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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-05-02 · 12 (2.5.1924) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
12 (2.5.1924)
Date
1924-05-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Die pMWe« Varleien m Wensmze. ««läßlich der am Go««ta-» de« l Mai» stattfindende» «eichStagSmahle», bei denen wir im Interesse ei«er -es»«de« politische« L«twicklu«g Dentschlands »»« «Le« «nsere« Leser« erwarte», daß sie zur Wahl- Urne trete», habe« wir die großen politische« Parteien z» einer «entzerung über ihre Stellung zur Judenfrage anfgefordert. Wir veröffentliche« i« folgende» die Antworten der Kommunistischen Partei Deutschlands, der Vereinigte« Sozialdemokratische« Partei Deutschlands, der Dentsche« demokratischen Partei» der Ze«tr«mspartei «nd der zum erstenmal in den ReichstagSwahlkampf tretende« Repnblikanischen Partei Deutschlands. Die Deutsche Bolkspartei hat Zeit zu der gewünschten Stellungnahme nicht gefunden. Wir »erdffentliche» de« mit ihr geführte« Briefwechsel, nach de« stch jeder Leser ein Urteil bilden kann. Die Deutschnationale Bolkspartei und die Völkischen Parteien zn einer «entzerung anfznforder«, haben wir angesichts ihrer offenen antisemitischen Einstellung kür unnötig und unter unserer Würde gehalten. Für die Kommunistische Partei Deutschlands äußert sich Ruth Fischer: Die Kommunistische Partei bekämpft jeden Rassenhaß und jede Rassenverhetzung. Die Kommunistische Partei ist die Partei des Proletariats. Sie kämpft für die Internationale der Proletarier, gleichgültig, ob sie Juden oder Christen, Weiße oder Neger sind. Sie kämpft für die Ausgebeuteten aller Nationen und Rassen. Die Kommunistische Internationale umschließt im Gegensatz zur zweiten Internationale nicht nur die Arbeiterparteien des Westens, sondern auch die Parteien der unterdrückten und ausgebeuteten Arbeiter und Bauern des Ostens. Die Kommutt i st e n kennen keine I u d e n f r a g e. Sie kennen nur eine Klassenfrage. Die Kommunistische Partei kämpft gegen den Kapitalismus, für den Sturz der Bourgeoisie und für die proletarische Diktatur. Die Stellung der Vereinigten sozialdemokrat. Partei Deutschlands begründet Eduard B e r n st e i n, der ehrwürdige sozialpolitische Kämpfer, wie folgt: Dir Stellung der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands zu dem Komplex von Fragen, den man die Judensrage nennt, ist grundsätzlich festgelegt in folgenden Sätzen des im Jahre 1891 auf ihrem Parteitag zu Erfurt beschlossenen und in diesen Punkten unverändert gebliebenen Parteiprogramms: „Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands Mnpst also nicht für neue Klassenprivilegien Und 'Mi. rechte, sondern für die Abschaffung der Klassenherrschaft und der Klassen selbst und für gleiche Rechte und gleiche P f'l i cht e u aller obne Unterschied des Geschlechts und der Abstammung. Bon diesen Anschauunae« ausgehend, bekämpft sie in der heutigen Gesellschaft nicht bloß die Ausbeutung und Unterdrückung der Lohnarbeiter, sondern jede Art dev Au-beut nng n n d Unterdrückung, richte sie sich gegen eine Klasse, eine Partei, ein Geschlecht oder eine Rasse." Hier ist jede Bezugnahme auf eine besondere Judensrage vermieden. Und zwar absichtlich. Wie August Bebel zwei Jahre später auf dem Parteitag zu Köln ansführte, hielt man die in Deutschland geräuschvoll sich gebärdende Antisemitenbewegung für nicht bedeutend genug, um auf sie und ihre Bestrebungen besonders Rücksicht nehmen zu sollen. Man glaubte ihr damit zu viel Ehre zu erweisen. Demgemäß spricht auch der Verfasser des Entwurfs zu diesem Programm, Karl Kautsky, in seiner 1892 erschienenen, es begründenden Schrift „Das Erstrrter Programm" mit keiner Silbe von einer Judenfrage und wird ebensowenig in der