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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-04-18 · 10 (18.4.1924) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
10 (18.4.1924)
Date
1924-04-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. v. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle l/t jährlich 4L. 1,50 Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung i. Inland 0/26 M die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsdeitrage enthalten. rr :: r Chefredakteur: Dipl.-Iug. Bruno Dop da. vis „Jüdisch - Uberoie - Leitung" erscheint jeden llreitag. Schrittleitung und Seschüttsftette: Seriin, (T)auerfttafee22. fftmnif: Amt (T)«rfeur Nr. 8725 Doftfcbecfcliontos Berlin f)W 7 llr.137069 (V«r«lnt0unefür 6as liberal« Judentum) nod)Orudi fAmt.tcber Origlnal-Beltrflae nur mit der genauen Quellenangabe „ Jfl&ifd) - Liberale Bettung" gestattet 1 Anzeigenpreise: Die ISgefpaltene RonpareiTezMe 0^5 voldmark. die Reklamezeile 3»V0 Goldmark :: :: r: bei Viederhslnngen Rabatt. rr rr N Anzeigenannahme: Dr. Richter L Co* G.«.b.K* Berlin 6 42, Alexandrinenftrahe 05/96, (Fernsprecher: Dönhoff 438), sowie sämtliche Annoneeu-Eppeditione». aaBmBBBBmmmsBBaBBBBBBBBamBmmmamamBaBSBSBBBBBSBBBBBBBBSuaBBSBBBamasBB Nr. 10 Berlin, 18. April 1924 4. Jahrgang Pessachgedanken. Aus dem Inhalt: Der neue Mensch. Bon L. Baeck. Die Fortschritte öer Wissenschaft treten weniger dadurch ein, daß Fragen gelöst werden, als vielmehr dadurch, daß sich neue Fragen vor den menschlichen Geist hinstellen, daß Erscheinungen, die als Gcgebenheiten, als Tatsachen galten, nun zu Problemen werden. Die Geschichte des Erkennens ist wie ein Umwandlungsprozeß, eine stete Umgestaltung von Antworten in Fragen. Immer, wenn dies in entscheidender Weise geschieht, beginnt hier ein neuer Abschnitt der Zeit. Mit dem Denker, dem sich in diesen Tagen die Erinnerung lebendig wieder zuwendet, mit Immanuel Kant, hat darum ja auch eine Epoche des Denkens eingesetzt, weil durch ihn etwas, was Jahrtzmderte hindurch eine Selbstverständlichkeit gewesen war, die Bildung von Vorstellungen und Begriffen, aufgehört hat, diese Selbstverständlichkeit zu sein. Er hat eine Antwort zu einer Frage werden lassen. Anstatt bloß zu behaupten oder zu bestreiten, hat er ein Problem erfaßt. Nicht anders ist es in der Geschichte der Religion. Auch hier ist jede neue Erkenntnis die Auflösung einer bisherigen Selbstverständlichkeit. Jeder Prophet hat damit begonnen, daß er irgendein naives, gedankenloses Vertrauen der Menschen erschüttert hat, daß er, um ein alltägliches Wort zu gebrauchen, ihnen unter den Füßen einen Boden sortzog, auf dem sie fest zu stehen gemeint hatten. Darin hat die israelitische Religion ihr Prophetisches, daß sie in die Welt die stärksten und fruchtbarsten Probleme, die, welche immer neue Probleme zeugen, hineingetragen hat. . Sie hat ihr Ewiges, weil ihre Fragen die ewigen Fragen sind. Die Mythologien wollten Dinge kund tun und von ihnen erzählen, sie wußten, wie alles gewesen ist und sein wird. Die Religion Israels suchte die Tiefe der Fragen zu offenbaren. Durch ihre Fragen ist sie die Offenbarungsreligion. Darin ist ihr auch ihre ethische Art gegeben. Denn in jeder Frage, die nicht aus dem bloßen Spiel des , Geistes, aus der bloßen Lust am Fragen kommt, sondern aus den Urgründen