (2.5.1924) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
12 (2.5.1924)
Date
1924-05-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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In &cm geschästliche'.t Teil wurden wirtschaftliche und Slandessragtzn erörtert, insbesvnberc wurde beschlossen. Schritte zu tun, um der alten Forderung des Rabbiner- Verkartdes Erfüllung,;u schaffen, dass der Rabbiner ständig den Sitzungen des Vorstandes beiwohne. Der Jahresbeitrag wurde auf 3•/#* -e- Amt-einrmmnen» festgesetzt. Bewundernswert war die Gastlichkeit -er Breslauer Gemeinde, mit der die zur Sitzung Erschienenen in ttebenswürdigster Weite beherbergt und bewirtet würbe«. ttn. die Wende des Jahres soll, wenn irgend möglich, eine Hauptversammlung des Allgemeinen Rabbiner-DerbandeS stattsiudcn. Emdingcu. Ter langjährige Borsteher der hiesige» Indischen Gemeinde, Herr Heinrich Weil, ist im Alter von fast 80 Jahren verstorben. Der Verstorbene, der stch in seiner Gemeinde hohen Ansehens erfreute, hat auch wiederholt der Synode in Karlsruhe angehört. Halle. Die Germania-Loge unterhält auch in diesem Jahre eine Ferienkolonie in der Doelauer Heide, mitten in. altem Laub- und Nadelwald. Es wird beabstchtigt. viermal mit jeweilig M) Kindern das Heim zu belegen, und zwar Mädchen am 1. Juni und 1. August. Knaben am 1. Juli und 1. September. Petersburg, Nachdem nch in den Jahren 1920/21 mit dem allgemeinen Rückgang der Bevölkeruna Petersburgs auch die Zahl der jüdischen Bewohner stark vermindert hatte, hat dieselbe in den letzten Fahren und Monaten wiederum eine nicht unbeträchtliche Mehrung erfahren. Die Zahl der jüdischen Bewohner Petersburgs wird ans etwa 08 000 geschätzt. btc allen Bcvölkernngsschichten augehören. Das tidische Leben hat einen erfreulichen Aufschwuna genommen. me Reihe jüdischer Bibliotheken sorgt für die Wach- Haltung des geistigen Lebens, geistlicher Leiter der Gemeinde ist Rabbiner Tr. Eisenttädr. Siegbmtg. Schon seit dem Fahre 1900 sind fortgesetzt jüdische Sträflinge in der hiesigen Strafanstalt untergebracht. Tie «Gemeinde hat seither alles getan, um den armen Menschen nach Kräften zu licffcit. Tie berechtigten Ansprüche sind sedoch zu umfangreich, um tatkräftig und mit erfolg helfen können. Zu den Feiertagen wird den Gefangenen koschere Verpflegung seitens der Gemeinde verabfolgt. Tas ist jedoch nur ein kleiner Bruchteil von dem, was geschehen mühte. Dies gilt insbesondere auch für die Entlassung. Hilflos, urittellos. ohne auch nur einen Pfennig int Besitz zu haben, treten sie in die Freiheit. Bekleidung. Wäsche nsm. fehlt. Aber auch während der In hastierung könnte noch so vieles geschehen, wenn die nötigen Mittel vorhanden wären. Wien. Tie Gemeindevertretung der hiesigen Jüdischen Gemeinde hat in ihrer Sitzung am 11. April eine Aende-- Wahlrechts uorgenommen. durch die den in Wien ansässigen Inden, die nicht die österreichische Staatsbürgerichast besitzen, das aktive Wahlrecht eingeräumt wird. Ein Antrag, den Frauen das passive Wahlrecht zu verleihen, wurde, nachdem besonders ein Pertreter des Misrachi ihm nachdrücklich widersprochen hatte, '"it grosser Majorität abgelehnt. jfjj Aus der Bewegung, jjjjj ssdeenanstaufch liberaler Rabbiner. Eiudrückc von der Breslauer Tagung. In Form einer erweiterten Vorstauösfitzung waren die liberalen Teilnehmer der Ansschnsstagung des Allg. Deutschen Rabbiner-Verbandes zur Beratung schwebender Fragen znsammcngekommcn. Keilte grosse Aufmachung mit fester T agesordnung. keine offizielle Berichterstattung. Einleitendes Referat über die Gesamtlage des Liberalismus, gehalten von Tr. La e n g e r (Breslau», zwangloser Ideenaustausch, kurze Entschließungen. Am .Kopfende des Tisches führende