von Kautsky und Bruno Schönlank verfaßten Erläutcrnngsschrift zum Erfurter Programm „G r u n d f ä tz e und Forderungen der S o z i a l d e m o k a t i e" einer solchen und des Antisemitismus gedacht. Indes hatte gerade in jener Zeit in einigen Gegenden Dentschlands die antisemitische Bewegung in bestimmten Schichten des sogenanten niederen Volkes, wie namentlich Kleinbauern, Boden gefaßt, und so machte sich im Kreise der Mitglieder der Sozialdemokratie doch der Wunsch geltend und fand in einem Antrag Niederschlag, zn ihr auf einem Parteitag nach Entgegennahme eines Referats aus kompetentem Munde ausdrücklich Stellung zu nehmen. Dem wurde auf dem im Oktober 1893 zu Köln abgehaltenen Parteitag entsprochen. Nach einem mit großem Beifall anfgenommenen Referat Bebels über Sozialdemokratie und AnttjemitiSums wurde dort eine von Bebet dem Parteitag vorgelegte längere Resolution einstimmig angenommen, in der cs u. a. heißt: „Der Antisemitismus entspringt der Mißstimmung gewisser bürgerlicher Schichten, die sich durch die kapitalistische Entwicklung bedrückt finden und zum Teil durch diese Entwicklung dem wirtschaftlichen Untergang geweiht sind, aber in Verkennung der wirklichen Ursache ihrer Lage den Kampf nicht gegen das kapitalistische Wirtschaftssystem, sondern eine in demselben hervortretende Erscheinung richten, die ihnen im Konkurrenzkampf unbequem wird: gegen das jüdische Ausbentertum. Dieser sein Ursprung zwingt den Antisemitismus zu Forderungen, die ebenso mit den wirtschaftlichen wie politischen Entwicklungsgesetzen der bürgerlichen Gesellschaft in Widerspruch stehen, also forts ch r itts fei n M t cf; sind. Daher auch die Unterstützung, die der Antisemitismus vorzugsweise bei Junkern und Pfaffen findet. Der einseitige Kampf des Antisemitismus gegen La- Mische Airsbeutertum mutz notwendig erfolglos fein, well die Ausdeutung des Menschen Lurch Len Menschen keine speziell jüdische, sondern eine der bürgerlichen Gesellschaft eigentümliche Erwerbsform ist, die erst mit dem Untergang der bürgerlichen Gesellschaft endigt... Die Sozialdemokratie bekämpft den Antisemitismus als eine gegen die natürliche Entwicklung dev Gesellschaft gerichtete Bewegung, die jedoch trotz'ihres reaktionären Charakters und wider ihren Willen revolutionär wirkt, weil die von dem Antisemitismus aufgehetzten kleinbürgerlichen und kleinbäuerlichen Schichten zu der Erkenntnis kommen nrüssen, daß nicht bloß der jüdische Kapitalist, sondern die K a p i t a l i st e n k l a s s e überhaupt ihr Feinist und daß nur öie Verwirklichung des Sozialismus sie aus ihrem Elend befreien kann." Diese Resolution mag manchem, der grundsätzlich auf Bebels Seite steht, mit ihrer ausschließlich die wirtschaftliche Konkurrenz betonenden Begründung als unzulänglich erscheinen. Zu jener Zeit aber erfüllte sie ihren Zweck, denn noch stand im Mittelpunkt der antisemitischen Bewegung die Agitation des Hofpredigers Stöcker, dev eine in Kleinbürgerei auslaufende Heilsbotschaft verkündigte. Heute aber, wo selbst der unverfrorenste antisemitische Demagoge seinen Hörern mit solchen Phantasien nicht mehr zu kommen wagt und auf blöde Uebertreibung des nationalen Gedankens aufgebautc Rassenhetze das oberste Zugmittel des Antisemitismus bildet, heute ist die Abrechnung mit dieser unumgänglich. In Form eines Parteitagsbeschlusses liegt eine solche in der Sozialdemokratie jedoch noch nicht vor. Dagegen haben als Wissenschaftler von Ruf bekannte hervorragende Vertreter der Sozialdemokratie es an ihr nicht fehlen lassen. An erster Stelle sind da die Abhandlungen „Rasse und Judentum" von Karl Kautsky und .Lkasse und Kultur" von Friedrich Hertz zu nennen, beides vortreffliche Arbeiten, die, ans reichliches Material gestützt, die Trugschlüsse dev Rassetheorien der Gobinau