des Ddenschlichen aufsteigt, liegt etwas Gebietendes, etwas Aufrufendes und Forderndes. Die Antwort ist befriedigt, die Frage verlangt etwas, sie stellt vor etwas Neues, vor eine Ausgabe hin. Daß es Reiche und Arane, Satte und' Hungrige, Herren und Sklaven gibt, daß Menschen und Völker einander gegenüberstehen und ihr Lerüen ein Lernen des Krieges ist, daß die Macht herrschen und, was Recht ist, bestimmen will, das alles war für die antike Welt ein Gegebenes, eine natürliche Ordnung,' eine Antwort, ein ebenso Gegebenes wie, daß die Erde feststehe, und der Himmel sich über sie wölbe. Für das israelitische Denken wurde das alles zum Problem, zur Unruhe, die es in sich trug und in die Welt hineintrug, es wurde zum sittlichen Vorwurf. Darum sind hier alle eigentlichen, alle ewigen Fragen die nach dem Menschen, nach dem, was er fein soll und was er ist. Die Vergangenheit, das ist im Wesentlichen der Mensch, öer gewesen ist,' die Zukunft, das ist der kommende Mensch. Wenn vor dem Blick des Propheten die messianischen Tage erscheinen, dann sieht er selten ihre Gebilde vor sich und fast immer ihren Menschen. Nicht eine einstige staatliche Ordnung oder soziale Verfassung wird gezeichnet, sondern der Mensch der Zukunft wird vor uns hingestellt, der Mensch, der aller Ordnung und Verfassung erst ihre Wirklichkeit gibt. „Hervorkommen wird aus dem Stamm Jsais ein Reis, und ein Sprößling wird aus seinen Wurzeln keimen: auf ihm wird ruhen der. Geist des Ewigen." „Ich gebe meine Lehre in ihr Inneres und werde sie in ihr Herz schreiben,' ich werde ihnen zum Gotte sein, und sie werden mir zum Volke sein." „Alle deine Kinder werden des. Ewigen. Jünger.sein, und groß wird sein der Friede deiner Kinder." Das sind hie'- fite Sätze von öer messianischen Zeit. Anderwärts hat man die Sii^r vom Staate der Zukunft Dr. Baeck-Berlin: Der neue Mensch. — Dr. Wolf- Dresden: Freiheit. — Goetz-Dauzig: Wüstenwanderung und Lebensreisc R. Hirschfeld-Berlin: Der Bilderschmuck der Ha- U gadah. — I. Wolfssohn-Breslau: Biblische Geft stalten in modernem Gewandr. — Marie Renee Danmas: Der Jüngling. h ( Die jüdische Gegenwart. — Ans den Gemeinden. — 0 1 Ans der Bewegung. — Bersammlungökalender. St Endlich Iudenrein . . . Die nationalliberale Landespartei veröffentlicht folgende parteiamtliche Erklärung: „Die nationalliberale Landespartei Bayerns hat sich bei ihrer Gründung auf dem Parteitag zu Bamberg im Herbst vorigen Jahres die Bekämpfung des übermächtigen Einflusses des internationalen Judentums zur Aufgabe gemacht. Schon auf dem ersten ordentlichen Parteitag in Nürnberg am 17. Februar d. I. wurde dann die grundsätzliche Forderung gestellt, daß Juden weiterhin nicht mehr Mitglieder der Partei sein könnten. Dieser Antrag wurde damals zurückgestellt, um den wenigen, von der alten Nationalliberalen Partei und der Deutschen Volkspartei übernommenen, persönlich durchaus angesehenen und verdienten jüdischen Mitgliedern Gelegenheit zu geben, selber ihren Austritt zu erklären. Nachdem dies nunmehr geschehen ist. tritt der Beschluß der satzungsmäßigen Parteiorgane in Kraft, wonach Juden nicht mehr Mitglieder der Partei sein könnnen. Das bedeutet kein Werturteil über die Juden als Persönlichkeit, sichert aber der Partei die volle Unabhängigkeit gegenüber allen Einflüssen des Judentums. Eine jüdische