Persönlichkeiten, Porges, als. würdiger- Alterspräsident. Selig mann. Vögelst ein, B n e d , W intcr, Italiener. Diene m ann . W i 1 de. tä o l d m a n n s. eine Reitze anderer. Tas von Ta enger entworfene Gesamtbild der Lage hatte wenig Helle Flecke, säst nur graue Farben. Die Bewegung hat seit den Tagen von Abraham Geiger wenig Forrschritte gemacht,- sie bedarf neuer Impulse, wenn sic mit den Gegenströmungen tontnrriercn soll. Das Streben, die Einheitsgcmeinde n m j e d e n P r e i s zu erhalten, fordert grosse Zuriickhahiriig und zwingt zu stillschweigenden Zugeständnissen. Tie Ueberlastung des Rabbiners mit Amtshandlungen hindert ihn. sich der Volksaufklärung zu widmen, so dass z. B. christliche Prediger freier Richtung, wie Pfarrer Möhring. auch aus jüdische Kreise verwirrenden Eindruck machen. In der Innenarbeit verlangt der Sabbatgottesdienit iveitcre Ausgestaltung, lim bei aller gedrängten Kürze Anziehungskraft auszuüben und Weihe mitzuteilen. Der Mberansmus »uß sein Programm schärfer umvetgen und bewußter durchführe». Auf Teilnahme an sämtlichen Sitzungen -er Gemeindevertretung kann der Rabbiner nicht verdichte«. Erster DttSkuffiovsrehner: Unser Programm ist i« be» Richtlinien von 1912 niedergelegt. Wenn es an der wissenschaftlichen Begründung fehlt, so mutz diese Arbeit nachgeholt werden. Das Gesamtbild des Liberalismus ist freudiger aufzufasten. Liberale Arbeit hat ihre Impulse bis weit in di« Reihen der Orthodoxe hinein erteilt; der Gegenwart bleibt die Aufgabe, ihre Stellung zu behaupten und auszubauen. Die Belastung des Rabbiners hat allerdings die Grenze des Erträglichen erreicht, ja in Großstädten überschritten. Die Fühlung mit allen Ständen und Altersklassen der Gemeinde, worauf die Seelsorge in anderen Bekenntnissen beruht, muß notwendig darunter leiden; di« meisten kennen den Rabbiner nur als den Redner seltener Feierstunden. Zweiter Diskussionsredner: Der Liberalismus bedarf einer neuen, werbenden Parole. Aus solcher ziehen andere Richtungen bedeutende Kraft; so der Zionismus. Lein Vorschlag wäre, ungeachtet aller Erwerbsschwierigkeiten die Einhaltung des Sabbats von Arbeitgebern wie Arbeitnehmern zu fordern, und von dieser mit Opfern verbundenen Leistung sich nichts ab marken zu lassen. Dritter D i s k it f s i o n s r e d n e r: Der tiberale Rabbiner soll seine Gesinnung in der Lebensführung mehr als bisher zur Geltung bringen. Zarte Rücksichtnahme ans Observanzen, die er für überlebt l)ält, soll er weder erwarten noch annehmen. Die Jugend verlangt vom religiösen Führer Wahrhaftigkeit. Eine Freitagabend oder Festtagöfeier kann auch ohne peinliche Beachtung aller Gc- und Verbote ihre veredelnde Wirkung ansüben. Wo die Absicht fehlt, Heiliges zu verletzen, kann von Sünde kein«' Rede iein. In Großstädten muss z. B. die Fahrt zum Gvcteshaufe ohne Vorwurf bleiben. Größere Bewegungsfreiheit muss auch im Bereiche der Speücgesetze gewährt werden. Tas Vertrauen gegenüber dem Rabbiner häw-l ucklu stärker von dessen sittlichem Eharakter als von feiner Bigotterie ab. Hat der Rabbiner seine Stellung znr lieber liefcrung einmal gesunden, jo sei er auch .""'richtig in der nnterrichtlichcn Behandlung von Bibel und Tradition, und lehre die reifere Jugend, sich in der Relmivn der Väter auch ohne das Dogma der Wortinfnirativn zurechtzufinden. Vierter Tis t u i i i o n s r e d n e r : Ihn haben Amtsersahrungen, die Rücksicht ans grösseren ostjüüischen Zuzug, aber auch ticsereEinsicht in dieRatnrvonInden nndIudentnm zu anderen lieberzengungen und anderer Ainisführnng be stimmt. Er möchte vor jeder Verfehlung ivarnen, die wie „Baumfrevel" ansgefaßt werden könnte. Tie Mehrheit auch in liberalen Gemeinden verlangt konservativ geführt zu werden. Hut vor sich selber zur Klarheit zu kommen, muss die