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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-04-18 · 10 (18.4.1924) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
10 (18.4.1924)
Date
1924-04-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Nur der Mensch kennt den sittlichen Begriff 5er Freiheit. Seine Erkenntnis, sein Wille, sein sittliches Gtretzen unterscheiden ihn von den übrigen Wesen -er Natur. Auch er wmzelt i« der Natur, ist mit ihr verwachsen. Er «hört ihr g» mit seinen Trieben. Instinkten. Begierden. In nichts unterscheidet sich menschlicher Trieb vom tierischen. Lgibt eine ethische Richtung, die im „Natürlichen" das Sittliche steht. Die Kräfte. die unS die Natur verliehen hat. solle» wir ausnützen. Der Starke soll darum dem Schwache» -«bieten. Mit dem Rechlr der Natur bezwingt der Starke den Schwachen. Alle andere Ethik ist nur ein HUf-mittel der Schmacken, erfunden, um sich vor der Kraft der Stärkeren zu erschützen. Wie aber in -er Natur im Kampfe ums Dasein der Stärkere siegt, so soll unter den Menschen die Rücksicht auf den andern aushören und der Starke zur Herrschaft gelangen. Daist die Ethik de- Löwen, der. wenn er Hunaer hat, et« schwächeres Tier anfällt und eauffrißt. Das ist die Echtk. die zu einem guten Teil noch die Politik der Völker bestimmt. Und wir verstehen nun die einzigartige Bedeutung -er sittliche» Gesetzgebung des Judentums. Sie besagt, daß wir Mensche» mehr sein sollen als nur Tier«, etwaandereals bloße Natur. Damacht uns zu Menschen, daß wir um da- Gute wissen. Das Gesetz -es Guten ist das eigentliche Gesen des Menschentums, das ein anderes ist als das Gesetz -er Natur. Ohne dieses Gesetz wären wir eben nur Natur, auf gleicher Stufe stehend wie das Tier. Der ist ein Mensch, -er um das Gute wettz. der einen Willen hat. das Gute zu erßreben. -er die Kraft hat. das Gute zu tun. Unser- Triebe sind wie die Triebe de- Tieres; sie misten nichts von gut und bös. sie sind blind wie di« Natur. Aber unsere Erkenntnis läßt uns nur zwischen gut utrd bös unterscheiden. unser ethischer Mlle gebietet uns den Weg zum Guten, unsere sittliche Tat macht uns zu Menschen. In unserer Sittlichkeit ist unser Menschentum verankert. Wenn unsere Triebe, unsere natürlichen Kräfte uns allein gebieten, dann stna wir keine Menschen. Mensch sein heißt: der Nat^r gebieten, die Triebe und Begierden beherrschen. Und -er ist als Mensch unfrei, besten sittlicher Wille zu schwach ist, um den Trieben und den Begierden zu widerstehen. Die Freiheit des Menschen erfordert sein Handeln »ach dem Gesetze des Guten. Nur wenn er dem Gesetze des Guten kolgt. nur wenn er sittlich handelt, ist er frei. Er ist unfrei, wenn seine Begierden ihn beherrschen, wenn seine Triebe stürter sind als seine sittliche Kraft, wenn das Tierische über den Menschen siegt. Und darum enthielten die Tafeln die Verkündigung von -er Freiheit. Taö Sittengesetz macht den Menschen zum Menschen. Nicht das heißt Freiheit, daß unser Körper sich auslebt mit der ungezügelten Kraft seiner natürlichen Triebe, unsere Freiheit erweist sich allein in der sittlichen Tat. Darum sind nur stolz auf unser Judentum, weil es die stttliche Kraft aufgebracht hat. trotz Knechtung und trotz körperlicher Unfreiheit seine Lehre zu erhalten, sein Sein zu behaupt-:«. Bei aller äußeren Bedrückung hat das Judentum die Freiheit seiner Seele gerettet. Hätte es nur seine Seele geopfert, aller Druck und alle äußere Knechtung wäre ihm erspart geblieben. Indem es in seiner Sendung den stttltchen Wert seines Seins erkannte und. sich selber treu, sein Sein erhielt, bat es eine sittliche Tat vollbracht, eine