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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-05-02 · 12 (2.5.1924) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
12 (2.5.1924)
Date
1924-05-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Kulturströmung des 17. und 18. Jahrhunderts, die ihre höchste Zusammenfassung in der großen französischen Revolution von 1789 bis 1793 findet, politisch allerdings zunächst als bürgerlicher Liberalismus ins politische Leben tritt, aber doch schon auch den politische» Gedanken in ihren Falten trägt. Die Sozialdemokratie darf sich auch rühmen, wie keine -weite deutsche Partei dagleiche Staatsbürgerrecht -er deutschen Juden in Theorie und Praxis rückhaltlos vertreten und jede Ausnahmegesetzgebung gegen ausländische Juden und Ausnahmebehandlung solcher im Verhältnis zu Angehörigen anderer Nationen oder Volks st ämme ebenso rückhaltlos bekämpft zu haben. Wenngleich es alberne Lüge ist, von „Verjndung" der deutschen Sozialdemokratie in dem Sinne zu sprechen, als ob Inden und Abkömmlinge von Juden in ihren Reihen im Verhältnis zu ihrer Mitgliederzahl eine übergroße Rolle spielen, so soll doch nicht bestritten werden, daß die Zahl der jüdischen Abgeordneten in der Sozialdemokratie das Verhältnis der Gesamtbevölkerung in etwas übersteigt. Indes handelt es sich da alles in allem um 4 Juden und 9 Ankömmlinge von solchen, zusammen noch nicht 3 vom Hundert des Reichstags. Was zwar beweist, daß selbst dev verbohrte Rassegermane sich noch keine schlaflosen Nächte wegen einer möglichen Ueberrnmpelung durch die Juden zu machen braucht, wohl aber Zeugnis davon ablegt, wie wenig der Antisemitismus und sein Rassenevangelium in der Sozialdemokratie Boden gefaßt hat. Karl Vetter, der erste Vorsitzende des Reichsvorstandes der Republikanischen Partei Deutschlands und deren Spitzenkandidat auf der Rcichsliste betitelt seine Antwort auf unsere Frage nach der Stellung dieser Partei zum Judenproblem: „Die RPD. und der Antisemitismus". In dem Aufruf der Republikanischen Partei Deutschlands vom 6. Februar 1924, der das Glaubensbekenntnis der Partei enthält, heißt es: „Die RPD. will, daß jeder Deutsche, ohne Unterschied des politischen Bekenntnisses, der Konfession, des Geschlechtes oder des Herkommens, sich als freier Bürger der Republik fühle, gleich an Rechten und an Pflichten gegenüber der Nation." Damit ist unsere Einstellung zur Frage der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung und Gleichachtung der deutschen Juden ohne weiteres gegeben. Wir glaubten aber in einer Zeit, in der die Frage: „Für oder gegen die Juden" ln volksvergiftender Weise zum Gegenstand — und oft zum Hauptgegcnstand — des politischen Kampfes gemacht wird, uns uicht nur mit einer allgemeinen Beantwortung dieser Frage begnügen zu dürfen. Deshalb hat dev erste Parteitag der RPD. am 7. April des Jahres zur Frage des Antisemitismus ausdrücklich Stellung^genommen und in einer Entschließung einmütig erklärt: -Die RPD. lehnt den Antisemitismus ab und bekämpft ihn. Sie erblickt in bem von der Reaktion gepredigten Judenhaß einen Appell an die Ge» dankenlosigkeit der politisch und wirtschaftlich ungebildeten Teile de» Botte» und den Versuch, da» deutsche Bott von Le» wahren Ursache» seines Unglücks abzulenken." Wir haben damit unzweideutig bekundet, daß uns eine bloße Ablehnung der Judenhetze ungenügend erscheint, und darüber hinaus Len Willen zum AuSdruck gebracht, zum Besten der Volksgesamtheit in offene Gegnerschaft zu einer Bewegung zu treten, die in ihren Folgeerscheinungen die politische und sittliche Entwicklung des deutschen Volkes verheerend beeinflussen muß. Die verschiedensten Ereignisse in den letzten Jahren haben das ja zur Genüge gezeigt. Unter den judenhetzerischen Argumenten der