Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 4 (1.3.1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Ist das möglich? — Mir scheint, ja, wenigstens bei vielen unserer Bräuche. Nämlich bei allen denen, welche als Brauch aus frommen Empfindungen entstanden sind. Es jgibl ja auch Religionsgesetze, welche aus Religionslehren hervorgegangen sind, wie etwa das Verbot, Gott i n Bild vnzubeten, aber solche, die auf dem Gemeinschaftsleben beruhen, wie ein Teil der Ehegesetze. Vieles aber, was jetzt Vorschrift ist, war ursprünglich aus Einpfindung gewollt. Das Haus zu schmücken mit dem Bibelspruch: „Liebe den Herrn deinen Gatt!" — das hat der alte Israelit ebenso getan, wie die Leipziger an ihr Rathaus geschrieben haben: „Wenn Gott das Haus nicht baut usw." Ich glaube, es wäre echter Erpressionismus, wenn wi' in unser Herz griffen, die fromme Empfindung der Alten nachfühlten und die Mesusa — statt aus Gehorsam gegen das Gesetz — aus freiwilliger Herzensfrömmigkeit an unsere Tür befestigten! — Und ähnlich bei vielen andern Bräuchen! Oder eine andere Anwendung! Die Laubhütte zu bauen befiehlt das Gesetz zur Erinnerung daran, daß Gott unsere Väter 40 Jahre in der Wüste in Hütten wohnen liefe. Diese Begründung ist rein verstandesmäßig und gefällt einem expressionistischen Zeitalter nicht. Mi^ Recht: Kein Mensch denkt an jene geschichtliche Erinnerung, wenn er die Laubhütte betritt) und dächte er auch daran, es nutzte schwerlich etwas: das Gottvertrauen wird durch diesen theoretischen Gedanken kaum gestärkt! — Aber trotzdem habe ich, als in meiner Gemeinde zum ersten Male eine Laubhütte gebaut war. die Alten weinen sehen, die hereinkamen! Warum? Ich denke: Die Verbindung von Kunst und Natur, Einfachheit und Schmuck. Herbstduft und welkem Laub, äußerer Bescheidenheit und innerlicher heimlicher Größe, Einsamkeit und Gemeinsamkeit und noch vieles andere schloß sich zu einem einzigartigen Stimmungswert zusammen, der unnachahmbar, lange entbehrt und nun wiedergewonnen war: ein Iugendtraum erquickte ihr Alter wieder: Von innen kam ein Strom, sprang eine verschüttete Quelle auf. Ist das nicht erpressioni.üsches Judentum? Ist die Laubhütte, die solches schafft, nicht ein Brauch, der um des persönlichen Erlebnisses willen geübt werden kann? — So werben wir viele Bräuche des Judentums festhalten können, alle die aus lebendiger Empfindung heraus geboren sind — wenn wir nicht auf die Begründung der Alten starren, sondern die Empfindung unserer lAltvorderen reproduzieren. Unsere jüdische Seele wird von selbst dann dieselben oder ähnliche Bräuche sozusagen immer wieder neu schaffen: Die Gleichheit des Erlebens wirkt Gleiches in Ahnen und Enkeln! Neue Bräuche werden entstehen, und alte werden absterben, in die wir uns nicht mehr hineinleben können: aber gerade dir besten und schönsten werden um so lieber gehalten werden, weil in ihnen nicht nur die Empfindung ihrer Schöpfer, sondem auch die der 100 Geschlechter mitschwingt, die sie geübt und abgewandelt und vertieft haben: Ihre Tränen und Seligkeiten werden ebenso in ihnen lebendig, wie unsere eigenen Iugendträume. So kann der Erpressionismus zu einer Erneuerung des Kultus von innen heraP führen. Und mir scheint, eine andere ist weder ratsam noch statthaft. Pietät wie Eesetzesgehorsam werden früher oder später aufhören; sie sind auch beide in Wahrheit nur Religionsersatz: Ewig lebendig ist nur die Empfindung! Dasselbe gilt auch von unserem eigentlichen Gottesdienst! Ich habe schon oft eine Verinnerlichung desselben gefordert. Ganz