Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 8 (4.4.1924)
- Date
- 1924-04-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Jahrgang Nummer 8 2. Beilage 4. Aprll 1924 Aus den Gemeinden. Berlin. Der Verein der Leiter nnd Leiterinnen jüdischer Erziehungsanstalten Deutschlands hielt hier eine Bersammluua ab. Zweck deS Vereins ist die Förderung der Interesse» der jüdischen Waisen- und Hilflosen-Kinder-Pflege. der Erziehungsanstalten und der berufliche» und Standesangelegerchette» seiner Mitglieder. Der Versammlung, die von dem Vorsitzende» des BereiuS, Watsenhausdirektor Peritz- KöntgSberg^. geleitet wurde, wohnten auch Vertreter der ZentralwohlfahrtSstelle der deutschen Juden bet. Hauptgegenstände der Taguna waren die Unterbringung schwer erziehbartr und psychopathischer jüdischer Kinder und die Erweiterung der Aufnahmebedingungen für Normalkinder. Referate da-« hielten: Dr. Götz-Berli» über anormale Kinder und Direktor Dr. Feist-Berlin. RetchenheimscheS Waisenhaus, über die Frage der Aufnahmebedingungen bei Normalanstalten. Die Versammlung betonte zum Schluffe der Dehatte die Notwendigkeit der Schaffung eines HcimS für psychopathische jüdische Kinder, einer Beobachtungsstation für zweifelhafte Kinder und erweiterte Einrichtungen zur jederzeitigen provisorischen Unterbringung von heimlosen jüdischen Kindern bei einer Zentralstelle. Mit den Vertretern der Zentralwohlfahrtsstelle wurden zunächst provisorische Einrichtungen für alle diese Zwecke vereinbart. Die Ver» sammlung beschloß, die Unterbringung hilfsbedürftiger jüdischer Kinder zur besonderen Ausgabe des Vereins zu machen. Breslau. Die Repräsentantenversammlung vom 27. März beschäftigte sich zur Hauptsache mit der Festsetzung der Synagogenbeiträge für das Haushaltsjahr 102-1-25. Es wurde beschlossen, gleich den anderen Neliaionsgesellschasten 6 Prozent Zuschlaa zum Lohnstcuerpauschale bzw. zu den Reichseinkommensteuer-Vorauszahlungen vom 1. April ab zu erheben und den Vorstand zu ersuchen, vor dem 1. Oktober über das Ergebnis dieser Veranlagung Bericht zu erstatten. Ein? ausgedehnte Aussprache rief die Vorlage hervor, auf dem Friedhofe Lohestraße durch Einziehung der sogenannten Ebereschcnallee l2ü neue Grabstellen zu schassen. Der Neuanlage stimmte man zu. wollte aber allseitig vermieden wissen, daß diese Grabstellen nach plutokratischen Grundsätzen vergeben würden, und daß der Israelitischen Krankenverpslegungs-Anstalt irgendein Einfluß aus die Vergebung, noch Einkünfte aus ihr eingeräumt würden. Die Grabpflege-. Grabstellen- und die übrigen Gebührcntarife erfuhren eine zeitgemäße Festsetzung, ebenso die Fricdhofsarbeiterlvhue. Von der Konstituierung des Vorstandes, der Verteilung der Dezernate und der Besetzung der Kommissionen nahm die Versammlung Kenntnis. Der Bericht über die Tagung des preußischen Landesverbandes wurde zurückgestellt. Tie dringliche Vorlage über die Ansivertnng und Zurückzahlung der in den Jahren 1022 und 1923 der Gemeinde in Form von Darlehen nnd Umlage zur Verfügung gestellten Summe gelangte zur Annahme. Der anfangs April hier tagende erweiterte Vorstand des Rabbinerverbandes soll zu einem Frühstück geladen werden. Eine kurze geheime Sitzung erledigte Personalia. Am 26. März fand die Generalversammlung des Vereins selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens E. V., Breslau, statt. Die Vorstandswahlcn hatten folgendes Ergebnis: 1. Vorsitzender Emil Grünpeter, 1. Kassierer Moritz Prinz, 1. Schriftführer Leopold Fraenkel, Gräbschner Straße 4 (Geschäftsstelle), 2. Vorsitzender Moritz Wolfs. Ferner wurden in den Vorstand gewählt die Herren Richard Kempe, Siegmnnd Bardasch. Ingenieur Louis Kampe, Bruno Kohn, Kurt Steinitz, Richard Gellert, Baumeister Weinstock und Bruno Siegner. Ferner wurde beschlossen. korporativ der Jüdischen Mittelstandshilfe E. V. beizutreten. Am 1. April begina Herr Schönfeld. Lehrer an der Religionsunterrichtsanstalt II sein 35jähriges Amtsjubiläum. Herr Lehrer Schönfeld hat sich um die Ausgestaltung des Unterrichts außerordentlich verdient gemacht. Am 6. April feiert Herr Joseph Deutsch seinen 70. Geburtstag. Seit einem Mcnschenalter dem Vorstande der israelitische» KrankenverpflegunaS - Anstalt und BeerbtgungSgesellschaft angehörend, hat