Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 8 (4.4.1924)
- Date
- 1924-04-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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PSALMEN. Von Arthur Silberglfit. I. Di« Striamen meinet Rückens, die mir die Vögte der Pharaonen schlugen, weil ich nicht eilfüßig genug und nicht zahlreiche Ziegelsteine aus Lehm und Ton für gi« Riesenburgen ihrer Götzen brannte, trug ich gern, und mir rannte der Schweiß von allen Gliedern, als sie mich mit sausenden Geißelschlägen zu immer stärkerer Fron aufpeitsebten. Aber die Götzendiener mit den eisernen Gwichtern ahnten nicht, daß ich in jeden Ziegel heimlich wie ein Wappenzeichen Deinen Namen, o Herr, mit ihnen Unmerklichen Schriftzeichen einbrannte, und wie sich nun hier braun und dort brennender als die Striemen und Wunden meines Rückens aus Lehm und feuerroten Ziegelrfleken die Burgtad ihrer Fetische Dach um Dach. Veste um Veste, Zinnen stolz und drohend erhob und Nacht* wandler Mond und Morgentänserin Sonne über die Treppen der Ziegeliirste huschte, jauchzte meine Seele, daß über allen Götzenhelmen der Fronvögte und Pharaonen dennoch Dein Name, o Herr, in jedem Stein heimlich auflohte, und das purpurne Dächerleuchten der Burg* Stadt überwältigte\ mich jäh mit einem grauenvollen inneren Gesicht, als wäre hier Haus an Haus mit der Märtyrerfarbe, dem Wundenblut meines Volkes, bestrichen worden. Und in die Fenster der Götzendiener brach das Auge des Ewigen, die Sonne, ein, und wie nun allabendlich die Sterne in die Scheiben heimlich Deinen Namen, o Herr, einstickten, erneuerte sich mir wieder die Siegesgewißheit Deiner Majestät über alle Truggötter. Und meine Seele löete sich von allen irdischen Ketten meines Sklaventums und flog befreit wie ein großer Vogel auf cherubinischen Schwingen, auf den Flüjjeln Deiner Morgen- und Abend* röten über die Weinhügel und gleichsam frauenhaft trächtigen Bergen dahin, in deren Tiefen das Gold, Silber und das Farbengestein Deiner alle Himmels- und Erdenpracht ausfunkelnden Schönheitsträume starrt. Und sie schwang sieb auch über die Meere, die Kleinodienkammern und Flutmuschelpaläste Deiner Perlenfischer und sie drang wie eine, mystische Teucherin' in die Abgrundtiefen Deiner Herrlichkeit t und mein purpurnes Lippenpaar meine fleischliche Muschel, mein Mund, erschloß sich Dir zu einem hoben Lobgesang, dem die Sonne, Seraphe und harfenspielenden Engel jubelreicher nachrhapsodierten als alle Lercbentriller oder die biegsamen Weidenrohrflöten ▼aflehangekränzter Hirtenknaben mit den ewigen Braut* Uedern ihrer Sehnsucht nach der Weltmagd und zugleich Königin Deiner Herrlichkeit, Deiner Seele, und ich fühlte im wiegsamen Zephirschauer Deiner Zypressen den heiligen Anhauch Deiner Erlösergnade. II. Sefranen blitzt Dein Sonnenteppich, o Herr, wie darf ich, Dein Knecht, wohl wagen, ihm die Nacht meiner Seele einzuweben? Wolken Arabres und Myrrhenduftes durchwogen Deine Tempel, o Herr! wie darf ich, Dein Kneebt, wohl wagen, meinen irdischen Odem hier auf* Zittern zu lassen? Fackelumsprüht« Burgen der Morgen* und Abendröte und Mondschlösser sind die Gemächer Deiner Jahrtausende übersinnenden Muße, o Her?, wie darf ich, Dein Knecht, wohl wagen, unter der schmalen Braue