Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-05-02 · 12 (2.5.1924) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
12 (2.5.1924)
Date
1924-05-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2613366-2613741-2613753--0779-2618078
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

> IMtchÄrmlurM« Grgan der Vereinigung für das liberale Judentum e. v. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle l/< jährlich M. 1,50 Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung i. Inland 0,25 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Dezug-preis :: :: :: im Mitgliedsbeitrage enchaUen. rr s Chefredakteur: Dipl..Ing. Bruno Doyda. vis „Züdifct) - liberale - Zeitung" erscheint Zeven Sreltag. Schrlttleliung und Ssschüttsftslle: Verlln, Mauerstratze 22. Sernruf: Amt Merkur Nr. 8725 poftfd)e<fckontos Berlin OW 7 nr.137069 (Vereinigung fürttas Uberate Judentum) nact)Oruck fflmtitd)er vriginai Beiträge nur mit vorheriger Senehmigung der Redaktion gestattet 1 Anzeigenpreise: Die 12gespaltene NonpareWezeüe 0,15 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmark :: :r :: bei Wiederholungen Rabatt, rr : Anzeigenannahme: Dr. Richter & Co., G.«.b.A, Berlin 6 42, Alexandrinenstrahe 05/96, (Fernsprechern Dönhoff 438), sowie sämtliche Annoncen-Expedttionen. Nr. 12 Berlin. 2. Mai 1924 4. Jahrgang Wahkecht ist Vahlpflichl. Nicht um die jüdische Frage handelt es sich bei dieser Reichstagswahl und nicht um die Erhaltung des Judentums brauchen wir zu bangen. Was bedroht ist, das ist unser deutsches Vaterland, ist die deutsche Kultur. Wenn unreife Burschen in der Oeffentlichkeit über die „Minderwertigkeit der jüdischen Rasse und des jüdischen Glaubens" urteilen dürfen, wenn GcisteSkrttppel das Andenken von Männern wie Rathenau oder Landauer in der Oeffentlichkeit zu besudeln wagen können, dann ist es Zeit, daß nicht nur wir jüdischen Deutschen abwehren, dann ist es Zeit, daß alle Kutturdeutschen einmütig gegen Unverstand, Verleumdung und Verrohung zusammenstehen. Kein geringerer als Moltke prägte 1890 in seiner bekannten Rede gegen einen antisemitischen Antrag das Wort: „Das Gewissen predigt die Moral in der Brnst von Christen und Juden, beiden und Wilden". DaS aber ist das Furchtbare an den heutigen Antisemiten: sie haben kein Gewissen und deshalb auch keine Morel. Wie anders ist es zu erklären, wenn die „Deutsche Zeitung" im Leitartikel schreiben läßt: „Die jüdische Herrschaft hat in Rußland Zustände heryoraerufen, die in ihrer dämonischen Unheimlichkeit selbst die Phantasie der großen Dichter arm erscheinen lassen . .. Auch in Shakespeare tritt die menschliche Grausamkeit auf und feiert ihre rücksichtslosen, prunkenden Feste. Im russischen Hungergebiet aber praßten die Sowjetkommissare bei milder Zigeunermusik an reich besetzten Tafeln' und ließen den Wein in Strömen fließen, während um , sie herum das Grauen auf dein Lande lag und russische. Mütter die Leichen ihrer Kinder verzehrten. In einer staatlichen Schweinezüchterei wurden die Schweine mit den Leichen derer gefüttert, die an Cholera, Typhus usw. gestorben waren, und der Leiter der Anstalt führte zu seiner Entlastung an, daß das eigentliche Schweinefutter von den Arbeitern aufgegessen würde, so daß er unter einem Zwang gestanden hätte, als er zu den Leichen griff. Die behördlichen Sowjetvertreter aber genehmigten diese Zustände und verlangten nur, daß die Leichen vor dem Verfüttern gehörig durchgekocht werden sollten. Wann hätte je Shakespeare eine ähnliche Szene geschrieben? Wann hätte je ein Dichter diese Bilder ans dem ewigen Abgrund für möglich gehalten und mit realistischem Pinsel geschildert? Wann hätte je ein Judengegner die Behauptung gewagt, daß die Mordlust der Juden sich einmal in so satanischen Formen äußern würde? Alles, was die historische Wirklichkeit enthielt und die Phantasie erdachte, sinkt dahin, und um das finstere Grauen vollständig zu machen, war und ist dieser Hang zum Zerstören mit einem Hang zur Gotteslästerung gepaart. der so schwarz ist wie der systematische Mord selber, und der in der Geschichte dar Menschen ebenfalls kein Sütcnstück