Reaktion spielt die sogenannte Ostjudenfrage eine besonders große Rolle. Auch zu dieser Spezialfrage hat die RPD. aus ihrem Parteitag unmißverständlich Stellung genommen und ihrer Ansicht durch Annahme folgender Entschließung Ausdruck verliehen: „Die Frage der ostjüüischen Einwanderung ist nur ein aus agitatorischen Gründen willkürlich abgelöster Teil der Einwanderungssrage. Diese muß nach rein sachlichen Gesichtspunkten gelöst werden und darf nicht den Vorwand bilden zu einem Ausnahmegesetz gegen irgendeine nationale, religiöse oder soziale Gruppe." Die innere Gesundung unseres Volkes kann nur kommen, wenn es gelingt, die Voraussetzungen hierfür in erster Linie in unserer Jugend zu schaffen. Wir erblicken in dem Zustrom irregeleiteter junger Menschen zu Gemeinschaften, die planmäßig staatszerstörende und volksvergiftende Hetze betreiben, eine Folge der Unfähigkeit der einst zum Schutze der deutschen Republik berufenen Parteien, der Jugend ihre wahren Ideale — die der freien und einigen Volksgemeinschaft — zu zeigen und sie dafür zu begeistern. Die Arbeit an dieser bisher, vernachlässigten Aufgabe hat schon in der Schule einzusetzen und muß damit begonnen werden, daß der unverantwortlichen politischen Verhetzung unserer Jugend durch weite Kreise der Lehrerschaft ein Ende gemacht wird, damit die Schule zum Arbeitsfeld werde für die Heranbildung verantwortungs- und gemeinschaftsbewußter Persönlichkeiten. Was für die Schule Geltung hat, gilt auch für die Hochschule. Unsere Universitäten müssen wieder zu Stätten reiner Lehre und reiner Wissenschaft werden, an denen für politische und Rassenverhetzung kein Platz mehr ist. Wie hinsichtlich der religiösen Erziehung der Wille der Erziehungsberechtigten weitgehend zu berücksichtigen ist, so muß im Rahmen des übrigen Unterrichts darauf Bedacht genommen werden, daß kein Kind in seinen religiösen Empfindungen irgendwie gekränkt werde oder sich durch Unduldsamkeit eines Erziehers znrückgesetzt fühle. Wie allen ihren Grundsätzen wird die RPD. auch den eben dargelegten — ohne Rücksicht auf Anerkennung oder Gegnerischast von außen — mit dem ganzen Ernst und JdealiS-mu», die die Träger ihres Gedankens der politischen Erneuerung sind, Geltung zu verschaffen suche». Anton Erkelenz, der zweite Vorsitzende de» Deutschen Demokratischen Partei hat namens dieser Partei folgende Erklärung abgegeben: Ich komme recht gern Ihrem Wunsche nach, mich in Ihrer Zeitung zu äußern über meine Stellung zu de» politischen Fragen der Gegenwart. Zu den Krankheitserscheinungen, die im deutschen Volke hochgekomwen sind, rechne ich besonder» auch den Rassenhaß und Klassenhatz. Wenn man au» dieser jetzigen schweren Lage herauskommen will, dann ist es nuv möglich, wenn alle Parteien ohne Unterschied ihrer innenpolitischen Anschauungen in der Außenpolitik eine einheitliche Richtlinie verfolgen. Das wird leider unmöglich gemacht dadurch, daß innenpolitische Fragen auf die Außenpolitik übertragen werden. Wenn die Antisemiten behaupten, daß jüdische Mitbürger allein Schuld haben an dem Verlauf de» Krieges und an dem Elend, das durch den Krieg entstanden ist, so behaupten sie natürlich bewußt etwa» falsches. Sie versuchen für ein Elend, an dem insbesondere die heutigen antisemitischen Kreise mit verantwortlich sind, die Juden allein verantwortlich zu machen. Verantwortlich aber sind wir alle. Solange wir nicht die jetzige Welledes Antisemitismus überwinden, können wir auch keine außenpolitischen Schwierigkeiten lösen. Ich lege also Wert darauf, mit aller Entschiedenheit zu betonen, daß wiv jegliche Verantwortung für den Antisemitismus ablehnen und in ihm einen Hauptfeind der deutschen Volksgemeinschaft sehen. Im übrigen wünschen wir, daß unsere jüdischen Mitbürger politisch, religiös und kulturell dieselbe