besonders in unseren liberalen Synagogen ist er mehr und mehr zu einem leeren, toten Schaugepränge und Kunstgenuß geworden, das viele feiner Empfindende abstoßt, den Religiösen aber betrüben muß. besonders, wenn man obendrein sieht, wie sich die Masse der sogenannten Betenden in ihm verhält. Das Innerste dem .Alltagsmenschen wecken, daß er aus sich heraus sich Gott zuwendet — wo gelingt das? Wie kann es gelingen bei dem Prestissimo der leisen Gebete, bei dem ewigen Singen und Orgelspielen, bei den Wiederholungen von Gebeten, die dem Herzen nichts sagen! Ehe wir nicht den Mut finden, Keine Synagogen zu bauen und mit Verzicht auf allen Schein, alles Angelernte und allen Ballast einen in sich einheitlichen Gottesdienst zu schaffen, der am Ende das inbrünstige persönliche Gebet sozusagen erzwingt, dessen Belehrung und Stimmungsmache dahin drängt, daß der Teilnehmer seine Sorgen auf Gott wirft und sich über alles Kleinliche in seiner Seele erhebt zum Bewußtsein seiner Einheit mit dem Weltsinn und zum Gelübde, diesem allein mit seinem Leben zu dienen —, solange haben wir die Forderung der Gegenwart an lebendiges Judentum nicht erfüllt! — Mit dem Worte liberal, mit Fortlassung von ein paar orthodoxen Formeln, mit Rationalisierung und Angleichung an philosophiche Ueberzeugungen der Neuzeit ist weiter nichts getan, als vorgepflügt: Der Same, der fruchtbringende, ist noch nicht geworfen. Er wird auch nicht geworfen werden, solange man auf dem negativen Parteischlagwort vom Litrera.ismus herumrei'et: „Befreit" (das heißt doch liberal!), sind wir längst. Aber nicht bloß vom Unkraut, sondern leider auch vom Brotkorn der Religion! Wer findet den Mut, am Punkte des Gottesdienstes wahrhaft modern expressionistisch, d. h. positivistisch, aktivistisch, aus der Seele heraus und für die Seele Neues zu schaffen! Oder ist es noch immer nicht so weit? Denn freilich, eine Voraussetzung ist bei alledem gemacht: daß die jüdische Seele vorhanden sei! Manche Zionisten behaupten ja, es gäbe diZe überhaupt erst in Palästina, und andere Nationalsten sagen umgekehrt, im Blut sei sie stets mitgegeben. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte: Eine Anlage zu jüdischer Gesinnung bekommt wohl jeder Jude von Geburt mit. Aber es ist ein zarter Keim. Felsen zu sprengen und Edelgewächs zu werden vermag sie nur bei Nahrungszufuhr! Sonst verdorrt sie eines Tages! — Hier zeigt sich, daß wir auch von außen nach innen weiter zu arbeiten haben. Neben dem Neuen muß in allen geistigen Bewegungen das vorher Errungene weiter gepflegt werden. Auch der malerische Expressionismus benutzt die Freilichtkunst, die der Im- Gründet neue Ortsgruppen! pressionismus geschaffen. Was der Liberalismus des 19. Jahrhunderts geschaffen, soll wahrhaftig nicht aufgegeben werden. Dazu gehört «aber vor allem die Schaffung des jüdischen Gefühls durch Wissen, Wisen von jüdischer Literatur und Geschichte in Vergangenheit und Gegenwart. Ein modernes Judentum ohne diese sichere Grundlage wäre eine Luftpflanze ohne Wurzel. Eine Seele, welche sich nicht immer wieder an den alten Geislesschätzen unseres Volkes orientiert, würde ihren jüdischen Charakter allmählich verlieren müssen! Darum gehört zum expressionistischen Judentum die Pflege einer starken „Iüdischkeit" in den Seelen. Das braucht nicht Ostjudentum zu sein (der Klang des Wortes verführt leicht zu dieser falschen Erklärung). Es braucht auch nicht Rückkehr zur Orthodoxie zu sein. Mathias Acher und Emil Cohn haben diese für uns ganz unmögliche Folgerung gezogen: Orthodoxie ist ohne