Stellung des liberalen Rabbiners zu den Richtlinien neu bestimmt werden. Es wird viele geben, die nicht mehr alles, ivas in diesen steht, vertreten, anderes dagegen, was dort fehlt, dringend verlangen. Diese Klarheit ist auch der Vereinigung gegenüber geboren, die den Richtlinien aus der Posener Versammlung das Urteil gesprochen hat. Vorsitzender: Die Richtlinien behalten als erstes Pronunciamento ihre Bedeutung. Nicht die Erklärungen der Gegner, die ihnen nichts Besseres entgegenzusetzen haben, sondern so a n ss e r v r d c it 11 i dj c Z e i t e n , wie sie unmittelbar folgten, legen eine erneute Prüfung nahe. Ausdrücklich haben wir immer erklärt und miederhvleu es: Das Erste und Umfassende ist uns das Judentum und 'eine positive Forderung. Darum suchen mir dessen Wesen und Bedeutung immer reiner zu erfassen. Erst das zweite, das Abgeleitete, ist uns die liberale Stellung zu den Problev.cn, nicht als bloße Neigung, sondern als wissenschaftliche Errungenschaft. Hier bedeutet uns Liberalismus: sittliche Ford e r n n g der F v r s ch u n g. Erke n n t n i s o o u E n t w icklu n g , E i n f n h r n n g der Religion in den S t r o m ü e r Kultur. Ein fünfter D i s k n f j i v n s r e d n e r: Will der Liberalismus vorwärts kommen, so muß er zunächst sehen, was ist. Hier einige G r ü n d e i e i n e r s ch m i e r i g e n L ä g e. Er ist das Judentum einer kleinen, verschwindenden Minderheit. die sich also durch Qualität auszeichnen muss. Er hat sich die Gegnerschaft der rührigen Zivilistenpartei zngezogen, die eigentlich allen Rabbinern gilt, am meisten aber den liberalen. Er lässt sich noch immer zu stark von den Wünschen solcher Laien vorwärts drängen, denen jede rcligiöic Bindung eine unerträgliche Fessel erscheint. Und er begreift nicht, dass das .Judentum sich nichc der heilsame n Zucht der Askese ganz entziehen dürfe, der z. B. der Katholizismus solche Macht verdankt. Ein s e ch st er Diskussionsredner: Das Streben, die Einheits-gemein.de ausrechtzuerhalten, fällt dort weg. wo bereits Austrittsgcmeinden vorhanden find. Hier muß mau daraus bedacht sein, letztere durch nichts zu stärken und ihnen nicht etwa Mitglieder zuzuführen. Im Vorstande möge sich der Rabbiner in seinem eigenen Interesse mit beratender Stimme begnügen. Die Forderung eines V e t o wäre ein Verlassen liberaler Grundsätze. Etn siebenter Diskussionsredner: Die Wahrhaftigkeit. die der dritte Diskussionsredner gefordert Hai, wird am meisten bei den Wald- und Wicscn-Konservativen, oft auch bei den Orthodoxen vermißt. Nirgends findet man so viel bloßes Gefühlsjudentum, abstruse Inkonsequenzen. Ausbrüche des Fanatismus, Bewunderung fremder Frömmigkeit: dagegen so wenig Wahrheit und Klarheit. Erst itt neuester Zeit hat die Neuorthodoxie wenigstens den Versuch einer religionsphilosophischen Begründung gemacht (Jsaac Breuers „Indenproblem"»: er kann nur dazu dienen, uns überzeugte Liberale znznsühren. Der Liberalismus braucht keine Minderheit zu fein, wenn er die große M a s s e d e r Indifferenten nicht nur äußerlich hinzurechnet (das wäre eine Belastung), sondern allmählich innerlich gewinnt. Ebenso kann er die Zionisten davon überzeugen, daß ihn von diesen keine unüberbrückbaren Gegensätze trennen. Da-der Zionismus im heiligen Lande die Erneuerung wollen muß. kann er nicht grundsätzlich (sondern nur aus falschem Gefühl heraus» in der Diaspora cnkwicklungsseindlich sein. Endlich verlangen unsere ostjüdischen Brüder in überfremdeten Gemeinden, daß wir ihnen zu Führern und Wegweisern werden. Wir müssen ihre Aktiva, jüdisches Interesse, jüdisches Wissen und jüdisches Herz, pflegen, um einem religiösen Nihilismus bei ihnen vorzubeugen. zugleich aber die Gemeinden vor einer reaktionären Flut bewahren. Stärker als