er mit seltener Hingabe die Werke derMächstenlieb« geübt und gefördert. De« Liberalen verem der Gynagogengometnde gehört Herr Deutsch alS tätige» Mitglied feit vielen Jahre» an. Hanrbnrg. Da» Repräsenkanteukollegiu» der beutschisraelttische» Gemeinde «ahm in seiner letzte», unter Vorsitz von Alfred Lisfer abgehaltenen Sitzung de» Bericht der verschiedene» Kommissionen entgegen. .Oberlehrer Schloß berichtete von der WohlfahrtStommiffion. daß durch eine großzügige Verteilung von Lebensmitteln, DextUten, Kartoffel» und Kohle« der allergrößte» Not gesteuert worden sei. Die vo« der Gemeinde eingerichtete Speiseanstalt gebe täglich etwa 200 bis 800 Personen für einen ganz geringe» Preis ei« au» zwei Gängen bestehendes warmes Mittageffen. Durch die MkttelstandSfürforg« nnd die Akademiker- Hilfe sei auch de» früher beffer situiert gewesene» Gemeinde- »»gehörigen und den Geistesarbeiter» tu zartfühlender, »ach außen nicht hervortretender Weise geholfen worden. Der Vorsitzende teilte noch in Ergänzung des Berichts mit, daß durch ein privat gebildetes Komitee die Gemeindcinstitutioneu (AltenhauS, Siechenheim, Krankenhaus ufw.) mit Lebensmitteln für den Winter versorgt worden seien und daß beabsichtigt sei. auch weiterhin für die Institutionen in gleicher Weise zu sorgen. Mannheim. Auf Veranlassung der hiesigen israelitischen Gemeinde hielt Rabbiner Dr. Baeck-Berlin in der August- Lamey-Loge einen relgionswiffenschaftlich tiefgründigen Vortrag über das Thema „Geheimnis und Gebot**. Dr. Baeck führte etwa auS: Von Geheimnissen sind wir umgebe», wir kommen auS dem Geheimnis und gehen ein in das Geheimnis. Diese Abhängigkeit von Mächten die er nicht fassen, mit seiner Faust nicht greifen kann, hat den primitiven Menschen geängstigt und gequält. Aber diese Angst beherrscht ebenso sehr noch den seßhaften Menschen, sie fehlt den Griechen nicht, die wir uns fälschlich als das ewig heitere Volk vorstellen. Sie waren heiter nur an den guten Tagen, da sie das Geheim«.S vergaßen. Sie nannten es Schicksal, Zwang, Notwendigkeit, die vollendete Absurdität, bestimmt, die Menschen zu peinigen. Man denke an die antike Schicksalstragödie. D.eser Anschauung stellte Dr. Baeck die Religion Israels gegenüber. In ihr, und das ist das Große und Neue, ist das Geheimnis nicht mehr das Angst- und Grauenerregende, sondern der Sinn des Lebens selbst. Das kommt daher, weil das israelitische Denken nicht von der Außenwelt ausgeht. sondern vom Denken über sich selbst. Der Einzelmensch siel» sich verwoben in die Geheimnisse, er weiß sich getragen von den „Armen der Ewigkeit". Denn alle Geheimniffe gehen hervor aus dem einen großen Geheimnis, das alles trägt, aus der Einheit Gottes. Um das Geheimnis wissen, hat hier etwas Beruhigendes: dasselbe Wort bezeichnet in der Sprache der Bibel Ver borgenhcit und G e borgenheit. Der Geheimnislose, das ist der irreligiöse Mensch, der in der Stunde, im Tage wohnt, der die Heimat seiner Seele noch nicht gefunden hat. Es ist der Philister, dem stets der Kampf der Propheten gegolten hat. Es gibt keine Religion ohne Geheimnis. Wo aber die Religion dabei stehen bleibt, ist sie bloße Mystik. In Israel ist das Geheimnis nicht stumm,, es begann ein Wort zu sprechen, das Wort: Du sollst. Nicht zum Quietismus verführte das Geheimnis sondern es rief auf zur Tat. Mystik und Eth.k verschmolz: das Gebot kam aus dem Geheimnis und das Geheimnis aus dem Gebot. So ist in die jüdische Ethik dies Unbedingte, dies Kategorische und Absotute gekommen. Wenn ein Mensch gebietet, dann gebietet nur die Stunde das Jahr: wenn aber das Geheimnis gebietet, dann gebietet die Unendlichkeit, die keine Kompromisse kennt, nur Alles oder Nichts. Daraus entstehen Tragödien — Tragödien des Willens, nicht des sinnlosen Geschicks. Wo nur Re eine Seite betont wird, dort ist der Boden israelitischer Frömmigkeit verlassen. Es hat zu einer weltgeschichtlichen Scheidung geführt, als in Israel ein Mann auftrat, dem das Geheimnis alles war: Paulus. Ihn ergriff zutiefst die Ruhelosigkeit, dieses „Nie am Ziele sein": so hat er seine Lehre aufgestellt: sola licke, nur das Geheimnis erlöst. Nicht da« Gebot, sondern Gnade. Und auch umgekehrt ist e» bisweilen im Judentum so gewesen: öaS Geheimnis verklang und verschwand, nur