Glauben an ewige Verbind ichkeit des Thoraworttertes und Supranaturalismus nicht denkbar. W a s m a n heute den Zug na chrechts nennt, ist in Wahrst eit: Zug nach Innen, in die Tiefe der Seele, Verstärukng des jüdischen Charakters. Und das Positive, das wir suchen, ist nicht positivistische Religionslehre im Gegensatz zu kritisch-geschichtlicher, sondern Judentum als ein positiv gestaltender Machtfaktor in unserm Innern. Das entsteht durch die Geschäftigkeit des sogenannten praktischen Judentums, Wohltätigkeit, Abwehr und Geselligkeit nur zu einem sehr winzigen Teil. Dazu bedarf es jüdischer Tat, d. h. eines Tuns, das im Hauptamt um des Judentums willen geschieht! Und als solches kommt meines Wissens allerdings vor allem Pflege jüdischer Geistigt it in Betracht. Es sollte kein Tag vergehen, wo wir nicht praktisch oder BOOK theoretisch als Kunstgenießer oder Zeitungsleser oder Buchstudierer oder Arbeiter an jüdischen Angelegenheiten uns mit dem Judentum beschäftigt haben! Dann wird der Tag nicht fern sein, wo wir in ruhigem Vertrauen auf die jüdischen Seelen alles, was diese aus sich heraus schaffen, auf das Konto eines neuen, gegenwartfrohen. lebendigen Judentums setzen dürfen. Gebt unfern Kindern jüdische Ideale. Von Robert Hirschfeld-Berlin. Wer die Jugend hat, hat die Zukunft! Das ist ein Satz, nach dem sich unsere Gegner, Zionisten und Orthdore, schon frühzeitig gerichtet haben. Als wir vor ungefähr fünfzehn Jahren anfingen, die Jugend in besonderen liberalen Vereinen zusammenfassen zu wollen, da haben unsere Alten mit dem Kopf geschüttelt und dieses Beginnen für ein freventliches Äntasten der jugendlichen Unschuld erklärt und es uns beinahe übelgenommen, daß wir anfingen, der Jugend ein Wort neben dem Alter zu gestatten. Jahrelang haben wir uns bemühen müssen, den Wortführern unserer Bewegung klar zu machen, daß wir ohne die Jugend bald eine ausgestorbene Partei kommandieren würden, und heute, wo sich die Erkenntnis von der Richtigkeit unserer Anschauungen durchgesetzt stat, jammert man uns vor, die anderen Parteien nehmen ins die Jugend weg, sie geben ihnen Ideale. Wie sollen wir unsere Kinder für den Liberalismus begeistern, da wir kein Ideal.haben, das die Jugend wirklich mit Begeisterung erfüllen kann? Vor allem wird uns immer der Zionismus als ein Muster hingestellt, der mit großer Rührigkeit der Jugend von seinem nun schon erfüllten Ideal erzählt, von Palästina. Und man muß ohne weiteres zugeben, daß durch die Erzählungen von dem, was in Palästina geschaffen wird und noch mehr von dem, was geschaffen werden soll, die Jugend gefangen wird. Die glänzende Propaganda des Keren Hajessod, die in alle Zeitungen lanzierten Berichte über Ereignisse, die für die Zionisten günstig lauten, machen auch manchen unserer Freunde irre, so daß man selbst schon in unseren Kreisen von dem Ideal spricht, das der Jugend in Palästina winkt. Ich will hier gar nicht davon sprechen, daß die Angaben, die aus dem Keren Hajessod und anderen zionistischen Quellen fließen, zum mindesten oft stark übertrieben sind. Ich möchte vielmehr dareuß Hinweisen, daß alles, was uns von Palästina erzählt wird, mir wie eine Fata Morgana erscheint, und nicht wie ein Ideal,, und daß ich es nicht für Idealismus halte, wenn man die Jugend mit materiellen Vorteilen anreizt. (Dieser letzte Vorwurf gegen den Zionismus ist gerade hinsichtlich der Jugend u. E. unberechtigt. Die Red.) Es ist seit einer ganzen Reihe von Jahren ein starker Zug zur Romantik zu beobachten, auf dessen Ursachen ich hier nicht ein gehen