Tat der Freiheit. In -er Treue gegen sich und seine Sendung liegt die Freiheit -es Judentums. Gewiß hat eS innerhalb unserer Gemeinschaft Unfreie gegeben, die äußeres Wohlergehen höher schätzten als die Treue zu sich selbst, höher als -re Freiheit der Seele. Der 'Abfall -eseinzelnen m-ag bedauerlich gewesen sein, die Kraft des Judentums hat darunter nicht gelitten, seine sittliche Idee, unabhängig von der Zahl Bekenner, mußte alle Schwachen, alle Unfreien ihren eigenen Weg gehen lasten. Das Judentum steht vor neuen Kämpfen, vor neuen Gefahren. Pharao erhebt wieder im Uebermut sein Haupt und weigert sich. Israel seinen Weg gehen zu lassen. Doch schlimmer als der äußere Druck, der uns bedroht, dünkt uns die Gefahr, daß das Judentum sich selber untreu werden könnte, daß cs um äußeren Wohlergehens willen die Freiheit seiner Seele verkaufen könnte. Nur sittliche Stärke und aufopfernde Treue sichert unsere Freiheit. Im Kamps der Völker und Nationen geht es um die Freiheit des Körpers, um äußeres Wohlergehen. Israel kämpft für seine Seele. Das unterscheidet unfern Kampf von denen der Völker. Darum darf unser Kampf nur auf dem Boden der Sittlichkeit geführt werden. Unsere Politik muß sittlich sein. Und letzten Endes hat nur das Volk ein Anrecht auch auf äußere Freiheit, das seine Seele frei gemacht oder frei erhalten hat, das nach den Gesetzen der Sittlichkeit lebt, die die Gesetze des Menschentums sind. Das haben die Menschen von heute noch zu wenig begriffen. darum heißt Freiheit in ihrer Sprache Herrschaft über dien andern.^barum ist das letzte Mittel ihrer Politik der Krt««. Und doch gibt es nur ein Mittel, »m zur wahren Freiheit, zur Freiheit der Seele und zur Freiheit de» Körpers zu gelangen. Sittlichkeit. Mlle zum Guten, Liebe der Menschen. Wir sind weit davon entfernt, daß dieser Weg alb der einzige und wahrhaft politische beschritten wird. Kaum wagen wir eS. von solcher Politik auch nur m träumen. Avgypttsche StnneSart hält die Mensche», befangen, ägyptische Finsternis lastet auf der Erde. Das Judentum, das den Weg aus Aegypten zum Sinai gegangen ist. sollte in seinem Denken und Handeln sich des Sinneder wahren Freiheit bewußt bleiben. Set» Leben hat nur dann Bedeutung und Sinn, wenn eein Leben ist nach den Gesetzen des Sinai, nach den Gesetzen der Sittlichkett. die auf den Tafeln standen und die in göttlicher Schrift verkündeten: Freiheit. Düslenwanderung und Lebensreise. Ein« Betrachtung zum Pessachfest von GeorgeGoetz, Danzig. Zweierlei Richtung weist Pessach unseren Gedanken: nach außen und nach innen. Ein religiöses Fest ist es,- Religion ist Verbundenheit, Verknüpfung des Außen, des sichtbaren Ablaufs -er Geschehnisse in der räumlich-zeitlichen Dingewelt, deren Mittelpunkt der eigene leibliche Körper ist, mit dem Innen des raumlos-zeitlosen Ich, — Derkniipfuna dieses Außen mit diesem Innen ist Religion, muß jedem veligiösen Erleben zugrunde liegen. Verbinde Dich, Dich mit Dir, Dein körperliches Ich, Deine nähere und weitere Umwelt, alles was Du mit Deinen Sinnen und Deinem Verstände umfassen kannst, den ganzen materiellen Kosmos, mit Dir, mit Deinem körperlosen, geistigen Ich, welches das Jch-SelLst der Welt ist — dann hast Du „religio" Verbundenheit. Auf dieses Außen und auf dieses Innen weist das Pessachfest unser Denken und stellt an uns die religiöse Forderung, ihre Verknüpfung zu vollziehen. Soweit das Außen in Betracht kommt, müssen unsere Gedanken hier dieselbe Einteilung vornehmen, die unser Verstand seiner Natur nach bei jeder äußeren Betrachtung vornehmen muß, weil er seiner Begrenztheit wegen nicht anders kann: die