seines armen Hüttenfensters zu Dir aufzuschauen? Hobe«, volles Waldlaub rauscht Dir Hallelujalaute, o Herr, wie darf ich, Dein Knecht, wohl wagen, mit meinen armen, «federen Fingern zu Deinem Preise die Fasern eines Saitenspiels zu rühren? Aethertrunkene Lenzlerchen lechen Dir zu, o Herr, wie darf* ich, Dein Knecht, wohl wagen, auf meinem Erdentrott Dir entgegenzulächeln? Grüne Gebirge Deiner Herrlichkeit, Weinhänge, steilen eich zu Dir empor, o Herr, wie darf ich, Dein Knecht, wohl wagen, meine Seele zu Deinen Füßen erblühen jm leasen? Zedemwipfel umfangen als kühl« Fleh« Dein Flammenantlitz, o Herr, wie darf ich, Dein Knecht, wohl wag«a« Dir die Kosungsbereitschaft der Wind«swedel, Deiner Wiesengräser, vorzusingen? Aber safranener Sonnenteppich, Wolken Ambras und Myrrhenduftes, die fackelumsprühten Burgen der Morgen* und Abendröte, Waldlaub, äthertrunkene Lerchen, die grünen Gebirge Deiner Herrlichkeit und die Fächer der Zedemwipfel werden dennoch einmal, o Herr, selbst Deine dienstbereiten Knechte und sic bauen sich in meinen Trfumen und Gebeten um die Weltthroae Deiner Gnade. — DI. Wenn ich zwischen den Rebenbündeln Deiner Weinberge, Heng an Heng. Zu Dir «mporschreite und über mir« den Riesenkelch Deiner Sonne gerundet schaue, bete Ich zu Dir, o Herr aller Weltenherrlfehkciten, wölbe aneh mein Herz zu einer großen Traube, aus der Deine Winzer zu Deinem Gnadenfest alle Süße meiner Träume keltern und sie Dir in Sonnenschalen oder Sternenbechern kredenzen. Sei Du mir Stab und Pfeiler, an dam ich Frucht und Blätter emporranke und Deinem ewigen Lenz in meinen grünen Laubgewinden eine hauchgewiagte Girlande der Schönheit flechte. So überblatt# mich mit der Leuchtkraft Deiner veilchenfarbenen Himmel, hülle mich in die weißen Sabbatgewänder und Friedenskieider Deiner Morg&wolken und Monde und lasse mich in Deinen Abendröten das zu Dir in Myriaden Purpurfontänen itherwärts aufgeströmte Blut aller Herzen ahnen, die gleich dem meinen der Winzer Schmerz kelterte, und gib, daß auch mein Lebensfeuerstrom einmünde in den Becher aller Becher, Deine Meere und den Traum jeder Traube ausschöpfende Riesenseele! ADE, MEIN LAND TIROL Von Jacob Loewenberg. (Schluß.! Tag um Tag gingen sie nun denselben Weg. Zur bestimmten Stunde trafen sie sich am Stein-Steg. Zum Tappeiner^Weg gelangten sie nicht mehr. Es strengte Dr. Stein zu sehr an, und auch der Pfarrer mußte eich schonen. Ihr Gespräch wandte sich fast immer neimwärts. Aehnliche Kindheitoerinnerungen wurden wach, ähnliche Schuljahre noch einmal durchlebt, ähnliche Unterrichtesorgen stiegen auf. Und dann immer ein Vergleichen von dort und hier. Wie schwerblütig und schwerfällig die Norddeutschen gegen die Menschen hier seien. Wie so ganz andere sie hier gehen, sich bewegen, sprechen und sich gebärden. So hoch wie niedrig. Da droben auf dem Schlosse habe ein österreichischer Erzherzog eine Postmeisterstochter zu seiner Gemahlin gemacht? ein Hohenzollernprinz habe dergleichen nie gewagt. Seien die Menschen bierleichteren Sinnes, oder führe die heißere Sonne sie näher zur Natur? Ob sie auch wohl im Wort und Tun so gradaus und zuverlässig seien wie daheim? Immer länger wurden ihre Gespräche, immer kürzer ihre Wege. Dr. Stein konnte nicht mehr mit, und zuletzt