hat." Man weiß nicht, wen man mehr bedauern soll: den, der solche Verleumdungen zu schreiben unternimmt — wie mag es wohl in dem Gehirn eines so phantasiebegabten Leitartiklers aussehen? — oder den Redakteur, der diesen Wahnsinn abdruckt. Eins ist gewiß: von Kultur, gleichviel ob es sich um deutsche, jüdische oder eine andere Kultur handelt, kann bei Beiden keine Rede sein. Und auch das ist leider gewiß: das semper aliquid haerct hat bis zum heutigen Tag sich noch immer bewahrheitet. Schon wittern die Deutschnationalen und Völkischen Morgenluft, schon rüsten sie dazu, den Nimbus clausus au den Hochschulen einzuführen, jüdischen Rechtsanwälten ihr Tätigkeitsfeld zu nehmen, jüdischen Universitätsprofessoren die Lehrtätigkeit unmöglich zu machen. Und machen sich damit zum Gespött der Welt, einer Welt, von deren Wollen leider die Freiheit und das Schicksal unseres deutschen Vaterlandes bestimmt wird. Das gilt es zu bedenken, wenn für den Reichstag des deutschen Reiches gewählt wird. Mommsens Wort: „Kanaille bleibt .Kanaille und der Antisemitismus ist rie Gesinnung der Kanaille" Aus dem Inhalt: Die politischen Parteien zur Iudenfrage. Bruno Wouda-Berlin: Wahlrecht ist Wahlpflicht. — M. Lewinsky-Berlin: Grundlagen des religiösen Lebens. Ernst Listauer-Wien: Dunkelste Stunde. — Botho Laserstein-Berlin: Deutscher Geist und Judenhaß. — Maria Rerwe Danmas: Der Jüngling. Die indische Gegenwart. — Freunde im Ausland. — Bücherschau. — Aus der Beweguna. - Bersannnlungskalender. Emil Reibens 50. Geburtstag. Am 7. April vollendete Emil Felde», Pastor primartus an St. Martini in Bremen, Mitglied der sozialdemokratischen Fraktion des letzten Reichstags, sein 50. Lebensjahr. Ein Seelsorger von jener Art, wie sie heute leider selten geworden sind: bereit, lieber sich als die Idee zu opfern; auch da Bekenner, wo es nicht ungefährlich: Liebe zu allem, was Memchenantlitz zeigt, nicht aus der Zunge, sondern im Herzen als brennende Aufgabe tragend. Ein Vertreter der unverfälschten Hnnmnitätsidee Seine Bücher, die zu den meistgelesensten gehören (.Haus am Z Weserstrand", „Sicghasle ivLcuictjeu", „oui Strom oo.. jat und Ewigkeit"), sind aus religiöser Berantwortlichkei: geschrieben. Sie erklärt auch seinen scharfen Kampf gegen den Judenhaß, der in seinem, von uns bereits gewürdigten Roman „Die Sünde wider das Voll" den stärksten und wirkungsvollsten Ausdruck fand. Wir wünschen unserem verehrten Mitarbeiter, von dem wir in kurzem eine Arbeit veröffentlichen, daß ihm sein ferneres Leben die Genugtuung verschafft, im deutschen Volk jenen Heilnngsprvzeß reifen zu sehen, dessen Herbeiführung seine Vaterlandsliebe ersehnt, und für den seine ganze Kraft erforderlich ist. Die Hauplsynagoge in Jassy abgebrannt. Am 22. April ist nachts die Jassyer Hauplsynagoge ein Raub der Flammen geworden. Rur die Thorarvllen konnten noch im letzten Augenblick gerettet werden. Auch das benachbarte Beth-Hamidrasch wurde durch das Feuer vernichtet. Die abgebrannte Synagoge war mehr als 300 Jahre alt und gehörte zu den ältesten jüdischen Bethäusern Rumäniens. Die ukrainische (sowjeiregierung stimmt dem Krimprojekt zu. Die ukrainische Sowjetrepublik hat dem Plan der jüdischen Massen-Kolonisation in der Ukraine und der Krim ihre offizielle Genehmigung erteilt. Tie Genehmigung wurde in die Form eines Beschlusses gekleidet, der von der ukrainischen Sowjetregicrnng in einer Sitzung gefaßt wurde und der folgendermaßen lautet: Als eine Folge der Bedrückungsmaßnahmen des früheren zaristischen Regimes, das die Juden daran hinderte, sich auf dem Lande nicderzulasfen und die Landwirtschaft zu pflegen, befindet sich die jüdische Bevölkerung in einer außerordentlichen sozialen und ökonomischen Stellung. Da es jetzt ungefähr 8 000 000 Tesjatin besten Bodens gibt, der noch nicht bebaut worden ist: da der Beginn einer Kolonisation großen Stils in dieser unbebauten Gegend eine dringende Rotwendigkeit für das ökonomische Wohlergehen des Landes ist, so wird beschlossen, daß die Sowjetrepublik b-t Ukraine in Verbindung niit der föderativen Regierung in Moskau Schritte unternimmt, die es der ökonomisch zugrundegerichtetcn