Einteilung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In der Vergangenheit liegt der historische Spezialfall, die Befreiung des israelitischen Volkes ans Aegypten. An und für sich ist dieser historische Spezialfall für die Religion völlig gleichgültig: denn jedes Neligionssystem nimmt irgendeinen historischen Spezialfall zu seinem Ausgangspunkt, und zwar jedes einen anderen, so z. B: alle Religionssysteme des Altertums die Geschichte ihres jeweiligen Trägervolkes, Buddhismus, Christentum, Islam die Lebensgeschichte ihrer Stifter. So wirkt der historische Spezialfall, wenn man will, sogar störend auf die eigentliche Religion, denn die Vielheit der Formen, die durch Anknüpfung an die äußerliche Historie hervorgerusen wird, wirkt verwirrend auf alle, die die Relativität der Dingewelt noch nicht durchschauen sondern in dlut- und milieumäßiger Bedingtheit die Religions form für die Religion selbst halten. Immerhin wird aber auch der Tieferschauende bei jedem religiösen Sehnen an etwas Tatsächliches, Dinghaftes anknüpfen, und umgekehrt wird der Gedanke an bestimmte Tatsachen der Dingewelt besonders leicht religiöse Erhebung in ihm wachrusen,- es zeigt sich nun, daß diese Dinge der Außenwelt, an die der religiöse Mensch besonders gern anlnüpft und auf die er besonders leicht reagiert, auch bei dem Reifsten aus seinem ihm nahestehenden Lebenskreis stammen, aus dem Volkstum und dem geistigen System, in das er selbst körperlich und geistig hineingeboren. In besonders starkem Maße ist das bei dem religiösen Juden der Fall, denn im Judentum stehen durch die Eigenart der jüdischen Geschichte Volkstum und Religion in engsten Beziehungen. — Das Judentum ist Form gewordene Religion: eS ist geworden und gewachsen in dev jüdischen Volksgemeinschaft und erneuert sich immer wieder in der Gesamtheit aller jüdischen Menschen. Ob diese Gesamtheit heute noch' als Volksgemeinschaft bezeichnet werde« darf, diese leider zur Parteiangelegenheit gewordene Frage soll hier nicht angeschnitten werden. Union* Dritten ist die Tatsache, daß in vergangener Zeit die Aesamthiüt aller jüdischen Menschen durch das Volk Israel verkörpert war, daß Volkstum und Religion Israels nicht identische, aber doch kongruente Begriffe waren und ein organische- Ganzes, eine untrennbare Einheit bildeten.' Volkstum und Religion find AbstraeiL? jedem abstrakten Begriff steht eine greifbare Form, eine Verkörperung gegenüber, da- Concretum nämlich, in dem Las Abstractum sich manifestiert und auS dem allein wir auf sein Vorhandensein schließen können. Bolkstmn und Religion Israels manifestierten sich ehedem gemeinsam in ein und derselben äußeren Form, in der Daseins- und Lebensform des Volkes Israel. Daher kommt allen nationalen Aeußerungen unserer Religions-Uvkunden religiöse Kraft zur daher weisen uns unser Kultus und unser Schrifttum, die beide aus der nationalen Vergangenheit stammen oder von ihr befruchtet sind, immer wieder auf das, was wir den an sich für die Religion ' ’' Spezialfall nannten, auf die Geschichte _eS Volkes Israel. Für die Religion an sich ist sie gleichgültig: für die religiöse Form, das Judentum, und für den religiösen Menschen, in diesem Fall für den Juden, ist sie von grundlegender Bedeutung. Innerhalb dieser Geschichte wiederum nimmt die Gevurtsstunde deS Volkes, die Befreiung aus Aegypten ihren hervorragenden Platz ein. Diese Geburtsstunde des jüdischen Volkes ist uns zugleich die Geburtsstunde der jüdischen Religion. Rein religiös oder auch ethisch gewertet finden wir vielleicht im Leben der Patriarchen, in der Offenbarung am Sinai, in Taten und Reden des Mose und der Propheten