Universität in Europa. Die dlumerus-ciausus-Bewegung an den Hochschulen in Zentral- und Osteuropa haben dem Völkerbund Veranlassung gegeben, dem Projekt des bekannten Warschauer Finanzmanncs Henrik Doktorowicz näherzutreten. Nach einem Bericht aus Genf hat sich die unter dem Vorsitz Henry Bergsons stehende Kommission für geistige Zusammenarbeit beim Völkerbund soeben mit der Frage der Errichtung einer jüdischen Universität auf europäischem Boden beschäftigt. Der Vertreter Spaniens trat dafür ein, daß die Universität in Spanien errichtet werde und versprach, daß decUniversität ein Bauplatz eingeräumt und eine regelmäßige Subvention zugewendet werden wird. Die Kommission hat sich jedoch zum Schluß für Danzig als Sitz der Universität entschieden und ferner bestimmt, daß die Unterrichtssprache deutsch sein soll. Es verlautet, daß ein Komitee aus sieben Personen, unter ihnen Profeffor Einstein, eingesetzt werden soll, das sich mit dem weiteren Schicksal öer Universität zu befassen haben wird. Die Johnson-Bill vom Repräsentantenhaus angenommen. Am 12. April fand im Repräsentantenhaus dir Abstimmung über die Johnson-Bill statt, die bekanntlich eine jährliche Einwanderungsquote von zwei Prozent für jedes Land auf Grund des Statuts dieses Landes vom Jahre 1890 vorsieht. Die Bill wurde im Repräsentantenhaus mit einer Mehrheit angenommen. Dieses Abstimmungsergebnis tam nicht unerwartet, da die Stimmung für die Bill im Repräsentantenhaus bekannt war. Durch die Annahme der Johnson-Bill im Repräsentantenhaus ist dieselbe noch nicht Gesetz geworden, da erst die Abstimmung im Senat entscheidend ist. Wie bekannt, ist jedoch die Gegnerschaft gegen die Bill im Senat weit größer als im Repräsentantenhaus, so daß deren Annahme im Senat keineswegs als sicher gelten kann. (Durch hie Johnson-Bill würde besonders die Einwanderung von Ostjuden in Amerika außerordentlich beschränkt werden. Die Red.) Eine Intervention der Alliierten zugunsten der Alliance-Schulen in der Türkei. Wie der Konstantinopeler I. T. A.-Vertreter erfährt, haben die diplomatischen Vertreter der allirerten Regierungen in Konstantinopel der türkischen Regierung eine Kollektiv-Note betreffend die kürzlich erfolgte Schließung der von der Alliance Jsraelite Universelle, den römisch-katholischen Organisationen und anderen religiösen Körperschaften unterstützten Schulen überreicht. Es wird darin ausgeführt. daß die neuen, besonders für« die von ausländischen Organisationen unterstützten Schulen beengenden Vorschriften und Verfügungen große Unstimmigkeit Hervorrufen und nach Ansicht der alliierten Regierungen nicht mit dem gewiffen Rechte der Minoritäten und religiösen Körperschaften garantierenden Friedensvertrag übereinstimmen. und von seinen Gesetzen geschrieben, die Welt sollte erlöst werden durch die ideale Verfassung, durch diese en-gültige Antwort. Die Propheten wollten sie erretten durch den kommenden Menschen. Auch über die Gegenwart kann dieser Unterschied nachdenken lassen. Sie hat ein Erbe vom 18. Jahrhundert übernommen. Neben einer Fülle -es Gute«, die es der. Welt gegeben hat, war es deflen Eigentümlichkeit gewesen, daß es, ein Gegenstück zu dem mittelalterlichen Glauben an den vollkommenen Begriff, den Glauben an das vollkommene Programm hatte. Man war überzeugt, daß -en Völkern der befreiende Weg in die