blieb er ganz aus. Drei Tage wartete der Pfarrer auf ihn, dann suchte er ihn auf. Da lag er in einem kleinen Zimmerchen auf seinem Bett am Südfenster, ganz in der warmen Sonne und scheinbar in blühender Lebensfülle. Aber das Herz pochte in qualvoller Unruh« und Unregelmäßigkeit. Er streckte dem Pfarrer lächelnd die Hand entgegen. Der drückt« sie lest und hob den linken Zeigefinger drohend: „Nun, alter Freund, was machen Sie denn? Heißt das Wort halten? Jeden Tag hab' ich eine Stunde gewartet." „Es ging nicht. Zweimal war Ich draußen, schleppte mich ein paar Schritte weit, und jedesmal mußte ich umkehren. Ging nicht, wörtlich genommen, ging nicht," Er zeigte auf sein Herz. * „Ach was," scherzte der Pfarrer gezwungen, „es gefällt Ihnen hier zu gut. Sie möchten noch über Ihren Urlaub hierbleiben." „Ich glaube, ich werde einen Urlaub ohne Ende bekommen und ganz hierbleiben. Ich möchte es auch. Merken Sie sich das für meine Geschwister, bitte, bitte, lieber Herr Pfarrer." s Er schloß die Augen. Der Pfarrer setzte sich ans Bett und sah ihn mit erschauerndem Mitgefühl an. Plötzlich richtete sich der Kranke halb auf, tastete nach seiner Hand und stieß in schreiendem Flüsterton heraus: „Herr Pfarrer, 4ch bin ein Betrügerl" „Still, still, lieber Freund, Sie träumen, Sie fiebern." „Nein, nein, ich bin wach, wacher als je, gesunder als je!" „Ruhig, ruhig. Wir übertreiben nie mehr, als wenn wir uns selbst beurteilen." % „Ich übertreibe nicht, leider Gottes nicht." Er sank erschöpft in die Kissen zurück und schloß wieder die Augen. Dann, nach einer Weile, immer mit geschlossenen Augen, fing er an, als ob er zu sich selber spräche: „Die Mutter starb früh, ich hab' sie kaum gekannt. Ich weiß nur, daß sie jung war und schön und gut. Der Vater mochte nicht wieder heiraten, obechon wir alle vier, zwei Jungen und zwei Mädchen, noch gate klein waren. Ich war der Jüngste. Der Vater hielt einen kleinen Kramladen, der unsern Unterhalt nur notdürftig gewährte. Ich hatte einen anschlägigen Kopf, und darum sollte ich studieren. Unsere Leute, wefm sie noch so arm sind, meinen immer, wenn ein Kind das Zeug dazu hat, muß es lernen, lernen, was es kann. Und so lernte ich auch, in Not und Entbehrung, aber auch in Freude und Hoffnung. Und so kam ich auf die Universität und auf das Rabbinerseminar, gab Religionsstunden auf Religionsstunden und stand vor dem Doktor. Zu schnell. Aber der Vater war krank und wartete. Sein Sohn Doktor! Das war die höchste Gunst, die das Leben ihm noch geben konnte. Der Bruder drängte. Ich stieg ins Examen und fiel durch." * Der Kranke hielt inne und atmete tief aufkeuchend. Dann fuhr er mit erregter Stimme fort: „Monatelang auf ein Ziel zugesteuert, gearbeitet — meine Stunden gab ich nicht auf — vom frühsten Morgen bis Mitternacht und dann als ob man mühselig einen Berg erklommen und dlbht vor dem Gipfel mit einem Schritt in den Abgrund stürze. So mag einer Frau zumute sein, wenn sie nach aller Qual ein totes Kind gebärt. Ich wanderte ruhelos die ganze Sommernacht umher. In die tiefsten Wälder lief ich, hügelauf, hügelab. Ich preßte die Stirne in die Hände mit festem, schmerzendem Griff, eis ob da etwad läge, was ich wegschleudem könnte. Umsonst, der Druck blieb. Mir war, als ob mir einer