Wichtigeres, Grundlegenderes als in dem nationalen Ereignis des Auszugs aus Aegypten. Aber das religiöse Erleben des Menschen hält sich nun einmal an sinnfällige, kraftvolle Aeußerungen des Lebens. Die Geburtsstunde der Nation bleibt uns der Ausgangspunkt unseren Religion. Deshalb empfinden wir es auch durchaus als richtig, daß unsere alten Weisen der Erinnerung an die Geburtsstunde Israels, an den Auszug aus Aegypten, und daß sie insbesondere dem Geburtsfest Israels, Pessach, eine derart gewaltige Rolle im religiösen Kultus angewiesen haben. Dreieinhalb Jahrtausende sind seit jener Begebenheit verflossen, aber die Erinnerung an sie ist nicht verblaßt: noch heute danken wir Juden bei jedem religiösen Akt, wann immer wir uns als Juden zusammenfinden, für die Befreiung aus Aegypten und bringen in unseren Gebeten jedes einzelne unserer an Stimmung und Gehalt sonst so verschiedenartigen Feste vom Sabbat bis zum Versöhnungstag mit dem Auszug aus Aegypten in engste Beziehung. Und von allen diesem Festen wiederum ist keines durch häusliche Feiern und symbolische Handlungen so ausgezeichnet wie das Erinnerungfest an den Auszug aus Aegypten. Jenes Ereignis war die Stunde, in der unser religiöses Sehnen Form gewann, sichtbar innerhalb der Dingewelt in Erscheinung trat und sich konkret auSzuwirren begann. Jene Geburtsstunde bleibt uns daher der Mittelpunkt aller veligiösen Vergangenheitsbetrachtung. So unentbehrlich nun solche historische Rückschau ist und so viel Erhebendes sie enthält, so reicht sie allein nicht aus, um ein festlich gestimmtes Herz zu erftillen, auch da nicht, wo es sich wie bei diesem Teil unserer Betrachtungen um die Außenwelt der Dinge handelt. Im Gegenteil: da, wie wir hörten, für jeden Menschen sein leibliches Ich mit allen dazugehörigen psychischen Funktionen als Mittelpunkt dieser räumlich-zeitlichen Welt erscheint, so wird jedes Geschlecht und jeder Einzelne aus der Vergangenheit Nutzen ziehen wollen für seinen Lebenskreis und seine jeweilige Gegenwart. — Vielleicht erregt in diesem Zusammenhang das harte, materialistisch klingende Wort „Nutzen" Anstoß, aber wir wollen es getrost verwenden, weil auch alles das, was man meistens als Ideale bezeichnet, vor allen Dingen also familiäres, nationales, sozial-ethisches Streben und Handeln, letzten Endes als Förderung der menschlichen Lebens- Der Dilderschmuck der Hagadah. Bon Robert Hirschfeld. Berlin. ... An diesen Tisch setzt sich der Hausvater und liest vor aus einem abenteuerlichen Buche, das die Agade heißt und dessen Inhalt eine seltsame Mischung ist von Sagen der Borfahren. Wundergeschichten aus Aegypten, kuriosen Erzählungen. Streitfragen, Gebeten und Festliedern. . . . Dann und wann schaute sie auch nach der vor rhr liegenden Agade, dem hübschen, in Gold und Samt gebundenen Pergamentbuche, einem alten Erbstück mit verjährten Weinflecken aus den Zeiten ihres Großvaters, und worin ko vieler keck- und buntgemalter Bilder, die sie schon als kleines Mädchen am Passah-Abend so gern betrachtete und die allerlei biblische Geschichten darstellten als da sind: wie Abraham die steinernen Götzen seines Vaters mit dem Hammer entzweillopft, wie die Engel zu ihm kommen, wie Moses den Mtzri totschlägt, wie Pharao prächttg auf dem Throne sitzt, wie ihm die Frösche sogar bei Tische keine Ruhe lassen, wie er. Gott sei Dank! versäuft, wie die Kinder Israels vorsichtig durch das Rote Meer gehen, wie sie offenen Maules mit ihren Schafen. Kühen und Ochsen vor dem Berge Sinai stehen, dann auch, wie der fromme König David die Harfe spielt, und endlich, wie Jerusalem mit den Türmen und Zinnen seine- Tempels