will, der sich aber auch in der jüdischen Welt stark bemerkbar macht. Der Zionismus zehrt ja von dieser Romantik, und die Orthodoxie wird von ihm genährt. Denn was ist es anderes, wenn man unsere Jugend auf das Familienleben unserer Mtvorderen. auf die Feier der religiösen Feste vor Hunderten von Jahren hinweist und ste glauben machen will, daß die Wiederbelebung gleicher oder ähnlicher Zustände ein Ideal sei? Man übersieht dabei geflissentlich, daß wir nicht mehr im Ghetto leben, und ote Umstellung, bie sich im Laufe des letzten Jahrhunderts auch in religiöser Beziehung überall vollzogen hat. Ich kann nicht als Ideal ansehen, die Zustände, die vor Hunderten von Jahren irgendwo in der Welt geherrscht haben, sondern mein Ideal ist und bleibt das lebendig wachsende und sich entwickelnde Judentum. Wir wollen unseren Kindern auch erzählen von der Vergangenheit, wir wollen sie auch Hinweisen auf die Zeit, m der unsere Vorfahren in Palästina in einem eigenn Staate gelebt haben, aber wir müssen ihnen auch die Augen öffnen darüber, daß wir unter veränderten Verhältnissen! und veränderten Anschauungen, veränderte religiöse Ein- Biblische Gestalten im modernen Gewände. Von I. Wolf-sohN'-WreSla». HI. ' <& i m f o n. Die Kapitel, die von dem körperlich stärksten Manne -er Bibel handeln, muten uns bei näherem Nachdenken etwafremdartig an. Nicht als ob die Ereignisse und Geschehnisse unserm modernen Empfinden so sehr zuwiderliefen, wir haben sehr viele andere Stellen, bei denn bas in weit stärkerem Maße zutrifft. Aber hier ist etwas, das völlig aus dem Rahmen des Bucheherausfällt; des Buches, das die Entstehung, die Entwicklung und baS Wesen der jüdischen Gottesidee schildern. Der Geist Gottes, der auf Simson ruht, äußert sich bei diesem biblischen Helden in der Hauptsache doch eigentlich nur in der körperlichen, also in der äußerlichen Stärke. Und auch der Weg und die Veranlassung zu den Geschehnissen sind eigentlich mehr äußerlicher Natur. In der Erzählung klingt über seinen Verkehr mit der Buhlerin Delilah kein Tadel durch; einen solchen könnte man nur über seine Schwatzhaftigkeit, die ihr die rein körperlick-e Ursache seiner Stärke verrät, herauSlcsen. Seine Reue und sein Tod winken auch nur vernichtend, nicht aber befruchtend und schaffend. Israel wurde durch seinen Tod nicht von der Abgötterei geheilt. Dennoch erscheint Simson als ein wahrhafter Held, >veil er einem Leben der Schmach und Schande, einem Dasein deerzwungenen Dienstes vor dem Götzen seiner Feinde den Tod vorzog, und in diesem heldenhaften Abgang von dieser Welt seine Feinde mitriß. Aber er stirbt und tötet nur für den Ewigen, seinen Gott, er erweckt nicht neues Leben; so bleibt seine Figur im Gegensatz zu anderen, wie Jakob, dem Ringer mit dem Engel, und wie David, dem Goliathbezwinger, im rein Körperlichen hasten. Solchen Eindruck gibt auch ein Wort wieder, bas man bis in das letzte Drittel des vorigen Jahrhundertvielfach in jüdischen Kreisen hörte. Man wünschte einem jüdischen Kinde männlichen Geschlechts „schlaumeh melechs chechmeh, kaurachs neschireS und s ch i m s ch e n gibbers gewures" (König SalomoS Weisheit, Kerachs Reichtümer und Held Simson- Körperkraft).. Auch die letzte war in den Augen der Juden nicht zu verachten, aber sie kam erst in dritter und letzter Linie. Man sah sie sogar für den Eigentümer unter Uniständen als gefährlich an, weil sie ihn zu Uebergrifsen und Gewalttätigkeiten verleiten konnte. In einer Erzählung debekannten jüdischen Schriftstellers Bernstein wird dem Titelhelden mit Namen