mit dem Beil auf den Kopf geschlagen. Kein Gedanke zu fassen, kein anderes Bild zu sehen, als das kalte Gesicht des Professors, dertoir nach langem, ahnungslosem Warten im Vorraum meine Papiere zurückgegeben und nur das eine Wort „Bedaure!" gemurmelt hatte. Betäubt, zermürbt, kam ich morgens auf meine Bude. Da lag wieder ein Brief vom Bruder: Der Vater wartet, er hat nicht mehr viel Zeit. Ich laufe zum Postamt und depeechiere: Examen gemacht, abreise sofort. Wie der Vater sich freute! „Herr Doktor!" hauchte er mir lächelnd entgegen. Der Bruder schenkte mir die schon fertigen Visitenkarten: Dr. Alfred Stein. Verwandte und Bekannte kamen glückwünschend, wie ich auch abwehrte: Herr Doktor hier, Herr Doktor da. Und der Vater freute sich und starb. Zu seiner Beerdigung kam ein Studiengenosse, der die Neuigkeit meiner Promotion mit in meine jneue Heimat nahm. Ich kehrte bald dahin zurück, und zurück zu meinem Beruf. Eine wartete auf mich, eine frühere Schülerin. „Meine herzlichste Teilnahme, Herr Doktor!" Ich hör’ es noch heute. Mir war, als ob ich selber gestorben, und sie spräche mir ihr Beileid darüber aus. Und ich war ja auch gestorben, war tot. Sie merkte es auch nach und nach, daß ich für sie gestorben, und ich wollte, daß sie es merkte. Der Buße war nicht genug. In 'den Stunden, ach in den Religionsstunden! Vor mir leuchtende Augen, vertrauensselige Kindergesichter, und in mir Höllenpein. „Du sollst kein falsches Zeugnis —" und eine Kinderstimme fragt: „Herr Doktor, was heißt das?" Aus der dunkelsten Nacht rief es mir beschwichtigend zu: Du Tor, wiederhole das Examen, und alles ist gnK Immer wieder machte ich einen Anlauf, aber jedesmal, wenn ich vor der Schwelle stand, peitschte es mich zurück: Du Betrüger, du darfst nicht, du bist nicht mehr gut genug dazu. Ein so Behafteter holt sich keine wissenschaftliche Würde. Und so ging Jahr auf Jahr dahin in eitel Täuschung und Betrug. Manchmal wünschte ich, eine ungerechte Anklage, eine schwere Verurteilung träfe mich, daß ich für eine unverdiente Strafe die verdiente abbüßen könnte. Ich weiß wohl, das geht nicht. Jede Schuld will ihre eigene Sühne." Er seufzte schwer und schwieg. „Sie haben gesühnt, lieber Freund, mehr als Sie gesündigt." Und der Pfarrer faßte weich die heiße Hand des Kranken. „Nein, nein, nein!" wehrte der ab. Da drinnen, da bleibt es. Hören Sie nur, wie es pocht und pocht. Hören Sie doch, Pfarrer, Freund, Beichtvater! O, einmal frei sein, einmal rein sein!" . Ein schmerzhafter Krampf durchzuckte sein Gesicht. Er richtete sich wie in entsetzlicher Angst auf, hielt sich mit der Rechten an dem Riegel des Fensters und blickte in das Tal hinunter. Da lösten sich die schmerzverzerrten Züge. Ueber sein Gesicht ging es wie ein weiches Mutterstreicheln, und leise, in weite Feme entrückt, sang er: „Ade, mein Land Tirol, ade mein Land" — — sang und wankte. Der Pfarrer stürzte auf ihn zu, um ihn aufzufangen — und hielt den toten Freund in den. Armen. KARL A. KLEIN automobile a.-g. Eisenacher Str, 111-113 Tel*phoni Nollendorf 0600-61e PERSONEN WAGEN: e/2o ps Aga e/3o ps Presto 12/40 ps Steyr «o>>. 17/30 PS DlIX Hauptstr. 81*82 «Ä« «tSÄ1 Unter den Linden 42 Telephon ztr, 9409 eneral-Verfretunq LASTWAGEN: Maglrus Vomag 3 4.5,0 L.W.D.3 0