bestrahlt wird von dem Glanze der Sonne. Mit diesen Worten schildert Heine im „Rabbi von vacharach" das Büchlein, das am Seder-Abend beim häuslichen Gottesdienst verwendet wird. Seine Bilder sind von jeher die Freude der Kinder und Erwachsenen. Schon in ganz alten handschriftlichen Exemplaren finden sie sich, und sie sind sicher ein Werk jüd-ikcher Künstler, die aus d-em Kreise der Schreiber hervorgegangen sind. Wie die Mönche ihre Pergamenthandschriften durch schön ausgemalte Anfangsbuchstaben und Miniaturen verzierten, so machten es auch die jüdischen Schreiber. Vor etwa fünfzig Jahren erwarb die Landesbibliothek in Serajewo eine sehr alte Hagadah, die zwei Gelehrt«, Müller und Schlösser, in Verbindung mit David Kaufmann veranlaßten. ein größeres Werk über den Bilderschmuck der Hagadah herauszugeben, in dem außer dem gesamten Bild-ertnhalt der Hagadah von Serajewo auch sehr viel Material aus anderen handschriftlichen und gedruckten Hagadahs zusammengetragen ist. Auch die von Seligmann herausgegebene. fast ganz deutsche Hagadah enthält die Bilder aus einer Handschrift aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts. Bei dem Durchblättern von Hagadahs fällt zunächst auf. baß nur tm ersten Teil, etwa bis zur Abendmahlzeit, die Bilder reichlich vorhanden sind, im zweiten Teil dagegen nur wenige Vorkommen. Vielleicht hängt das damit zusammen, daß die Bilder hauptsächlich für die 'Kinder bestimmt waren, die von dem Inhalt am Anfang des Soder nicht viel verstehen und darum beschäftigt werden sollen. Nach der Mahlzeit aber, wenn sie gesättigt sind und die ihnen bekannten Gebete und Psalmen und vor allen Dingen die schönen Lieder vorgetragen werden, dann bedürfen sie der Bilder nicht. ' Was die Bilder darftellen. hat Heine zum größten Teil erschöpfend gesagt. Interessant ist dabei, daß die älteren Bilderhandschriften ganz den Charatter der Kunst ihrer Entstehungszeit widerspiegeln. So zeigt die Hagadah von Serajewo deutlich, daß sie in spanisch-jüdischen Kreisen im 14. Jahrhundert entstanden ist. während man den Bildern bei Seeligmann ohne weiteres ansieht, daß sie aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts, der Zeit des Rokoko, stammen. Man muß allerdings bei der Betrachtung der Bilder immer bedenken, daß die Darsteller ganz naive Künstler waren, die von Perspektive keine Ahnung hatten: aber die Naivität der Darstellung ist oft geradezu entzückend. Man beachte z. B. die ägyptischen Städte in unseren gewöhnlichen Hagadahs, die durchaus den Stil mitteleuropäischer Städte und Burgen aus dem Ausgang des Mittelalters zeigen, oder man vertiefe sich einmal in das Bild des ertrinkenden Negypterheeres. wie die Mannschaft in Reih und Glied ertrinkt und der König mit Krone und Szepter auf dem untergehenüen Wagen schwankt und ein angsterfüllter Pferdekopf aus dem Wasser schaut, während auf dem glatt abgeschnittenen Ufer die Israeliten mit offenem Munde dem Vorgang zusehen. Sagen aus dem Midrasch iverden durch manches Bild illustriert. Da sehen wir die Königstochter, die den kleinen Moses in ein Versteck führt, oder Zippora, die ihrem Mann in der Gefangenschaft Essen bringt. In manchen alten Hagadahs sind merkwürdigerweise Jagdszenen dargestellt, fast immer Hasenjagden, einnral auch «ine Hirschjagd Es sieht sehr drollig aus, wie der Jäger seinem Hunde nachläuft, der schon einen Hasen ergriffen hat, während andere Hasen davonsprtngen Auf einem anderen Bilde ist eine ganze Reihe von Hasen in hüpfendem AUSSTELLUNG: UNTER DEN LINDEN 3 REIN AUTOMOBIL- UND KAROSSERIEFABRIK A. G. WERK: I C K E N D O R F

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