Mandel Gibber (ebenso wie vordem seinem starken Vater) vom Rabbiner die Fessel eine- Eides aufcrlegt, diese seine Körperkraft nur für die Rettung eines Menschenlebens anzuwenden. So zeigt sich auch hier, daß Judentum, jüdische Menschen und jüdische Idee« nur durch den Geist zum Siege geführt werden sollten und wollten. Weil nun Simson eine Figur -arstellt, die von diesen Grundlagen etwaabweicht, können wir ihn auch in andersgläubigen, in nichtjüdifcheu Menschen erblicken. In dem starken Manne, der der Macht des Weibes über seine Sinne und auch sonstigem bösen Einfluß (nicht nur dem des Weibes) völlig unterliegt. Der zu spät einsieht, daß er das Geheimnis seiner Stärke preisgeben, daß er dadurch das Licht seiner Augen verloren hat, daß er mit eisernen Ketten gefesselt für Philister frohnden, vor deren Götzen tanzen muß. Und dieser Götze trägt heute die verschiedensten Namen: Lnrus, Strebcrei, übertriebener Ehrgeiz, Eitelkeit u. a. Nicht immer hat dann der moderne Simson die Kraft des Charakters, eine Wiederkehr seiner sittlichen Energie zu erflehen und zu erkämpfen, die Kraft, wenigstens das Böse, in dessen Dienst man ihn gezwungen, zu vernichten, den Götzentempel zum Zusammensturze zu bringen, wenn er schon einer reinen Menschhcitsidee kein Haus erbauen konnte. Nur von einem rein geistigen Standpunkt aus müssen wir die Simsonerzählung der Bibel betrachten, wenn wir «ms ihnen für die Jetztzeit etwas schöpfen wollen. So hat auch einer der modernsten Dichter getan; Wedekind schildert in seinem Drama „Simson" das Unterliegen eines starken Geistes, der sich dann später auf sich selbst besinnt und alles das, dem er verblendet gedient hat, zertrümmert, trotzdem er selbst dadurch seinen Untergang findet Auch manchen Juden, der die Stärke seines Bekenntnisses sich hat abschmeicheln und ablisten lassen, und ver zu spät einsah, daß man ihn geblendet und dann zum Dienste an Ideen gezwungen, die jüdischer Wesensart im Innersten fremd sind, könnte man als modernen Simson bezeichnen. Wenn ihm dann diese Einsicht kommt, wird er (wenigstens ist das häufig der Fall) mit der Zertrümmerung viescr Ideen sich selbst vernichten, dem Judentum als solchem kann er unmittelbar nichts mehr geben. Man könnte auch in der jüdisch-völkischen Bewegung eine Art von Simsontragödie erblicken. Auch sie hat die eigentliche jüdische Kraft, die doch im Geist und auf rein geistiger Uebertragung beruht, zugunsten einer Vererbung durch das Blut preisgegeben; sie hat der Verlockung nicht widerstanden, die in dem Bilde eines eigenen, im Blute wurzelnden Volkstums, einer politische» Selbständigkeit lagen. Es bleibt abzuwarten, ob und wann und in welcher Zahl Führer und Anhänger dieser Bewegung fühlen und einsehen werden, daß sie in Wahrheit sich dem Dienste eines ehernen Götzen unterworfen haben, der vom Wege! des Messianisnms ablenkt und somit nur einen Rückschritt des jüdischen Gedankens, nicht eine Renaissance des Judentums bedeutet. Vielleicht wird der Zionismus einstens mit eigener Hano und letzter Kraft das Gebäude eines eigenen politischen Volkstums niederreißen, als ein moderner Simson. Dr.AdolfZacobus: DerGoltesstaak. Von Rabbiner Dr. Dienemann-Offenbar!, a. M. Das Buch setzt sich als Ziel, nachzuweisen und darzustellen, wie sich die Gesetzgebung der Thora als die Verfassung eines nicht etwa bloß theoretisch geträumten, sondern eines wirklichen lebendigen Staates gibt. Zu diesem Zwecke werden die Gesetze der Thora in das Schema eines Staatssystems gespannt, und, koste es was es wolle, mit einer aus dem Sinne