und Chamberlain auf das Ueberzeugendste bloßlegen. Die Sozialdemokratie als Partei ist durch ihren oben zitierten Programmsatz davor geschützt, in ihrer Stellung zn Fragen des politischen und sozialen Rechts von Juden durch die Rassetheorien der genannten und ihrer Ratgeber irregeführt zu werden. Zwa ist dieser Satz keine direkte Beziehung zur marxistischen Theorie, sondern vereinzelt in naturrechtlichen Anschauungen. Aber er steht darum noch keineswegs etwa im Gegensatz zum Marxismus, dev viele Sätze des Natnrrechts anders erblickt, als die landläufigen Naturrechtstheorien, aber sie nichtsdestoweniger doch anerkennt. Wie noch andere Sätze des Programms ist der Satz geschichtlich ein Produkt der großen liberalen Dunkelste Stunde. Bon Ernst L i s s a u e r. (Nachdruck Verbote».) Ich *uvC vor Jahren ein Wort vernommen, Eine Stimme hieß mich im Leben willkommen Ich spürte weiße Gnade auf mich regnen, Und ob mir stand kristall- und güldener Schein: Es sagte aus dem Licht: „Ich will dich segnen. Und du sollst ein Segen sein." Der Segen ist gedunstet von Blut und Haut, Es ist kein Schein um meine Stirn mehr gebaut. Es spürt noch mancher, der miv begegnet, Ich fühle es, Nachglanz von jenem Schein. Ich war gesegnet, Und ich sollte ein Segen sein. Noch lange nicht ist mein Weg vollendet, Wohin schwand mein Licht? Hab' ich es verschwendet? Da ich nun wirrer Hände nach dem Schimmer suche, Dröhnt eine Stimme auf mich ein: „Was tatest du? Du wurdest schwarz von Fluche. Du bist verflucht. Fluch mußt du sein." Ist auch evblindet meiner Seele Angesicht, Ich gehe der: Weg zu Ende ohne das Licht, Und nicht mehr will ich nach dem Glanze suchen. Vielleicht steht einmal über mir ein finsterer sanftgesäumter Schein: „Ich will dir fluchen, Jedoch du sollst ein Segen sein." deutscher Geist und Judenhaß. Von Botho L a s e r st e i n. ck r itz Mauthner. der unlängst verstorbene tiefschürfende philosophische Kritiker, hat in einem „Zeitgeist"-Aufsatz während des Krieges der jeden Meinungsaustausch vergiftenden Unsitte zu steuern gesucht, die Richtigkeit oder Bedeutung einer Ansicht durch aus dem Zusammenhang gerissene Zitate zu belegen. Von dieser Giftmischerei lebt aber fast ausschließlich antisemitische Propaganda, mag sie nun unser Schrifttum zum Zeugen unserer Verworfenheit anrufen oder deutschen Geist dafür und für dir Rechtfertigung der Hassessaat ins Feld führen. Zu Hilfe kommt ihr eine immer stärker umgehende Art von Scheinwiffenschastlichkcit. die, trastlos wie sie ist. des mehr oder weniger verstandenen fremden Gedankens zur Bemäntelung und zugleich zur Stützung eigener Denkunfähigkeit bedarf, die vergißt, daß das zusammenhanglose künstlerische Satzgebilde auch des Größten zulässigerweise nur als der reifere A itslmtd einer eigenen Folgerung angeführt werden darf. So nnterwcrtige Betrachtung versucht nicht einmal mehr, in die Verjöulichteit des Dichters oder Denkers einzudriugeir und die Emanation seines Geistes im Zusam-- menhang seiner verschiedenartigen Gebundenheit zu betrachten. Und iß damit getreues Spiegelbild einer nervösoberflächlichen Zeit, eben jener jüngsten Gegenwart, auf die -- zugleich 'Beispiel ertaubten Zitates — ein Wort aus M u s s s e t s „Bekenntnis eines lindes des Jahrhunderts" wie geprägt erscheint: „Das ist die Gegenwart, die die Vergangenheit non der Zukunft trennt, die weder die eine noch die andere ist und die doch zur selben Zeit allen beiden gleicht: in der man bei keinem Schritt, den man tut. weiß, ob man ans einem Saatfeld oder auf einem Trümmerh a u f e n wandelt." . Eines ist allerdings, wenn wir die Stellung deutscher Geistmenscheu zu Juden und Judentum in Verbindung mit dem antifemitijcheu Zitat prüfen, sicher: die einzelner Dichter. Künstler, Denker muß als eindeutig hingenommen