daS Gesetz sollte herrschen. Religion war Ethik geworden und ihrer wesentlichen Kraft beraubt. Aber, dies betonte Dr. Baeck »och einmal zum Abschluß nachdrücklich, nur in der Einheit von Geheimnis und Gebot ruht die Kraft deS Judentum», die Seele seiner Religiosität. Aus der Bewegung. lFortsetzung auS der ersten Beilage.) vrieg. I« einer am Dienstag, den 28. März, im Saale btt Schloßarrende stattgehabten zweiten Versammlung unsere» Jli, welche von den Gemeindemitgliedern wieder recht zahlreich besucht war. hielt Herr Erich Bayer. Breslau, einen sehr fesselnden Bortrag über das Thema. „Liberalismus eine Notwendigkeit". In fast einstündigen Ausführungen legte er dar. wie die Idee deS Liberalismus zu gestalten fei. wie der Liberalismus seine Berechtigung ans der Geschichte herleite und wie er Wesen und Kern der Religion zu erfassen ermögliche. Er legte ferner dar, wie auch die ethischen Ideale durch den Liberalismus ihre Verwirklichung finden. Der Vortragende fand mit seinen Ausführungen großen Beifall. In der darauf folgenden Aussprache ergriff nur ein Redner aus der Versammlung. Herr Kantor Wolf, das Wort zu kürzeren Bemerkungen, die eine Ergänzung der Ausfüllungen deS Vortragenden bildeten und auf welche der letztere kurz antwortete. Ein gemütliches Beisammensein beschloß den anregenden Abend, mit welchem der hiesige Jli die Vortragsabende dieses Winters abgeschlossen haben dürste. — Die Mitgliederzahl unseres jungen Vereins ist inzwischen auf 88 gestiegen. Münster. (Jüdisch-liberaler Jugendverein.) Nachdem die Generalversammlung am 11. Februar den Willen zu verstärkter Tätigkeit gefestigt hatte, begann der Jli Münster sein neues Jahr mit einem Vortrag von Herrn Rabbiner Dr. Dienemann-Offenbach über: „Individualismus und Sozialismus in ihren Beziehungen zum religiösen Leben" In fesselnder Weise zeigte der Redner,, wie in den Epochen der jüdischen Geschichte bis in die Gegenwart hinein der Gemeinschaftsgeist und das Gemeinschaftsbildende mit der Vorherrschaft deS Individualismus wechselte. Am 10. März hielt an Stelle eines erkrankten Redners Rabb. Dr. Steinthal einen Vortrag über die jüdische <51ö:f mit besonderer Berücksichtigung der Apologetik. Am 27. März sprachen die Herren Rabb. Dr. Samuel-Essen über: „Das Problem des Judentums und die neuesten Versuche seiner Lösung" und Generalsekretär Dickmann über: „Religiöses Judentum". Nachdem der erste Vortragende das Problem gestellt hatte, schilderte er eingehend, aus ihren Werken entstehen lassend, die Lösungen, die Vreuer. Nubcr und Baeck geben. Herr Dickmann fand ebenso begeistertes Verständnis, als er sein Programm darstcllte. Er forderte von den liberalen Juden ehrlichen Kampf, nicht nach außen, sondern in sich selbst. Es gilt, seinen Gott sich zu erkämpfen nnd seine eigene Stellung im Judentum, nicht losgelöst von der Vergangenheit, sondern auf ihr bauend; gilt, das Alte mit dem neuen Inhalt zu erfüllen. Versammlungskalender. Aachen Sonntag, den 6. April, abends 6 Uhr. im Ge» meindezimmer der Synagogengcmeinde Vortrag des Generalsekretärs der Vereinigung. Herrn Dickmann: „Unser Weg als liberale Juden". Berlin. lJüdisch-liberaler Jngendverein zu Berlin E.B.) Donnerstag, den 10. April, pünktlich 81/, Uhr, in der Fasanenstraße 79/80 (Wochentagssynagoge) Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Eaesar Seligmann-Frankmrt a. M.: „Die Wahrheit der Bibel". Gäste herzlich willkommen. Breslau. lLiberaler Verein der Synagogengemeinde.) Montag, den 7. April, im Saale der Lcssinglogv Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Dienemann-Osfcnbach über das Thema Individualismus und Sozialismus in ihrem Zusammen" hang mit dem religiösen Leben". H * Preiswerte Früßfaßrskleidung iiiiimiiiiiiiimimimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimitiiiiiiiimiiiiiiimiiiiiimmi in großer Auswahl •uiiimjifiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiitiiiiNimmiiiiHiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiimmiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiu Herren - Sakko - Anzug modfarblger Cheviot mit feinen CflQO Streifen, moderne Form. Herren - Sakko - Anzug mittelgrauer Gabardine, dezent ACQQ gemustert, sehr elegant. 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