dieses Staates sich ergebenden Begründung versehen. Wenn nun aber das Buch dieser Gesetze nicht ein einheitlich aus einem Guß hergcstelltes ist, sondern seine verschiedenen Schichtungen hat und aus verschiedenen Zeiten stammt? Man braucht wahrhaftig nicht die Narrheiten der modernen — eigentlich schon nicht mehr modernen — Bibelkritik mitzumachen und kann doch der Tatsache nicht aus dem Wege gehen, daß verschiedene Schichten in der Thora ineinandergcarbcitet sind. Zwar müht sich der Verfasser auf einer halben Seite zu sagen, warum er die Bibelkritik ablehnt, aber weder sind diese Ausführungen klar, noch stichhaltig, noch ausreichend. Somit kann man über das Buch nur sagen: eine schöne journalistische Leistung über die Idee einer Staatsverfassung nach den Gesetzen der Thora, mehr aber auch nicht. Was besonders zu rügen ist, muß deutlich gesagt werden. Jacobus sagt im Zusammenhang der Darstellung des Sabbathgesctzes, daß der Sabbath in der Diaspara seinen tiefsten sozialen Sinn nicht entfalten kann, daß die Diaspara nicht das Vermögen hat, der vollen Bedeutung dieser heiligen Institution gerecht zu werden; das ist einfach eine gedankenlose Phrase und eine nationalistische Ucberheblichkeit. Spürt der Verfasser nicht, daß es die schärfste und schrecklichste Verkleinerung des Sabbathgcdankens ist, wenn man sagt, daß er nur in der Enge Palästinas voll sich auswirkcn kann? — In den Zeiten der beginnenden Emanzipation wurde der Rabbiner aus seiner Stellung als Träger der Halacha, d. h. als Richter, der er bis dahin war, geschleudert. Damit war viel Unheilvolles für das Judentum Westeuropas eingeleitet, man kann das beklagen, aber jeder weiß, daß damit nicht der Rabbiner als Träger des Religionsgesetzes getroffen werden sollte, sondern als Verkörperung der politischen Sonderstellung, die die Jndengemcinde damals noch von Staatswegen hatte, und die man mit Recht beseitigen mußte. Für Jacobus steckt in dem Vorgänge, über den man je nach seiner Parteistellung sein Urteil haben kann — eine Verbeugung vor dem Paulinismus, der christlichen Negation des Gesetzes. Man muß seltsame Begriffe vom Paulinismus haben, um hier eine Verbindung zu sehen, aber man kann nicht energisch genug gegen solche Konstruktionen Front machen, sonst werden sie zum Dogma. — Verfasser deutet an, daß das Verbot gewisser Tiere in der Natur dieser Tiere seinen Grund habe; wagt wirklich heute noch jemand im Ernst diese Behauptung? — Ist es Ernst oder Scherz, wenn die alle 7 Jahre am Hüttenfest zu wiederholende Vorlesung der Thora vor dem ganzen Volke als mit der Institution des Parlamentarismus zusammenhängend bezeichnet wird? — Die allcrschärfste Zurückweisung aber verdient der Schluß. „Diejenige Gesetzgebung über die Juden wird die richtige sein, .... die alle Bestrebungen fördert, die darauf abzielen, ihre Verschmelzung mit den anderen Völkern zu verhindern." Was soll das heißen? Religiöse Verschmelzung, das weiß der Verfasser selbst, will niemand; wenn also das Gesagte nicht eine Phrase sein soll, so heißt das doch, daß der Staat dafür zu sorgen hat, nicht etwa nur die Juden selbst aus der Kraft ihres Willens, daß die Juden in ihrer kulturellen Eigenart erhalten bleiben, mit anderen Worten: nationale Minderheitsrechte, Ausrichtung der Jndenheit als geschlossene Nationalität von Staatswegen. — Eine Ausstellung am Sprachlichen noch; ist das deutsch: Der Ewige, der Ewige ist „ein richterliches Wesen"? wenn der hagadischen Auslegung entsprechend übersetzt werden soll, warum nicht „der Ewige ist Richter"? .... ...