früher verlangt heute der gebildete, jüdische Laie vom liberalen Rabbiner religiöse Führereigenschaften. Diesen Ruf müssen wir verstehen. Ein achter Diskussionsredner: Große Notstände herrschen im jüdischen E h e r e ch t. Ter liberale Rabbiner bedarf für die erleichternde Praxis außer seiner subjektiven Uebcrzeugung der Stütze durch gleichgesinnte Amt'sgenossen. Hier fehlt es am Austausch der Erfahrungen sowie au jedem Zusammenhang. Vorsitzen d e r : Die letzten Bemerkungen legen cs. zumal bei vorgerückter Stunde, nahe, zu Resultaten zu kommen. Erwartet wird von der dazu eingesetzten Kommission die Ausarbeitung des E i n h e i t s g e b et - buch es; von uns aus soll zudem bei der Vereinigung die H e ra u sga b e e i ues w i s se n s ch a s t l i ch e n Organs beantragt werden. Zum 1. Punkte tragen einzelne Rabbiner prinzipielle Bedeuten vor, ob ein Einheitsgcbetbuch ratsam oder der Zeitpunkt recht gewählt sei? Die überwiegende Mehrzahl bejaht diese Fragen und beschließt die Ausführung zu beschleunigen. Für die wissenschaftliche Zeitschrift jüdischliberaler Richtung ientsprechend der orthodoxen Gründung des „Icschnrun"» treten die Anwesenden ohne Ausnahme ei». Damit schloss die Aussprache. Tie Ansschusstagung des Allgemeinen Rabbinerverbandes war von Liberalen gut besucht. Es lierrschtc eine wohltuende, versöhnliche Stimmung. Ter Liberalismus ivar mit den' zweiten Hauptrefcrat von Tr. VogelsteiU'Vreslan über „T i e m v d e r n e Predig t" wirksam vertrete:,. Danzig. Am lü. April sprach in der Danziger Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum Herr Ernst H. Sekigi o h » über: „Tie religiöse Erneuerung des Iudentnnls". Der Redner ging davon ans. dass unsere Zeit ein Nenerwachen der religiösen Sehnsucht, namentlich in der Jugend, erkennen lasse. Tiefes religiöse Suchen wird auch für unser Judentum neue Belebung mit sich bringen, wenn es gelingt, die Jugend für jüdische Arbeit zu interessieren und ihr jüdische Werte at vermitteln. In welcher Weise dies geschehen könne. zeigte der Redner an -Hand einer Dar stellunq der Arbeit, die im Berliner Ili geleistet wird. Namentlich Bibelknrse. die in fortschrittlich-religiösem Geisti abgehalten werden, sind geeignet, das Wissen vom Judentum und die Liebe zu ihm in der Jugend zu kräftigen. — Das starte Interesse und der liefe Eindruck, den der ausgezeichnete Vortrag hintertasseu hatte, kam in der überaus lebhaften Aussprache zum Ausdruck, an der sich u. a. Rabbiner Dr. Kaelter. Tr. Ollendors, Gvrdon. Gvldhabcr iBlau-Weißl. Tr. Lichtcusteiu. Maschkoivski j.Kameraden» und Kantor Alt beteiligten. Ter Abend har jedenfalls viele wertvolle Anregungen gegeben. Im Anschluss au den Vortrag von Erust Heinrich Seligsvhn wurde hier am Tienstag. den 22. April 192-1. eine Arbeitsgemeinschaft gegründet, die es sich zur Ausgabe macht, junge Menschen im Sinne einer religiösen Erneuerung des Judentums heranzubildcn. In einem Kursus sollen Be dentnna und Weien der jüdischen Feste besprochen, die Jugend durch Heimabende, auf denen religiöse Fragen angeschnitten werden, für die Religion des Judentums interessiert werden. Ter Arbeitsgemeinschaft gehören ungefähr 10- 1-,' jüngere Mitglieder unserer liberalen Ortsgruppe an. «Fortsetzung: „Ans der'Bewegnng". 2. Beilage.« ' Sersammlungskalender. Berlin. «Jüdisch-Liberaler Iugenducrein. c. V.. zu Berlin.» Tonnerslag. den 8. Mai. abends 8^z Mir. Rosenstraße 2—4 lBahnhos Börse». Pur trag des Herrn Moritz R o f c n l h a l. Mitglied des Gemeindevorstandes, über: „Aufgaben und Bedeutung des Landesverbandes indischer Gemeinden in Preußen". - CHAßlOTTtMfcö. TAUENTZIEN»«-1Ö| WILMERSDORF I BERLINERST*. 1 MÄHE BAYRISCHE*. PLATZ BERLIN N BRUNNENSTfc 179

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