Freiheit genießen, die allen anderen Bürgern zusteht. Darin liegt gerade die heilende Wirkung der Freiheit, daß sie Fehler kundmacht und auch für Abstellung dieser Fehler sorgt. Jeglicher Versuch jedoch, jüdische Mitbürger in der Ausübung ihrer religiösen Rechte und Pflichten zu beeinträchtigen, wird von uns abgelehnt. Ich hoffe, daß der politische, religiöse und rassische Antisemitismus als eine oöevflächliche, unwahre Agitationsmache vom ganzen Volke erkannt wird. Soweit es an uns liegt, zu diesem Ziele zu kommen, werden wir jeden denkbaren Schritt dazu tun. (Fortsetzung unserer Rundfrage: 1. Beilage.) sonst unterstützt ihr die Antisemiten! bezieht: „Die Juden haben Schnüre, mit denen sie die Arme bei dem Gebet umwickeln: jo wickle ich Tein holdes Band um den Arm. wenn ich an Dich mein Gebet richte und Deiner Güte, Weisheit. Mäßigkeit und Geduld teilhaftig zu werden wünsche." So entsprechen Goethes Ansichten, über Inden und Judentum der Stellung, die der deutsche Klassizismus allgemein zu dem vielfach nur künstlich cmporgezüchteten Problem des Gegensatzes von deutschem und jüdischem Geist eingenommen hat. Dies möge eine kurze Untersuchung der Auseinandersetzung Schillers mit der Judenfrage zeigen, die bisher noch nicht unternommen, aber bei der Inanspruchnahme des Dichters für den Nationalismus immerhin beachtlich iß. Schiller hat in seinen univevsalhistorischen Vorlesungen an der Universität Jena (1789) mehrere Male den jüdischen Jdccnkreis beleuchtet. Seine Darstellung der ersten Menschervgesellschast nach dem Leitfaden der mosaischen Urkunde, eine glänzende kritisch-soziologische Nachschöpfnng des Pentateuch, spricht von diesem mit höchster Achtung und ist fern der Verunglimpfung, der er heute vielfach ansgesctzt ist (Thalia. 11. Heft». In „D i e S c n d u n g M o s e s" (Thalia. 1l). Heft» spricht er zwar, ähnlich wie Oer der in den Ldeen" oder Goethe in „Wilhelm Meisters W a n d e r j a h r c", von der Unwürdigkeit und Verworfenheit. dem unreinen Gefäß der jüdichen Nation. Aber er sagt auch: „ . . . alles Böse, welches man diesem Volke nachzüsagen gewohnt ist, alle Bemühungen witziger Köpfe, es zu verkleinern. werden uns nicht hindern, gerecht gegen dasselbe zu sein." Bon dieser höheren Warte aus stellt er fest, daß eine gesunde Politik der Aegnptcr dahin geführt haben würde, die Hebräer unter den übrigen Einwohnern zu verteilen und ihnen gleiche Rechte mit diesen zu geben. Also der Toteranzgedanke, der zum Fall der Ghettomauern in Deutschland geführt hat. Wie aber verfuhren die Aegvpter. gegen die sich „ein gerechter Unw ille" des Mose wandte, mit den Israeliten? .Kein Wunder, daß di-e Barbarei gegen sie in eben dem Grade stieg, als die Folgen dieser barbarischen Behandlung sichtbarer wurden, und daß man sie immer härter für das Elend strafte, welches man ihnen doch selb st zugezogen hatte. Die schlechte Politik der Aegypter wußte den Fehler, den sie gemacht hatte, nicht anders als durch einen neuen und gröberen Fehler zu verbessern". Auch darin scheint diese geistreiche Erläuterung der Sendung Moses mittels der Geschichte der Musterten durch He r d e r (vgl. Adrastea. 7. Stück, Kap. V) beeinflußt. Zu dieser Art der Stellungnahme paßt vortrefflich dasjenige. was von Schillers Aufenthalt in Banerbach im Meiningischen (1783) in der Skizze „Aus Schillers Asulzeit in Bauerbach" des Archidiacvnus A. W. Müller (M cinin - gen 1859) überliefert ist. die trotz ihres Abdrucks im (vergriffenen) Jubiläumsbericht des Schwäbischen Schillervereins in Marbach (über das Jahr 1920/21) unbekannt blieb. In der sogenannten Zwerggassein Bauerbach bewohnte der Jude Madech. vulgo Mattich. später Max Neumann genannt, ein kleines einstöckiges Häuschen (I. c. S. 711. Mit diesem hat Schiller damals häufig verkehrt (l. c. S. 