jüdischen Bevölkerung in den Städten ermöglichen, sich in dem unbebauten Land im Süden der Ukraine und im Norden der Krim niederzulassen: ferner sei beschlossen, daß die Frage der Fonds, die für diesen Kolonisationsplan nötig sind, mit der Moskauer Regierung und den jüdischen auswärtigen Organisationen. die in den Sowjetrepubliken tätig sind, geregelt wird. Kämpf! ums Heimaisrecht! ist wohl niemals zutreffender gewesen als für -ie Gesinnung der heutigen Antisemiten. Darum handelt es sich: soll in Deutschland die Gesinnung der Kanaille maßgebend sein, sollen diejenigen führen, die mit dem Wort „national" Schindludev treiben, oder sollen diejenigen unsere Führer sein, die nationale Würde, deutsche Kultur, deutschen Geist zu repräsentieren vermögen. Man mag die „Inden und Judenstämnrlinge" noch so sehr befehden: das, was Juden in dev deutschen Kultur geleistet haben, ist so erhaben, daß wir dem Urteil der Geschichte in Ruhe entgegensetzen können. Wenn alle die kleinen und kleinsten Antiseuriteriche nur einen Funken des Geistes besitzen wüvden, den die Großen des deutschen Judentums besaßen, der sie nicht nur zu Zierden des Judentums, sondern auch zu Repräsentanten der deutschen Kultur werden ließ, sie wüvden verstummen, und in ihnen ivürde sich das Gefühl der Schaut regen. Um nur ein Beispiel zu neunen: wenige Wochen nur sind seit dem Tage vergangen, an dem sich vor 2b Jahren die Augen Ludwig Bambergers zur ewigen Ruhe geschlossen haben. Mer diese 25 Jahre genügten, um in Bayern eine Landespartei erstehen zu laßen, die sich nicht scheut, sich „nationalliberal" zu nennen und sich trotzdem „die Bekämpfung des übermächtigen Einflusses des internationalen Judentums" zur Aufgabe zu machen. Der Zustand, in dem sich die deutsche Justiz befindet, ist aus der Tagespreise unseren Lesern bekannt. WaS auf der Rechten geschieht, gilt als „aus ehrenhaften Motiven" gehandelt, was auf der Linken oder von Juden gesündigt wird, betrachtet man dagegen als gemeines Verbrechen. Fast gleicht es schon einem Glücksspiel, als Jude heute noch in Deutschland zu prozessieren. Las man doch erst kürzlich in einer Urteilsbegründung des Amtsgerichtes in Wernigerode: „Das deutsche Volk erkennt mehr und mehr, daß das Judentum schwerste Schuld an unserem Unglück trage und das erfassen immer weitere Kreise. An einen Aufstieg unseres Volkes ist nicht zu denken, wenn wir nicht die Macht des Judentums brechen. Nicht nur die Deutschvölkischen meinen das, sondern auch die Deutschnationalen, wie man in den Zeitungen der letzten Tage lesen konnte. Die Gedanken, welche die Angeklagten vortrugen, stellen keine Gefährdung unserer öffentlichen Ruhe dar. nein, sogar die Besten unseres Volkes teilen diese Anschauung." In einem kürzlich erschienenen Roman (Gloriette- Verlag, Leipzig) hat Hugo Bettauer „Die Stadt ohne Juden" geschildert: Eines Tages wird in Wien ein Judengesetz angenommen, nach welchem die Juden und Judenstämmlinge in kurzer Zeit ihre Heimatstadt verlassen müssen. Jubel des Volkes und Heilrufe auf den Kanzler, der es verkündet, begleiten die Geburt des Gesetzes. Bald jedoch glätten sich die Wogen der freudigen Erregung und in feiner Ironie und beißendem Spott schildert Bcttauer die Folgen des Gesetzes, schildert er, wie sich die Bolksstimmung allmählich in dem zum Dorf gewordenen Wien, gegen das Judengesetz auflehnt, und wie schließlich das Gesetz fällt, und der Bürgermeister von Wien eine Ansprache an den ersten nach Wien kommenden Juden hält, die mit den Worten beginnt: „Mein lieber Jude!" Darin liegt unsere Tragik: durch das Vorhandensein von Juden in Deutschland spielen Leute im deutschen Reiche eine Rolle, die weder etwas zu sagen haben, noch etwas zu sagen wüßten, wenn Deutschland das Land ohne Juden wiire. Wir, deren Lieben in deutsche Erde gebettet sind, denen die deutsche Heimat Elternland ist, derenKinderdie deutsche Sprache sprechen sollen, wir müssen dazu beitragen, als Deutsche dazu beitragen, daß die Juden in Deutschland nicht als Parias behandelt werden. Deshalb ist Wahlrecht Wahlpflicht! Bruno Woyda.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.