Weite eröffnet sei und sie ihn gehen würden, wenn das ideale Schlagwort gefunden, die ideale» Grundsätze verkündet seien. Als die Erklärung -er Menschenrechte proklamiert wurde, glaubte man damals ehrlich, daß die Menschheit gerettet sei. Niemals ist soviel von Idealen gesprochen, soviel Wohlklingendes, edel Stilisiertes gläubig in die Welt hinauAgerufen worden wie damals in der französischen Revolution, diesev Vollstreckerin der Gedanken des 18. Jahrhunderts. Von ihm hat unsere Zeit mit vielem Gute« auch dieses Andere erhalten. Auch sie, besonder- Ht ihren liberalen Richtungen und Parteien, hat den Glauben an das Programm und an die Grundsätze. Sie ist geneigt, in ihnen fast etwas MesstanischeS zu finden. Es ist begreiflich, daß es so ist. Der ästhetische Sinn erbaut sich an dem Kunstwerk, das in den edelgefprmten, zueinander gefügten Sätzen vor ihm steht. ES ist wie ein Ausdruck der Weltenharmonie, an deren Musik sich seine andächtige Seele entzückt. Er weint, in dem künstlerischen Gebilde das Endgültige, die entscheidende letzte Antwort zu haben. Und es ist zudem so berückend leicht, so verlockend bequem. Man glaubt gern, daß man alles getan hat, vor sich und vor Len Menschen, wenn man dieses Kunstwerk, diese Antwort vor sich und vor sie hingestellt hat. Kommt und beuget euch vor ihr! Wer den Menschen vor sich sieht und an ihn herantritt, um ihm zu geben und ihn zu führen, der vernimmt keine Antwort, sondern eine Frage. Zu ihr wird ihm immer wieder alles, was so selbstverständlich gedünkt hatte, zur Aufgabe immer wieder alles, was schon gegeben schien. Der Mensch ist kein Programm, sondern ein Problem. Er bedeutet das so harte, schwere Problem der Erziehung, der. Erziehung an sich selbst und am andern, die Aufgabe, den neuen Menschen zu schaffen in sich und am andern. Ein edles Programm ist leicht bereitet,' einen wahren Menschen zu gestalten, ihn zu seiner Zukunft zu weisen, ist ein ernstes Ding und oft drücken-, es fordert die Mühe der Geduld, die sich nicht enttäuschen lassen darf. Wer es ist die einzige messianische Arbeit. Religion ist dort, und sie erneuert sich dort, wo die ewigen Fragen gehört werden. Und die Frage aller Fragen ist der Mensch. Wer den Menschen vernommen hat und zum Sinne seines Lebens, zur Erfüllung seiner Tage ihn leitet, der hat ein Stück weitergeführt hin zu messianischen Tagen, zum Pessach der Zukunst. Freiheit. Von Rabbiner Dr. Albert Wolf. Dresden. Am Peßachfest erzählen wir von Israels Befreiuna au- Aegypten. Doch, da wir die alten Erzählungen vernehmen, denke» wir nicht allein an die Knechtung in Aegypten. In mancherlei Gestalt sind Israel neue Zwingherren erstanden. Wir feiern das Fest der Befreiuna in dem stolzen Gefühl, einer Gemeinschaft anzugeHören, die, stets geknechtet, sich niemals ihrer Freiheit begeben hat. Den Sinn des Ausrirgs aus Aegypten erblickte dar Judentum nie in der Errettung aus' den Ketten menschlicher Tyrannei. Die Befreiung fand erst ihren Abschluß durch die Unterwerfung unter das göttliche Gesetz am Sinai. Nach einem Worte unserer Weisen enthielten die steinernen Tafeln in dem Zehnwort die Verkündigung der Freiheit. In der Erfüllung des göttlichen Gesetzes sah man den Sin» des Menschentums und erkannt«, daß Freiheit ein stttliches Gebot bedeutet.

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