65/06): „Noch häufiger aber spielte er mit dem Inden Mattich. den ec wegen seiner braven Gesinnung, ziemlicher Bildung und besonders wegen seines gesunden Mutterwitzes besonders wohl leiden mochte, in den Wintermonaten „sechs Männchen", ein hier noch beliebtes Kartenspiel, und in den Sommermonaten Kegel. Oft war Mattich von seinen Geschäftstouren abends sehr ermüdet, dennoch folgte er stets dem Rufe des Dichters. Zuweilen machte ihm seine Frau Vorwürfe darüber. ,^Vas läufst du immer mit dem Chattes. geh lieber deinen Massematten nach", rief sie ihm zu. Da hat ihr aber Mattich geantwortet: .Ische, schwag mer still, ich waß net. wie mer werd, wann er mich rüft, ich muß ihm folgen, er is e braver Mann und mer waß ach noch gar net. was derhinter steckt." Mattich hat auch noch erzählt, daß Schiller auf den Spaziergängen heftig mit ihm disputiert habe, namentlich über Religionssachen (über Judentum und Christentum, bas letzte verteidigend). Mit den übrigen Einwohnern des Dorfes hatte Schiller, wenn wir noch seinen nächsten Nachbar. Martin Flock, und den Gastwirt Debertshäuser aus nehmen, fast gar keinen Verkehr." Abgesehen davon. Latz der Herausgeber der Skizge, der treffliche Julius Petersen, die kritische Bewährung des Meininger Archidiaconus nachweist (l. c. S. 63/64). bestätigt mir eine Mitteilung des Herrn Dc. Steinheimer-Fürth. des Urenkels de» Mattich. den man das „Dtordchele von Banerbach" nannte, teilweise die Richtigkeit von Müllers Darstellung über Schillers Umgang mit diesem. — Ein hübsches Kuriosum stellt auch die Tatsache dar. das; Schiller den Haus- und Hofjuden des Herrn von Stein aus Mühffeld. Jonas Oberländer. vor dem Tode des Ertrinkens rettete (l. c. S. 60). — Hat Goethe über L e j s i n g s „Nathan" geurteilt: „Möge doch di? bekannte Erzählung, glücklich dargestellt, das deutsche Publikum auf ewige Zeiten erinnern, datz es nicht nur berufen wird, um zu schauen, sondern auch, um zu hören und zu vernehmen! Möge zugleich das darin ausgesprochene göttliche Duldnngs- und Schonungsg-esnhl der Nation heilig und wert bleiben", so ist auch Schillers Streit mit dem Hofpredtger Pfranger darüber bedeutungsvoll <l. c. S. 67). „Pfranger behauptete, daß in diesem tendenziösen Drama eine Herabsetzung der christlichen Kirche zugunsten des darin verherrlichten Judentums enthalten sei. Schiller stritt heftig dagegen und verteidigte den Nathan auf daS wärmste. Pfranger erwiderte etwas gereizt: ,/Sie sind wohl auch der jetzt immer überhandnehmenden Freigeisterei zugetan, welche nichts für so überflüssig hält als die christlich« Kirche." „Das durchaus nicht," antwortete Schiller, „ich ärgere mich im Gegenteil darüber, daß so viele Christen sich so wenig aus ihrer Kirche machen, während, wie ich in Bauerbach und Walldoof sehe, die Juden sehr eifrig in ihrem Gottesdienst sind! Ich ärgere mich namentlich darüber, dätz in Bauerbach eine so schlechte Kirche ist . . ." Geistige Bewegungen ebenso wie der einzelne Mensch tragen ihren Wert in sich. Die jüdffche Religion und die Juden sind auf Schillers gute Meinung zu ihrer Rechtfertigung so wenig angewiesen, wir Wagners gegenteilige Ansicht ihren Unwert zu belegen vermag. Von Jahrhundert zu Jahrhundert sind neue Feinde gegen uns aufgestandeu. Aber das Judentum als Deutung des ewigen Geheimnisse» hat sie überdauert und seinen Gralsschatz der Erkenntnis gehütet. Und folgen wir einmal bis ins Letzte Len Spuren deutscher Dichter und Denker, so zeigt sich stets aufs neue, daß in den Bezirken des Denkens und der Geistigkeit das Judentum nichts zu fürchten hat, und datz nicht deutscher Geist, sondern die internationale Barbarei der Unlogik und Judenhatz notwendige Komponenten sind. GARBATY CIGARETTEN Qualifäfsmarke J

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