werden. So hat sich zweifellos L u t h c r s den Juden freundliche Gesinnung, die in seiner Schrift von 1523 „Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei" klassischen Ausdruck fand, infolge geringer missionarischer Erfolge bis zum Jahre 1543 in einen fast pathologisch zu nennenden Judenhaß („Bon den Juden und ihren Lügen". „Vom Schein hamphoras und Geschlecht Christi", „Von den letzten Worten Davids") gewandelt lvgl. Schaesfer, Luther und die Juden, Gütersloh 1617). Andererseits ist Lessing schlechthin der Dichter des Hohen LiedeS der Toleranz. Der Kampf Richard Wagners um das .Kunstwerk der Zukunft", gegen Mendelssohn.Offecklbach und gegen Me per beer, der ihn als einer der ersten gewürdigt und gefördert hatte, in dessen Namen sich ihm aber alles, was ihm „als innere Zerfahrenheit und äußere Mühseligkeit im Opernmnsik-Machen zuwider ist", zusammenhänft. gebiert schütteren Haß des Mannes, der Heine die Anregung zum „Fliegenden Holländer", dem jüdischen Verleger Schlesinge r Fristuna des Lebens in Paris und den Druck seiner mnsikalifchen Aufsätze verdankt, nicht allein gegen „D a s I u d e n t u m in der Musi k" (1850), sondern gegen alles Indische. Auch darin erscheint Wagner als getreuer Schüler Schopenhauers, dessen Werke ihm die Verbannung nahegebracht. Nicht so zweifelsfrei sind schon die Ansichten Herders über die Judenfrage, wenngleich er deutlich inneren Wert und Entartung am Judentum unterscheidet (vgl. Auer. Herders Botschaft an unsere Zeit. Leipzig 192(1, S. 45 f.). Völlig umstritten aber ist die Meinung Goethe ö, den man ebenfalls in den ParteÄanrps und auf den Markt herabzuziehen sich abmüht, wo die Giftfliegen schwirren. Erkennen einige Antisemiten, wie Hermann und der ewig-eifernde Dührrng. in ihm vorwiegend ein semitisches Element, so rufen ihn andere als Schutzheiligen des Antisemitismus aus. So einfach aber läßt sich dem Genius nicht beklommen. Das burleske E st h e r s v i c I im .Fsahrmarktsfest zu Plundersweilern" ist für die Beurteilung der Frage ganz belanglos. Nicht allein, daß es. im Stil der Puppenspiele gehalten, fast genau der biblischen Ueberlieferung folgt: es will nicht mehr als eine Gelegenheitsdichtung sein, zunächst nur auf den Darmstädter Kreis gemünzt, in einer zweiten Fassung vertieft durch eine Parodiernng der Nachahmer der französischen Tragödie. Im übrigen zeigt namentlich das in reifstem Alter geschriebene Erinnerungswerk „Dichtung und Wahrheit", daß Goethes Stellung zum Judentum in seiner Jugend wesentlich beeinflußt ist von dem Eindruck der Dekadenz, den er bei häufigen überlieferten Besuchen im Frankfurter Judenviertel gewann —. und von dem er sich zunächst nicht losmachcn konnte. Sein Urteil trifft nur das „G h e t t o j u d e n t u m". Dies hat der Weimarer selbst später erkannt, und so bildet „M eine Religion" sein Testament: „Aber ich Haffe die Juden nicht. Was sich in meiner früheren Jugend als Abscheu gegen die Juden in mir regte, war mehr Scheu vor dem Rätselhaften, dem Unschönen. Meine Verachtung, die sich wohl zu regen pflegte, war mehr der Reflex der mich umgebenden christlichen Männer und Frauen. Erst später, als ich viele geistbegabte, feinfühlige Männer dieses Stammes kennenlernte, gesellte sich Achtung zu der Bewunderung, die ich für das biüelschöpserifche Volk hege und für den Dichter, der das Hohe Liebeslied gesungen." In diesem Zusammenhang stellt sich ein anderes Goethewort als endgültige Widerlegung der Fabel von Goethes Verachtung jüdischen Geistes dar (zitiert in Wilhelm Bode: Goethes Leben im Garten am Stern, Berlin 160"), das sich a»f die von Goethe verehrte Frau Charlotte von Stein AUSSTELLUNG: UNTER DEN LINDEN 3 AUTOM Ai WERK: REINICKENDORF OBIL- UND KAROSSERIEFABRIK A. G.

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